Thema

Nähe und Distanz

Psychoonkologin Martina Pircher – Im Hintergrund, aber da wenn es sie braucht
Foto: Othmar Seehauser
Sie ist ein fester Bestandteil des Teams in der Brustambulanz, Ausdruck des sich der Patientinnen um 360 Grad annehmen. Die Psychoonkologin Martina Pircher steht Patientinnen und auch den Mitarbeitern des Brustzentrums zur Verfügung, für eine Einzelberatung, ein Gespräch bzw. eine Betreuung oder eine Therapie. Sie ist im Hintergrund, aber wenn es darauf ankommt, ist sie da.
Ein Treffen mit ihnen wird jeder Patientin nach der Diagnose angeboten.
Martina Pircher: Und das ist auch gut so. Somit bekommt jede Frau die Möglichkeit psychologisch relevante Themen anzusprechen. Nicht jede Frau würde sonst vielleicht den Weg gehen, zu einer psychologischen Begleitung finden. Es gibt leider immer noch Vorurteile.
Von wegen, ich brauch das nicht, ich bin doch ganz „normal“?
Martina Pircher: Ja genau, die Furcht, sich durch dieses Ansinnen als schwach zu outen. Es stellt sich bei einem ersten Gespräch meist auch schon heraus, ob die Patientin, einen Austausch, eine Begleitung schätzt oder braucht oder lieber Abstand nimmt.
Sind sie auch bei der Diagnosevermittlung dabei oder zur Stelle, falls es sie braucht?
Martina Pircher: Bei der Diagnosevermittlung bin ich nicht anwesend, werde aber oft von den Breast Care Nurses danach informiert, dass eine Person vor dem chirurgischen Eingriff einen Kontakt haben möchte.
Was kann bei einem ersten Treffen schon aufscheinen?
Martina Pircher: Ich würde sagen, zunächst wie sie mit der akuten Situation umgehen kann. In einem zweiten Moment, ob sich die Patientin bewusst ist, was gerade in ihr abläuft und wie sie mit Bewältigungsstrategien umgeht, was sie gerade braucht. Ob sie „schwimmt“ oder vielleicht geschockt, aber doch gefasst mit der Diagnose umgehen kann. Aber meist braucht es ein Stück Weg, etwas Zeit, um die Bedürfnisse besser fokussieren zu können. Wenn das zu diesem Zeitpunkt für die Patientin möglich ist
Gibt es etwas, das oft bei der ersten Begegnung und dann vielleicht immer wieder aufscheint?
Martina Pircher: Das ist sehr unterschiedlich. Viele Frauen leiden darunter, dass sie das Gefühl haben, nur noch als Person mit einer Pathologie wahrgenommen werden. Andere sehen das positiv: durch die Krankheit bekommen bestimmte Inhalte, Lebensthemen eine neue Bedeutung, werden endlich wahrgenommen. Das kann dann nach Abschluss der medizinischen Therapie wieder umschlagen, Ich werde jetzt nicht mehr wahrgenommen, ich bin wieder auf mich gestellt. Oder auch, jetzt ist die Therapie vorbei und ich muss wieder funktionieren. Das muss man erkennen und Strategien entwickeln oder umorientieren.
Was kann es erleichtern, mit der Krankheit umzugehen?
Martina Pircher: Die Sinnfrage. Wenn ich einen Sinn entdecken kann, tue ich mich leichter damit umzugehen, Kohärenz zu entwickeln. Viele Frauen, gerade wenn das Funktionieren im Vordergrund gestanden hat, müssen lernen, Hilfe anzunehmen. Zu fragen. Nicht einfach versuchen, weiter zu funktionieren wie bisher. Die Rollen ändern sich. Und das muss das Umfeld natürlich auch mittragen.
In der Breast-Unit arbeiten sie im Team, sind alle um die Patientin, jeder mit seiner Kompetenz.
Martina Pircher: Das erleichtert vieles. Ich muss auch sagen, dass die Breastcarenurses mit ihrer aufmerksamen Art und mit psycho-sozialer Kompetenz uns PsychologInnen eine gezieltere Arbeit ermöglichen und Ressourcen optimieren.
Die Patientinnen werden immer jünger. Das wirkt sich auch auf die Bedürfnisse aus?
Martina Pircher: Ja sicher. Eine Frau, die mitten im Leben steht, Kinder zu versorgen hat, arbeitet, ist anders gefordert, anders beeinträchtigt als eine ältere Frau. Die Auswirkungen der Erkrankung werden anders erlebt, die Perspektiven ändern sich, wenn man jünger ist, auch die Ängste. Die Reaktion auf die physischen Veränderungen, das veränderte Körperbild und Selbstwertgefühl.
Ist Sexualität auch ein Thema oder ein Tabu?
Martina Pircher: Das Thema ist altersabhängig: je nach Lebensphase und -erfahrung gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Manchmal kommt es schon vor dem Eingriff zur Sprache, die Frage, Wie wird es danach sein? aber auf dieses Thema steig ich nicht sofort ein. Step by step. Danach hängt es auch von der Stärke der Beziehung ab, der Komplizität. Jede Frau ist anders, auch im Zulassen von Nähe und Distanz. Das ist nicht von mir abhängig, das gilt es zu erkennen, zu respektieren und mit Mitgefühl umzugehen.
Sie stehen auch ihren KollegInnen in der Breast-Unit zur Verfügung…
Martina Pircher: Sie wissen, dass ich da bin. Es kann manchmal ein Gespräch in der Kaffeepause sein, eine Frage, die sich in einem Gespräch mit einer Patientin ergeben hat, bei Bedarf auch eine Fallbesprechung oder Intervision. Es wird vieles auch im Team unter sich ausgemacht. Die Arbeit in der Gruppe ist nicht immer leicht, aber sie stärkt und stützt.

Thema

Wieder im eigenen Körper zuhause

Die neue Frauensportgruppe in der Breast-Unit Brixen mit Christine Teissl
Die Frauen der ersten Brustkrebssportgruppe des Brustgesundheitszentrums Brixen
Den Anstoß gab ein Buch über Krebs und Sport, das die Brixner BCN (Breastcarenurse) Franziska Penn gelesen hat. Ein Gespräch mit der Primarin Dr.in Sonia Prader und schon nahm die Idee gestalt an: eine Sportgruppe für brustoperierte Frauen. In Christine Teissl, Athletin und Coach mit einer abgeschlossenen Ausbildung zur BCN hatte Franziska Penn auch schon die ideale Person gefunden, um das Projekt in die Tat umzusetzen.
BCN (Breastcarenurse) Franziska Penn
Dr. Sonia Prader, Primarin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am KH Brixen
Ganz neu ist die Idee in Südtirol nicht. Vor über zehn Jahren hat Valentina Vecellio, ehemalige Patientin, Sportlerin und Coach zusammen mit dem damaligen Primar der Gynäkologie und Direktor des Brustkrebszentrums Meran, Dr. Herbert Heidegger, eine Sportgruppe für Krebspatientinnen ins Leben gerufen und ein Buch dazu herausgegeben. In Brixen gab es ein solches Angebot bisher noch nicht.
„Die Organisation dieses kleinen Projekts war nicht ganz leicht“, gibt Dr.in Prader zu, „aber am Ende haben wir es nicht zuletzt dank Christine Teissl geschafft, eine Proberunde von acht Treffen zu starten.“ Der Hintergedanke dabei ist, dass Sport immer gut tut, besonders aber auch nach einer Krebserkrankung. „Nur sind viele Frauen unsicher, und haben Angst wegen der Narben,“ erklärt Franziska Penn. „Und sie sind alleine nicht ausreichend motiviert, um 3 – 5 Stunden Sport in der Woche zu machen“, unterstreicht Primarin Prader. Außerdem würden die Patientinnen immer jünger und hätten aus diesem Grund auch andere Bedürfnisse als vielleicht ältere Frauen. „Was nicht heißen soll, dass diese sich nicht auch angesprochen fühlen sollen von diesem Angebot!“ Christine Teissl, die nicht nur Läuferin im Nationalteam war, Coach ist und auch die Herzsportgruppe am Brixner Krankenhaus trainiert, hat zusätzlich eine Ausbildung zur BCN vorzuweisen. Auch wenn sie als solche nie gearbeitet hat, weiß sie genau, was Frauen in dieser Phase brauchen. Kennt sich aus mit Therapien und den Folgen der chirurgischen Eingriffe, weiß um die delikate psychologische Situation von Brustkrebspatientinnen.
Nach Abschluss der Probephase sind die Frauen gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und dann wird entschieden, ob das Projekt definitiv anläuft.
Christine Teissl, Athletin, Coach und BCN
Das Anliegen dieses Kurses ist, die körperliche Fitness der Frauen ganz allgemein zu steigern. Sport wirkt sich insgesamt positiv auf die Psyche aus, ist ein effektiver Stimmungsaufheller. Außerdem hilft körperliche Betätigung den Frauen, ihren Körper wieder positiv wahrzunehmen. Die Gruppe ist mit acht Patientinnen klein genug, um sich spezifisch auf das individuelle Leistungsvermögen der einzelnen Frau einzustellen und jede individuell zu fördern. Manche Frau in der Gruppe ist schon länger krank, andere sind noch in der Therapie. Die Teilnahme ist möglich ab sechs Wochen nach der Operation. „In der Gruppe können die Frauen auch ihr Leid teilen, feststellen, ich bin nicht allein mit meinen Problemen und Ängsten.“ Christine Teissl differenziert auch in Bezug auf die Beschwerden der Frauen: „Eine will beweglicher werden, die andere möchte Muskeln aufbauen, ihren Körper straffen.“ Die Übungen sind eine Kombination aus Yoga, Pilates, Krafttraining. Die einstündigen Treffen sind ähnlich aufgebaut. Nach dem Aufwärmen geht es um Mobilisation und dann Kräftigung und Ausdauer. Die Teilnehmerinnen sind zwischen 40 und 50. „Ich lege allen ans Herz, die Übungen auch alleine zuhause zu machen.“ Das langfristige Ziel ist, dass sich die Frauen in ihrem Körper wieder zuhause fühlen, ihn annehmen können, ihn stärken. Und dann hat die erfolgreiche Läuferin und zweimalige Italienmeisterin Christine Teissl noch einen Herzenswunsch: „Alle zusammen am Frauenlauf teilzunehmen!