Kommentar

Jugendbeteiligung mit Turbo

Erste Etappe, erste Lektionen
BILD: Forum Prävention
Text: Anna Pohl
Über das Projekt
Konfrontiert mit wachsender Politikverdrossenheit, Brain-Drain und einer seit Jahren sinkenden Wahlbeteiligung traten 15 Gemeinden dieses Jahr für Turbo ordentlich in die Pedale: eine speziell auf Jugendliche ausgerichtete Form des Bürgerhaushalts, koordiniert von Forum Prävention gemeinsam mit den Gemeinden.
Ab Jänner 2026 waren alle Einwohner:innen aufgerufen, online Ideen für ein jugendfreundlicheres Dorf einzureichen, über die nach Prüfung auf Machbarkeit alle 14- bis 25-Jährigen abstimmen konnten. Die Beteiligungsquote von durchschnittlich 22,3 Prozent ist ausbaufähig, jedoch mehr als doppelt so hoch wie bei den Schattenwahlen des Südtiroler Jugendrings 2025.
Die Umsetzung der Siegerprojekte ist nun in vollem Gange und kann auf der offiziellen Projekthomepage verfolgt werden. In Terlan und Kurtatsch wurde das Siegerprojekt bereits über die Ziellinie getragen. Größere Infrastrukturvorhaben werden die ursprünglich vorgesehenen neun Monate hingegen überschreiten und voraussichtlich Ende 2027 fertiggestellt werden.
Learn by doing
Geplant war ein Start mit 3–4 Gemeinden, überraschend großes Interesse führte schließlich zur Ausweitung auf 15 Gemeinden. Städte galten vorerst als eine Nummer zu groß. Formelle Auswahlkriterien gab es keine, ausschlaggebend war die Bereitschaft, ein Budget von über 30.000 Euro bereitzustellen – Gargazon als kleinste Gemeinde ausgenommen. Auffällig: Alle Gemeinden sind deutschsprachig, ländlich und SVP-dominiert.
Eingereicht wurden rund 320 Ideen, viermal mehr als erwartet. Forum Prävention, in der Jugendarbeit verankert, rief die Gemeinden auf, möglichst viele Ideen zuzulassen, als Zeichen politischen Gehörs für die Jugend. Für die umsetzenden Gemeinden zählten besonders technische, rechtliche und finanzielle Kriterien, die allerdings unterschiedlich eng ausgelegt wurden: Die Machbarkeitsquote reichte von 100 Prozent in Kurtatsch bis zu knappen 25 Prozent in Ritten.
Viele Gemeindevertreter:innen, großteils erstmals im Amt sowie allein zuständig, beschrieben diese Phase als herausfordernd, zumal es an einheitlichen Kriterien fehlte. Bewährt haben sich parteiübergreifende Arbeitsgruppen wie in Eppan. Darauf sowie auf einer stärkeren Einbindung der Jugendlichen und, wo vorhanden, der Jugendbeiräte soll künftig mehr Augenmerk liegen: weg von einzeiligen Ideen und reiner Online-Abstimmung, hin zu mehr Austausch, Diskussion und Projekten, die das soziale Miteinander stärken.
Wie geht die Tour weiter?
Der erste Tritt in die Pedale ist getan, und mittlerweile wurden auch neugierige Nachbargemeinden vom Turbofieber gepackt. Turbo 2.0 startet 2027 vorerst mit neuen Gemeinden, wobei auch die Pilotgemeinden in zwei bis drei Jahren erneut teilnehmen möchten. Doch Beteiligungsprojekte bleiben oftmals eine Eintagsfliege und vom politischen Willen Einzelner abhängig, wenn sie nicht systemisch in die Lokalpolitik eingebettet werden: rechtlich verankert und breit mitgetragen von lokalen Akteuren wie Vereinen, Jugenddiensten und Jugendbeiräten. Noch profitiert Turbo von seinem Neuigkeitswert. Ob daraus mehr als eine Spritztour wird, zeigt sich erst auf den nächsten Etappen.
Anna Pohl studiert Wirtschaftswissenschaften, Politik und Ethik an der Freien Universität Bozen. Während eines Praktikums 2026 am Institut für Vergleichende Föderalismusforschung an Eurac Research befasste sie sich mit Jugendbeteiligung und deliberativ-partizipativer Demokratie. 
Der Beitrag stützt sich auf Interviews, die sie dabei mit den Koordinator:innen der 15 Turbo-Gemeinden und Forum Prävention geführt hat.

Kommentar

Immer mehr Pensionisten geraten unter Druck

Dr. Christian Wenter
Arzt, Vorsitzender KVW Senioren
Wenn die Pension steigt, aber das Leben trotzdem teurer wird
Die italienischen Pensionen verlieren seit Jahren schleichend an Wert. Zwar steigen die monatlichen Bezüge leicht - und trotzdem reicht das Geld immer weniger. Das ist für viele ältere Menschen längst keine abstrakte Statistik, sondern Alltag. Wenn Lebensmittel, Miete, Strom, Medikamente oder Gesundheitsleistungen stärker steigen als die Pension, bleibt am Monatsende weniger übrig. Besonders in Südtirol verschärfen die hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten den finanziellen Druck.
Das Problem mit der Aufwertung
Die jährliche Aufwertung der Pensionen soll die Inflation ausgleichen und ihre Kaufkraft erhalten. Doch das gelingt nicht immer vollständig. Steigen die Preise stärker als die Pension, verliert diese real an Wert. Was zunächst nach kleinen Unterschieden aussieht, kann sich über Jahre zu einem spürbaren Verlust summieren.
Gespart wird bei der Lebensqualität
Gerade Menschen mit kleinen Pensionen haben wenig Spielraum. Bei Lebensmitteln, Miete, Heizung, Strom oder Medikamenten lässt sich kaum sparen. Dazu kommen im Alter häufig zusätzliche Ausgaben für Pflege, Betreuung oder Haushaltshilfen. Gespart wird dann oft bei dem, was für Lebensqualität sorgt: beim Kaffee, beim Essen gehen oder beim Treffen mit Freunden. Wer sich aus finanziellen Gründen immer mehr zurückzieht, verliert auch Möglichkeiten zur Begegnung und Teilhabe. Einsamkeit und Isolation können die Folge sein.
Es geht um mehr als Geld
Wer ein Leben lang gearbeitet und Beiträge eingezahlt hat, muss darauf vertrauen können, im Alter finanziell abgesichert zu sein. Eine Pension sollte nicht nur das Notwendigste abdecken, sondern auch ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen - mit sozialen Kontakten und gesellschaftlicher Teilhabe. Viele Pensionisten leisten weiterhin viel: Sie unterstützen Kinder und Enkel, betreuen Angehörige oder engagieren sich ehrenamtlich. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt. Ihre finanzielle Absicherung ist deshalb nicht nur eine Frage des persönlichen Wohlstands. Sie hat auch damit zu tun, welchen Stellenwert ältere Menschen und ihre Leistungen in unserer Gesellschaft haben. Die entscheidende Frage lautet daher: Reicht das bestehende System aus, um die Kaufkraft der Pensionen dauerhaft zu sichern? Wenn Altersarmut und soziale Ausgrenzung verhindert werden sollen, darf die schleichende Entwertung der Pensionen nicht hingenommen werden. Pensionen müssen mit der tatsächlichen Entwicklung der Lebenshaltungskosten Schritt halten. Wie viel älteren Menschen im Alltag zum Leben bleibt, ist mehr als eine Rechenfrage. Es ist eine Frage gesellschaftlicher Prioritäten - und damit eine politische Entscheidung.