KVW Aktuell

Mühlen mahlen langsam: KVW Frauen fordern mehr strukturelle Gleichstellung

KVW Frauen bei ihrer Klausur am Ritten
v.l.n.r. 1. Reihe: Heidrun Goller, Magdalena Harrasser, Tanja Nehrdich, Margareth Fink, Jvone Perruzzi, 2. Reihe: Martina Lazzeri, Renate Völser, Rosa Purdeller Obergasteiger, Helga Mutschlechner Holzer, Andrea Frank und Monika Gatterer
Text: Iris Pahl
Bereits seit 1949 gibt es mit den KVW Frauen die erste Frauenorganisation Südtirols. Schon vor einem Vierteljahrhundert standen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Anerkennung von Erziehungs- und Pflegezeiten weit oben auf ihrer Agenda. Bei der diesjährigen Klausur am Ritten stellten sich die Frauen die Frage: Was hat sich seither gesellschaftspolitisch tatsächlich verändert? Die Antwort fiel ernüchternd aus: Die Mühlen mahlen langsam.
Positiv ist, dass Themen, die früher als reine „Frauenthemen“ galten, heute zunehmend als gesamtgesellschaftliche Aufgaben wahrgenommen werden. Doch ist dieses Bewusstsein tatsächlich überall angekommen?
„Nach wie vor tragen Frauen die Hauptlast der Care-Arbeit. Neben ihrer Erwerbsarbeit sind sie vielfach stark in der Erziehungsarbeit und bei der Pflege von Angehörigen gefordert. Diese ungleiche Verteilung hat langfristige Folgen: Frauen werden dadurch auch im Alter benachteiligt, wenn es um ihre Rente geht“, betont die Frauenvorsitzende des KVW, Heidrun Goller.
Die KVW Frauen benennen konkrete Beispiele struktureller Ungleichheit. Warum wird einem Mann – zu Recht – das Militärjahr im Dienst des Staates für die Rente angerechnet, einer Frau hingegen das Jahr der Erziehung eines Neugeborenen nicht in gleicher Weise als Dienst an der Gesellschaft anerkannt?
Auch bei der Kinderbetreuung sehen die KVW Frauen Handlungsbedarf. Betreuung und Bildung werden nach wie vor getrennt gedacht und kompliziert organisiert. Stattdessen brauche es ein einheitliches Betreuungs- und Bildungsangebot für Kinder von 0 bis 14 Jahren. Clickdays und kostspielige Betreuungsangebote gehören leider immer noch zum Alltag und belasten Familien sowohl psychisch als auch finanziell.
Ein breites Mittagstischangebot für Schulkinder – auch ohne Nachmittagsunterricht – sowie längere Öffnungszeiten in den Sommermonaten könnten viele berufstätige Familien entlasten. Gleichzeitig würden solche Angebote die Inklusion fördern und sich positiv auf die Erwerbsbiografien auswirken, insbesondere auf jene von Müttern.
Die KVW Frauen bringen ihre Forderung auf den Punkt: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Aber wo kein Weg, oder der Weg dermaßen schleppend ist, ist auch kein Wille.“
Die KVW Frauen werden sich weiterhin mit Nachdruck für die strukturelle Gleichstellung von Frauen einsetzen – gesellschaftlich ebenso wie wirtschaftlich. Im Laufe des Jahres sind weitere Aktionen und Initiativen geplant, darunter gemeinsame Aktionen mit anderen Frauenorganisationen aus Südtirol und darüber hinaus. Für 2028 ist außerdem eine internationale Frauenakademie geplant. Verstärkt werden soll auch die politische Lobbyarbeit für die generationenübergreifenden Anliegen von Frauen und Familien.

KVW Aktuell

Vater sein im Wandel der Zeit

Aus der Reihe „Neue Väter braucht das Land“
Konrad (ganz links) im Kreis seiner Herkunftsfamilie
Konrad Obexer blickt auf drei Generationen zurück: auf seinen Vater, seine eigene Zeit als Vater und die Rolle der Väter heute. Ein Gespräch über Respekt, Verantwortung und darüber, wie sich das Familienleben verändert hat.
Interview: Iris Pahl
Konrad Obexer war 42 Jahre an der Cusanus-Akademie in Brixen tätig, davon 21 Jahre als deren Leiter. Im KVW engagiert er sich im Bezirksausschuss Brixen und im Landesausschuss.
Konrad, du bist mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Wie hast du deinen Vater erlebt?
Mein Vater war das Oberhaupt der Familie und er traf die Entscheidungen, seine Rolle war sehr klar. Dabei hatte er immer das Wohl der Familie im Blick. Er hat keine große Schulausbildung, früher war es nämlich so, dass die Schule Anfang November begonnen hat und zu „Georgi“ (am 23. April) wieder zu Ende war. Dort hat er alles gelernt, was er als Hofbesitzer gebraucht hat. Ich habe auch in Erinnerung, dass er schon etwas älter war. Als ich geboren wurde, war er bereits 51 Jahre alt, unserer Mutter hingegen war 17 Jahre jünger, aber die beiden hatten ein sehr gutes und harmonisches Auskommen miteinander. Zu uns Kindern war der Vater gütig und fürsorglich, zugleich aber auch streng. Wir sagten nicht „Du“ zu ihm, sondern „Eis“, und begegneten ihm mit großem Respekt. Er war eine Autoritätsperson, die wir alle sehr schätzten. Wir wussten aber auch, was wir zu tun haben, wenn er etwas gesagt hat. Er hat auch immer den Rosenkranz vorgebetet und beim Essen wurde bei uns vorher und nachher gebetet.
Ich bin in Villnöss auf 1.440 Metern auf dem Pineiderhof aufgewachsen. Damals gab es noch keine Straße und wir mussten alles zu Fuß erledigen – vom Schulweg bis zum Kirchgang. Für uns Kinder war das selbstverständlich. Wir waren 12 Geschwister und hatten auch die Nachbarskinder um uns. An diese Zeit erinnere ich mich gerne zurück.
Was hat sich zwischen deiner Generation und den heutigen Vätern verändert?
Es hat sich sehr viel getan. Schon gegenüber der Generation meines Vaters versuchten wir, demokratischer mit den Kindern umzugehen. Statt Befehle zu erteilen, wollten wir sie motivieren, mit ihnen reden und gemeinsam Lösungen finden.
Auch die Aufgabenverteilung in der Familie hat sich verändert. Mein Schwiegervater hätte sich kaum mit einem Kinderwagen auf die Straße gewagt, weil ihm das unangenehm auch vor seinen Jagdkollegen. Für mich war das selbstverständlich. Ich schob meine Kinder und Enkelkinder im Kinderwagen und kochte auch zu Hause. Das hätte mein Vater beispielsweise nie getan. Da hat sich auch wirklich sehr viel geändert.
Heute wickeln Väter ihre Kinder, tragen sie mit dem Tragetuch am Körper und beteiligen sich aktiv an der Erziehung. Weil die meisten Frauen berufstätig sind, übernehmen auch die Väter mehr Verantwortung im Haushalt und im Familienalltag. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung. Natürlich bringt das auch neue Herausforderungen und Konflikte mit sich. Insgesamt hat sich das Miteinander in der Partnerschaft aber stark verändert.
Was möchtest du jungen Vätern heute mit auf den Weg geben?
Heute ist ganz ein neues, anderes Väterbild entstanden. Es ist schön zu sehen, wie selbstverständlich viele junge Väter heute mit ihren Kindern umgehen und welch enges Verhältnis sie mit ihren Kindern haben. Vor Kurzem hatten wir in der Pfarrkirche eine Messe für Eltern mit Kleinkindern. Viele Väter waren dabei und trugen ihre Kinder am Körper. Das zeigt, wie sehr sich die Beziehung zwischen Vätern und Kindern verändert hat.
Wichtig ist, dass Väter sich aktiv einbringen – nicht nur bei der Kinderbetreuung, sondern auch im Haushalt und im gesamten Familienalltag. Beide Elternteile sind heute beruflich und familiär gefordert. Deshalb ist es gut, wenn sie die Aufgaben partnerschaftlich aufteilen, auch wenn es einige Konflikte mit sich bringt. Väter sind heute von Anfang an mehr eingebunden am Familienleben. Es gibt aber auch Ausnahmen.
Auch wenn sich Eltern trennen, bleibt die Vaterrolle wichtig. Viele Väter verbringen dann bestimmte Tage oder Wochenenden mit ihren Kindern. Umso wichtiger ist es, diese gemeinsame Zeit bewusst zu gestalten und eine gute Beziehung zu den Kindern zu pflegen.