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Care-Arbeit

Zwischen Liebe, Pflicht und Überlastung
FOTO: pexels / silverkblack
Pausenboxen für die Kinder schon vorbereitet? Den Termin in der Memory-Klinik für die Schwiegermutter vereinbart? Den Service für die Waschmaschine gerufen, weil sich die Trommel nicht mehr dreht? Und das alles neben der Erwerbsarbeit, die ebenfalls Termine, Fristen und Dienstpläne kennt.
TEXT: Iris Pahl
Wer sich um andere kümmert, und das sind mehrheitlich Frauen, hat oft Dauerbereitschaft: rund um die Uhr, bei Tag und bei Nacht. Eine Übergabe ist meist nicht möglich, und eine „Ersatzbank“ gibt es nicht. Besonders gefordert sind Alleinerziehende, pflegende Angehörige und Eltern von Kindern mit Behinderungen, oft weit über die Belastungsgrenze hinaus.
Was ist Care-Arbeit?
Care-Arbeit ist Fürsorgearbeit: Tätigkeiten, bei denen man sich um andere Menschen und ihre Bedürfnisse kümmert. Dazu zählen Kinderbetreuung und -erziehung, die Pflege älterer, kranker oder beeinträchtigter Menschen und die Hausarbeit, also Kochen, Putzen, Waschen und Einkaufen. Sie kann bezahlt sein, etwa in der Pflege oder in der Kinderbetreuung, oder unbezahlt, wenn sie in der eigenen Familie geleistet wird.
Gerade die unbezahlte Care-Arbeit bleibt oft unsichtbar. Dabei ist sie für Familien und die gesamte Gesellschaft unverzichtbar. Sie kostet Zeit, Energie und Verantwortung und wird dennoch meist als selbstverständlich angesehen.
Die Last ist ungleich verteilt
Die Belastung trifft vor allem Frauen. In Südtirol arbeiten 47,7 Prozent der Frauen in Teilzeit und 74 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut (siehe Grafiken). Care-Arbeit wird also weiterhin überwiegend im privaten Umfeld geleistet.
Fehlen leistbare Betreuungsplätze für Kleinkinder oder Unterstützungsangebote für pflegebedürftige Menschen, wird die Arbeit in der Familie aufgefangen. Und auch wenn beide Partner erwerbstätig sind, sind Haushalt, Kinderbetreuung und die Organisation des Alltags nicht automatisch gleich verteilt. So entsteht die Doppelbelastung aus Beruf und unbezahlter Care-Arbeit.
Die Folgen reichen weit: Erschöpfung, Stress und das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Wer Arbeitszeit reduziert oder unterbricht, hat auf lange Sicht weniger Einkommen, weniger Aufstiegschancen und eine geringere Pension. Das Risiko der Altersarmut trifft deshalb Frauen besonders. Care-Arbeit ist also keine private Angelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
Was sich ändern muss
Appelle an einzelne Familien reichen nicht. Es braucht bessere Rahmenbedingungen:
Politik: ausreichende und leistbare Kinderbetreuung, dazu mobile Pflegedienste, Tagespflege und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige.
Arbeitgeber: planbare und flexible Arbeitszeiten, Teilzeit- und Homeoffice-Möglichkeiten und familienfreundliche Dienstpläne, damit Care-Arbeit nicht zum beruflichen Nachteil wird.
Familien: Kinderbetreuung, Haushalt und Organisation sollten nicht selbstverständlich bei der Mutter liegen. Auch Väter brauchen die Möglichkeit und die gesellschaftliche Anerkennung, Verantwortung zu übernehmen.
Es geht nicht darum, alles exakt hälftig zu teilen. Entscheidend ist, dass Care-Arbeit sichtbar gemacht, anerkannt und fair verteilt wird.
Und jetzt? Sprechen wir darüber, wer bei uns zu Hause was übernimmt, und fragen wir in Betrieben, Gemeinden und in der Politik nach, was für bessere Vereinbarkeit getan wird. Denn Fürsorge ist keine private Nebensache, sondern eine notwendige Grundlage unserer Gesellschaft.

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Was sagen unsere Experten

Angelika Stampfl
Präsidentin des Vereins AEB – Aktive Eltern von Menschen mit Behinderung VFG
Sie setzt sich für die Inklusion aller Menschen mit Behinderung vom ersten Tag ihres Lebens an bis zur möglichst selbstbestimmten Teilhabe an der Gesellschaft im Berufsleben und in der Freizeit ein.

„Pflege und Betreuung bedeuten für mich, da zu sein, auch wenn es schwierig wird – und das über Jahrzehnte. Eine Grenze, die ich wichtig finde, ist: Ich darf mich selbst dabei nicht verlieren. Hilfe annehmen bedeutet für mich, Verantwortung nicht allein tragen zu müssen. Liebe darf nicht bedeuten, dass man sich selbst aufgibt. Care-Arbeit sollte gesehen, anerkannt und fair verteilt werden.“
FOTO: Manuela Tessaro
Brigitte Hofer
ist Gleichstellungsrätin der Autonomen Provinz Bozen. Sie informiert und berät Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die aufgrund ihres Geschlechtes eine Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren und kann diese auch vor Gericht vertreten.

„Füreinander zu sorgen gehört zum Leben. Doch die Hauptlast der Care-Arbeit tragen leider noch immer Frauen. Sie bleibt oft unsichtbar und unbezahlt, mit Folgen für Beruf, Einkommen und Rente. Wer pflegt, erkennt die eigenen Grenzen oft zu spät. Fürsorge darf nicht zur Selbstaufgabe werden. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung, finanzielle Anerkennung und verlässliche Unterstützung.“
Renate Rottensteiner
Leiterin der Caritas Hospizbewegung

„Care-Arbeit bedeutet für mich Zuwendung auf Augenhöhe und die Wahrung der menschlichen Würde.
Dabei gilt für die pflegende Person und die gepflegte Person, dass Liebe niemals erdrücken oder bevormunden darf. Klare Grenzen schützen vor Selbstüberforderung, denn Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen wahrer Stärke. Es ist an der Zeit, dass Care-Arbeit endlich den gesellschaftlichen und politischen Stellenwert erhält, den sie längst verdient.“
Wolfgang Rigott

Präsident der Südtiroler Plattform für Alleinerziehende EO

Carearbeit bedeutet für mich den Alltag mit den Kindern und dem Haushalt komplett allein zu organisieren, und das rund um die Uhr.
Eine Grenze, die ich wichtig finde, ist zu sagen: „Stopp, jetzt brauche ich eine Pause“, damit ich meine eigenen Batterien für meine Kinder wieder aufladen kann.
Hilfe annehmen bedeutet für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern Mut zu zeigen und Hilfsangebote zu suchen und annehmen zu können.
Liebe darf nicht bedeuten, dass ich mich selbst komplett aufopfere und vergesse, dass auch meine eigenen Bedürfnisse wichtig sind.
Care-Arbeit sollte in Südtirol viel mehr wertgeschätzt und finanziell besser unterstützt werden. Care-Arbeit ist keine reine Privatsache, sondern die Voraussetzung für eine humane Gesellschaft.