Vor zwanzig Jahren wurde das Brustgesundheitszentrum Brixen – Meran auf Initiative der damaligen Primare der Abteilungen für Gynäkologie in Brixen und Meran, Dr. Arthur Scherer und Dr. Herbert Heidegger gegründet und aufgebaut. Wir haben mit Dr. Heidegger, der seit vergangenem Jahr im Ruhestand ist, einen Rückblick gehalten.
Wie kam es zur Gründung des Brustgesundheitszentrums?
Dr. Herbert Heidegger: Die Initiative ging zurück auf eine Entscheidung des Europäischen Parlaments von 2005: Angesichts der zu hohen Sterblichkeitsrate von Brustkrebspatientinnen wurden die europäischen Staaten aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um diese Zahlen zu senken und Brustkrebszentren aufzubauen. Dr. Scherer und ich wir fragten uns, was können wir machen und die naheliegendste Idee erschien uns, gemeinsam ein Zentrum aufzubauen. Es war ein großer Aufwand. Wir verbrachten viele lange Abende mit der Planung.
Was war das Neue an diesem gemeinsamen Zentrum?
Dr. Herbert Heidegger: Drei Stichworte: Interdisziplinarität, Qualitätsmanagement und Zertifizierung. Das heißt, der Aufbau eines Pools aus verschiedenen Experten, Gynäkologen, Radiologen, Chirurgen, Onkologen, Dietologen, Onko-Psychologen, Pathologen, Radiotherapeuten, Komplementärmediziner, spezialisiertem Pflegepersonal, die Breastcare-Nurses, Physiotherapeuten… Fachkräfte, die ihre Erfahrungen bündeln. Die Möglichkeit, durch die Zusammenlegung von zwei Abteilungen in jedem Bereich fundierte Erfahrung durch höhere Zahlen anzusammeln. Die regelmäßige Kontrolle der Tätigkeit durch Audits im Abstand von einem bzw. drei Jahren.
Und die Zahlen beweisen den Erfolg dieser Strategie!
Dr. Herbert Heidegger: Absolut. Auch weil wir stark in Screening und Prävention investiert haben und den Patientinnen neben dem rein medizinischen Aspekt noch viel drum herum anbieten. Wir haben eine Brustkrebssportgruppe mithilfe von Valentina Vecellio aufgebaut, wir haben Informationsabende veranstaltet und dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit für das Thema Prävention und Vorsorge sensibilisiert wird. Wir haben die Frauen zur Selbstuntersuchung angeleitet und für alle Patientinnen ein Treffen mit Psycho-Onkologen bzw. mit Diätberatern organisiert. Wir haben angenehme Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und über die Breastcare-Nurses den direkten Draht zu jeder Patientin hergestellt. Und wir haben eine Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Innsbruck aufgebaut, um besonderen Fällen auch den Zugang zu einem universitären Exzellenz-Zentrum zu erleichtern.
Braucht es im Zeitalter der Globalisierung und Standardisierung der Therapien heute noch den direkten Zugang zu einem universitären Zentrum?
Dr. Herbert Heidegger: Bei besonders komplexen Fällen, z. B. wenn eine Patientin nicht nur Brustkrebs hat, sondern zusätzlich noch andere Tumore wie z.B. eine Leukämie. Die direkte Linie zur Universitätsklinik ermöglicht uns auch, Patientinnen an Studien teilhaben zu lassen und wir wissen, dass Patient*innen, die an Studien teilnehmen können, zusätzliche Heilungschancen haben. In unserem BGZ betrifft das rund 10 Prozent der Patientinnen.
Und die Ergebnisse haben gezeigt, dass Zusammenarbeit die Basis von Erfolg ist…
Dr. Herbert Heidegger: Ja, es ist eine absolute Erfolgsgeschichte; die Zahlen beweisen das und auch der jährliche Vergleich mit rund 200 internationalen Brustgesundheitszentren. Wir stehen im Vergleich gut da!
Das Beispiel BGZ hat Schule gemacht. Es werden immer mehr thematische Zentren gebildet: Prostatazentrum, Darmzentrum, Hautkrebszentrum, Kopf-Hals-Tumorzentrum usw. Wie erklären sie sich, dass es für den Aufbau der anderen „Organ-Zentren“ doch noch sehr lange gedauert hat?
Dr. Herbert Heidegger: Brustkrebs ist eine sehr besondere Erkrankung und hat eine starke politische Dimension. Politisch, weil Frauen betroffen sind. Und Frauen kümmern sich, Frauen fordern, Frauen geben sich nicht einfach zufrieden. Frauen wollen mehr. Deshalb ist in diesem Bereich deutlich mehr weitergegangen und die anderen schließen sich erst jetzt an.
Die von der SKH mitfinanzierte Bewegungstherapie wird im Herbst fortgesetzt. Infos im BGZ Brixen.