Thema

In Pfützen springen

Nadja Kofler – Von der Religionspädagogik zur Trauerbegleitung
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Sie ist eigentlich Religionspädagogin, aber religiöse Themen sind in ihrer Trauerberatung nur dann ein Thema, wenn es gewünscht wird, wenn der oder die Trauernde einen Bezug zu religiösen Inhalten hat. Nadia Kofler ist von Anfang an mit dabei gewesen und hat mit ihrer Kollegin Gabriela Mair am Tinkhof sozusagen als Working Progress den Ablauf der Familientage „Lebendig trauern“ sukzessive verfeinert.
Zur Trauerbegleitung ist sie nicht über eine eigene Trauererfahrung gekommen. Nach der Matura verbrachte sie ein halbes Jahr in Kenia in einer Missionsstation und das dortige Erleben hat sie nicht nur auf ihren Studienweg gebracht, sondern auch die ersten Weichen für ihre spätere Tätigkeit gestellt. Ebenso wie die intensive Begegnung mit einem Mädchen, dessen Vater verstorben war.
Ihr Credo ist: „Trauer ist ein Urgefühl des Menschen, keine Krankheit, kein Syndrom, sondern ein ganz natürliches Empfinden, das zugelassen werden muss. Auch wer traurig ist, darf schöne Dinge machen, darf lachen und spielen, ausgelassen sein.“ Und vor allem, darf man auch in der Trauer oder gerade in der Trauer an sich und seine Bedürfnisse denken, muss weiter leben. „Erwachsene waten durch den Fluss der Trauer, Kinder springen in die Pfütze. - und wieder hinaus. Und das ganz oft hintereinander.“
Nadia Kofler begleitet die Kinder beim Reiten am Reiterhof in Elvas und sieht in dieser Aktivität einen ganz besonderen Wert. Vertrauen in sich und andere finden, die Urkraft des Pferdes spüren. Zu erfahren, ich schaffe das oder auch, wir schaffen das gemeinsam, wenn z. B. Vater oder Mutter die Erfahrung teilen.
Vor allem müssen Kinder erfahren, dass sie ein Recht auf ihre Bedürfnisse haben. Sie müssen lernen, sich zu trauen, ihre Bedürfnisse mitzuteilen. „Kein Kind ist zu klein, um Wahrheit zu erfahren, um zu trauern, wichtig ist, dass die Inhalte kindgerecht vermittelt werden und dass dem Kind nicht Verantwortungen zugeschoben werden, die es nicht leisten kann, z. B. Du musst mich trösten“, unterstreicht Nadja Kofler. Hingegen, ja, dem Kind die Trauer, seine ganz eigene Art von Trauer zutrauen und sie respektieren. Auch dazu sind die Familientage da.
Trauer muss Teil des Lebens sein und ein kreativer Umgang mit der Trauer hilft uns, nicht sie aus unserem Leben zu entfernen, sondern sie so zu integrieren, dass sie sich mit uns verändert.

Thema

Trauer hat kein Maß

Psychologin Brigitte Greif: Trauer ist ein ganz normales Gefühl und notwendig, um den Schmerz zu überwinden
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Trauer ist die normale Reaktion auf eine Serie von Ereignissen: Erkrankung, Ende einer Beziehung, Verlust der Arbeitsstelle, Verlust eines nahestehenden Menschen. Trauer ist immer anders. Jeder lebt sie anders, es gibt kein richtiges oder falsches Trauern, es gibt kein Zeitlimit. Trauer ist notwendig, um Verlust zu verarbeiten und ins Leben zurückzukehren. Trauer ist wie der Tod immer ein Tabu, unsere Gesellschaft tut sich schwer, Trauer in ihrer ganzen Bandbreite zu akzeptieren. Ein Gespräch mit Brigitte Greif, Psycho-Onkologin am Krankenhaus Meran.
Wie fühlt sich Trauer an oder besser, wie kann sie sich anfühlen, da das individuell ja ganz unterschiedlich ist.
Brigitte Greif: Im ersten Augenblick äußert sie sich meistens als tiefe Niedergeschlagenheit, als Leere, als starker, innerer Schmerz. Sie kann sich aber auch durch Wut ausdrücken, durch körperliche Schmerzen, Appetitlosigkeit, Unruhe, Schlaflosigkeit, Fehlen von Energie. MRT-Untersuchungen haben gezeigt, dass psychologischer Schmerz, Trauer, im Gehirn sehr ähnlich verarbeitet wird wie körperlicher Schmerz.
Trauer ist mehr als nur ein negatives Gefühl…?
Brigitte Greif: Ja, wie alle Gefühle, hat Trauer einen Sinn. Sie hilft uns, einen Verlust zu verarbeiten, führt uns zu den richtigen Themen, sie lässt uns wachsen.
Trauer ist nicht gleich Trauer
Brigitte Greif: Das stimmt. Trauer ist immer wieder anders, jeder trauert auf seine Weise und deshalb gibt es auch kein richtig oder falsch. Es gibt Menschen, die in ihrer Trauer völlig apathisch sind, andere entwickeln eine hektische Aktivität. In der Trauer ist alles erlaubt. Weinen, Wut, Verstummen. Und vor allem hat Trauer kein Schema, keinen Zeitplan und das kann in unserer auf Leistung, Produktivität, Schnelligkeit und Funktionieren ausgerichteten Gesellschaft auf Unverständnis stoßen. Dabei ist es so wichtig, innezuhalten und versuchen zu verstehen, welche Unterstützung und welchen Trost brauche ich, was wird mit mir jetzt? Viele Menschen wissen nicht, wie sie Trauernden begegnen sollen. Sind Unsicher und versuchen das mit leeren Floskeln zu kaschieren: „Das wird schon wieder“, „Schau vorwärts“ usw. Aber das ist alles andere als hilfreich. Besser wäre ganz offen zuzugeben. „Mir fehlen die Worte, aber ich bin hier, bin da für dich.“
Trauer ist sehr oft auch mit Schuldgefühlen verbunden. Gerade auch bei Kindern.
Brigitte Greif: Das stimmt. Aber wie gesagt, jedes Gefühl hat seinen Platz. Auch Schuldgefühle sind notwendig; sie können helfen, in Verbindung zu bleiben, nicht den Kontakt zu verlieren. Sie können helfen, Ordnung zu schaffen. Schuld fühlen, heißt ja nicht, tatsächlich Schuld haben. In jedem Fall müssen sie überwunden werden. Wenn sie bleiben, kann das zu Blockaden führen, das lähmt uns innerlich.
Kinder trauern anders als Erwachsene?
Brigitte Greif: Ja. Kinder trauern sprunghafter. Sie weinen und beginnen im nächsten Moment ausgelassen zu spielen. Sie trauern momentweise und sie haben das Recht, darin unterstützt zu werden. Sie brauchen Erklärungen, Beistand, kindgerechte Wahrheit. Rituale. Sie können bei der Beerdigung einen Luftballon steigen lassen oder ein Bild malen. Sie dürfen sehen, dass wir weinen, aber sie dürfen von den Erwachsenen nicht als Trostgeber missbraucht werden. Besondere Achtsamkeit gilt auch, wenn ein Elternteil z.B. durch Krankheit stirbt. Kinder müssen darauf vorbereitet werden, sonst könnten sie falsche Schlussfolgerungen ziehen, wie „Mama ist gestorben, weil ich nicht brav war.“ Stirbt ein Kind in der Familie, besteht das Risiko, dass die Geschwisterkinder in der Trauer „vergessen“ werden, dass ihre Trauer unterschätzt oder nicht wahrgenommen wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass Geschwisterliebe eine ganz besondere, tiefe Art der Liebe ist.
Gibt es einen Unterschied in der Trauer, wenn sie antizipiert (z.B. durch Krankheit) bzw. durch einen ganz plötzlichen Verlust verursacht ist?
Brigitte Greif: Ein plötzlicher Verlust bewirkt einen Schockzustand. Alles scheint unwirklich, man ist orientierungslos, empfindet ungemein intensive Gefühle, intensiven Schmerz, vielleicht auch Wut über das ungerechte Schicksal, Wut auch auf die verstorbene Person, „Warum ist er immer so schnell gefahren?“ Hier ist das Begreifen die große Herausforderung. Antizipierte Trauer kann hingegen schon im Voraus zu einer tiefen Ermüdung führen und nach dem Tod des Betroffenen bei aller Trauer auch zu Erleichterung führen, „Jetzt hat sie es hinter sich.“
Wie stehen sie zu Initiativen wie „Lebendig trauern“, also Trauerbewältigung in der Gruppe?
Brigitte Greif: Voraussetzung ist immer die Begleitung von gut ausgebildeten Personen. Dann kann es sehr hilfreich sein, sich auszutauschen oder für Kinder zu sehen, es gibt andere, denen geht es wie mir. Ich bin nicht allein. Gerade auch für Einzelkinder, die sonst nur Erwachsene als Ansprechpartner haben. Wichtig ist, niemanden zur Teilnahme zu zwingen. Was für den einen in der Familie gut ist, muss es nicht für andere sein. Das gehört auch zur Regel, dass jeder anders trauert und jeder die Trauer des anderen respektieren muss. In der Partnerschaft, in der Familie. Trauer hat kein einheitliches Maß, weder in der Intensität, noch in der Zeit, noch in dem, wie sie erlebt wird. Solche Begegnungen sind in meinen Augen in der ersten Zeit noch verfrüht, aber später kann es durchaus hilfreich sein. Zum Sich-Bewusstwerden, zu einer Bestandsaufnahme, „Wo stehe ich jetzt?“, zum Sich-Öffnen und warum nicht, auch als eine kurze Auszeit aus der Trauer, eine Verschnaufpause dank schöner Gemeinschaftserlebnisse.
Trauer muss bewusst durchlebt
werden?
Brigitte Greif: Unbedingt. Wir müssen uns der Trauer stellen. Nicht gelebte, verdrängte Trauer verlängert sich, sie verwandelt sich nicht und hindert uns letztlich wieder in den Alltag zurückzufinden, wieder genussfähig zu werden. Chronische Trauer kann zu Depression werden.
Sie sagen Trauer verwandelt sich?
Brigitte Greif: Ja. Trauer wird uns immer begleiten. Sie wächst mit uns, wandelt sich mit uns. Trauer ist auch ein Ausdruck von Liebe. Früher galt das Konzept von Trauer als Loslassen, als Abschied. Heute geht man vielmehr davon aus, dass Trauer auch dazu dient, in Verbindung zu bleiben, die innere Verbundenheit mit dem Menschen, der einem so nahe war, zu halten. Das kann durch Rituale an bestimmten Jahrestagen sein, durch innere Zwiegespräche. Auch noch nach Jahren und auch noch, wenn man vielleicht ein neues Leben an der Seite eines neuen Partners begonnen hat. Wenn ein Mensch sehr wichtig für uns war, dann ist es unmöglich, Abschied zu nehmen. Der Schmerz weicht der Erinnerung. Und wenn auch in anderer Form: Die Liebe bleibt. •