Kommentar

Missbrauch in der Kirche

Das Projekt „Mut zum Hinsehen“
Foto: unsplash / thomas vitali
In den vergangenen Jahren hat sich der KVW immer wieder für die Sensibilisierung gegen sexualisierte Gewalt und Missbrauch engagiert. Dafür bin ich dankbar, denn genau das braucht es: Menschen und Organisationen, die nicht wegschauen, sondern hinschauen, dazulernen und Kulturveränderung möglich machen.
Text: Johanna Brunner
In unserer Diözese geht das dreijährige Projekt „Mut zum Hinsehen“ nun in die Schlussphase. Nach Veröffentlichung des Gutachtens Anfang 2025 wurden viele Schritte gesetzt: eine Interventionsordnung für bessere Verfahren wurde in Kraft gesetzt, ein Betroffenenbeirat ist kurz vor der Einsetzung und die Präventionsarbeit soll neu strukturiert und personell ausgestattet werden. Aber alle diese Maßnahmen sind nicht das Ende der Arbeit, sondern lediglich ein Schritt auf einem Weg, der noch weit ist und Luft nach oben lässt. Denn sexuelle Gewalt ist nicht allein ein Problem einzelner Täter (und Täterinnen). Sie ist wesentlich auch ein Problem von Strukturen, Machtverhältnissen und Tabus – und einer Kultur, in der Wegschauen, Schweigen oder Loyalität oft mehr wiegen als der Schutz von Menschen. Das zu verändern braucht mehr, als Projekte – es braucht uns alle.
Wir müssen alle zu „Betroffenen“ werden
Wir müssen bereit sein, uns von diesem Thema berühren zu lassen und – bildlich gesprochen – selbst „betroffen“ werden. Das ist keine Kleinigkeit. Denn die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt bedeutet unweigerlich, in Spannungsfelder zu geraten: Wem glaube ich? Wann handle ich? Wie lange zögere ich, weil die Wahrheit (noch) nicht auf der Hand liegt? Wie löse ich meine Unsicherheit? Welche Worte finde ich? Wie gehe ich mit Tabus und Unaussprechbarem um? Wie kann ich Betroffene unterstützen, zugleich aber Vorwürfen mit der nötigen Sorgfalt zu begegnen, ohne Gewalt zu relativieren? Diese Spannungsfelder lassen sich nicht einfach auflösen.
Vom „Bystandern“ zum Beistand
Wenn wir uns diesen Spannungsfeldern nicht stellen, lähmen sie uns und wir können unbewusst – manchmal auch bewusst – zu Unterstützern und Unterstützerinnen von Missbrauchssystemen werden. In der Fachsprache spricht man von „Bystandern“ – Menschen, die etwas beobachten, etwas wissen, oder ahnen, aber nicht eingreifen. Gerade bei sexualisierter Gewalt kann dieses Nicht-Handeln ein System stabilisieren.
Wer sexualisierte Gewalt erlebt hat, befindet sich oft in einer Situation großer Abhängigkeit, Angst und Isolation. Zu allgegenwärtig ist die Gefahr der Täter-Opfer-Umkehr: „Das kann doch gar nicht sein? Ist das wirklich wahr? Warum hast du dann nicht schon viel früher etwas gesagt?“ Solche und ähnliche Fragen verschieben die Verantwortung – weg von der Person, die Gewalt ausgeübt hat, hin zu jener, die sie erlitten hat.
Deshalb brauchen Betroffene Menschen, die sie hören, sie ernst nehmen und an ihrer Seite bleiben. Beistand geben meint den Mut, hinzusehen, Glauben zu schenken – was nicht dasselbe ist wie „die Wahrheit herausfinden“ – und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung beginnt dort, wo man sich Wissen aneignet und sich fragt: Was täte ich, wenn mich jemand ansprechen und von solchen Erfahrungen berichten würde? Wem gebe ich Raum? Wem schenke ich Glauben? Was tue ich, wenn etwas nicht zusammenpasst? Wüsste ich, an wen ich mich wenden könnte?
Missbrauch kann nur dort wirksam bearbeitet und verhindert werden, wo alle hinsehen und Verantwortung übernehmen – in Kirche, Familie, Vereinen, Schule und am Arbeitsplatz… Der Weg ist noch nicht zu Ende. Der „Mut zum Hinsehen“ muss vom Projekt zur Haltung werden.
FOTO: Diözese Bz-Bx / Thomas Ohnewein
Johanna Brunner
ist Theologin, Sozialarbeiterin und Traumapädagogin. Sie leitet das Amt für Familie der Diözese und ist seit November 2025 Koordinatorin des Projektes „Mut zum Hinsehen“.

Kommentar

Dankbar im Füreinander

Mit der heutigen Rubrik schließe ich eine Reihe von Gedanken ab, die ich im Herbst 2019 mit einem Text mit dem Titel „Danke“ begonnen habe. Damals habe ich geschrieben, dass man im Danken anerkennt, dass wir es alleine nicht schaffen kann und dass das auch gut so sei.
Karl Brunner, Geistlicher Assistent im KVW
Ich durfte im KVW in den Jahren meines Engagements – auch schon vor meiner Zeit als Geistlicher Assistent – häufig die Stärke des Verbandes kennenlernen: Sie liegt ganz klar im Einsatz FÜREINANDER. Die vielen Ehrenamtlichen in den Ortsgruppen leben das Füreinander. Sie sind weniger Sonntagsredner:innen, als tatkräftige Menschen, die sich vielfältig einsetzen: vom Suppen- oder Knödelsonntag, bis zu den Besuchen der älteren oder kranken Menschen, von Weiterbildungsinitiativen bis zu Gemeinschaftsausflügen, von Stellungnahmen in der Presse bis hin zum Lobbyismus für das Gemeinwohl gegenüber der Politik auf Orts- und Landesebene, ...
Warum machen wir das im KVW? Weil wir wissen, dass wir als Menschen nicht alleine im Wald stehen und uns nicht einbilden der Nabel der Welt zu sein, selbst wenn uns der Zeitgeist den isolierten Individualismus als Königsdisziplin vorgaukelt. Im KVW leben wir die gegenseitige Verbundenheit durch diesen vielfältigen Einsatz FÜREINANDER. Darin sind wir echte Profis.
Damit knüpfen wir Faden an Faden und machen unsere Gesellschaft im Bild gesprochen als wärmenden Stoff und als tragendes Netz der Mitmenschlichkeit erfahrbar. Es ist schön, Teil so einer Bewegung zu sein und die Wirkkraft auch erfahren zu dürfen. Für all das und noch viel mehr bin ich dankbar. Und ja, ich anerkenne, dass ich all das alleine nie schaffen würde, sondern es ein Miteinander braucht, um so viel Füreinander möglich zu machen. Und ja, das ist gut so!
Hören Sie rein in unseren Podcast WERT-voll Leben! www.kvw.org/de/bezirke/bozen-39.html