Thema

Füreinander - Solidarisch leben und handeln

Karl Brunner, Geistlicher Assistent im KVW
Text: Karl Brunner
Es gibt Worte, die sprechen stark für sich selbst. So ist es auch mit dem diesjährigen KVW-Jahresthemas: FÜREINANDER. Mit diesem Wort wird Gemeinschaft ausgedrückt, aber eben kein Nebeneinander, das am Mitmenschen kein Anteil nimmt. Es ist aber auch kein bloßes Miteinander, wo man Spaß hat, weil zum Beispiel etwas gemeinsam unternommen wird. Das Füreinander ist gewissermaßen „die Zärtlichkeit des Miteinanders“. Es ist also ein Miteinander mit einer besonderen Qualität, nämlich jener der gegenseitigen Verantwortung und des Beitrags für ein gutes Leben für alle.
Als soziale Wesen sind wir von klein auf auf diese sanfte Melodie des Füreinanders eingestimmt. Wenn ein kleines Kind hinfällt und herzergreifend weint, dann lässt uns das nicht kalt. So ist es auch, wenn jemand schwer krank ist und leidet. Das nehmen wir wahr, es berührt uns. Die Hirnforschung lehrt uns, dass die Empathiefähigkeit in unserem Hirn angelegt ist und durch unsere Sozialisation im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter entwickelt wird. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn schon die Philosophen der Antike wie beispielsweise Aristoteles den Menschen als soziales Wesen beschrieben haben. Wir sind also nicht einzelne Wesen, die allein stehen auf weiter Flur und so glücklich werden können. Ganz im Gegenteil: Wir sind hineinverwoben in ein vielfältiges Miteinander, das von gegenseitiger Verantwortungsübernahme lebt. So ein Miteinander, das zum Füreinander wird, bezeichnen wir als Solidarität. Als solidarische Menschen sind wir weder vereinzelt, noch sind wir nur Teil der Gemeinschaft. Wir bleiben – jede und jeder für sich – ein wertvolles individuelles Wesen, das aber immer in einen WIR beheimatet ist. Wir gehören als Einzelne immer zu einer Gruppe und zwar so, dass wir allein weder alles bestimmen, noch als graue Masse in der Gemeinschaft aufgehen sollen. Jede und jeder von uns macht einen Unterschied und bleibt doch immer auch mit den Mitmenschen verbunden und von ihnen abhängig. Diese zwei Pole sind wichtig und das Füreinander ist eine reife Antwort auf diese Spannung zwischen dem ICH und dem WIR.
Im Füreinander drücken wir unsere Verantwortung uns selbst und der Gemeinschaft gegenüber aus, nehmen Anteil aneinander, unterstützen uns gegenseitig, feiern wir das Leben und trösten wir uns, wenn einige schwere Zeiten zu meistern haben. Als Gesellschaft haben wir uns in den letzten 150 Jahren stark in Richtung einer solidarischen Gesetzesregelung entwickelt, indem wir die großen Risiken der Krankheit, des Alterns, der Arbeitslosigkeit, … solidarisch absichern. Heute gilt es, den Gedanken hinter diesen Regelungen in Erinnerung zu rufen, damit nicht all diese Errungenschaften der menschenwürdigen Gesellschaft einer einseitigen wirtschaftlichen Sparlogik geopfert werden. Wir haben von unseren Vorfahren ein gutes System geerbt und dürfen darauf jetzt aufbauen. Ja, wir müssen es auch verantwortungsvoll weiterentwickeln, um mutig in die Zukunft schreiten zu können.

Thema

Füreinander vom Gebot zur Verantwortung

Oskar Peterlini, KVW Landesausschussmitglied
Text: Oskar Peterlini
Kein Staat der Welt ist als Rechtsstaat geboren worden. Dass Menschenwürde, Menschenrechte und soziale Solidarität heute in unseren Verfassungen verankert sind, erscheint uns selbstverständlich. Tatsächlich stehen hinter diesen Errungenschaften jedoch mehr als zweitausend Jahre des Ringens um Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Das „Füreinander“ war zunächst ein moralischer Auftrag. Erst nach und nach wurde daraus verbindliches Recht.
Ein früher Vorläufer findet sich bereits im Perserreich. Nach der Eroberung Babylons gewährte König Kyros der Große den unterworfenen Völkern Religionsfreiheit und grundlegende Rechte. Doch es dauerte viele Jahrhunderte, bis auch den Herrschenden selbst rechtliche Grenzen gesetzt wurden. Die Magna Carta (1215), die Petition of Right (1628) und die Habeas-Corpus-Akte (1679) in England sowie der Große Freiheitsbrief Tirols (1342) waren wichtige Schritte auf diesem Weg. Sie machten deutlich: Auch Könige und Fürsten stehen nicht über dem Recht.
Den geistigen Durchbruch brachte die Aufklärung. John Locke lehrte, dass auch der König dem Gesetz untersteht. Montesquieu forderte die Gewaltenteilung, Rousseau die Volkssouveränität und Immanuel Kant erinnerte daran, dass jeder Mensch niemals bloß Mittel zum Zweck sein darf. Diese Gedanken fanden ihren politischen Ausdruck in der Französischen Revolution von 1789. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden zu den Grundwerten des modernen Staates. Gerade die Brüderlichkeit macht deutlich, dass Freiheit und Gleichheit allein nicht genügen. Eine Gemeinschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.
Nach den Schrecken der beiden Weltkriege erhielt dieser Gedanke weltweite Bedeutung. Mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verpflichtete sich die Staatengemeinschaft erstmals gemeinsam zum Schutz der Menschenwürde. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ergänzte diesen Schutz und garantiert verfolgten Menschen bis heute internationales Asyl.
Europa ging noch einen Schritt weiter. Der Europarat schuf mit der Europäischen Menschenrechtskonvention nicht nur einen Katalog von Grundrechten, sondern mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg auch ein wirksames Instrument zu ihrer Durchsetzung. Menschenrechte wurden damit nicht nur erklärt, sondern einklagbar.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Grund- und Menschenrechte schließlich in den modernen Verfassungen verankert. Sie stehen über den einfachen Gesetzen und bilden das Fundament des demokratischen Rechtsstaates. Besonders deutlich bringt dies die italienische Verfassung zum Ausdruck. Sie schützt nicht nur die unverletzlichen Rechte des Menschen, sondern verpflichtet zugleich zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Solidarität. Der Staat soll nicht nur Gleichheit vor dem Gesetz gewährleisten, sondern auch soziale Hindernisse beseitigen, die Freiheit und Chancengleichheit einschränken. So wird das „Füreinander“ selbst zum Verfassungsauftrag.
Damit endet der Weg jedoch nicht. Gesetze allein schaffen noch keine solidarische Gesellschaft. Sie geben den Rahmen vor - mit Leben erfüllen müssen wir ihn selbst. Solidarität beginnt im Alltag, dort, wo Menschen Hilfe brauchen. Sie verlangt aber ebenso Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Gerade deshalb kommt dem KVW eine besondere Aufgabe zu. Er hilft nicht nur unmittelbar den Menschen, sondern muss auch jenen eine starke Stimme geben, die selbst keine starke Lobby haben.
Auch in Südtirol gibt es trotz unseres Wohlstandes viel versteckte Not. Mehr als 30 Prozent der Familien können am Monatsende keinen einzigen Euro auf die Seite legen. Was geschieht, wenn plötzlich einige Tausend Euro für eine Zahnspange oder eine notwendige Zahnbehandlung bezahlt werden müssen? Oder wenn das Auto kaputtgeht, während die Raten für den bisherigen Wagen noch immer abzubezahlen sind?
Besorgniserregend ist auch die demografische Entwicklung. 1965 wurden in Südtirol noch rund 9.000 Kinder geboren, heute sind es nur mehr etwa 4.500. Gleichzeitig bleiben jedes Jahr rund 800 junge Menschen dauerhaft im Ausland - etwa ein Fünftel eines Jahrgangs. Hohe Wohnkosten und steigende Lebenshaltungskosten verschärfen diese Entwicklung zusätzlich.
Gerade deshalb muss der KVW seine Stimme weiterhin kraftvoll erheben. Wirtschaftliche Interessen verfügen über starke und gut organisierte Vertretungen. Das ist legitim. Umso wichtiger ist es aber, dass auch die soziale Stimme mit derselben Entschlossenheit gehört wird. Der KVW setzt sich dafür ein, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Gerechtigkeit im Gleichgewicht bleiben und bei politischen Entscheidungen immer der Mensch im Mittelpunkt steht.
Der Rechtsstaat und unser Sozialstaat sind keine Selbstverständlichkeit. Jede Generation muss sie neu mit Leben erfüllen und verantwortungsvoll weiterentwickeln. Genau dazu ruft das KVW-Jahresthema auf: „Füreinander - Solidarisch leben und handeln.“