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5 Euro gegen das Rauchen

Die Unterschriftenaktion der AIOM – Interview mit dem Präsidenten, Prof. Massimo Di Maio
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Seit November ist er Präsident der AIOM (Italienische Vereinigung für Medizinische Onkologie) und engagiert sich bereits intensiv für eine Initiative, die sein Vorgänger ins Leben gerufen hat und die er nun mit voller Überzeugung weiterführt: eine Unterschriftensammlung für einen Gesetzentwurf gegen das Tabakrauchen unter dem Motto „5 Euro gegen das Rauchen“. 5eurocontroilfumo.it/5-euro-contro-il-fumo
Wir erreichen Professor Massimo Di Maio im Auto. Er ist Onkologe mit besonderem Schwerpunkt auf Lungentumoren, ordentlicher Professor für Medizinische Onkologie an der Universität Turin und Direktor der Abteilung für Medizinische Onkologie am Krankenhaus „Città della Salute e della Scienza“ in Turin. Ein Mann mit vollem Terminkalender, der sich jedoch gerne die Zeit nimmt, die Fragen der Chance zu beantworten.
Professor Di Maio, Sie setzen sich stark für die AIOM-Initiative zur Erhöhung der Zigarettenpreise ein. Interviews in Zeitungen, Radiobeiträge, Social-Media-Kampagnen... aber die Idee stammt ursprünglich nicht von Ihnen?
Prof. Massimo Di Maio: Ja, genau, die Idee stammt von meinem Vorgänger Dr. Franco Perrone. Ich persönlich teile sie jedoch voll und ganz. Ich habe mich sofort daran gemacht, Partner zu suchen, die unserer Initiative noch mehr Kraft verleihen können – zusätzlich zu den Partnern der ersten Stunde wie der Fondazione Veronesi, der AIRC und der Fondazione AIOM. Zudem engagiere ich mich persönlich stark für die entsprechende Bewerbung der Aktion.
Wie ist der Stand der Unterschriftensammlung?
Prof. Massimo Di Maio: Seit dem Start der Sammlung am 20. Januar haben wir bereits 34.000 Unterschriften erreicht, das sind 68 % unseres Ziels (Stand: 22. März, Anm. d. Red.). Wir haben insgesamt sechs Monate Zeit, um das Quorum von 50.000 Unterschriften zu erreichen.
Sind Sie optimistisch? Glauben Sie, dass Sie das Quorum erreichen werden?
Prof. Massimo Di Maio: Ja. Nachdem wir den Gesetzentwurf beim Kassationsgericht hinterlegt haben und angesichts des aktuellen Verlaufs der Unterschriften bin ich fest davon überzeugt, dass wir es bis zur Debatte im Parlament schaffen werden.
Auf den Zigarettenpackungen gibt es bereits Warnhinweise und abschreckende Bilder. Reicht das nicht aus?
Prof. Massimo Di Maio: Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass das leider nicht genügt. Die Menschen wissen, dass es schädlich ist, und rauchen trotzdem weiter. Aus Neugier, zur Nachahmung, aus Gewohnheit... ich verstehe es selbst oft nicht, aber die Realität ist, dass die Leute nicht aufhören.
Es braucht also eine drastischere Maßnahme. Aber wird sie wirklich funktionieren? In Frankreich, wo der Preis doppelt so hoch ist wie in Italien, sieht man immer noch viele junge Leute rauchen, oft selbstgedrehte Zigaretten.
Prof. Massimo Di Maio: Schauen Sie, die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Dort, wo der Preis steigt, sinkt die Zahl der Raucher signifikant. In Frankreich zeigen Statistiken, dass seit 2017, als der Preis von 7,05 auf 13 Euro stieg, der Anteil der Raucher von 27 % auf 18 % gesunken ist – und das ohne eine Zunahme des illegalen Marktes. Wir sprechen also von einer echten Reduzierung. Wir hoffen, dass das auch bei uns funktioniert.
Und wie wäre es, den Verkauf von Zigaretten und Tabak direkt zu verbieten, da Passivrauchen ja auch Nichtraucher schädigt?
Prof. Massimo Di Maio: Das wäre wahrscheinlich eine zu extreme Maßnahme, die die individuelle Freiheit zu stark einschränken würde und politisch schwer durchzusetzen wäre. Es gibt jedoch Beispiele wie die Malediven, die ab dem 1. November 2025 das Rauchen für junge Menschen, die nach dem 1. Januar 2007 geboren wurden, verboten haben. Eine radikale und sehr mutige Entscheidung.
Rauchen verursacht ja nicht nur Lungenkrebs, sondern viele andere Krankheiten...
Prof. Massimo Di Maio: Ja, absolut. Es gibt über 27 verschiedene Krankheitsbilder: zahlreiche Krebsarten – nicht nur in der Lunge, sondern auch im Kehlkopf, Mund und Rachenraum, an der Zunge, der Speiseröhre, der Bauchspeicheldrüse, der Blase, den Nieren, dem Magen, dem Darm und dem Gebärmutterhals. Hinzu kommen zahlreiche Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Infarkte, Schlaganfälle und Arteriosklerose sowie Atemwegserkrankungen wie chronische Bronchitis und Emphyseme. Rauchen kann Diabetes begünstigen, die Fruchtbarkeit verringern, erektile Dysfunktion verursachen und zu Fehlbildungen in der Schwangerschaft führen. Generell verkürzt es die Lebenserwartung, verursacht jährlich tausende Todesfälle und kostet das öffentliche Gesundheitssystem Milliarden von Euro.
Und die Einschränkungen an Orten, an denen geraucht werden darf? Haben diese den Konsum nicht reduziert?
Prof. Massimo Di Maio: Nein, leider waren sie nicht ausreichend. In gewisser Weise haben sie sogar eine neue Risikosituation geschaffen. Durch die Einführung neuer Grenzwerte im öffentlichen Raum besteht die Gefahr, dass vermehrt im familiären Umfeld geraucht wird, was wiederum zu mehr Opfern durch Passivrauchen unter Familienmitgliedern führt.
Auch der Staat verdient am Tabakverkauf...
Prof. Massimo Di Maio: Genau deshalb fordern wir, dass die Mehreinnahmen aus dieser Erhöhung direkt in das öffentliche Gesundheitswesen fließen. Informationskampagnen, Raucherentwöhnungszentren, Bilder auf den Packungen... all das reicht nicht. Heute habe ich versucht, eine Krankenschwester davon zu überzeugen, die Kampagne zu unterschreiben. Eine Krankenschwester, die selbst raucht. Zwecklos. Ein kurioses Detail am Rande: Bisher haben wir mehr männliche Unterzeichner.
Und es gibt auch Ärzte, die rauchen...
Prof. Massimo Di Maio: Auch Ärzte sind Menschen mit all ihren Schwächen...
Und Ihre onkologischen Patienten? Hören sie mit dem Rauchen auf?
Prof. Massimo Di Maio: Viele hören auf, sobald sie die Krebsdiagnose erhalten. Aber es gibt auch solche, die wieder anfangen. Wir hoffen wirklich sehr, dass wir unseren Gesetzentwurf präsentieren können und dass dieser bald in eine konkrete Maßnahme umgesetzt wird. Ich lade alle ein, zu unterschreiben. Es ist ganz einfach über die Website möglich, die zudem viele nützliche Informationen über das Rauchen und seine Auswirkungen enthält. Erhöhen wir diesen Preis!
Der Präsident der Italienischen Vereinigung für Medizinische Onkologie, AIOM, Prof. Massimo Di Maio

Aktuell

Tabakgenuss unbedingt einschränken …

…aber es braucht mehr als nur eine Preiserhöhung – Der Onkologe Dr. Christoph Leitner
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„Aus onkologischer Sicht ist und bleibt Tabakgenuss der größte und vermeidbarste Risiko-Faktor.“ Eine klare Aussage von Dr. Christoph Leitner, Primar der Onkologie am Krankenhaus Bruneck. Wir haben mit ihm über die Unterschriftensammlung der Vereinigung der italienischen Onkologen AIOM für eine Erhöhung des Zigarettenpreises um 5 Euro gesprochen. In seinen Augen ist Rauchen Ausdruck eines umfassenden ethischen, gesellschaftlichen Problems.
5 Euro pro Packung mehr. 11,30 statt 6,30 Euro. Ist das in ihren Augen eine Maßnahme, die tatsächlich zu einem Rückgang des Tabakkonsums führen wird?
Dr. Christoph Leitner: Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und dem Genuss von Tabak. Eine Zigarette enthält mindestens 70 krebserregende Substanzen. Jeder dritte Krebstod ist auf Tabakgenuss zurückzuführen. Aus onkologischer Sicht besteht daher kein Zweifel an der Notwendigkeit alles zu fördern, was den Tabakgenuss einschränken kann. Drastisch. Nichts anderes könnte das Problem der durch Tabakkonsum verursachten Erkrankungen so gut in Griff bringen wie eine konsequente Tabakregulation…
Das klingt nach einem Aber?
Dr. Christoph Leitner: Aber ist zu stark. Ich stehe hinter dieser Initiative, nur sind meiner Ansicht nach verschiedene Aspekte zu beachten. Eine Preiserhöhung ist evident die stärkste Maßnahme, um dem Einstieg von Jugendlichen in die Tabaksucht vorzubeugen. Eine Jugendschutzmaßnahme also. Anders sieht es aus bei Menschen, die schon rauchen: ein hoher Preis alleine löst eine bereits bestehende Sucht nur schwer. Je nach Gesellschaftsschicht riskiert eine solche Maßnahme deshalb die Reduzierung anderer, in gewissem Sinn gesundheitsfördernder Ausgaben nach sich zu ziehen. Für gesunde Lebensmittel zum Beispiel. Für Heizung. Für Kultur und Bildung. Erwiesenermaßen ist der Tabakkonsum ungleich verteilt. Je niedriger Bildung und Einkommen sind, desto mehr rauchen die Menschen. Statt Hilfe zu leisten, laufen wir mit einer alleinigen Preiserhöhung Gefahr, Menschen unter sozialen Druck zu setzen. Das wird sie kaum von ihrer Sucht abbringen. Eine solche drastische Preiserhöhung muss deshalb unbedingt sozial abgefedert sein.
Das heißt, die Forderung nach einer Erhöhung sehen sie als eine Maßnahme, die zielführend sein kann, aber es braucht mehr?
Dr. Christoph Leitner: Es braucht klare Bedingungen, es braucht eine klare Zweckbindung der Mehreinnahmen. Wo geht das Geld hin? Es muss in die Prävention und in die Suchtmedizin. Eine Preiserhöhung darf nicht als bloße Sanktion empfunden werden. Wenn wir die Abhängigkeit verteuern, müssen wir kostenlos und flächendeckend Hilfe anbieten. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, die ausgeschöpft werden sollten.
Ein allgemeines Lungenkrebsscreening zum Beispiel?
Dr. Christoph Leitner: Ein Lungenkrebsscreening könnte zu einer signifikanten Reduzierung der Sterblichkeit um 20 – 25% führen, stimmt. Auch das ist aber ein Thema, das sehr gut abzuwägen ist. Wir müssen uns vor allem fragen, „Warum rauchen Menschen?“ Krebs ist im Alltag abstrakt, leise, zukünftig, für nicht Betroffene nicht spürbar. Das Rauchen hingegen wird als konkrete Erleichterung im Hier und Jetzt empfunden, schafft Zugehörigkeit. Dann geht es auch um Fragen der Verantwortung, der Aufklärung. Aber es darf keine Schuldzuweisung geben!
Verantwortung in Hinblick auf sich selbst aber auch auf den Passivrauch? Verantwortung gegenüber der Gesellschaft? Schuld ist ein wichtiger Aspekt für sie?
Dr. Christoph Leitner: Ich erlebe es immer wieder: Meine Patienten sind schuldgeplagt, wenn sie meinen, ihre Krankheit sei durch das Rauchen verursacht worden. Wir sind alle nur Menschen, jeder hat seine Schwächen. Schuld hilft uns nicht weiter, Verantwortung schon. Aber Verantwortung setzt Wissen voraus. Vielleicht informieren wir nicht auf die richtige Art und Weise?
Wie stehen sie Menschen gegenüber, die stark geraucht haben und erkranken?
Dr. Christoph Leitner: Ich bin Arzt. Mein Job ist nicht zu verurteilen, sondern zu helfen, zu behandeln und aufzuklären. Ich will die Autonomie der Menschen respektieren. Ich muss nicht missionieren, sondern möchte Transparenz schaffen.
Viele Jugendliche steigen heute auf elektronische Zigaretten und andere Mittel um.
Dr. Christoph Leitner: Aus einem Irrglauben heraus. Vaping (elektronische Zigaretten) und Snus (Nikotinbeutel, die zwischen Zahnfleisch und Lippen gesteckt werden), sind In. Sicher, hier entsteht kein Verbrennungseffekt. Aber sie führen schneller in die Abhängigkeit, weil das Nikotin schnell ins Blut gelangt. Es sind Chemikalien darin, mit schädlichen Nebenwirkungen. Auf das Zahnfleisch, auf das Herz-Kreislaufsystem, auf die Entwicklung (bei Jugendlichen). Die Preiserhöhung muss auch für diese Produkte gelten. Und, auch zu bedenken: 10 bis 15% der LungenkrebspatientInnen sind Nichtraucher.
Das heißt, Opfer von Passivrauch oder von anderen Risikofaktoren?
Dr. Christoph Leitner: Lungenkrebs bei Nichtrauchern nimmt zu, das ist eine Tatsache. Aber wir wissen noch nicht warum. Umweltfaktoren? Mikroplastik? Die Überlebenszeit? Neue Mutationen …? Wir haben es außerdem nicht mehr nur mit zwei oder drei Lungenkrebsarten zu tun, sondern mit 15 oder noch mehr. Wir müssen Ursachen erforschen, die Diagnostik verbessern, Menschen motivieren, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen, die Therapiemöglichkeiten weiter ausbauen, die Information kapillär und effizient verteilen. Bei der Arbeit, in der Bar, im Restaurant, in der Schule. Vielfältige Hilfestellungen andenken und konkretisieren und dann, ja, dann auch den Preis erhöhen. Und eben auch niederschwellige und tabufreie Hilfsangebote sicherstellen für Menschen, die bereits süchtig sind.
Der Primar der Onkologie am Krankenhaus Bruneck, Dr. Christoph Leitner