Soziales

Verschweigestrukturen von sexualisierter Gewalt

„Wir müssen das Schweigen brechen!“ Diese Forderung begleitet feministische Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt seit Jahrzehnten – und sie hat viel bewegt. Gleichzeitig greift sie zu kurz, wenn wir nicht genauer hinsehen, wie dieses Schweigen entsteht und was es aufrechterhält.
FOTO: unsplash / dev asangbam
Text: Laura Volgger
An der Universität Innsbruck haben wir eine erste explorative Studie zu sexualisierter Gewalt im sozialen Nahraum in Südtirol durchgeführt (2023-2026).1) Wir haben mit 31 Menschen in Südtirol gesprochen, die sexualisierte Gewalt im sozialen Nahraum erlebt haben – in der Familie, Partnerschaft, im Verein, in der Kirche, bei der Arbeit. Fast alle haben irgendwann jemandem davon erzählt – und trotzdem schwieg das Umfeld meistens.
Ein Teil dieses Schweigens geht direkt von Täter:innen aus, die Menschen, denen sie Gewalt zufügen, einschärfen: „Das sagen wir niemandem.“ Doch das Schweigen hält auch, weil viele andere mitmachen. So entgegnete die Mutter von Klara L.: „Ja, was hast denn du getan?“ Statt Trost, Schutz und Solidarität zu erhalten, werden Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, oft beschuldigt, Gewalt selbst provoziert zu haben.
Ich nenne das Politiken der Ent-Nennung: Der Gewalt wird ihr Name genommen. Gewalt wird als normal hingestellt: Margit H. erlebte sexualisierte Gewalt durch ihren Großvater; ihre Mutter sagte nur, „Er hat dich eben gern!“. Gewalt wird kleingeredet: Als Dora H. ihrem Arzt erzählte, dass sie als Kind missbraucht wurde, antwortete er: „Ach, das passiert schon öfters.“ Und Gewalt wird abgestritten: Die Polizei warf etwa Katharina G. vor, ihr Weinen sei „künstlich“. Diese Reaktionen suggerieren: Was dir passiert ist, zählt nicht. Oder: Es ist gar nicht passiert.
Das hat Folgen: Menschen beginnen oft, an sich zu zweifeln. Margit H. erzählt: Weil ihre Mutter nie auf die Gewalt reagierte, obwohl sie es sehen musste, sei es ihr irgendwann „fast wie normal vorgekommen“. Tobias B. beschreibt, dass man irgendwann „auch nicht weiß, ob man sich das alles nur einbildet“. Wenn niemand Gewalt als Gewalt benennt, gerät das eigene Wissen ins Wanken und Menschen werden darin verunsichert, ob das, was sie erlebt haben, wirklich Gewalt war. Deshalb reicht der Ruf, das Schweigen zu brechen, nicht aus. Wer sprechen soll, braucht Menschen, die nachfragen. Manche können nicht sprechen. Manche wollen es nicht. Vielmehr braucht es Aufmerksamkeit dafür, dass Menschen in unserer Nähe sexualisierte Gewalt erlebt haben können, auch wenn sie nichts sagen. Es braucht eine gemeinsame Praxis des Hinschauens und Nachfragens, damit sich nicht wiederholt, was Bianca M. erzählt: „Und niemand hat jemals gesagt: ‚Was passiert hier eigentlich?‘“ 2).
2) Dieses Zitat ist titelgebend für das Buch, das aus der Studie entstanden und im Raetia Verlag erschienen ist: www.raetia.com/de/retina/1174-und-niemand-hat-jemals-gesagt-was-passiert-hier-eigentlich.html
Laura Volgger 
promoviert in der feministischen Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Sie ist aktuell Gastwissenschaftlerin an der Universität Utrecht (NL).

KVW International

Tourismus braucht Grenzen und einen gerechten Ausgleich

EBCA Tagung in Brixen
Fotos: Majda Brecelj | Die Teilnehmer:innen der EBCA Tagung auf der Dachterrasse der Stadtgemeinde Brixen
Vom 10. bis 12. September diskutierten 49 Teilnehmer aus neun EU-Ländern und der Schweiz bei einer internationalen Tagung der Europäischen Bewegung Christlicher Arbeitnehmer (EBCA) in der Cusanus-Akademie in Brixen über die Zukunft des Tourismus. Mitveranstalter vor Ort war der KVW. Vorbereitet wurde die Tagung maßgeblich von Karl „Charly“ Brunner, geistlicher Assistent des KVW und Co-Präsident der EBCA.
Tourismus schafft Einkommen und Arbeitsplätze, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. In stark besuchten Regionen wie Südtirol, Tirol oder den Kanarischen Inseln steigen die Wohnkosten, Infrastrukturen geraten an ihre Grenzen und viele Beschäftigte arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Südtirol verzeichnete 2025 rund 38,2 Millionen Übernachtungen. Der Tourismus trägt wesentlich zur Wertschöpfung bei, wirft aber zugleich Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit auf.
EBCA-Präses Stefan B. Eirich eröffnete die Tagung mit einem Blick auf die europäische Entwicklung. Armin Erger von der Arbeiterkammer Tirol zeigte die Auswirkungen saisonaler Beschäftigung auf Arbeitnehmer. Der Brixner Philosoph Markus Moling kritisierte die idealisierten Bilder touristischer Regionen und forderte faire Arbeitsbedingungen, leistbaren Wohnraum und eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung.
Großes Interesse fand die öffentliche Podiumsdiskussion am Donnerstagabend, zu der mehr als 150 Besucher kamen. Vertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Politik und Zivilgesellschaft waren sich über die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus einig. Gleichzeitig forderten sie verbindliche Grenzen für das Wachstum sowie bessere Rahmenbedingungen für Beschäftigte und Einheimische.
„Ein Tal ist nicht lebendig, weil seine Hotels voll sind“, sagte Hotelier Michil Costa. Georg Plaickner vom SGB/CISL bezeichnete den Tourismus als „Segen und Fluch zugleich“. KVW-Landesvorsitzender Werner Steiner lenkte den Blick auf lange Arbeitszeiten, Schichtdienste und saisonale Beschäftigung: „Wirtschaftlicher Erfolg muss mit fairen und nachhaltigen Arbeitsbedingungen verbunden werden.“
Bei Besuchen im AKI Family Resort PLOSE, beim SGB/CISL und im Haus der Solidarität erhielten die Teilnehmenden Einblicke in unterschiedliche Lebens- und Arbeitsrealitäten. Internationale Referent aus Spanien und Österreich berichteten über Arbeitsverdichtung, ausgelagerte Dienstleistungen und die besondere Belastung von Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte.
In ihrer Abschlusserklärung fordert die EBCA existenzsichernde Löhne, faire Arbeitsbedingungen, leistbaren Wohnraum und eine verpflichtende Beteiligung der Bevölkerung an touristischen Planungen. „Tourismus darf kein Selbstzweck sein, der Landschaften ausbeutet, Wohnraum zerstört und Arbeitnehmer verheizt“, heißt es darin.
Für Karl „Charly“ Brunner war die Tagung zugleich ein persönlicher Abschied. Nach zehn Jahren Mitarbeit in der EBCA, zuletzt als Co-Präsident, beendete er seine Tätigkeit in der europäischen Bewegung. Sein Fazit: Tourismus könne nur dann Zukunft haben, wenn wirtschaftlicher Erfolg, soziale Verantwortung und der Schutz des Lebensraums gemeinsam gedacht werden.