KVW Aktuell

Unsichtbare Arbeit, ungleiche Chancen

Frauen und Wirtschaft in Südtirol
v.l.n.r. Jvone Peruzzi, Jenny Ufer und Heidrun Goller

Wirtschaft ist nicht geschlechtsneutral – davon ist Jenny Ufer überzeugt. Die Forscherin am Center for Advanced Studies der Eurac Research denkt Wirtschaft neu: aus feministischer, ökologischer und global gerechter Perspektive. Mit der KVW-Frauen Vorsitzenden Heidrun Goller und Mitarbeiterin Jvone Peruzzi sprach sie bei einem Besuch im Forschungszentrum Eurac Research darüber, warum Frauen in der Wirtschaft noch immer strukturell benachteiligt sind – und welche Alternativen es zum klassischen Wachstumsdenken gibt.
Der Gender Report zeigt, dass Frauen in Südtirol durchschnittlich 17,2 Prozent weniger verdienen als Männer. Welche strukturellen Besonderheiten des Südtiroler Arbeitsmarktes tragen Ihrer Meinung nach besonders zu diesem Gender Pay Gap bei?
Ufer: Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen arbeiten viele Frauen in Wirtschaftssektoren wie sozialen Berufen oder saisonabhängigen Berufen wie dem Tourismus. Vor allem die saisonale Arbeit ist häufig mit unsicheren und nicht gleichbleibenden Einkommen verbunden. Hinzu kommt der hohe Anteil an Teilzeitarbeit, da Frauen nach wie vor einen Großteil der Sorgearbeit übernehmen.
Erschwerend wirken in Südtirol zudem die begrenzten Betreuungsmöglichkeiten und die langen Sommerferien. Zwölf Wochen müssen überbrückt werden – wer dabei nicht auf familiäre Netzwerke zurückgreifen kann, steht vor enormen organisatorischen und finanziellen Herausforderungen. Öffentliche Dienstleistungen in der Kinderbetreuung sowie in der Pflege von älteren und pflegebedürftigen Menschen sind nur eingeschränkt vorhanden, vieles wird auf die Familien – und dabei vor allem auf die Frauen – abgewälzt. Auch die Elternzeit ist stark weiblich geprägt: Nach wie vor nehmen Frauen häufiger und länger Elternzeit als Männer.
Sorge- und Pflegearbeit wird in Südtirol oft informell oder unbezahlt geleistet. Inwiefern verstärkt gerade diese Wirtschaftsstruktur die Unsichtbarkeit weiblicher Arbeit? Kann man den Wert dieser Care-Arbeit monetär beziffern?
Ufer: Das ist eine komplexe Frage. Unsere wirtschaftlichen und sozialen Systeme sind strukturell auf stetiges Wirtschaftswachstum ausgelegt – etwa Renten-, Arbeitsmarkt- und Inflationsmodelle, die von einem jährlichen Wachstum von rund drei Prozent ausgehen.
Dieses Wachstum wird jedoch in vielen europäischen Ländern seit Jahren kaum noch erreicht. Gleichzeitig beruht das Funktionieren dieser Systeme auf unbezahlter Sorgearbeit, die überwiegend im privaten Raum stattfindet und im Bruttoinlandsprodukt nicht erfasst wird und somit nicht gemessen wird. Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit oder die Pflege von Angehörigen werden nur dann wirtschaftlich sichtbar, wenn sie bezahlt und ausgelagert werden. Studien zeigen jedoch, dass unbezahlte Sorgearbeit einen enormen ökonomischen Wert hat – in Ländern wie Österreich oder Deutschland sogar höher als die gesamte bezahlte Arbeit. Dennoch bleibt sie unbezahlt, weil das bestehende Wirtschaftssystem diese Leistungen finanziell gar nicht tragen könnte.
Das Problem ist daher nicht nur fehlende Bezahlung, sondern eine grundlegende gesellschaftliche Abwertung: Sorgearbeit wird als privat und unsichtbar behandelt, obwohl sie die Grundlage für wirtschaftliches und gesellschaftliches Funktionieren bildet. Eine rein monetäre Bewertung greift zu kurz – nötig ist ein grundlegendes Umdenken darüber, was als wertvoll gilt.
Frauen leisten also unbezahlbare Arbeit.
Ufer: Ja, es ist effektiv so. Ohne die unbezahlte Care-Arbeit könnte das Wirtschaftssystem, so wie wir es jetzt haben, gar nicht stattfinden.
Südtirol gilt wirtschaftlich als wohlhabend. Warum sagt dieser Wohlstand Ihrer Ansicht nach wenig über die tatsächliche Lebensrealität vieler Frauen aus?
Ufer: Oft wird Wohlstand mit dem BIP (Bruttoinlandsprodukt) gleichgesetzt. Wenn das BIP wächst, heißt es automatisch: Der Wohlstand wächst. Was dabei aber völlig ausgeblendet wird, ist die Frage, wie dieser Wohlstand verteilt ist. Denn selbst wenn die Wirtschaft insgesamt wächst, heißt das noch lange nicht, dass alle davon profitieren. In der Realität ist es häufig so, dass vor allem die obersten ein bis zehn Prozent den Großteil dieses Wachstums spüren, während der Rest nur sehr wenig oder gar nichts davon merkt. Das zeigt sich auch ganz konkret in Südtirol: Rund 60.000 Menschen verdienen hier weniger als 10.000 Euro im Jahr, während gleichzeitig sechs Personen über 500.000 Euro jährlich verdienen. Dieses Gefälle sagt sehr viel darüber aus, wer vom Wohlstand tatsächlich profitiert.
Global ist diese Ungleichheit noch extremer – dort heißt es inzwischen, dass die reichsten 0.001 Prozent (weniger als 60.000 Menschen) dreimal mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Die Verteilungsfrage ist also kein Randthema, sondern eine zentrale Gerechtigkeitsfrage.
Besonders betroffen sind Frauen. Laut des Weltungleichheitsberichts 2026 verdienen Frauen weltweit weniger als Männer. Mit bezahlter und unbezahlter Arbeit zusammen verdienen sie im Schnitt nur etwa ein Drittel. Betrachtet man nur bezahlte Arbeit, sind es ungefähr 60 Prozent.
Gleichzeitig arbeiten Frauen auch besonders oft in Bereichen, die ohnehin schlechter bezahlt sind und in denen wirtschaftliches Wachstum bei den Beschäftigten kaum ankommt. Das hat auch mit unserer gesellschaftlichen Bewertung von Arbeit zu tun. Pflegende, sorgende und soziale Berufe sind strukturell schlechter bezahlt, weil sie im wirtschaftlichen Denken als weniger wertvoll gelten. Würden wir sozial statt rein wirtschaftlich denken, müssten genau diese Berufe deutlich höher entlohnt werden als viele technische oder industrielle Tätigkeiten. Wichtig ist natürlich auch gleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit.
Welche konkreten politischen Maßnahmen wären in Südtirol notwendig, um Sorgearbeit sichtbarer und gesellschaftlich wie ökonomisch besser zu bewerten – jenseits bloßer Gleichstellungsrhetorik?
Ufer: Um Sorgearbeit in Südtirol aufzuwerten, braucht es vor allem strukturelle und fiskalische Maßnahmen. Zentral ist eine substanzielle Verbesserung der Einkommens- und Arbeitsbedingungen in Pflege-, Betreuungs- und Sozialberufen. Außerdem braucht es eine systematische Anerkennung unbezahlter Sorgearbeit, wie zum Beispiel durch eine rentenwirksame Anrechnung von Care-Arbeit (für Kindererziehung und Pflege).
Insgesamt geht es darum, Sorgearbeit nicht länger als private oder „ergänzende“ Leistung zu behandeln, sondern als zentrale Infrastruktur einer funktionierenden Gesellschaft – mit entsprechenden politischen Prioritäten und Ressourcen. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Arbeitszeit aller auf 32 Stunden pro Woche zu reduzieren, damit alle mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit haben. Eine kürzere Arbeitszeit bedeutet dabei nicht unbedingt weniger Produktivität.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

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Rückblick auf die Seniorentagung

Rund 150 Seniorinnen und Senioren nahmen an der KVW-Tagung „Miteinander gegen die Einsamkeit“ im Pastoralzentrum teil.
Vorsitzender Christian Wenter beleuchtete in seinem Referat die Ursachen von Einsamkeit – von gesellschaftlichem Wandel über steigende Einpersonenhaushalte bis hin zur zunehmenden Individualisierung – und betonte die Bedeutung von Gemeinschaft und Begegnung. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden konkrete Angebote der KVW Senioren vorgestellt: Bewegungsgruppen, Seniorenclubs, „Tanzen ab der Lebensmitte“, Gedächtnistraining sowie „Senior Online“. Sie alle fördern körperliche und geistige Fitness und schaffen soziale Kontakte.
Zum Abschluss wurde gemeinsam getanzt – ein lebendiges Zeichen für gelebtes Miteinander.