KVW Aktuell

Zwischen Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung

Ein Abend über die soziale Frage
Maria Elisabeth Rieder (Team K) und Moderator Markus Lobis


Die jüngste Ausgabe der Dialogreihe „start.klar.“ im UFO Bruneck, die vom KVW Bezirk Pustertal mitgestaltet wird, stand unter einem Thema, das aktueller kaum sein könnte: soziale Gerechtigkeit. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Rieder (Team K) und dem aus Berlin zugeschalteten Unternehmer und Sozialinnovator Sebastian Klein diskutierte Moderator Markus Lobis über Verteilung, politische Verantwortung, Lobbyismus und die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der Wohlstand nicht nur wächst, sondern auch fair verteilt wird.
Der Abend zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass soziale Gerechtigkeit nicht als abstrakter moralischer Begriff verhandelt wurde, sondern als konkrete Lebensrealität: gerechte Löhne, leistbares Wohnen, Altersarmut, Bildungszugänge, Startchancen und soziale Sicherheit. Rieder formulierte diesen Zugang sehr direkt: Wer arbeitet, müsse auch von seiner Arbeit leben können. Damit setzte sie einen klaren Gegenpol zu einer politischen Rhetorik, die soziale Spannungen oft hinter Wachstumszahlen und Erfolgsnarrativen verschwinden lässt. Sebastian Klein brachte eine andere, aber komplementäre Perspektive ein. Als Mitgründer von Blinkist und inzwischen engagierter Kritiker von Vermögenskonzentration beschrieb er eindrücklich die eigene Biografie als Weg vom Profiteur zum Zweifler. Seine zentrale These: Die extreme Ungleichheit westlicher Gesellschaften sei nicht bloß ungerecht, sondern demokratiegefährdend. Wenn immer größere Teile der Bevölkerung ökonomisch unter Druck geraten, wachse die Anfälligkeit für populistische und autoritäre Kräfte. Damit verschob sich die Diskussion von der Sozialpolitik zur Systemfrage.
Besonders spannend wurde der Abend dort, wo die Debatte vom Allgemeinen ins Südtiroler Konkrete wechselte. Rieder benannte offen, was im politischen Alltag des Landes oft nur hinter vorgehaltener Hand gesagt wird: den starken Einfluss von Lobbys, die Nähe von Politik und Interessenvertretung und das strukturelle Beharrungsvermögen eines Systems, das sich selbst gern als Erfolgsmodell präsentiert. Ihre Diagnose war deutlich: In einem Land mit Rekordhaushalten und gleichzeitig wachsender sozialer Unsicherheit stimmt etwas Grundsätzliches nicht.
Gerade hier lag die Stärke des Gesprächs: Es blieb nicht bei bloßer Empörung stehen, sondern suchte nach anderen Bildern von Gesellschaft und Wirtschaft. Beide Gäste betonten, dass Menschen Sicherheit brauchen, um Freiheit leben zu können. Nicht Angst und Konkurrenz, sondern Vertrauen, Teilhabe und Verantwortung müssten zum Ausgangspunkt politischen und wirtschaftlichen Handelns werden. In dieser Hinsicht war der Abend auch ein Plädoyer für ein anderes Menschenbild – gegen den Zynismus eines Systems, das Rendite oft höher bewertet als Würde.
Am Ende stand kein fertiges Programm, wohl aber ein klarer Eindruck: Die soziale Frage ist zurück – und sie ist nicht nur eine Frage von Geld, sondern auch von Demokratie, Haltung und öffentlichem Diskurs. Gerade deshalb war dieser Abend mehr als eine Podiumsdiskussion. Er war ein gelungener Versuch, die Gegenwart nicht nur zu kommentieren, sondern sie auch politisch und moralisch ernst zu nehmen.
TEXT: Markus Lobis

KVW Aktuell

Es ist nie zu spät für Veränderungen

Tagung stärkt Gemeinschaft und Lebensfreude
Zur 56. Landestagung der Verwitweten und Alleinstehenden lud der KVW in die Cusanus Akademie – und viele folgten der Einladung. Aus allen Landesteilen kamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, um sich auszutauschen, neue Impulse zu gewinnen und Gemeinschaft zu erleben.
Seit über 20 Jahren leitet Rosa Purdeller Obergasteiger die Interessensgruppe und freute sich über einen voll besetzten Saal. Die Tagung sei für viele längst ein Fixpunkt im Jahreskalender, betonte sie. Neben Information und Austausch steht dabei vor allem das Miteinander im Mittelpunkt.
Den Auftakt bildete eine feierliche Messe mit Domdekan Ulrich Fistill. Die biblische Vision aus dem Buch Ezechiel vermittelte eine klare Botschaft: Auch in schwierigen Zeiten ist Hoffnung möglich. Gerade angesichts aktueller Krisen gewinne dieser Gedanke besondere Bedeutung. Im Anschluss sprach der Geriater und Vorsitzende der KVW Senioren Christian Wenter über gesundes Altern. Seine „weltliche Predigt“ lieferte praxisnahe Anregungen: Neben genetischen Voraussetzungen und dem persönlichen Umfeld spiele vor allem der eigene Lebensstil eine entscheidende Rolle. Ausgewogene Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte seien zentrale Faktoren für Lebensqualität im Alter. Mit einem Augenzwinkern riet Wenter dazu, „auch ohne Hund Gassi zu gehen“.
Ein zentrales Thema blieb die Einsamkeit. Der KVW setzt hier gezielt an – etwa mit Mittagstischen, Vorträgen und gemeinsamen Aktivitäten in den Ortsgruppen. Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen und Isolation vorzubeugen. „Unter Leute gehen und aufeinander zugehen ist unser Rezept gegen Einsamkeit“, unterstrich Rosa Purdeller. Beim gemeinsamen Mittagessen und geselligen Beisammensein wurde diese Botschaft gleich in die Tat umgesetzt.