Die Suche nach Frieden gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit – weltweit, aber auch im Alltag der Menschen. Die Gemeinschaft Sant’Egidio hat in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass auch zivilgesellschaftliche Initiativen Brücken zwischen verfeindeten Parteien bauen können. Internationale Aufmerksamkeit erhielt sie 1992 mit ihrer Vermittlung des Friedens im Bürgerkrieg von Mosambik. Cesare Zucconi war an verschiedenen Friedensprozessen beteiligt und berichtet im Gespräch darüber, was Menschen und Gesellschaften zum Frieden führen kann – und warum es sich lohnt, dem Frieden immer wieder neu „nachzujagen“. Der KVW hat das Jahresthema „Suche Frieden und jage ihm nach“ ausgewählt und aus diesem Anlass auch Cesare Zucconi, Vizepräsident der katholischen Laienbewegung Sant’Egidio, die mittlerweile in 70 Ländern aktiv ist, nach Bozen eingeladen.
Sie waren an verschiedenen internationalen Friedensprozessen beteiligt, etwa beim Friedensabkommen im Bürgerkrieg von Mosambik. Was haben Sie dabei über die Voraussetzungen für echten Frieden gelernt?
Friedensstiftung erfordert Zeit, viel Geduld, die Fähigkeit, den Standpunkten der Konfliktparteien Gehör zu schenken, viel Dialog und viel Diskretion. Verhandlungen lassen sich nicht mit ständigen öffentlichen Erklärungen führen. Frieden lässt sich nicht erzwingen, sonst ist er nicht von Dauer. Wir leben in einer Zeit der Gewalt, in der der Krieg als Mittel zur Lösung von Streitigkeiten wieder salonfähig geworden ist. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass Kriege nicht nur schrecklich, sondern auch nutzlos sind und die Grundlage für neue Kriege bilden. Um Frieden zu erreichen, muss man die beteiligten Parteien überzeugen und einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Positionen suchen, der für alle akzeptabel ist. Dieser Kompromiss ist immer möglich, auch wenn heute schon das Wort „Kompromiss“ in vielen Situationen als inakzeptabel gilt. Ohne einen Kompromiss kommt man jedoch nicht aus einem Krieg heraus. Das bedeutet, dass jede beteiligte Partei im Namen des höheren Gutes des Friedens und des Lebens auf etwas verzichten muss. Mit Geduld muss eine Einigung angestrebt werden, indem man den Parteien zuhört, persönliche Beziehungen zu den Führern aufbaut, versucht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen, versucht, die Stimmen der vielen Kriegsopfer in die Verhandlungen einzubringen, aber auch Auswege vorschlägt. Es muss ein Klima des Vertrauens geschaffen werden, und dafür ist ein glaubwürdiger Vermittler notwendig, der keine anderen Interessen oder eine versteckte Agenda verfolgt. Es gibt eine Pathologie der Erinnerung, die geheilt werden muss. Je länger ein Krieg dauert, desto stärker wächst das Gefühl des erlittenen Unrechts. Deshalb muss auch vermieden werden, dass Kriege sich lange hinziehen, abgesehen von den hohen menschlichen Kosten.
Das KVW-Jahresthema lautet „Suche Frieden und jage ihm nach“. Warum braucht Frieden manchmal Menschen, die ihn aktiv suchen – statt darauf zu warten, dass Konflikte von selbst enden?
Kriege hören nicht von selbst auf. Im Gegenteil, in den letzten Jahren scheinen sie nie zu enden, sich endlos hinzuziehen. Heute gibt es weltweit über sechzig Konflikte unterschiedlicher Intensität, von denen viele schon seit Jahrzehnten andauern. Frieden scheint heute unmöglich, Krieg unvermeidlich, fast als sei er in den Chromosomen der Menschheit verankert. Das Zeitalter der Gewalt revolutioniert Sprache und Beziehungen zwischen den Völkern auf negative Weise und untergräbt die Kultur des Dialogs und der Diplomatie. Es hat das Völkerrecht mit Füßen getreten, das als bürokratischer Legalismus behandelt wird, obwohl es das Ergebnis der Zivilisation ist. Es hat in den Seelen der Menschen eine Welle der Aggressivität ausgelöst, deren Auswirkungen noch nicht absehbar sind. Es hat faktisch geleugnet, dass die Völker ein gemeinsames Schicksal haben. Es tat dies mit einer Ideologie, die auf der Wiederbelebung begrabener Mythen, Nationalismen sowie alter und neuer Ängste aufbaut und damit auch unsere liberalen Demokratien auf eine harte Probe stellt. Das Zeitalter der Gewalt ist eng mit der Durchsetzung eines globalen Techno-Kapitalismus verbunden. Doch heute gibt es weltweit eine große Sehnsucht nach Frieden. Man muss die Welt aus der Perspektive der Opfer betrachten, aller Opfer, ohne Unterscheidungen und ohne sie zu klassifizieren, ohne einen Wettbewerb zwischen ihnen zu schaffen. Es fällt mir auf, dass niemand die Zahl der Opfer heute kennt, während viel über Waffen und erreichte Ziele gesprochen wird, ohne den Tod so vieler wehrloser Zivilisten auch nur anzudeuten, die als notwendiger „Kollateralschaden“ betrachtet werden. Der Krieg wird wie ein Videospiel dargestellt. Erinnern wir uns daran: Die ersten, die den Preis zahlen, sind die Schutzlosen, die Schwächsten. Wir müssen ihnen zuhören, ihre Stimmen Gehör verschaffen, um die Spirale aus Zynismus und Resignation zu durchbrechen, die unsere Zeit beherrscht. Die europäische Geschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zeigt uns, dass man die Spirale des Krieges durchbrechen kann. Völker, die sich jahrhundertelang bekämpft haben, ein Kontinent, der Ausgangspunkt zweier Weltkriege und des Schreckens der Shoah war, haben sich dank der Initiative einiger christlicher Führer, die sagten „Nie wieder Krieg“, aus dem Abgrund erhoben. Monnet sagte: Besser am Verhandlungstisch kämpfen als auf dem Schlachtfeld. Diese Männer haben den Grundstein für ein in seiner Vielfalt geeintes Europa gelegt, das in Frieden und in demokratischen Gesellschaften lebt. Das zeigt uns, dass Männer und Frauen etwas bewirken können, auch weil kein Krieg vom Himmel fällt, sondern im Herzen der Menschen entsteht und sich ausbreitet. Das gilt auch für den Frieden.
Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung. Welche Rolle können engagierte Bürgerinnen und Bürger, Vereine oder kirchliche Gruppen beim Aufbau von Frieden spielen?
Heute herrscht eine gewisse Benommenheit, ein besorgniserregendes Schweigen in der Öffentlichkeit. Papst Leo sprach von der Globalisierung der Ohnmacht. Man fühlt sich ohnmächtig angesichts dieses Chaos, der rasanten Entwicklung der Ereignisse, der Geschichte. Von diesem Gefühl der Ohnmacht ist es nur ein kleiner Schritt zur Gleichgültigkeit. Man läuft Gefahr, angesichts all dieses Grauens abstumpft zu werden. Man geht nicht mehr für den Frieden auf die Straße. Ich erinnere mich an die großen Demonstrationen anlässlich des Irakkriegs im Jahr 2003. Aber heute? Ich glaube, wir müssen uns mobilisieren, auf die Straße gehen, der Kultur des Krieges und des Feindes widerstehen, die sich auch in unseren Gesellschaften ausbreitet. Die Zivilgesellschaft kann viel bewirken, insbesondere in liberalen Demokratien. Aber wir müssen den Regierenden unsere Stimme hörbar machen. Ich sehe auch eine große Gefahr für unsere Demokratien, die zunehmend von populistischen Bewegungen bedroht werden, aber auch von der Vorstellung, dass Demokratie ungeeignet und langsam sei, dass es einen starken Mann oder eine starke Frau brauche, der oder die die Dinge in die Hand nimmt. Diese Vorstellung ist sehr riskant. Wir müssen unsere Demokratien durch Mitwirkung verteidigen und unterstützen, die Prinzipien unserer Verfassungen, die aus den Trümmern von Kriegen und Nationalismen entstanden sind, bewahren und verbreiten. Die Kirche und insbesondere der Papst haben eine klare Haltung zum Krieg. Sie ist vielleicht eine der wenigen Stimmen, die vom Frieden, von den Opfern und vom Scheitern des Krieges spricht. Alle Päpste, zumindest seit Beginn des letzten Jahrhunderts, haben sich sehr deutlich zum Krieg geäußert: ein sinnloses Gemetzel, ein Abenteuer ohne Wiederkehr, ein Versagen der Menschheit… und so könnte man weitermachen. Das ist keine Naivität, sondern Realismus. Naiv ist, wer glaubt, alles mit Krieg lösen zu können. Papst Leo hat die Gemeinschaften, Pfarreien und Gruppen dazu aufgerufen, „Häuser des Friedens“ zu sein, wo „man lernt, Feindseligkeiten durch den Dialog zu entschärfen, wo Gerechtigkeit geübt und Vergebung bewahrt wird“. Das ist eine sehr wichtige Aufgabe, zu der alle aufgerufen sind.
Viele Menschen fühlen sich angesichts von Kriegen und Konflikten ohnmächtig. Wo beginnt Frieden ganz konkret im Alltag – vielleicht auch in unseren Familien, Nachbarschaften oder Gemeinden?
„Der Frieden ist eine Baustelle, die allen offensteht“, sagte Johannes Paul II. zum Abschluss des historischen Tages in Assisi vor 40 Jahren, an dem sich zum ersten Mal in der Geschichte die Führer der Weltreligionen versammelt hatten, um für den Frieden zu beten. Sant’Egidio hat diesen Weg im „Geist von Assisi“ Jahr für Jahr fortgesetzt, um zu bekräftigen, dass der Krieg nicht heilig ist, sondern nur der Frieden heilig ist. Jeder kann zum Frieden beitragen. Papst Leo sagte in seiner Botschaft zur diesjährigen Fastenzeit: „Bitten wir um die Kraft eines Fastens, das auch die Zunge betrifft, damit verletzende Worte weniger werden und Raum für die Stimme des anderen wächst. Und setzen wir uns dafür ein, dass unsere Gemeinschaften zu Orten werden, an denen der Schrei der Leidenden Gehör findet und das Zuhören Wege der Befreiung eröffnet, wodurch wir bereitwilliger und eifriger dazu beitragen, die Zivilisation der Liebe aufzubauen“. Das scheint mir eine konkrete Perspektive zu sein, an der ich persönlich und als Gemeinschaft arbeiten kann, indem ich mit Sympathie für die Anderen lebe, die Ärmsten und Ausgegrenzten in den Mittelpunkt stelle, die nicht nur eine Frage für die Caritas, sondern für alle Christen sind. Aus der Freundschaft mit den Armen und dem Kampf gegen die Ausgrenzung beginnt der Aufbau einer gerechteren und damit friedlicheren Gesellschaft.
Wenn Sie den Leserinnen und Lesern eine einzige Ermutigung mitgeben könnten: Was kann jede und jeder von uns tun, um dem Frieden im eigenen Umfeld „nachzujagen“?
Ein katholischer Priester, Don Pino Puglisi, der von der Mafia ermordet wurde, weil er die Jugendlichen von Palermo von der Mafia befreien wollte, sagte einmal: Wenn jeder etwas tut, kann man viel erreichen. Wir müssen mehr für den Frieden beten, dies in unseren Pfarreien und Gemeinschaften tun, und zwar unermüdlich. Das Gebet ist der erste Aufstand gegen den Krieg und hilft uns, uns nicht zu fügen. Das Gebet hat zudem eine historische Kraft. Es kann den Lauf der Dinge verändern. Erinnern wir uns daran, dass die Geschichte voller Überraschungen ist.
INTERVIEW: Iris Pahl