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Pflegesicherung am Scheideweg?

Der KVW warnt vor sozialer Spaltung durch private Pflegevorsorge und fordert eine Stärkung des öffentlichen Systems
Foto: pexels / jsme mila
Die Diskussion über eine gerechte und nachhaltige Weiterentwicklung der Pflegesicherung in Südtirol ist in vollem Gange. Das derzeit aus dem Landeshaushalt finanzierte Pflegegeld stellt für viele Familien eine unverzichtbare Unterstützung dar und hilft, einen Teil der Kosten für die häusliche Betreuung zu decken. Steigende Lebenshaltungs- und Personalkosten sowie die zunehmende Komplexität der Pflegebedürfnisse führen jedoch dazu, dass die Lücke zwischen öffentlicher Unterstützung und tatsächlichen Ausgaben immer größer wird. Besonders bei intensiver Betreuung deckt das Pflegegeld nur noch einen begrenzten Anteil der Kosten.
Familien stoßen an ihre Grenzen
Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen und bedeutet für viele Familien eine erhebliche finanzielle Belastung. Soll die Pflege weiterhin überwiegend im familiären Umfeld organisiert werden, müssen daraus resultierende Einkommensverluste besser abgefedert und professionelle Unterstützungsangebote ausgebaut werden.
Steigende Kosten, offene Reformfragen und Kritik an privaten Zusatzversicherungen
Angesichts steigender Kosten und der Alterung der Bevölkerung wird seit Jahren nach Lösungen gesucht, um die Pflegesicherung langfristig finanzierbar zu gestalten. Um den steigenden Finanzbedarf zu garantieren, prüft die Landesregierung die Einführung eines zweiten Finanzierungsstandbeins in Form einer freiwilligen privaten Pflegeversicherung. Bürgerinnen und Bürger sollen ergänzend Beiträge zahlen, um ihr Risiko im Pflegefall abzusichern. Das Modell soll über das Pensplan Centrum abgewickelt werden, ein Start ist noch in diesem Jahr geplant. Es bleiben jedoch zentrale Fragen offen: Konkrete Angaben zu den Zugangsvoraussetzungen, Beitrittskriterien, der Höhe der Versicherungsprämien und den zugesicherten Leistungen liegen bislang nicht vor. Aus den zuständigen Landesämtern ist zu vernehmen, dass eine technische Arbeitsgruppe weiterhin mit der Ausarbeitung der Details befasst ist. Diskutiert wird unter anderem eine einmalige Zahlung als Einstieg in die Versicherung, möglicherweise unter Verwendung von Mitteln aus dem Zusatzrentenfond oder der Abfertigung (TFR).
Skepsis in der Bevölkerung wächst
Auch wenn für eine abschließende Bewertung die Veröffentlichung der konkreten Ausgestaltung abgewartet werden muss, stößt vor allem die Entscheidung, künftig auf eine ergänzende private Pflegezusatzversicherung zu setzen, auf Skepsis und wirft grundlegende Fragen auf. Weite Teile der Bevölkerung sehen die Priorität vielmehr in einer längst überfälligen Weiterentwicklung und Stärkung des bestehenden, aus dem Landessozialfonds finanzierten Pflegesicherungssystems. Dass die Pflegesicherung nach Jahren ausgebliebener Reformen zunehmend an ihre Grenzen stößt, wird immer deutlicher. Gleichzeitig geht durch die anhaltend lange Diskussion immer mehr Vertrauen in die künftige Verlässlichkeit öffentlicher Leistungen verloren. Umso dringlicher ist es, dass die Landespolitik rasch die Voraussetzungen für eine langfristig tragfähige Lösung schafft – eine Lösung, die geeignet ist, die Sorgen pflegebedürftiger Menschen und ihrer Familien spürbar zu lindern.
Der KVW lehnt eine Versicherungslogik ab
Einen Ansatz, der auf einer Versicherungslogik basiert, lehnt der KVW ab. Darauf zu setzen, dass Menschen im Vorfeld des Pensionseintritts stattliche Summen einzahlen, wird am ehesten diejenigen überzeugen, die es sich gut leisten können. Es besteht die Gefahr, dass finanziell Schwächere ausgeschlossen werden, ebenso wie Personen, die erst im höheren Alter einstgeigen wollen.
Letztlich liefe eine freiwillige private Versicherung darauf hinaus, vor allem ein Angebot für Mittel- und Oberschichten zu sein – bei hohen Kosten und unsicheren Leistungen, ohne die strukturellen Probleme zu lösen. Im Gegenteil: Eine öffentliche Förderung privater Vorsorgemodelle würde Fehlanreize setzen, soziale Ungleichheiten verstärken und eine Zwei-Klassen-Pflege begünstigen.
Solidarität statt Versicherungslogik
Sollten zusätzliche Mittel erforderlich sein, erscheint es deutlich sinnvoller, alle Bürgerinnen und Bürger entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit an der Finanzierung zu beteiligen. Vermögende könnten stärker, Ärmere weniger oder nicht belastet werden. Eine freiwillige, private und zugleich öffentlich geförderte Pflegeversicherung hingegen wäre der falsche Weg. Angesichts eines von Jahr zu Jahr wachsenden Landeshaushalts ist es sozialpolitisch nicht vertretbar, dass bei zentralen Leistungen wie Gesundheitsversorgung und Pflege die finanzielle Belastung zunehmend auf die Familien abgewälzt wird. Stattdessen sollten weniger dringliche Ausgaben zurückgestellt und die Mittel für den Sozialbereich gezielt erhöht werden, um eine verlässliche und solidarische Pflege sicherzustellen.
TEXT: Christian Wenter
Christian Wenter

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Pflege: Erfolgsmodell unter Finanzdruck

Karl Tragust war jahrzehntelang Leiter der Abteilung Sozialwesen der Landesverwaltung. Er hat die Pflegesicherung maßgeblich mitgestaltet und begleitet die Entwicklung des Systems seit vielen Jahren kritisch. Wir haben ihm dazu einige Fragen gestellt.
Die Pflegesicherung gilt als wichtige sozialpolitische Errungenschaft in Südtirol. Wo sehen Sie heute ihre größten Stärken – und wo stößt das System zunehmend an Grenzen?
Karl Tragust: 2027 sind es 20 Jahre, dass das Landesgesetz vom 12. Oktober 2007, Nr. 9 “Maßnahmen zur Sicherung der Pflege” in Kraft ist. Es hat Vereinfachung und Zusammenführung der bis dahin bestehenden Unterstützungen für pflegebedürftige Menschen (Begleitgeld des Sozialwesens, Hauspflegegeld und Kostenübernahme bei stationärer Betreuung in Senioren- und Pflegeheimen des Gesundheitswesens) in einen Pflegefonds des Landes gebracht, der steuerfinanziert ein 4-stufiges Pflegegeld für pflegebedürftige Personen garantiert. Der Finanzbedarf sollte mit einem Garantiefonds abgesichert werden. Dieser wurde nicht eingerichtet. Die Frage, wie der steigende Finanzbedarf abgesichert werden kann, stellt sich umso dringender.
Südtirol altert schnell. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Pflege in den nächsten 10-15 Jahren?
Die größte Herausforderung ist die Finanzierung des steigenden Pflegebedarfs und die Organisation der Pflegeleistungen durch die Familie, das unterstützende Gemeinwesen und die professionellen Sozial- und Gesundheitsdienste. Alle 3 Akteure müssen gut zusammenwirken, um Begleitung, Betreuung und Pflege zu garantieren. Niederschwellige ehrenamtliche und nichtprofessionelle Unterstützung sind mit professioneller Unterstützung zu kombinieren. Die finanzielle Unterstützung der pflegebedürftigen Personen soll deren Autonomie garantieren. Ich bin für die einkommensunabhängigen Ausschüttung des Pflegegeldes, welche einfacher und ein Ausdruck des solidarischen Grundsatzes ist.
Wenn Sie heute eine Reform der Pflegesicherung anstoßen könnten: Welche Veränderung wäre für Sie am wichtigsten, damit Pflege auch in Zukunft für alle leistbar und menschenwürdig bleibt.
Die größten Probleme sind: die Sicherung des steuerfinanzierten Finanzbedarfs für Pflegegeld, die Finanzierung der Dienste, die Stärkung der Selbsthilfe und des wohnortnahmen, solidarischen Gemeinwesens, die Regelung der privaten Pflegehilfe und die Garantie der professionellen Pflege. Das Pflegegeld ist laufend der Inflation anzupassen. Sollte es haushaltspolitisch unmöglich sein, das notwendige Geld aufzubringen, sollte man auf die Durchführungsverordnung zum Autonomiestatut zurückgreifen, welche es dem Land erlaubt, Pflichtbeiträge ad personam einzutreiben (universellen Pflichtversicherung). Vermögende, welche auch Anrecht auf das Pflegegeld haben, werden stärker belastet. Ärmere werden weniger oder nicht belastet. Das entspricht dem solidarischen Grundsatz, welcher alle in die Pflicht nimmt, und ist verwaltungstechnisch einfacher als die Kombination von freiwilliger Pflegeversicherung und die dann notwendige Absicherung der Personen, welche sich eine freiwillige Versicherung nicht leisten können. Genauso wichtig ist eine Aufwertung der sorgenden Gemeinschaft (Familie, Nachbarschaft, Stadtteil, Gemeinde, Bezirk), welche über neue Modelle des Wohnens und der solidarischen Nachbarschaft sich der pflegenden Familien und deren Angehörigen annimmt und sie unterstützt. Die Stärkung des Gesamtrahmens wird auch die professionellen Dienste stärken und Aufwind verleihen. Auch sie müssen sich stärker vernetzen und im engen Austausch mit Betroffenen und deren Umfeld agieren. Soziale Dienste sind kein Nischenproduckt für Arme, sondern eine Wohlfahrtsgarantie für alle.

Herzlichen Dank für das Gespräch!