Soziales

Nachgedacht: Wie kinderfreundlich ist unsere Gesellschaft noch?

Vergangene Woche habe ich mich mehrmals gefragt, wie willkommen Kinder in unserer Gesellschaft eigentlich noch sind. Nicht wegen eines einzelnen Vorfalls, sondern wegen mehrerer Alltagssituationen, die für sich belanglos erscheinen mögen, gemeinsam aber ein Bild ergeben, das mich nicht mehr loslässt.
Foto: Kinder_ und Jugendanwaltschaft / Werth - Einweihung des symbolischen "Platzes der Kinderrechte" am Bozner Rathausplatz zum Welttag der Kinderrechte am 20. November 2025
Text: Silvia di Panfilo
Als Mutter frage ich mich immer öfter, ob wir Kindern noch den Platz zugestehen, den sie zum Aufwachsen brauchen. Die Erlebnisse haben sich in dieser Woche zwar besonders gehäuft, doch viele Eltern kennen ähnliche Situationen. An einem Nachmittag hole ich meinen Sohn bei der Sommerbetreuung an der Seilbahnstation ab. Rund zehn Kinder werden gleichzeitig von ihren Eltern abgeholt. Sie verabschieden sich, erzählen noch schnell von ihrem Tag und nach spätestens fünf bis zehn Minuten leert sich der Eingangsbereich wieder. Es ist ein heißer Sommertag, draußen brennt die pralle Sonne. Trotzdem werden die Betreuerinnen und Betreuer gebeten, die Übergabe künftig vor dem Gebäude stattfinden zu lassen, weil es im öffentlichen Eingangsbereich zu laut und zu unruhig sei. Unweigerlich frage ich mich, ob dieselben Maßstäbe auch während der Stoßzeiten gelten, wenn sich dort Touristinnen und Touristen drängen.
Ein paar Tage später sitze ich mit Freundinnen und unseren fünf Kindern in einer Bar. Kaum haben die Kinder ihr Eis aufgegessen, stehen sie auf und bewegen sich ein wenig zwischen den Tischen. Sie schreien nicht, sie rennen nicht und stören niemanden. Außer uns sitzen nur noch zwei weitere Gäste im Lokal. Trotzdem dauert es keine zwei Minuten, bis die Kellnerin die Kinder zurechtweist: „Wir sind hier nicht am Spielplatz. Bitte seid ruhig.“
Am darauffolgenden Tag ist das Glas der Eingangstür unseres Kondominiums zerbrochen. Noch bevor geklärt ist, was passiert ist, fällt der Verdacht auf meine Kinder. Nicht, weil jemand etwas gesehen hätte, sondern weil offenbar sofort angenommen wird, Kinder seien die Verursacher. Als ich erklärte, dass wir den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen waren, richtete sich der Verdacht ganz selbstverständlich auf andere Kinder im Haus.
Jede dieser Situationen mag für sich unbedeutend erscheinen. Was mich beschäftigt, ist ihre Summe. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass Kinder möglichst leise sein, möglichst wenig Raum einnehmen und am besten gar nicht auffallen sollen.
Selbstverständlich müssen Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen. Eltern tragen die Verantwortung, ihnen Werte, Regeln und Respekt vorzuleben. Gleichzeitig dürfen wir nicht erwarten, dass Kinder sich jederzeit, wie Erwachsene verhalten. Sie lachen, erzählen, bewegen sich und sind manchmal auch laut. Genau so entdecken sie die Welt und lernen, Teil unserer Gesellschaft zu werden.
Familienfreundlichkeit zeigt sich nicht in Leitbildern oder Broschüren, sondern im Alltag: in Cafés, Wohnhäusern, auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen einander begegnen.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kinder nicht zuerst als Störung wahrgenommen werden, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Gemeinschaft. Vielleicht sollten wir Erwachsenen wieder lernen, Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um einfach Kinder sein zu dürfen.
Silvia Di Panfilo
Mutter von zwei Kindern und Sozialpädagogin, arbeitet beim Katholischen Familienverband Südtirol (KFS) und ist Mitglied des Bozner Stadtviertelrats Zentrum – Bozner Boden – Rentsch.

Kommentar

Missbrauch in der Kirche

Das Projekt „Mut zum Hinsehen“
Foto: unsplash / thomas vitali
In den vergangenen Jahren hat sich der KVW immer wieder für die Sensibilisierung gegen sexualisierte Gewalt und Missbrauch engagiert. Dafür bin ich dankbar, denn genau das braucht es: Menschen und Organisationen, die nicht wegschauen, sondern hinschauen, dazulernen und Kulturveränderung möglich machen.
Text: Johanna Brunner
In unserer Diözese geht das dreijährige Projekt „Mut zum Hinsehen“ nun in die Schlussphase. Nach Veröffentlichung des Gutachtens Anfang 2025 wurden viele Schritte gesetzt: eine Interventionsordnung für bessere Verfahren wurde in Kraft gesetzt, ein Betroffenenbeirat ist kurz vor der Einsetzung und die Präventionsarbeit soll neu strukturiert und personell ausgestattet werden. Aber alle diese Maßnahmen sind nicht das Ende der Arbeit, sondern lediglich ein Schritt auf einem Weg, der noch weit ist und Luft nach oben lässt. Denn sexuelle Gewalt ist nicht allein ein Problem einzelner Täter (und Täterinnen). Sie ist wesentlich auch ein Problem von Strukturen, Machtverhältnissen und Tabus – und einer Kultur, in der Wegschauen, Schweigen oder Loyalität oft mehr wiegen als der Schutz von Menschen. Das zu verändern braucht mehr, als Projekte – es braucht uns alle.
Wir müssen alle zu „Betroffenen“ werden
Wir müssen bereit sein, uns von diesem Thema berühren zu lassen und – bildlich gesprochen – selbst „betroffen“ werden. Das ist keine Kleinigkeit. Denn die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt bedeutet unweigerlich, in Spannungsfelder zu geraten: Wem glaube ich? Wann handle ich? Wie lange zögere ich, weil die Wahrheit (noch) nicht auf der Hand liegt? Wie löse ich meine Unsicherheit? Welche Worte finde ich? Wie gehe ich mit Tabus und Unaussprechbarem um? Wie kann ich Betroffene unterstützen, zugleich aber Vorwürfen mit der nötigen Sorgfalt zu begegnen, ohne Gewalt zu relativieren? Diese Spannungsfelder lassen sich nicht einfach auflösen.
Vom „Bystandern“ zum Beistand
Wenn wir uns diesen Spannungsfeldern nicht stellen, lähmen sie uns und wir können unbewusst – manchmal auch bewusst – zu Unterstützern und Unterstützerinnen von Missbrauchssystemen werden. In der Fachsprache spricht man von „Bystandern“ – Menschen, die etwas beobachten, etwas wissen, oder ahnen, aber nicht eingreifen. Gerade bei sexualisierter Gewalt kann dieses Nicht-Handeln ein System stabilisieren.
Wer sexualisierte Gewalt erlebt hat, befindet sich oft in einer Situation großer Abhängigkeit, Angst und Isolation. Zu allgegenwärtig ist die Gefahr der Täter-Opfer-Umkehr: „Das kann doch gar nicht sein? Ist das wirklich wahr? Warum hast du dann nicht schon viel früher etwas gesagt?“ Solche und ähnliche Fragen verschieben die Verantwortung – weg von der Person, die Gewalt ausgeübt hat, hin zu jener, die sie erlitten hat.
Deshalb brauchen Betroffene Menschen, die sie hören, sie ernst nehmen und an ihrer Seite bleiben. Beistand geben meint den Mut, hinzusehen, Glauben zu schenken – was nicht dasselbe ist wie „die Wahrheit herausfinden“ – und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung beginnt dort, wo man sich Wissen aneignet und sich fragt: Was täte ich, wenn mich jemand ansprechen und von solchen Erfahrungen berichten würde? Wem gebe ich Raum? Wem schenke ich Glauben? Was tue ich, wenn etwas nicht zusammenpasst? Wüsste ich, an wen ich mich wenden könnte?
Missbrauch kann nur dort wirksam bearbeitet und verhindert werden, wo alle hinsehen und Verantwortung übernehmen – in Kirche, Familie, Vereinen, Schule und am Arbeitsplatz… Der Weg ist noch nicht zu Ende. Der „Mut zum Hinsehen“ muss vom Projekt zur Haltung werden.
FOTO: Diözese Bz-Bx / Thomas Ohnewein
Johanna Brunner
ist Theologin, Sozialarbeiterin und Traumapädagogin. Sie leitet das Amt für Familie der Diözese und ist seit November 2025 Koordinatorin des Projektes „Mut zum Hinsehen“.