Aktuell
„Etwas Nützliches für den Nächsten tun“
Dr. Stefano Grassi ist der neue Primar für Gynäkologie und Geburtshilfe in Meran

Foto: privat
Südtirol kennengelernt hat er über Studienkollegen. Nach einem ersten Praktikum im Bozner Krankenhaus, noch als Student, wusste er, „Südtirol ist mein Lebens- und Arbeitsort.“ Er war ab 2004 Assistenzarzt am Krankenhaus Innichen und Bozen und anschließend leitender Arzt in der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Regionalkrankenhaus Bozen, wo er seit 2021 den Dienst für Urogynäkologie geleitet hat.
Ihr Spezialgebiet ist die Urogynäkologie…
Dr. Stefano Grassi: … ja aber ich habe auch über viele Jahre Erfahrungen im onko-gynäkologischen Referenzzentrum - auch im Bereich der Chirurgie - sammeln können, ebenso wie in der Geburtshilfe.
Jede zweite Frau leidet an Beckenboden-Problematiken. Das – vor allem, aber nicht nur in der Vergangenheit – unterschätzte Beckenbodentraining ist aber nicht nur nach einer Geburt von großer Bedeutung, Welche Rolle spielt der Beckenboden bei gynäkologischen Krebserkrankungen?
Dr. Stefano Grassi: In der Tat gibt es einen engen Zusammenhang zwischen einer Unterleibs-Krebsbehandlung und dem Beckenboden. Sei es nach einer radikalen Operation oder nach einer Beckenbestrahlung für einen Gebärmutterkrebs oder ein Zervixkarzinom wird der Beckenboden sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Muskelanteil und das Bindegewebe werden geschwächt und selbst die Nervenfasern können z. T. beschädigt sein. Dies führt zu Störungen der Funktion der Harnblase, des Darmes sowie auch der Sexualität. Besonders dieser letzte Aspekt wird immer noch zu wenig thematisiert und bleibt ein Tabu! Man konzentriert sich nur auf die onkologischen Nachfolgeuntersuchungen. Aber viele Patientinnen, vor allem die immer mehr betroffenen jüngeren Frauen haben hier ein klares Bedürfnis. Das medizinische Leistungsangebot wird diesem noch nicht gerecht. Eine Sensibilisierung der Beckenbodenfunktion bei onkologischen Patientinnen sollte in meinen Augen essentieller Bestandteil eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes sein!
Sie werden in Zukunft ein besonderes Augenmerk auf den Beckenboden richten?
Dr. Stefano Grassi: Mehr als ein besonderes Augenmerk. Meran ist meiner Ansicht nach, ein guter Ort für die Schaffung einer Beckenboden-Ambulanz, eines Exzellenz-Zentrums, das verschiedene Fachrichtungen koordiniert und an das sich Patientinnen aus allen anderen Teilen Südtirols wenden können.
Ihr Vorgänger, Dr. Heidegger, war auf Brust-Chirurgie spezialisiert. In Bozen sind dafür die Chirurgen zuständig, so dass sie als Gynäkologe nicht damit befasst waren. Wie werden sie das handhaben?
Dr. Stefano Grassi: Ich habe den - sagen wir praktischen Teil des Mamma-Bereichs an eine erfahrene Kollegin, Dr.in Tania Dalsass und ihr Team delegiert und sehe hier meine Aufgaben vor allem in der organisatorischen, strukturellen und finanziellen Unterstützung. Mein Gebiet in der Chirurgie ist neben dem Beckenboden die mini-invasive und laparoskopische Chirurgie von verschiedenen gynäkologischen Becken-Pathologien.
Als Primar sind sie auch Leiter des Brustgesundheitszentrums Meran, ein Bereich, der in Bozen wie bereits erwähnt, nicht der Gynäkologie angeschlossen ist. Und nicht nur: Bozen ist Eusoma zertifiziert, Meran hingegen nach den Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft.
Dr. Stefano Grassi: Ja und wir haben erst kürzlich wieder die Akkreditierung für die nächsten drei Jahre erhalten. Wir haben ausgezeichnete Zahlen, sowohl was die Resultate als auch die Patientinnen-Zahlen anbelangt.
Sehen sie Unterschiede zwischen der europäisch-italienischen Eusoma-Zertifizierung und der deutschen Zertifizierung?
Dr. Stefano Grassi: Die geforderten Qualitätskriterien sind sich sehr ähnlich, wie z. B. eine niedrige Nach-Resektionsquote (also dass die Operationsränder noch einmal nachoperiert werden müssen, weil noch vereinzelt Zellen nachgewiesen wurden) und das besondere Augenmerk auf die Lebensqualität und das Wohlergehen der Patientinnen. Die kontinuierliche Weiterbildung der beteiligten Fachkräfte und Spezialisten usw. Es ist eher ein historisches Erbe. Meran war in der Vergangenheit mehr in Richtung Deutschland ausgerichtet, Bozen in Richtung Italien/ Europa. Grundsätzlich orientieren sich beide Zertifizierungen nach internationalen Standards.
Was ist ihnen in ihrer neuen Funktion als Leiter einer komplexen Struktur besonders wichtig, wenn sie an ihre Mitarbeiter*innen und an die Organisation ihrer Abteilung denken?
Dr. Stefano Grassi: Ich habe hier in Meran ein ziemlich heterogenes Team vorgefunden, weil es in der Zeit nach der Pensionierung meines Vorgängers ein Turn-Over gegeben hat. Die Konsolidierung des Teams, Teambildung ist sicher eine meiner Prioritäten. Mir ist außerdem wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, in seinem Bereich autonom Verantwortung zu übernehmen. Das heißt aber nicht, dass jeder alleine vor sich hinarbeitet, sondern wir werden uns regelmäßig austauschen und wo es geht zusammenarbeiten. Die Motivation der Mitarbeiter ist mir sehr wichtig. Ich möchte hier in Meran die Beckenboden- sowie die miniinvasive und laparoskopische Chirurgie verstärken, in die Geburtshilfe investieren und daran arbeiten, eine gut funktionierende Versorgungskette mit dem Perinatal-Zentrum in Bozen zu gewährleisten. Bei Risiko- und Hochrisikoschwangerschaften die Versorgung mit Bozen integrieren bzw. gegebenenfalls die Patientinnen nach Bozen weiterleiten.
Was hat sie bei ihrer Berufswahl motiviert?
Dr. Stefano Grassi: Ich wollte etwas Nützliches und Konkretes für den Nächsten tun. Keine Gesetze interpretieren, kein Manager in der Wirtschaft werden. Und ich würde in einem nächsten Leben genau dieselbe Entscheidung wieder treffen.
… und die Entscheidung für die Gynäkologie?
Dr. Stefano Grassi: Das Spektrum der Gynäkologie und Geburtshilfe ist sehr weit gefasst und das fasziniert mich. Ich wollte mich nicht nur auf einen Teil des Körpers, auf ein Organ konzentrieren. In der Gynäkologie gibt es Geburtshilfe, Chirurgie, Endokrinologie, Onkologie … praktisch die gesamte Medizin und zudem begleiten wir unsere Patientinnen vom Anfang bis zum Ende, von A bis Z und können deshalb auch zum Teil über Jahre hinweg sehr intensive menschliche Beziehungen aufbauen.
Was ist ihr Ausgleich zu einer doch sehr fordernden Tätigkeit?
Dr. Stefano Grassi: Ich bin Musiker, spiele Schlaginstrumente und bin Mitglied des Meraner Pop-Symphonie-Orchesters, MPSO. Musik hat einen sehr wichtigen Stellenwert in meinem Leben und hilft mir im Gleichgewicht zu bleiben.
Südtirol ist für ihn einfach perfekt. Unter allen Gesichtspunkten. Zweisprachigkeit bezeichnet er als Essenz seines Lebens. Er ist in Italien geboren, aufgewachsen in Hannover, Medizinstudium in Bologna und österreichisches Facharztdiplom in Gynäkologie, dazu ein Master in Uro-Gynäkologie. Dr. Stefano Grassi ist der neue Primar der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Meran und Nachfolger von Dr. Herbert Heidegger.

