Der Kommentar
Liebe Leserinnen, liebe Leser

Nicole Dominique Steiner
| Foto: Paul Starosta
In unserer schnelllebigen, nur zu oft von Terminkalender, Konsum und Socialmedia bestimmten Zeit, ist keine Zeit für Trauer. Trauer folgt keiner festgelegten Dauer. Trauer ist nicht schnell, sie verharrt. Trauer ist unberechenbar, sie kommt und geht in Wellen. Manchmal überkommt sie uns nach einer sehr langen Pause, völlig unerwartet. Vielleicht reaktiviert durch einen Geruch, eine Sorte Kekse im Supermarkt oder einen Musiktitel. Manchmal lähmt sie unsere Energie für Monate, um dann plötzlich wieder Platz für das Leben zu lassen.
Trauer begleitet uns ein Leben lang. Am Anfang ist sie nur schwer zu ertragen, mit der Zeit wird sie zur stillen Begleiterin und verwandelt sich vielleicht in eine sanfte Melancholie. Auf jeden Fall in Erinnerung. Solange wir erinnern, trauern wir auch. Besonders Kinder leiden sehr unter Trauer, weil sie sie noch ganz authentisch und ohne Filter leben. Weil sie sie oft nicht verstehen, weil sie sich schuldig fühlen, wenn sie mit den Freunden Fußball gespielt haben oder einen Nachmittag unbeschwert im Schwimmbad herumgetollt haben. Oft sind sie aus Hilflosigkeit der Erwachsenen allein gelassen mit der Trauer. Das Schweigen lastet oft mehr auf ihnen als die Trauer selbst.
Trauer muss gelebt werden, damit wir mit ihr leben können. Und um das zu lernen, gibt es professionelle Hilfe. Trauerbegleiter*innen, die einfühlsam und geduldig einen Weg durch und mit der Trauer zeigen. Nicht jeder findet allein den Weg zu solch einer professionellen Begleitung. Aus Unwissenheit, aus Scham, aus Angst. Der Bäuerliche Notstandsfonds aktiviert sich auch von selbst, um Menschen, Erwachsenen und Kindern, professionelle Trauerbegleitung anzubieten. Und nicht nur: seit 2024 führt er auch Menschen zusammen, die Trauer leben. Ein bisschen wie die Krebshilfe: Unter Gleichgesinnten, unter Menschen, die ein ähnliches Bündel tragen, fühlen wir uns verstanden und geraten nicht in Erklärungsnot. Trauer gehört zum Leben, Trauer ist ein elementares Gefühl wie Liebe. Das Tabu erstickt sie, erstickt uns. Trauer darf alles: laut sein und leise. Sie darf schreien, weinen oder auch lachen. Sie darf alleine sein oder in Gesellschaft. Sie kann alle Farben tragen oder keine. Nur vor ihr verschließen darf man sich nicht. Und wir müssen keine Angst vor ihr haben: Im Grunde ist sie das Band, das uns mit dem geliebten Menschen, den wir verloren haben, verbindet.
Nicole Dominique Steiner

