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Tabakgenuss unbedingt einschränken …
…aber es braucht mehr als nur eine Preiserhöhung – Der Onkologe Dr. Christoph Leitner

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„Aus onkologischer Sicht ist und bleibt Tabakgenuss der größte und vermeidbarste Risiko-Faktor.“ Eine klare Aussage von Dr. Christoph Leitner, Primar der Onkologie am Krankenhaus Bruneck. Wir haben mit ihm über die Unterschriftensammlung der Vereinigung der italienischen Onkologen AIOM für eine Erhöhung des Zigarettenpreises um 5 Euro gesprochen. In seinen Augen ist Rauchen Ausdruck eines umfassenden ethischen, gesellschaftlichen Problems.
5 Euro pro Packung mehr. 11,30 statt 6,30 Euro. Ist das in ihren Augen eine Maßnahme, die tatsächlich zu einem Rückgang des Tabakkonsums führen wird?
Dr. Christoph Leitner: Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und dem Genuss von Tabak. Eine Zigarette enthält mindestens 70 krebserregende Substanzen. Jeder dritte Krebstod ist auf Tabakgenuss zurückzuführen. Aus onkologischer Sicht besteht daher kein Zweifel an der Notwendigkeit alles zu fördern, was den Tabakgenuss einschränken kann. Drastisch. Nichts anderes könnte das Problem der durch Tabakkonsum verursachten Erkrankungen so gut in Griff bringen wie eine konsequente Tabakregulation…
Das klingt nach einem Aber?
Dr. Christoph Leitner: Aber ist zu stark. Ich stehe hinter dieser Initiative, nur sind meiner Ansicht nach verschiedene Aspekte zu beachten. Eine Preiserhöhung ist evident die stärkste Maßnahme, um dem Einstieg von Jugendlichen in die Tabaksucht vorzubeugen. Eine Jugendschutzmaßnahme also. Anders sieht es aus bei Menschen, die schon rauchen: ein hoher Preis alleine löst eine bereits bestehende Sucht nur schwer. Je nach Gesellschaftsschicht riskiert eine solche Maßnahme deshalb die Reduzierung anderer, in gewissem Sinn gesundheitsfördernder Ausgaben nach sich zu ziehen. Für gesunde Lebensmittel zum Beispiel. Für Heizung. Für Kultur und Bildung. Erwiesenermaßen ist der Tabakkonsum ungleich verteilt. Je niedriger Bildung und Einkommen sind, desto mehr rauchen die Menschen. Statt Hilfe zu leisten, laufen wir mit einer alleinigen Preiserhöhung Gefahr, Menschen unter sozialen Druck zu setzen. Das wird sie kaum von ihrer Sucht abbringen. Eine solche drastische Preiserhöhung muss deshalb unbedingt sozial abgefedert sein.
Das heißt, die Forderung nach einer Erhöhung sehen sie als eine Maßnahme, die zielführend sein kann, aber es braucht mehr?
Dr. Christoph Leitner: Es braucht klare Bedingungen, es braucht eine klare Zweckbindung der Mehreinnahmen. Wo geht das Geld hin? Es muss in die Prävention und in die Suchtmedizin. Eine Preiserhöhung darf nicht als bloße Sanktion empfunden werden. Wenn wir die Abhängigkeit verteuern, müssen wir kostenlos und flächendeckend Hilfe anbieten. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, die ausgeschöpft werden sollten.
Ein allgemeines Lungenkrebsscreening zum Beispiel?
Dr. Christoph Leitner: Ein Lungenkrebsscreening könnte zu einer signifikanten Reduzierung der Sterblichkeit um 20 – 25% führen, stimmt. Auch das ist aber ein Thema, das sehr gut abzuwägen ist. Wir müssen uns vor allem fragen, „Warum rauchen Menschen?“ Krebs ist im Alltag abstrakt, leise, zukünftig, für nicht Betroffene nicht spürbar. Das Rauchen hingegen wird als konkrete Erleichterung im Hier und Jetzt empfunden, schafft Zugehörigkeit. Dann geht es auch um Fragen der Verantwortung, der Aufklärung. Aber es darf keine Schuldzuweisung geben!
Verantwortung in Hinblick auf sich selbst aber auch auf den Passivrauch? Verantwortung gegenüber der Gesellschaft? Schuld ist ein wichtiger Aspekt für sie?
Dr. Christoph Leitner: Ich erlebe es immer wieder: Meine Patienten sind schuldgeplagt, wenn sie meinen, ihre Krankheit sei durch das Rauchen verursacht worden. Wir sind alle nur Menschen, jeder hat seine Schwächen. Schuld hilft uns nicht weiter, Verantwortung schon. Aber Verantwortung setzt Wissen voraus. Vielleicht informieren wir nicht auf die richtige Art und Weise?
Wie stehen sie Menschen gegenüber, die stark geraucht haben und erkranken?
Dr. Christoph Leitner: Ich bin Arzt. Mein Job ist nicht zu verurteilen, sondern zu helfen, zu behandeln und aufzuklären. Ich will die Autonomie der Menschen respektieren. Ich muss nicht missionieren, sondern möchte Transparenz schaffen.
Viele Jugendliche steigen heute auf elektronische Zigaretten und andere Mittel um.
Dr. Christoph Leitner: Aus einem Irrglauben heraus. Vaping (elektronische Zigaretten) und Snus (Nikotinbeutel, die zwischen Zahnfleisch und Lippen gesteckt werden), sind In. Sicher, hier entsteht kein Verbrennungseffekt. Aber sie führen schneller in die Abhängigkeit, weil das Nikotin schnell ins Blut gelangt. Es sind Chemikalien darin, mit schädlichen Nebenwirkungen. Auf das Zahnfleisch, auf das Herz-Kreislaufsystem, auf die Entwicklung (bei Jugendlichen). Die Preiserhöhung muss auch für diese Produkte gelten. Und, auch zu bedenken: 10 bis 15% der LungenkrebspatientInnen sind Nichtraucher.
Das heißt, Opfer von Passivrauch oder von anderen Risikofaktoren?
Dr. Christoph Leitner: Lungenkrebs bei Nichtrauchern nimmt zu, das ist eine Tatsache. Aber wir wissen noch nicht warum. Umweltfaktoren? Mikroplastik? Die Überlebenszeit? Neue Mutationen …? Wir haben es außerdem nicht mehr nur mit zwei oder drei Lungenkrebsarten zu tun, sondern mit 15 oder noch mehr. Wir müssen Ursachen erforschen, die Diagnostik verbessern, Menschen motivieren, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen, die Therapiemöglichkeiten weiter ausbauen, die Information kapillär und effizient verteilen. Bei der Arbeit, in der Bar, im Restaurant, in der Schule. Vielfältige Hilfestellungen andenken und konkretisieren und dann, ja, dann auch den Preis erhöhen. Und eben auch niederschwellige und tabufreie Hilfsangebote sicherstellen für Menschen, die bereits süchtig sind.
Der Primar der Onkologie am Krankenhaus Bruneck, Dr. Christoph Leitner


