Thema
Leben – mit der Trauer
Am 5. März 2025 haben Denise, Nora, Sofia und Lorenz Mann und Vater verloren

Foto: privat
Zwei Monate war das Haus voll; die Küche voller Leute, der Tisch wie von Heinzelmännchen immer gedeckt. Aber sie waren wie betäubt. Kein Gefühl. Leere. Ein 300 Meter tiefer Sturz hat von einem Tag auf den anderen ihr Leben auf den Kopf gestellt. Seit dem 5. März 2025 bleibt ein Platz am Tisch leer. Für Denise Arquin und die Kinder Nora, Sofia und Lorenz ist Robert Fliri dennoch immer mit dabei. Sie müssen lernen, ohne den Mann, ohne den Vater zu leben. Gemeinsam - aber jeder auf seine Art.
Nora zählt seit dem Unglückstag die Tage auf ihrem Handy. Mitte April waren es 397. Sofia ist in sich gekehrt, wie in einem Alptraum gefangen, Lorenz fühlt sich auch unter Gleichaltrigen oft allein und akzeptiert kein „Muss“ mehr. Als der Vater bei einer Skitour vom Grat der nördlichen Schwemser Spitze stürzte, waren die Geschwister 16, 14 und 5 Jahre alt.
Denise versucht aus ihrer inneren Lähmung zu finden, sich mit der Außenwelt (wieder) zu verbinden. Auch wenn alles anders ist. Sie ist anders, die anderen sind anders. Alles ist anders. Das Umgehen in der Familie ist anders. Und er ist immer dabei.
Robert Fliri, der Erfinder der Five-Finger-Shoes (noch zu Zeiten seines Studiums an der Fakultät für Design der Freien Universität Bozen) war nicht nur Mann und Vater, der öfter auf Geschäftsreise war, er war ein überaus erfolgreicher Designer. Bekannt in aller Welt. Er war 48 Jahre alt. „Wir haben Telegramme von überall her erhalten. Bei der Beerdigung eine Woche nach dem Unglück waren über tausend Menschen da, auch Journalisten. „Zeitungen in China, Hongkong, Japan, New York sollen über Roberts Tod geschrieben haben, so wurde mir jedenfalls berichtet", erinnert sich Denise.
Ein überraschender Anruf hat einen Weg angezeigt, besser mit der Trauer zu leben. Am Telefon war Andreas Egger vom Bäuerlichen Notstandsfonds Menschen helfen, mit einfühlsamen Worten und mit einem Angebot und einer Einladung: Professionelle Trauerbegleitung für die ganze Familie und die Teilnahme an der Initiative “Lebendig trauern”, ein Angebot für einen Tag in Gemeinschaft mit Menschen, die ebenfalls mit dem Verlust eines geliebten Menschen leben müssen und die sich mit ihrer Trauer weniger einsam fühlen möchten.
Für Denise Arquin war die erste Teilnahme an der Initiative zusammen mit Nora, Sofia und Lorenz von besonderer Wichtigkeit, das heißt, wie wichtig es war, hat sie erst im Nachhinein verstanden. „Ich habe an diesem Tag gemerkt, dass es für mich lebensnotwendig ist, mich mit Gleichgesinnten auseinandersetzen zu können.“ Im Bekanntenkreis von früher redet fast niemand mit ihr über ihren verstorbenen Mann Robert. Befangenheit spielt da eine Rolle, auch enge Bekannte wagen nicht, an den Schmerz zu rühren, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Andererseits wird erwartet, dass irgendwann alles „gut ist“ und man zum normalen Alltag zurückkehrt. „Aber es ist eben nicht „alles gut“, sagt Denise, „Trauer hat kein Verfallsdatum. So funktioniert Trauer nicht.“ Trauer hat einen wellenförmigen Verlauf, keine Welle gleicht der anderen. Sie kann sich legen und dann wieder mit voller Wucht auftreten. Geweckt von Kleinigkeiten. „Zum Beispiel, wenn ich die Lieblingsschokolade meines Mannes im Supermarkt sehe.“
Der vom BNF - Menschen helfen organisierte Tag dient aber nicht nur dem sich Sich-Austauschen, sondern hilft auch, sich selbst zu erleben, sich seiner selbst wieder bewusst zu werden, auch, sich zu entspannen, den Gedanken freiem Lauf zu lassen. Gesprächsrunden, kreative und spielerische Tätigkeiten und ganz viel Natur sind der Kern des Konzepts. Barfuß durch den Wald laufen, sich spüren. Das ist Denise in bleibender Erinnerung geblieben. Merken, dass man nicht alleine ist. Dass Trauer erlaubt ist. Dass Trauer auch Ausgelassenheit, Lachen und Leichtigkeit erlaubt.
Jeder Mensch erlebt Trauer anders. Und Trauer verändert. Nora erzählt, dass sie vorher ungemein diszipliniert war. „Heute komme ich nicht mehr rein in die Disziplin, lebe von Moment zu Moment.“ Sie begegnet ihrem Vater in der Natur, die er so geliebt hat. Sieht überall Zeichen von ihm. „Ein Schmetterling in der Küche, ein besonderer Lichtstrahl durch das Fenster. Dann spüre ich, jetzt ist er da, aber wenn ich ihn etwas fragen möchte, dann ist er weg!“
Sofia erlebt keine solchen Momente. Sie fühlte sich die ersten Monate nach dem Unfall gefangen in einem Alptraum, der kein Ende fand. Sie konnte an manchen Tagen nicht zur Schule gehen, nicht aus dem Haus. Sie will, nicht dass ihre Mutter weg geht, ohne sie.
Der Beistand ihrer Freundinnen und die Unterstützung durch die Schule haben ihr geholfen, sich aus dem Kokon, in dem sie eingeschlossen war, zu befreien, wieder aus dem Haus und in die Schule zu gehen. In die Schule geht sie jetzt gerne, weil sie will, nicht weil sie muss. „Müssen tun wir gar nichts“, sagt sie, „außer sterben.“
Sie hat einen Entwicklungssprung gemacht, ist gereift. „Ich fühle mich heute viel sicherer, als früher. Das Schlimmste ist mir eh schon passiert und alles ist möglich.“ Sie hat die Begeisterung für das Theaterspielen entdeckt, hat dort neue Freunde gefunden. „Die Gruppe hat mich aufgefangen, während der drei Stunden Theaterkurs hat die Traurigkeit sich zurückgezogen.“ Sie hat gelernt, mit ihrer Trauer zu leben, mit ihr umzugehen. „Vorher hatte ich Angst vor ihr, dass sie gar nicht mehr weggeht. Jetzt kann ich sie zulassen.“
Der Familien-Tag war für alle vier aus verschiedenen Gründen eine Bereicherung. Denise hat sich unter Gleichgesinnten gefühlt und eine Freundin gefunden. Auch Lorenz konnte feststellen, dass es andere Kinder gibt, die ohne viele Worte genau verstehen, was in ihm vorgeht, weil sie das gleiche erlebt haben wie er. Nora und Sofia hatten zwar keine gleichaltrigen Gesprächspartner in der Gruppe, aber sie haben zueinander gefunden. Sie haben die andere entdeckt, gelernt, sich zu verstehen und zu schätzen. Sie haben erkannt, was in der anderen vorgeht und akzeptiert, dass sie beide einen unterschiedlichen Umgang mit der Trauer haben.
An einem zweiten Treffen haben nur Denise und Lorenz teilgenommen, aber bei einem nächsten Mal wären Nora und Sofia gerne wieder mit dabei, vorausgesetzt, es sind auch andere Jugendliche in ihrem Alter angemeldet.
Die Trauer bleibt, wie der leere Platz am Tisch. Sie verändert sich, kommt und geht, ist in Bewegung, mal stärker, mal schwächer, unvorhersehbar und Denise, Nora, Sofia und Lorenz werden sich wohl auch noch mehrere Male mit ihrer Trauerbegleiterin Nadia Kofler treffen. Aber etwas Wesentliches hat sich doch geändert: sie fühlen sich weniger allein mit ihrer Trauer, sie fühlen sich legitimiert, ihre Trauer zu leben, ohne Druck, ohne Zeitlimit, jeder auf seine Weise und auch gemeinsam und es gelingt ihnen immer besser, sie in das tägliche Leben einzubauen und als einen neuen Teil von sich zu akzeptieren, der so zu ihrem Leben gehört, wie ihr Mann bzw. Vater. Und was den leeren Platz am Tisch betrifft, leer ist nur der Stuhl. Er ist immer mit dabei. Wird es immer sein.

