Wenn gut ausgebildete junge Menschen das Land verlassen, um zu studieren, ist das richtig und wichtig. Raus aus dem Nest, um Erfahrungen zu sammeln. Problematisch wird es jedoch, wenn sie nach ihrem Abschluss nicht mehr zurückkehren. Die aktuellen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund 70 Prozent der Südtiroler Akademiker und Akademikerinnen, die im Ausland studiert haben, kehren vorerst nicht zurück – während es im italienischen Durchschnitt nur etwa 10 Prozent sind. Allein im Jahr 2024 haben rund 1.699 junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren Südtirol verlassen, Tendenz steigend. In den letzten fünf Jahren waren es insgesamt etwa 7.000 junge Südtirolerinnen und Südtiroler, die dem Land den Rücken gekehrt haben.
Das ist ein massiver Aderlass an Wissen, Qualifikation und Innovationskraft.
Die Gründe dafür sind bekannt, aber politisch noch immer nicht ausreichend angegangen. Es ist vor allem die Schere zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten, die viele von einer Rückkehr abhält. Während die Einstiegsgehälter im benachbarten Ausland deutlich höher sind, gehört z. B. Bozen gleichzeitig zu den teuersten Städten Italiens. Wer hier arbeitet, zahlt Mieten auf Metropolenniveau, verdient aber nach italienischem Standard. Für viele junge Menschen wird die Rückkehr damit zur finanziellen Herausforderung.
Hinzu kommt eine Bürokratie, die eher abschreckt, statt einlädt. Die Anerkennung von Studientiteln aus dem Ausland ist trotz bestehender Abkommen oft langwierig und kompliziert. Viele entscheiden sich daher für den Verbleib im Ausland – dort, wo ihre Qualifikationen sofort anerkannt und geschätzt werden und sie ohne große Hürden in den Arbeitsmarkt einsteigen können.
Doch auch gesellschaftliche Faktoren dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Immer wieder hören wir von Studierenden, dass sie sich mehr Offenheit, Diversität und internationale Perspektiven wünschen. Eine als zu eng empfundene „Mir-sein-mir“-Mentalität, begrenzte berufliche Netzwerke und fehlende kulturelle Vielfalt können zusätzlich abschreckend wirken. Gerade junge Menschen, die internationale Erfahrungen gesammelt haben, suchen oft ein Umfeld, das diese Offenheit widerspiegelt.
Gleichzeitig sehen wir im temporären Weggang aber auch eine Chance. Wer im Ausland studiert und arbeitet, sammelt wertvolle Erfahrungen und bringt neue Impulse mit. Ziel muss es daher sein, aus dem Braindrain einen „Brain Gain“ zu machen.
Für uns ist klar: Heimatliebe allein reicht nicht aus. Wenn Südtirol langfristig wettbewerbsfähig bleiben will, braucht es konkrete Reformen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Löhne, leistbarer Wohnraum, eine radikale Vereinfachung der Anerkennungsverfahren und eine offene, zukunftsorientierte Gesellschaft. Denn jeder Kopf, der nicht zurückkehrt, ist ein Verlust – und jeder, der zurückkommt, eine Chance für Südtirol.
TEXT: Neha Bhati, Vorsitzende der Südtiroler HochschülerInnenschaft

Neha Kumari Bhati ist 2003 in Brixen geboren und lebt dort mit ihren Eltern und ihrer Schwester.
Nach der Matura an der WFO begann sie in Innsbruck Jus zu studieren. Zurzeit absolviert sie ein Erasmusjahr in Mailand an der „Università Cattolica del Sacro Cuore“
Seit dem 23.12.2025 ist sie Vorsitzende der Südtirol HochschülerInnenschaft