Thema

Exzellenz zwischen Forschung, Innovation und Patientenversorgung

Die Hämatologie und das Knochenmarktransplantationszentrum Bozen
Foto: Othmar Seehauser
Seit 2016 leitet Dr. Atto Billio die Abteilung für Hämatologie und das Knochenmarktransplantationszentrum in Bozen – ein wahres Aushängeschild des Südtiroler Gesundheitswesens. Als Bezugspunkt auf Landes- und Regionalebene zeichnet sich die Einheit durch hochkomplexe Eingriffe und eine Medizin aus, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wir haben den Primar gebeten, uns diese wegweisende Realität vorzustellen, die kürzlich zusätzlich zur Zertifizierung auch eine Exzellenz-Qualifizierung erhalten hat, die es ermöglicht, Patienten modernste CAR-T-Zell-Therapien anzubieten.
Die Tätigkeit der Abteilung unterteilt sich in zwei große Bereiche: neoplastische Erkrankungen (Blutkrebs) und nicht-tumorbedingte Erkrankungen. „Erstere machen den Großteil unserer Arbeit aus“, erklärt Dr. Billio. „Wir behandeln akute und chronische Leukämien, Lymphome, Myelome und Myelodysplasien. Im Bereich der nicht-tumorbedingten Erkrankungen kümmern wir uns hingegen um angeborene und erworbene Anämien sowie Gerinnungsstörungen.“
Die Struktur ist der landesweite Bezugspunkt für alle hämatologischen Erkrankungen sowie das regionale Zentrum für die Diagnostik akuter Leukämien und die Transplantationsmedizin. In der Region ist Bozen das einzige Zentrum, das bestimmte Leukämiearten behandelt und allogene Knochenmarktransplantationen durchführt.
Die Abteilung besteht derzeit aus einer Subintensivstation mit 11 Betten und dem Knochenmarktransplantationszentrum mit 4 Betten. Hinzu kommen ein Day Hospital mit 5 Zimmern und 11 Betten sowie 6 Ambulatorien, in denen durchschnittlich 60 Patienten pro Tag betreut werden. Die Ambulanz für hämatologische Erstvisiten ist jeden Vormittag und an einem Nachmittag pro Woche geöffnet.
Gegründet im Jahr 1999 durch Prof. Paolo Coser, fusionierte die Abteilung 2023 zusammen mit der Abteilung für Hämatologie des Krankenhauses Trient zum Metropolitanen Knochenmarktransplantationszentrum Bozen-Trient. „Ich möchte die ständige konstruktive Zusammenarbeit mit der Sanitätsdirektion betonen, sowohl im administrativen als auch im medizinischen Bereich, um die Entwicklung der Abteilung zu garantieren“, unterstreicht Billio. „In Kürze werden uns neue Räumlichkeiten mit 18 Einzelbetten zur Verfügung stehen, die eine klare Trennung zwischen der Subintensivstation und dem Transplantationszentrum ermöglichen.“
„Unser großes Glück“, so der Primar, „ist es, auf allen Kompetenzebenen auf ein junges, hochmotiviertes Personal zählen zu können, das offen für Innovationen und sehr empathisch ist. Gemeinsam führen wir die Mission unserer Abteilung fort, bei der der Patient und seine Bedürfnisse stets im Mittelpunkt stehen.“
Das Team besteht aus 14 Ärzten, 30 Pflegekräften, 1 Pflegekoordinator, 7 Sekretariatskräften und 7 Sozialbetreuern. Ergänzt wird die Belegschaft durch eine Qualitätsmanagerin für die Akkreditierung des Transplantationszentrums, eine Transplant Nurse für die Organisation der Transplantationsaktivitäten und eine Data Managerin für die Verwaltung der Studienprotokolle, an denen das Zentrum mitwirkt.
Mit Ausnahme von akuten Erkrankungen, die einen Aufenthalt in Bozen erfordern, haben hämatologische Patienten in Südtirol in der Regel die Möglichkeit, sich wohnortnah behandeln zu lassen. Billio erklärt: „Dies ist möglich dank einer komplexen ambulanten Struktur in Meran sowie zwei einfachen ambulanten Strukturen in Brixen und Bruneck, die in der Lage sind, onkologische Therapien zu verabreichen.“

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Die Zukunft ist heute

Hämatologie Bozen: Exzellenz bei Transplantationen und CAR-T-Zell-Therapie
Fotos: Othmar Seehauser
Die Hämatologie in Bozen ist regionales Zentrum für Knochenmarkstransplantationen von Spendern. Seit Januar 2026 gehört die Abteilung offiziell zum exklusiven Kreis der 45 italienischen hämatologischen Zentren mit Exzellenz-Akkreditierung. Dieser Meilenstein ermöglicht den Zugang zur Therapie mit CAR-T-Zellen, einer echten Revolution in der Behandlung von Lymphomen. Verantwortlich für die Transplantationen und die CAR-T-Therapie ist Dr.in Irene Cavattoni.
Das Transplantationszentrum Bozen hat die Exzellenz-Akkreditierung erhalten. Was bedeutet das konkret für die Patienten?
Dr.in Cavattoni: Diese Auszeichnung ist eine grundlegende Anerkennung einer vor langer Zeit begonnenen Teamarbeit und der Qualität unserer Protokolle. Vor allem aber befähigt sie uns zur Anwendung der CAR-T-Zell-Therapie. Wir sprechen hier von einer revolutionären Zelltherapie: Dem Patienten werden Lymphozyten entnommen, die genetisch so verändert werden, dass sie zu hochselektiven „Waffen“ gegen die spezifischen Tumorzellen dieser Person werden, wie etwa bei einem Lymphom oder Myelom.
Es handelt sich also um eine extrem personalisierte Therapie?
Dr.in Cavattoni: Genau. Jeder Patient erhält sein eigenes Präparat; es ist nicht möglich, dieselbe Therapie für eine andere Person zu verwenden. Die Zukunft der Hämatologie wird nicht mehr darin bestehen, den Organismus mit toxischen und schweren Chemotherapien zu „bombardieren“, sondern ausschließlich das spezifische Ziel zu treffen, um Nebenwirkungen so weit wie möglich zu reduzieren und die Wirksamkeit zu erhöhen. Aber Vorsicht: Ich vereinfache hier stark. Es ist nicht alles so einfach, denn auch diese neue Therapie bringt erhebliche Nebenwirkungen mit sich.
Welches sind diese Nebenwirkungen?
Dr.in Cavattoni: Es handelt sich hauptsächlich um immunologische Reaktionen. Es ist, als ob im Körper eine große Schlacht entbrennt: Es kann zu hohem Fieber, Atemnot oder schweren Stoffwechselproblemen kommen. Diese Situationen erfordern sofortiges Handeln und große klinische Erfahrung. Daher ist eine der Voraussetzungen für die Akkreditierung nicht nur die Anwesenheit geschulter Hämatologen, sondern eines multidisziplinären Teams, das Intensivmediziner, Neurologen, Kardiologen, Infektologen und Geriater umfasst.
Bleiben die Patienten während der Behandlung zur Beobachtung auf der Station?
Dr.in Cavattoni: Sicherlich. Der stationäre Aufenthalt dauert je nachdem zwei bis 5 Wochen. Danach bleiben die Patienten über mehrere Monate unter unserer Kontrolle, wie es auch bei Transplantierten, die Knochenmark von einem Spender erhalten haben der Fall ist, um sowohl die Wirksamkeit als auch eventuelle Spätfolgen zu überwachen. Ein ambulantes Team für das Follow-up ist dabei unerlässlich.
Erfolgt die Unterbringung in Isolation?
Dr.in Cavattoni: Absolut ja. Unser Zentrum verfügt derzeit über vier sterile Überdruckzimmer; in Zukunft werden es sechs sein, die sowohl für traditionelle Transplantationen als auch für die CAR-T-Zell-Therapie genutzt werden.
Stellen CAR-T-Zellen die Zukunft für die Therapie von allen Tumorerkrankungen dar?
Dr.in Cavattoni: Ja, man kann hier tatsächlich von einer Revolution in der Krebs-Therapie sprechen, da sie die stärksten Zellen unseres Immunsystems potenziell gegen jedes beliebige Ziel instruieren können. Man hat bei hämatologischen Erkrankungen begonnen, aber die Forschungsergebnisse sind auch bei soliden Tumoren und Autoimmunerkrankungen hervorragend. Es ist ein Feld, das sich ständig erweitert.
Gibt es eine Altersgrenze für den Zugang zu diesen Behandlungen?
Dr.in Cavattoni: Das Alter spielt insofern eine Rolle, da ein älterer Patient tendenziell fragiler ist, aber es hängt stark vom allgemeinen körperlichen Zustand ab und davon, wie sehr der Körper durch frühere Therapien beansprucht wurde. Üblicherweise wird eine Grenze von 70–75 Jahren in Betracht gezogen, aber in ausgewählten Fällen könnten wir auch darüber hinausgehen.
Wie viele Spender-Transplantationen führen Sie pro Jahr durch?
Dr.in Cavattoni: Wir führen jährlich etwa 30 Knochenmarktransplantationen von Spendern durch. Davon entfallen mehr als die Hälfte auf Patienten, die älter als 60–65 Jahre sind.
Haben Sie als Leiterin des Zentrums eine spezifische Ausbildung absolviert?
Dr.in Cavattoni: Ich habe eine ganz allgemeine Ausbildung in Medizin und den Facharzt in Hämatologie wie meinen Kollegen. Und ich habe wie sie in diversen großen internationalen Einrichtungen gearbeitet, zum Beispiel im Transplantationszentrum in Hamburg, dem größten in Europa. Darüber hinaus nehmen wir ständig an internationalen Kongressen teil. Die Medizin entwickelt sich jeden Monat weiter, besonders in unserem Bereich: Die ständige Weiterbildung ist stimulierend und war einer der Gründe, warum ich mich damals für dieses Fachgebiet entschieden habe.
Wie sieht das durchschnittliche Profil eines Transplantationspatienten aus?
Dr.in Cavattoni: Wir betreuen Patienten ab 16–17 Jahren aufwärts. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 55 Jahren, aber wir haben auch schon erfolgreich über 75-Jährige behandelt, sofern es ihr körperlicher Zustand erlaubt. Aber das ist die Ausnahme. In vielen Formen der akuten Leukämie ist die Transplantation nach wie vor die einzige Therapie, die zu einer endgültigen Heilung führen kann. Es ist jedoch ein sehr schwieriger Weg, sowohl für den Patienten als auch für seine Angehörigen.
Können Sie kurz beschreiben, wie eine Knochenmarktransplantation von einem Spender abläuft?
Dr.in Cavattoni: Zunächst wird nach einem kompatiblen Spender gesucht, in der Familie und dann im weltweiten Spender-Register. Sobald ein Spender gefunden ist, wird dieser einer medikamentösen Stimulation unterzogen, um das Wachstum der Stammzellen anzuregen, die dann in einem Spende-Zentrum über eine Maschine (Apherese) gesammelt werden, die das Blut in seine Bestandteile teilt und nur die Stammzellen entnimmt. Ein Verfahren, das wir auch in Bozen in unserem Dienst für Immunhämatologie und Transfusionsmedizin durch ein spezialisiertes Team unter der Leitung von Dr.in Pintimalli (Apherese) und Dr. Maniscalco (Verarbeitung) durchführen. Die entnommenen Zellen werden so schnell wie möglich auf die Abteilung gebracht, bzw. von außerhalb mit Spezialtransporten nach Bozen geliefert.
Die Vorbereitung der PatientInnen auf die Transplantation ist alles andere als einfach, oder?
Dr.in Cavattoni: Ja, sie werden einer zusätzlichen, extrem starken Chemotherapie unterzogen. Anschließend erhalten sie das Spender-Knochenmark in Form einer Transfusion: Die Zellen finden von selbst ihren Platz und beginnen sich zu vermehren. Während dieser Phase der Aplasie (Fehlen der Abwehrkräfte) ist der Patient sehr anfällig und bleibt für mindestens sechs Wochen im sterilen Zimmer; das intensive Follow-up dauert mindestens ein Jahr. Es ist ein sehr harter Weg für den Kranken, für die Familie und auch für uns Ärzte; die Risiken sind hoch und die Ungewissheit ist ständiger Begleiter.
Warum sind die Risiken in dieser Phase so hoch?
Dr.in Cavattoni: Der Patient ist immunsupprimiert und das Infektionsrisiko dementsprechend hoch. Zudem erfordert die Therapie viele Medikamente, was eine ständige Überwachung der Vitalfunktionen erfordert. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Transplantation keinen mathematischen Erfolg garantiert: Wir müssen hart arbeiten, damit die Krankheit nicht wiederkehrt. Es ist eine radikale Lebensumstellung erforderlich.
Sind Besuche während der Isolation erlaubt?
Dr.in Cavattoni: Natürlich, die emotionale Begleitung der PatientInnen ist lebenswichtig. Besuche sind sogar für mehrere Stunden am Tag gestattet, aber die Zutritte sind reglementiert und die BesucherInnen müssen Schutzkleidung tragen und sich an ein strenges Reglement halten.
Ist auch eine spezielle Diät erforderlich?
Dr.in Cavattoni: Während des Krankenhausaufenthalts ist die Ernährung streng steril. Für zu Hause gibt unser Ernährungsdienst präzise Anweisungen, die über lange Zeit gewissenhaft befolgt werden müssen. Parallel dazu ist Physiotherapie von entscheidender Bedeutung: Der Patient muss Körper und Geist so gut wie möglich aktiv halten.
Erhalten Patienten und Angehörige psychologische Unterstützung?
Dr.in Cavattoni: Absolut. Wir verfügen über einen eigenen onkopsychologischen Dienst, der die Familie vom ersten Informationsgespräch bis hin zum gesamten Zeitraum der ambulanten Nachsorge begleitet.
Im Gegensatz zu Organtransplantationen spricht man hier nicht von einer „klassischen“ Abstoßung?
Dr.in Cavattoni: Genau. Da das Immunsystem des Patienten praktisch ausgeschaltet ist, kann es das neue Mark eigentlich nicht abstoßen. Das Problem ist umgekehrt: Das transplantierte Mark ist immunologisch sehr stark und kann den Organismus des Empfängers angreifen. Das ist die sogenannte Graft-versus-Host-Disease.
Müssen die Patienten lebenslang Medikamente einnehmen?
Dr.in Cavattoni: Nein, das ist der große Unterschied zu Organtransplantationen wie Herz oder Niere. Wenn keine Komplikationen auftreten, ist es das Ziel, die wichtigsten (und damit belastendsten) medikamentösen Therapien innerhalb von 9-12 Monaten nach der Transplantation abzusetzen.
Welches sind die technischen Kriterien, um als „Exzellenz-Zentrum“ definiert zu werden?
Dr.in Cavattoni: Schon als Transplantationszentrum muss man hunderten von Kriterien entsprechen, die regelmäßig durch das Nationale Transplantationszentrum überprüft werden: von der Medikamentenverabreichung bis zur Transportlogistik. Jeder unserer Handgriffe ist kodifiziert. Wir führen regelmäßig interne Audits mit externen Beratern durch. Die Exzellenz ist eine zusätzliche und noch anspruchsvollere Akkreditierung, die für die Anwendung der CAR-T-Zell-Therapie unerlässlich ist. Wir haben eine Qualitätsbeauftragte, Lisa Florian, deren Unterstützung bei der dokumentarischen Verwaltung der Qualität fundamental ist.
Wie setzt sich Ihr spezialisiertes Team zusammen?
Dr.in Cavattoni: Das gesamte Pflegepersonal ist hochspezialisiert auf die Betreuung von Transplantationspatienten. Was das Ärzteteam betrifft, so sind von den 14 Fachkräften der Abteilung 5 speziell diesem Bereich gewidmet: Neben mir sind dies die ÄrztInnen Anna Kuzina, Daniel Alzetta, Federico Mosna und Sara Frisoli.
Irene Cavattoni und die Transplant-Nurse Kay Knoll mit dem Ende Januar erhaltenen Exzellenz-Zertifikat