Editorial

Liebe Leserinnen, lieber Leser!


Pflege geht uns alle an. Sie ist ein Gradmesser für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. In Südtirol steht die Pflegesicherung an einem Wendepunkt: Steigende Kosten, wachsende Anforderungen und offene Reformfragen setzen das System unter Druck.

Für den KVW steht fest: Pflege darf keine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein. Es braucht eine verlässliche, solidarische Lösung für alle. Gleichzeitig stehen Familien zunehmend unter Belastung. Sie übernehmen einen großen Teil der Betreuung – sowohl bei Kindern als auch bei Pflegebedürftigen. Diese Verantwortung darf nicht zur privaten Dauerleistung werden. Gute Betreuung, verlässliche Strukturen und soziale Absicherung müssen ausgebaut und für alle leistbar sein.

In einer neuen Serie lassen wir auch Südtirols Väter zu Wort kommen. Zudem haben wir dem Südtiroler Kinderdorf zum 70-jährigen Bestehen einen Besuch abgestattet. Das und vieles Weitere in unserem Kompass.
Wir wünschen gute Lektüre.
Herzlichst,
Werner Steiner Vorsitzender und Werner Atz Geschäftsführer

Thema

Pflegesicherung am Scheideweg?

Der KVW warnt vor sozialer Spaltung durch private Pflegevorsorge und fordert eine Stärkung des öffentlichen Systems
Foto: pexels / jsme mila
Die Diskussion über eine gerechte und nachhaltige Weiterentwicklung der Pflegesicherung in Südtirol ist in vollem Gange. Das derzeit aus dem Landeshaushalt finanzierte Pflegegeld stellt für viele Familien eine unverzichtbare Unterstützung dar und hilft, einen Teil der Kosten für die häusliche Betreuung zu decken. Steigende Lebenshaltungs- und Personalkosten sowie die zunehmende Komplexität der Pflegebedürfnisse führen jedoch dazu, dass die Lücke zwischen öffentlicher Unterstützung und tatsächlichen Ausgaben immer größer wird. Besonders bei intensiver Betreuung deckt das Pflegegeld nur noch einen begrenzten Anteil der Kosten.
Familien stoßen an ihre Grenzen
Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen und bedeutet für viele Familien eine erhebliche finanzielle Belastung. Soll die Pflege weiterhin überwiegend im familiären Umfeld organisiert werden, müssen daraus resultierende Einkommensverluste besser abgefedert und professionelle Unterstützungsangebote ausgebaut werden.
Steigende Kosten, offene Reformfragen und Kritik an privaten Zusatzversicherungen
Angesichts steigender Kosten und der Alterung der Bevölkerung wird seit Jahren nach Lösungen gesucht, um die Pflegesicherung langfristig finanzierbar zu gestalten. Um den steigenden Finanzbedarf zu garantieren, prüft die Landesregierung die Einführung eines zweiten Finanzierungsstandbeins in Form einer freiwilligen privaten Pflegeversicherung. Bürgerinnen und Bürger sollen ergänzend Beiträge zahlen, um ihr Risiko im Pflegefall abzusichern. Das Modell soll über das Pensplan Centrum abgewickelt werden, ein Start ist noch in diesem Jahr geplant. Es bleiben jedoch zentrale Fragen offen: Konkrete Angaben zu den Zugangsvoraussetzungen, Beitrittskriterien, der Höhe der Versicherungsprämien und den zugesicherten Leistungen liegen bislang nicht vor. Aus den zuständigen Landesämtern ist zu vernehmen, dass eine technische Arbeitsgruppe weiterhin mit der Ausarbeitung der Details befasst ist. Diskutiert wird unter anderem eine einmalige Zahlung als Einstieg in die Versicherung, möglicherweise unter Verwendung von Mitteln aus dem Zusatzrentenfond oder der Abfertigung (TFR).
Skepsis in der Bevölkerung wächst
Auch wenn für eine abschließende Bewertung die Veröffentlichung der konkreten Ausgestaltung abgewartet werden muss, stößt vor allem die Entscheidung, künftig auf eine ergänzende private Pflegezusatzversicherung zu setzen, auf Skepsis und wirft grundlegende Fragen auf. Weite Teile der Bevölkerung sehen die Priorität vielmehr in einer längst überfälligen Weiterentwicklung und Stärkung des bestehenden, aus dem Landessozialfonds finanzierten Pflegesicherungssystems. Dass die Pflegesicherung nach Jahren ausgebliebener Reformen zunehmend an ihre Grenzen stößt, wird immer deutlicher. Gleichzeitig geht durch die anhaltend lange Diskussion immer mehr Vertrauen in die künftige Verlässlichkeit öffentlicher Leistungen verloren. Umso dringlicher ist es, dass die Landespolitik rasch die Voraussetzungen für eine langfristig tragfähige Lösung schafft – eine Lösung, die geeignet ist, die Sorgen pflegebedürftiger Menschen und ihrer Familien spürbar zu lindern.
Der KVW lehnt eine Versicherungslogik ab
Einen Ansatz, der auf einer Versicherungslogik basiert, lehnt der KVW ab. Darauf zu setzen, dass Menschen im Vorfeld des Pensionseintritts stattliche Summen einzahlen, wird am ehesten diejenigen überzeugen, die es sich gut leisten können. Es besteht die Gefahr, dass finanziell Schwächere ausgeschlossen werden, ebenso wie Personen, die erst im höheren Alter einstgeigen wollen.
Letztlich liefe eine freiwillige private Versicherung darauf hinaus, vor allem ein Angebot für Mittel- und Oberschichten zu sein – bei hohen Kosten und unsicheren Leistungen, ohne die strukturellen Probleme zu lösen. Im Gegenteil: Eine öffentliche Förderung privater Vorsorgemodelle würde Fehlanreize setzen, soziale Ungleichheiten verstärken und eine Zwei-Klassen-Pflege begünstigen.
Solidarität statt Versicherungslogik
Sollten zusätzliche Mittel erforderlich sein, erscheint es deutlich sinnvoller, alle Bürgerinnen und Bürger entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit an der Finanzierung zu beteiligen. Vermögende könnten stärker, Ärmere weniger oder nicht belastet werden. Eine freiwillige, private und zugleich öffentlich geförderte Pflegeversicherung hingegen wäre der falsche Weg. Angesichts eines von Jahr zu Jahr wachsenden Landeshaushalts ist es sozialpolitisch nicht vertretbar, dass bei zentralen Leistungen wie Gesundheitsversorgung und Pflege die finanzielle Belastung zunehmend auf die Familien abgewälzt wird. Stattdessen sollten weniger dringliche Ausgaben zurückgestellt und die Mittel für den Sozialbereich gezielt erhöht werden, um eine verlässliche und solidarische Pflege sicherzustellen.
TEXT: Christian Wenter
Christian Wenter