Aktuell

Gut gekühlt durch die Chemotherapie

Studie über Prophylaxe gegen die Chemotherapie induzierte periphere Polyneuropathie, CIPN
Fotos: Othmar Seehauser
Seit 2022 ist sie dran. Hartnäckig und überzeugt. Eine Herkulesarbeit. Sie und ihr Team haben Studie über Studie gelesen, Daten verglichen. Neurologen und Techniker fachübergreifend miteinbezogen. Und jetzt ist es geschafft. Alle Hürden sind überwunden. Primarin Dr.in Sonia Prader ist mehr als zufrieden! Das Ethikkomitee hat geprüft und genehmigt, die Sanitätsverwaltung hat geholfen. Die Kollegen der Brustzentren in Bruneck, Bozen und Meran sind mit im Boot, die Maschinen sind angeschafft, die ersten Patientinnen sind ausgewählt, die ersten Ergebnisse erfasst. Untersucht wird die Auswirkung einer Kälteanwendung während der Chemotherapie zur Vorbeugung einer peripheren Polyneuropathie. Ermöglicht wurde die Studie vor allem auch durch die finanzielle Unterstützung der Südtiroler Krebshilfe und der SVP-Frauen über die Primelverkaufsaktion.
CIPN – hinter diesem Kürzel verbirgt sich eine gefürchtete, auch weil großteils irreversible Nebenwirkung der Behandlung mit neurotoxischen Krebsmedikamenten. Missempfindungen an Händen und Füßen, Taubheitsgefühle, motorische Schwächen sowie Funktionsverluste, Schmerzen oder Brennen. Nicht selten führt das Auftreten der Chemotherapie-induzierten peripheren Polyneuropathie, so der ausführliche Name von CIPN, sogar zu einer Reduzierung oder gar Unterbrechung der Chemotherapie. Rund 60 bis 80 % der mit Taxanen behandelten Patientinnen entwickeln eine CIPN, bei über 40 % der Betroffenen wird diese periphere Polyneuropathie nach drei Monaten zum chronischen Zustand und sorgt noch nach Jahren für eine verminderte Lebensqualität.
„Die Beschwerden der Patientinnen können so stark werden, dass wir nicht selten die Dosis der Chemotherapie reduzieren müssen, bei einigen muss die Therapie sogar unter- oder abgebrochen werden“, erklärt Dr.in Prader. So unangenehm die Auswirkungen dieser Nebenwirkung sind, so einfach scheint der Lösungsansatz: Kühlung. Das Prinzip ist einfach: Die Extremitäten, also Hände und Füße, werden 15 Minuten vor der Chemotherapie, 30 Minuten während der Chemotherapie und weitere 15 Minuten nach Abhängen der Chemotherapie gekühlt. Gezielt gekühlt.
Wichtig ist die konstante Kühlung auf 15 Grad, erklärt die Primarin. Die „Tschipn-Maschine“, wie Prader das Gerät HILOTHERM® ChemoCare liebevoll nennt, kühlt blaue, mit destilliertem Wasser gefüllte Manschetten, die um Hände und Füße geschlossen werden, prozessorgesteuert auf eine konstante Temperatur. „Damit soll verhindert werden, dass die Chemotherapie über die Blutbahnen in die Nervenenden von Händen oder Füßen gelangt.“ Wird hingegen unkontrolliert gekühlt, zum Beispiel mit Kühlelementen aus der Gefriertruhe, verschließen sich die Gefäße komplett und öffnen sich bei der Erwärmung so stark, dass sogar noch mehr Chemotherapie-Präparat in die Extremitäten fließen kann. Ein sogenannter Rebound-Effekt. „Deshalb kein Do-it-yourself“, warnt Prader, die von Patientinnen berichtet, die über den Kühl-effekt im Internet gelesen haben und sich Eis-Pads von zuhause mitbringen, um Hände und Füße zu kühlen.
Bei jeder Studie gibt es immer eine Gruppe, die die neue Behandlung erhält, und eine Kontrollgruppe, die sie nicht erhält. Beide Studienarme werden regelmäßig den gleichen Untersuchungen unterzogen, die Daten rigoros erfasst. Nur so lässt sich der Unterschied objektiv erfassen. Im Fall der CIPN - Studie werden alle Patientinnen, die eine Chemotherapie mit Taxanen erhalten, eingeladen, an der Studie teilzunehmen. Sind sie einverstanden, unterschreiben sie eine Erklärung nach umfassender Aufklärung über Risiken und Bedingungen. Wer in die Interventions- bzw. Kontrollgruppe kommt, ermittelt ein Zufallsprogramm.
„Das bedeutet nicht, wie vielleicht viele fälschlicherweise meinen, dass wer in der Interventionsgruppe ist, Glück hat und wer in der Kontrollgruppe Pech“, betont Dr.in Prader. „Schließlich wissen wir ja noch nicht, zu welchem Ergebnis die Studie kommt. Sonst müssten wir sie nicht durchführen.“ Die Interventionsgruppe wird während der Chemotherapie an die Hilotherm-Maschine angeschlossen, die andere Gruppe nicht. Alle Teilnehmerinnen an der Studie werden vor und nach Beginn der Chemotherapie einer ausführlichen neurologischen Untersuchung und einem Nervenleitgeschwindigkeits-Test unterzogen. Nach einer bestimmten Anzahl von Chemotherapien wird dieser Test in beiden Gruppen mehrmals wiederholt, ebenso am Ende und ein Jahr nach Abschluss.
Der Vorteil für die Patientinnen in der Kontrollgruppe sei in jedem Fall, dass auch sie engmaschige neurologische Kontrollen erhalten. „Noch ist es ja nur eine Hypothese, dass Kühlung vorbeugt“, unterstreicht Prader. „Erst bei Vorlage eindeutiger Zahlen können wir entscheiden, diese Therapie künftig allen Patientinnen anzubieten.“
Die Daten werden in Mailand ausgewertet. „Wir haben uns mit einer der weltweit führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Forschung zur CIPN zusammengetan“, sagt die Primarin. „Die Fragestellung wird weltweit erforscht. Noch reichen die vorhandenen Daten nicht aus, um die Kryotherapie in die Leitlinien zu übernehmen. Auch unsere Ergebnisse werden dazu beitragen, eine klare Antwort zu finden.“
Brixen und Bruneck haben bereits sechs bzw. eine Patientin eingeschlossen und mit der Studie begonnen. Meran und Bozen werden in Kürze nachziehen. Die Teams der Brustzentren treffen regelmäßig zusammen, um sich auszutauschen. Jeder Standort arbeitet mit einer eigenen Kühlungsmaschine. Insgesamt werden 144 Patientinnen in die Studie eingeschlossen. Die Studie wird über zwei Jahre laufen und soll 2028/29 abgeschlossen werden.

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Motivation: Anderen helfen

Margit Schwazer ist in der Kontrollgruppe der CIPN-Studie Brixen
Foto: privat
Sie hat 12 Chemotherapien mit Taxal erhalten, Margit Schwazer aus Sterzing ist eine der Patientinnen, die bereits an der CIPN-Studie in Brixen teilgenommen haben. Das Zufallsprogramm hat sie in die Kontrollgruppe verwiesen. Bereit erklärt zur Teilnahme hat sich die 49jährige Krankenschwester und Mutter von drei Kindern im Alter von mittlerweile 17, 12, 9 Jahren aus der Motivation heraus, anderen zu helfen und zu einer besseren Verträglichkeit der Therapien beizutragen.
Ihre letzte Chemotherapie war im Januar und im Januar nächsten Jahres wird sie der letzten neurologischen Untersuchung im Rahmen der Studie unterzogen. Margit Schwazer hat im April 2025 ihre Diagnose erhalten, Ende Juni wurde sie operiert, einen Monat später war eine Nachresektion notwendig, Ab August 2025 hat sie insgesamt 16 Chemotherapien, davon 12 mit Taxal und anschließend 15 Bestrahlungen erhalten.
War sie enttäuscht, als sie erfuhr, dem Kontrollarm zugeteilt worden zu sein? „Nein“, sagt Margit Schwazer, „es ist uns sehr gut erklärt worden, dass bei einer Studie das Ergebnis ja nicht feststeht. „Ich muss sagen, dass ich eigentlich froh war, nicht der Interventionsgruppe anzugehören. Es war Januar und allein die Vorstellung von Kühlung an Händen oder Füßen ließ mich erzittern!“ Sie hat hingegen dieselben Kontrolluntersuchungen erhalten wie die Kryotherapie-Patient:innen. Bis jetzt hat sie Glück gehabt und auch ohne Kühlung noch keine Anzeichen einer chemotherapiebedingten Polyneuropathie.