Ein paar Schuhe liegen kreuz und quer vor der Haustür, aus einem offenen Fenster klingt Kinderlachen, irgendwo ruft jemand zum Essen. Es ist ein ganz gewöhnlicher Nachmittag im Kinderdorf oberhalb von Brixen. Und doch ist hier vieles anders. Die Kinder und Jugendlichen, die hier leben, bringen Geschichten mit, die oft zu schwer sind für ihr Alter: Geschichten von Verlust, von Überforderung, von Brüchen. Im Kinderdorf finden sie etwas, das ihnen lange gefehlt hat: Verlässlichkeit, einen Alltag, der trägt, Erwachsene, die bleiben.
Die Anfänge eines besonderen Dorfes
Vor rund 70 Jahren öffneten sich hier die Tore für die ersten Kinder. Es waren vor allem jene, die ihre Eltern früh verloren hatten oder in extremer materieller Armut aufwachsen mussten. Der Meraner Immobilienmakler Sebastian Ebner war die treibende Kraft hinter der Gründung einer Genossenschaft mit einer damals neuen Idee: Kinder sollten in familienähnlichen Gemeinschaften aufwachsen, anstatt in einem Heim. Aus volkstumspolitischen Gründen erhielten in den Anfangsjahren allerdings nur deutsch- und ladinischsprachige Kinder einen Platz im Kinderdorf.
Insgesamt elf zweistöckige Häuser, rund um einen zentralen Dorfplatz angeordnet – fast wie in einem gewachsenen Dorf –, bildeten den Lebensraum der Kinder. In jedem Haus lebten sie gemeinsam mit einer sogenannten Kinderdorfmutter, die bis zu zehn Kinder im Alter von einem bis 14 Jahren betreute. Finanziert wurde das Projekt vor allem durch private Spenden aus dem In- und Ausland.
Vom Modell der Kinderdorfmutter zum Fachteam
Vieles hat sich seit diesen Anfangsjahren verändert – der Auftrag jedoch ist derselbe geblieben. Das Kinderdorf verstand sich nie als Ersatz für die Familie, sondern als geschützter Entwicklungsraum auf Zeit.
Heute werden vor allem Kinder aufgenommen, deren Eltern aus unterschiedlichen Gründen überfordert sind: sozial, psychisch oder finanziell. Suchterkrankungen, Gewalt oder instabile Familienverhältnisse zählen ebenso zu den Ursachen wie Migration und fehlende soziale Netzwerke. Die außerfamiliäre Unterbringung erfolgt auf Vorschlag der Sozialdienste oder einer Entscheidung des Jugendgerichts.
An die Stelle der klassischen Kinderdorfmütter – die letzte von ihnen ging 2022 in den Ruhestand – ist ein multiprofessionelles Team getreten. Pädagogische Fachkräfte, Sozialassistent:innen, Erzieher:innen sowie Therapeut:innen aus den Bereichen Ergotherapie, Logopädie, Kunst und Musiktherapie kümmern sich heute um rund 70 Kinder und in zunehmenden Maßen leisten sie auch Elternarbeit. Gemeinsam mit zahlreichen freiwilligen Helfer:innen schaffen sie ein stabiles Umfeld und verlässliche Alltagsstrukturen.
Alltag & Schule
Die Kinder vom Kinderdorf besuchen Kindergärten und Schulen in Brixen und nehmen dort auch an vielfältigen Freizeitangeboten teil bzw. sind in diversen Vereinen tätig. Gleichzeitig wird – wo immer möglich – der Kontakt zum Elternhaus gefördert. In der Regel finden alle 2 bis maximal 4 Wochen begleitete Treffen statt, mit dem Ziel, langfristig eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie zu ermöglichen.
Unterstützung auch außerhalb des Kinderdorfs und Vorbereitung auf das Leben danach
Längst arbeitet das Südtiroler Kinderdorf nicht mehr nur stationär. Ein wachsender Schwerpunkt liegt auf ambulanter Unterstützung sowie auf Beratung und Begleitung von Familien vor Ort. Ziel ist es, Kinder in ihren Familien zu halten, wenn dies verantwortbar ist.
Die Chancenungleichheit auszugleichen, wird auch versucht, indem man auch Jugendlichen die Möglichkeit gibt, in Wohngemeinschaften das Zusammenleben mit anderen zu testen und sich auf ein selbstbestimmtes eigenständiges Leben vorzubereiten. In diesem „Betreuten Wohnen“ unterstützt das Südtiroler Kinderdorf Jugendliche ab 16 Jahren auf dem Weg in ein eigenverantwortliches Leben. In zwei Kleinwohnungen auf dem Gelände in Brixen – oder bei Bedarf in einer Stadtwohnung – können bis zu 5 junge Menschen bis zum 21. Geburtstag selbstständiges Wohnen üben. Pädagogische Fachkräfte begleiten sie wöchentlich, beraten bei Alltagsanforderungen und entwickeln gemeinsam mit den Jugendlichen und den zuweisenden Diensten individuelle Zukunftspläne.
Im Haus Rainegg in Brixen, das ebenfalls eine Struktur des Kinderdorfs ist, gibt es Unterstützung für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder. Diese erhalten dort maximal 3 Jahre Hilfe, um zu lernen wieder auf eigenen Füßen zu stehen und sich selbst und ihre Kinder zu versorgen.
Kido.IMPULS: Familie, Projekte, Bildung und Prävention
Mit dem Dienst Kido.IMPULS setzt das Südtiroler Kinderdorf auf Präventionsarbeit für alle Bürger:innen und stärkt Familien im Erziehungsalltag. Der Dienst vermittelt eine pädagogische Haltung, die auf den Werten Authentizität, Integrität, Gleichwürdigkeit und persönlicher Verantwortung basiert. Ziel ist es, gelingende Beziehungen innerhalb der Familie zu fördern und durch gezielte Begleitung ein gutes Aufwachsen von Kindern zu unterstützen – unter Einbeziehung aller, die dazu beitragen können. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Alltag und besonderer Aufmerksamkeit, die das Kinderdorf auch nach 70 Jahren so wichtigmacht. Denn die Krisen von Kindern sind heute oft leiser geworden. Sie verstecken sich hinter Wohnungstüren, in überforderten Familien, in Biografien, die aus dem Takt geraten sind.
Hier, in den Häusern rund um den Dorfplatz im Kinderdorf, bekommen Kinder und Jugendliche Zeit: Zeit, um anzukommen. Zeit, um Vertrauen wieder zu lernen. Zeit, um einfach Kind zu sein.
Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Ortes: dass er nicht laut ist, nicht spektakulär – sondern verlässlich. Tag für Tag.
TEXT: Iris Pahl