KVW Aktuell
Neue Väter braucht das Land
Das Bild vom Vater hat sich gewandelt – zumindest in der Vorstellung. Doch wie sieht der Alltag wirklich aus? Wie gelingt es, präsent zu sein, Verantwortung zu teilen und gleichzeitig den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden? Unsere neue Serie macht moderne Väter sichtbar: ihre Erfahrungen, ihre Zweifel und ihre Wege. Zum Auftakt spricht Hannes Rechenmacher, pädagogischer Mitarbeiter der Katholischen Männerbewegung, über Rollenbilder, verpasste Chancen – und das Lernen im Laufe der Jahre.

Foto: privat
Was bedeutet Vatersein für dich? Was sind die schönen Seiten, was die Herausfordernden?
Hannes Rechenmacher: Vatersein verändert sich meiner Erfahrung nach wesentlich in den verschiedenen Lebensphasen. In der Kleinkind- und Kind-Phase habe ich mich als ein emotionaler Anker und als Tor zur Welt erfahren. Aufgrund meiner flexiblen Arbeitszeiten konnte ich bei den meisten außer-/schulischen Veranstaltungen mit dabei sein, bzw. meinen Tagesablauf ein wenig auf ihre Bedürfnisse abstimmen. Durch die Gründung des ElKi Jenesien konnte ich gemeinsam mit anderen Eltern unseren Kindern neue Angebote ermöglichen. Das waren zugleich die schönen Seiten. Die herausfordernden waren anfangs das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und die Geduld in bestimmten Situationen (z.B. Trotzphasen, umständliches Verreisen usw.).Jetzt befinden sich unsere Töchter in der Pubertät, bzw. kurz nach der Volljährigkeit. Da bedeutet Vatersein für beide Seiten die Erfahrung, dass der Vater eben kein Übermensch ist, sondern vor ähnlichen Anfragen des Lebens steht wie sie selbst und dass sich im Idealfall eine Beziehung auf Augenhöhe entwickeln kann. Davon unberührt ist Vatersein für mich die ständige Bereitschaft, zu helfen, wo es geht. Eine weitere Herausforderung besteht für mich darin, dass man die Kinder ihrem Weg anvertraut und dass bei aller Nähe auch eine gewisse Fremdheit entsteht. Vielleicht braucht es das, damit aus den „eigenen“ Kindern „eigenständige“ Persönlichkeiten werden können.
Was sind Hürden für dich, die dich daran zu hindern, dein Papasein so zu gestalten, wie du es gerne hättest?
In den frühen Phasen waren es ökonomischen Zwänge. Die typische Folge: Aus der ursprünglich gleichberechtigten Rollenverteilung ist es bei uns dann auch in das althergebrachte Muster gekippt: Meine Frau hat die Care-Arbeit bei den drei Kindern daheim übernommen, ich hingegen zusätzlich zur Vollzeitstelle noch nebenberufliche und ehrenamtliche Tätigkeiten. Mit den Jahren ist die „Falle“ dann zugeschnappt: Der Weg führte mich aus der gleichberechtigten Rolle immer mehr in eine „assistierende“ – wohl auch, weil die Bestätigung von außen verlockend ist. Interessant ist auch, dass mich „draußen“ nie jemand zur Rede gestellt hat, wer jetzt wohl daheim bei meinen Kindern ist – während das Müttern immer wieder passiert.
Wie teilst du und deine Partnerin euch die Erziehungs- und Hausarbeit konkret im Alltag? Was übernimmst du, was sie? Wie macht ihr euch das aus?
Die Erziehung unserer Kinder ist mittlerweile abgeschlossen. Was bleibt, ist das Verhandeln bestimmter Themenbereich wie Freizeitgestaltung oder Beteiligung am Haushalt. Seit kurzem versuchen wir, monatlich einmal gemeinsam zu einer Familienbesprechung zusammenzukommen und anstehende Dinge oder Konflikte zu klären.Derzeit hat meine Frau eine ca. 60 Prozent-Stelle, während ich in Vollzeit beschäftigt bin. Dazu kommen bei mir noch einige ehrenamtliche Rollen. Was die Hausarbeit betrifft, so hat sich die Aufteilung nach und nach entwickelt. Meist gibt es einen konkreten Anlass, um die Aufteilung neu auszuhandeln, wie z.B. Veränderung der Schul-Stundenpläne, Freizeitgestaltung, am Arbeitsplatz oder im Ehrenamt. Grundsätzlich haben wir eher eine klassische Aufteilung: den Großteil der Wäsche erledigt meine Frau, einen Teil ich. Beim Kochen ist es ebenso. Bei den technischen Angelegenheiten ist das Verhältnis andersherum. Die Reinigung der Wohnbereiche übernimmt meine Frau, unterstützt von technischen Helfern, während ich den Großteil der Pflanzen in Haus und Garten versorge. Müll/Recycling und in den kalten Monaten das Heizen mit Holz sind meine Aufgabengebiete. Um die Gestaltung religiöser Rituale kümmere ich mich, während für die kulinarischen Höhepunkte bei Festen meine Frau sorgt. Was das „mental load“ betrifft (Management von Kochen und von Terminen der Kinder rund um Gesundheit, Kleidung, Freizeit-/Feriengestaltung) ist die Aufteilung 90:10, bei der Umsetzung gefühlte 70:30. Sonntagabend gehen wir beide die Woche durch und klären die Anwesenheiten und Aufgaben. Seit kurzem nutzen wir eine Familien-App, die flexibles Einkaufen erlaubt, indem alle Zugriff auf die Einkaufsliste haben.
Gibt es etwas, das du unterschätzt hast?
Drei Dinge fallen mir ein: 1. Wie schnell die Zeit insgesamt vergeht, wenn sie auch manchmal in bestimmten Situationen ewig zu dauern scheint – z.B. bis ein Kind sicher laufen lernt oder ungestörtes Schlafen wieder möglich ist. 2. Wie herausfordernd es ist, ein gutes Gleichgewicht zwischen Familienrolle und Partnerschaft zu bewahren. 3. Dass ich auch eine Verantwortung mir selbst gegenüber habe, gut mit meinen Bedürfnissen und besonderen Aspekten meiner Persönlichkeit umzugehen.
Wie reagieren Kolleg:innen oder Freunde auf dein Engagement zuhause?
Ich arbeite seit jeher im sozial/kulturellen/kirchlichen Bereich (Jugendarbeit, Bildungsarbeit). Auch die allermeisten Freunde bewegen sich in diesem Kontext. Da ist das Engagement zuhause normal und die Reaktionen sind bestärkend. In meiner „Blase“ ist es eher so, dass ein zu schwaches Engagement daheim kritisch gesehen wird.
Was würdest du anderen Vätern sagen, die sich stärker einbringen wollen?
Zuerst einmal: Daumen hoch! Dann würde ich mich erkundigen, wie es ihnen dabei geht. Die Rahmenbedingungen zu ändern ist sehr, sehr mühsam – da ist „zwischen-männliche“ Solidarität unerlässlich. 1993 habe ich begonnen, Sozialpädagogik/-arbeit zu studieren. In meinem Jahrgang waren 46 Prozent Männer und 54 Prozent Frauen. Damals bin ich davon ausgegangen, dass die Verteilung in naher Zukunft ca. 50:50 sein wird. Mittlerweile geht die Entwicklung deutlich in die andere Richtung. Im pädagogischen Bereich (frühe Kindheit bis ca. Mittelschulabschluss) sind Männer stark unterrepräsentiert, das gilt u.a. auch bei den Sommerbetreuungsprogrammen in der Jugendarbeit. Aus meiner Sicht bräuchte es viel mehr männliche Präsenz im pädagogischen und pflegerischen Bereich und umgekehrt weibliche im technischen Bereich, im Finanzsektor und in der Politik.
