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Pflege: Erfolgsmodell unter Finanzdruck
Karl Tragust war jahrzehntelang Leiter der Abteilung Sozialwesen der Landesverwaltung. Er hat die Pflegesicherung maßgeblich mitgestaltet und begleitet die Entwicklung des Systems seit vielen Jahren kritisch. Wir haben ihm dazu einige Fragen gestellt.

Die Pflegesicherung gilt als wichtige sozialpolitische Errungenschaft in Südtirol. Wo sehen Sie heute ihre größten Stärken – und wo stößt das System zunehmend an Grenzen?
Karl Tragust: 2027 sind es 20 Jahre, dass das Landesgesetz vom 12. Oktober 2007, Nr. 9 “Maßnahmen zur Sicherung der Pflege” in Kraft ist. Es hat Vereinfachung und Zusammenführung der bis dahin bestehenden Unterstützungen für pflegebedürftige Menschen (Begleitgeld des Sozialwesens, Hauspflegegeld und Kostenübernahme bei stationärer Betreuung in Senioren- und Pflegeheimen des Gesundheitswesens) in einen Pflegefonds des Landes gebracht, der steuerfinanziert ein 4-stufiges Pflegegeld für pflegebedürftige Personen garantiert. Der Finanzbedarf sollte mit einem Garantiefonds abgesichert werden. Dieser wurde nicht eingerichtet. Die Frage, wie der steigende Finanzbedarf abgesichert werden kann, stellt sich umso dringender.
Südtirol altert schnell. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Pflege in den nächsten 10-15 Jahren?
Die größte Herausforderung ist die Finanzierung des steigenden Pflegebedarfs und die Organisation der Pflegeleistungen durch die Familie, das unterstützende Gemeinwesen und die professionellen Sozial- und Gesundheitsdienste. Alle 3 Akteure müssen gut zusammenwirken, um Begleitung, Betreuung und Pflege zu garantieren. Niederschwellige ehrenamtliche und nichtprofessionelle Unterstützung sind mit professioneller Unterstützung zu kombinieren. Die finanzielle Unterstützung der pflegebedürftigen Personen soll deren Autonomie garantieren. Ich bin für die einkommensunabhängigen Ausschüttung des Pflegegeldes, welche einfacher und ein Ausdruck des solidarischen Grundsatzes ist.
Wenn Sie heute eine Reform der Pflegesicherung anstoßen könnten: Welche Veränderung wäre für Sie am wichtigsten, damit Pflege auch in Zukunft für alle leistbar und menschenwürdig bleibt.
Die größten Probleme sind: die Sicherung des steuerfinanzierten Finanzbedarfs für Pflegegeld, die Finanzierung der Dienste, die Stärkung der Selbsthilfe und des wohnortnahmen, solidarischen Gemeinwesens, die Regelung der privaten Pflegehilfe und die Garantie der professionellen Pflege. Das Pflegegeld ist laufend der Inflation anzupassen. Sollte es haushaltspolitisch unmöglich sein, das notwendige Geld aufzubringen, sollte man auf die Durchführungsverordnung zum Autonomiestatut zurückgreifen, welche es dem Land erlaubt, Pflichtbeiträge ad personam einzutreiben (universellen Pflichtversicherung). Vermögende, welche auch Anrecht auf das Pflegegeld haben, werden stärker belastet. Ärmere werden weniger oder nicht belastet. Das entspricht dem solidarischen Grundsatz, welcher alle in die Pflicht nimmt, und ist verwaltungstechnisch einfacher als die Kombination von freiwilliger Pflegeversicherung und die dann notwendige Absicherung der Personen, welche sich eine freiwillige Versicherung nicht leisten können. Genauso wichtig ist eine Aufwertung der sorgenden Gemeinschaft (Familie, Nachbarschaft, Stadtteil, Gemeinde, Bezirk), welche über neue Modelle des Wohnens und der solidarischen Nachbarschaft sich der pflegenden Familien und deren Angehörigen annimmt und sie unterstützt. Die Stärkung des Gesamtrahmens wird auch die professionellen Dienste stärken und Aufwind verleihen. Auch sie müssen sich stärker vernetzen und im engen Austausch mit Betroffenen und deren Umfeld agieren. Soziale Dienste sind kein Nischenproduckt für Arme, sondern eine Wohlfahrtsgarantie für alle.Herzlichen Dank für das Gespräch!


