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Ein roter Faden

Onkologin Dr.in Eva Haspinger über die Zusammenarbeit mit der Breast-Unit
Foto: Othmar Seehauser
Bei einer Krebserkrankung setzt sich ein ganzer Apparat in Bewegung. Je nach betroffenem Organ Abteilungen wie Gynäkologie, Urologie, Gastroenterologie, HNO, Dermatologie, Orthopädie Hämatologie und dazu Radiologie, Pathologie, Onkologie, Chirurgie, der Psychologische Dienst – alle gehen den Fall von ihrer Perspektive aus an und kommen im Tumorboard zusammen, um gemeinsam den Therapieplan zu besprechen und festzulegen.
Im Fall von an Brustkrebs erkrankten Frauen kommt noch das Brust-Zentrum dazu. Die Urologie hat mittlerweile ebenfalls eine Ambulanz für an Prostatakrebs erkrankte Männer, es gibt eine HNO-Ambulanz und eine Dermo-Ambulanz und aufgrund der positiven, bereits jahrzehntelangen und beispielgebenden Erfahrungen mit den Brustzentren, sollen im Laufe des nächsten Jahres weitere fachspezifische Ambulanzen dazu kommen.
„Für uns Onkologen“, so Dr.in Eva Haspinger, „ist die Zusammenarbeit mit der Breast-Unit unerlässlich. Es braucht eine Stelle, wo alle Fäden zusammenlaufen.“ Die Patientenzahl steigt beständig, die Patienten werden jünger, die Therapien werden komplexer. „In dieser Situation kann nichts improvisiert werden, wir müssen uns auf feste Abläufe verlassen können, darauf, dass der gesamte Ablauf klappt.“ Andererseits sei es auch eine große Hilfe, zu wissen, wer zu kontaktieren ist. „In der Zusammenarbeit mit dem Brustgesundheitszentrum und vor allen mit den Breastcarenurses, die den roten Faden in der Hand halten, ist alles EINFACH, man verliert keine Zeit mit Erklärungen. Ich schildere einen Fall, ein Anliegen und dann kommt das beruhigende: Ok, schick sie mir her oder ok, ich kümmere mich darum.“
Krebs wird heute immer mehr zu einer chronischen Erkrankung, die Heilungsquoten steigen, die Behandlungsmethoden nehmen zu, immer mehr Zusammenhänge werden erkannt. Gleichzeitig wird alles zunehmend komplexer, auch für die Patienten, die das Gefühl haben, im Strudel der Ereignisse unterzugehen. „Wenn alles an einer Stelle koordiniert wird, ist es eine Hilfe für die SpezialistInnen, die sich der Patientin, des Patienten annehmen, vor allem aber ist es eine Hilfe für die Betroffenen, die sich weniger verloren und ausgeliefert vorkommen und besser verstehen und nachvollziehen können, was eigentlich mit ihnen passiert."
Die Front im Brustkrebs, so die Onkologin Dr.in Haspinger, „ist heute die Tatsache, dass die Patientinnen immer jünger werden, dass sie einerseits aufmerksamer mit ihrem Körper umgehen, aber auch zum Teil völlig verkennen, dass sie bereits in der Targetzone sind. Zudem haben wir es immer mehr mit genetischen Prädispositionen zu tun und auch mit Frauen, die früher in den Wechsel kommen als früher.“

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Nähe und Distanz

Psychoonkologin Martina Pircher – Im Hintergrund, aber da wenn es sie braucht
Foto: Othmar Seehauser
Sie ist ein fester Bestandteil des Teams in der Brustambulanz, Ausdruck des sich der Patientinnen um 360 Grad annehmen. Die Psychoonkologin Martina Pircher steht Patientinnen und auch den Mitarbeitern des Brustzentrums zur Verfügung, für eine Einzelberatung, ein Gespräch bzw. eine Betreuung oder eine Therapie. Sie ist im Hintergrund, aber wenn es darauf ankommt, ist sie da.
Ein Treffen mit ihnen wird jeder Patientin nach der Diagnose angeboten.
Martina Pircher: Und das ist auch gut so. Somit bekommt jede Frau die Möglichkeit psychologisch relevante Themen anzusprechen. Nicht jede Frau würde sonst vielleicht den Weg gehen, zu einer psychologischen Begleitung finden. Es gibt leider immer noch Vorurteile.
Von wegen, ich brauch das nicht, ich bin doch ganz „normal“?
Martina Pircher: Ja genau, die Furcht, sich durch dieses Ansinnen als schwach zu outen. Es stellt sich bei einem ersten Gespräch meist auch schon heraus, ob die Patientin, einen Austausch, eine Begleitung schätzt oder braucht oder lieber Abstand nimmt.
Sind sie auch bei der Diagnosevermittlung dabei oder zur Stelle, falls es sie braucht?
Martina Pircher: Bei der Diagnosevermittlung bin ich nicht anwesend, werde aber oft von den Breast Care Nurses danach informiert, dass eine Person vor dem chirurgischen Eingriff einen Kontakt haben möchte.
Was kann bei einem ersten Treffen schon aufscheinen?
Martina Pircher: Ich würde sagen, zunächst wie sie mit der akuten Situation umgehen kann. In einem zweiten Moment, ob sich die Patientin bewusst ist, was gerade in ihr abläuft und wie sie mit Bewältigungsstrategien umgeht, was sie gerade braucht. Ob sie „schwimmt“ oder vielleicht geschockt, aber doch gefasst mit der Diagnose umgehen kann. Aber meist braucht es ein Stück Weg, etwas Zeit, um die Bedürfnisse besser fokussieren zu können. Wenn das zu diesem Zeitpunkt für die Patientin möglich ist
Gibt es etwas, das oft bei der ersten Begegnung und dann vielleicht immer wieder aufscheint?
Martina Pircher: Das ist sehr unterschiedlich. Viele Frauen leiden darunter, dass sie das Gefühl haben, nur noch als Person mit einer Pathologie wahrgenommen werden. Andere sehen das positiv: durch die Krankheit bekommen bestimmte Inhalte, Lebensthemen eine neue Bedeutung, werden endlich wahrgenommen. Das kann dann nach Abschluss der medizinischen Therapie wieder umschlagen, Ich werde jetzt nicht mehr wahrgenommen, ich bin wieder auf mich gestellt. Oder auch, jetzt ist die Therapie vorbei und ich muss wieder funktionieren. Das muss man erkennen und Strategien entwickeln oder umorientieren.
Was kann es erleichtern, mit der Krankheit umzugehen?
Martina Pircher: Die Sinnfrage. Wenn ich einen Sinn entdecken kann, tue ich mich leichter damit umzugehen, Kohärenz zu entwickeln. Viele Frauen, gerade wenn das Funktionieren im Vordergrund gestanden hat, müssen lernen, Hilfe anzunehmen. Zu fragen. Nicht einfach versuchen, weiter zu funktionieren wie bisher. Die Rollen ändern sich. Und das muss das Umfeld natürlich auch mittragen.
In der Breast-Unit arbeiten sie im Team, sind alle um die Patientin, jeder mit seiner Kompetenz.
Martina Pircher: Das erleichtert vieles. Ich muss auch sagen, dass die Breastcarenurses mit ihrer aufmerksamen Art und mit psycho-sozialer Kompetenz uns PsychologInnen eine gezieltere Arbeit ermöglichen und Ressourcen optimieren.
Die Patientinnen werden immer jünger. Das wirkt sich auch auf die Bedürfnisse aus?
Martina Pircher: Ja sicher. Eine Frau, die mitten im Leben steht, Kinder zu versorgen hat, arbeitet, ist anders gefordert, anders beeinträchtigt als eine ältere Frau. Die Auswirkungen der Erkrankung werden anders erlebt, die Perspektiven ändern sich, wenn man jünger ist, auch die Ängste. Die Reaktion auf die physischen Veränderungen, das veränderte Körperbild und Selbstwertgefühl.
Ist Sexualität auch ein Thema oder ein Tabu?
Martina Pircher: Das Thema ist altersabhängig: je nach Lebensphase und -erfahrung gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Manchmal kommt es schon vor dem Eingriff zur Sprache, die Frage, Wie wird es danach sein? aber auf dieses Thema steig ich nicht sofort ein. Step by step. Danach hängt es auch von der Stärke der Beziehung ab, der Komplizität. Jede Frau ist anders, auch im Zulassen von Nähe und Distanz. Das ist nicht von mir abhängig, das gilt es zu erkennen, zu respektieren und mit Mitgefühl umzugehen.
Sie stehen auch ihren KollegInnen in der Breast-Unit zur Verfügung…
Martina Pircher: Sie wissen, dass ich da bin. Es kann manchmal ein Gespräch in der Kaffeepause sein, eine Frage, die sich in einem Gespräch mit einer Patientin ergeben hat, bei Bedarf auch eine Fallbesprechung oder Intervision. Es wird vieles auch im Team unter sich ausgemacht. Die Arbeit in der Gruppe ist nicht immer leicht, aber sie stärkt und stützt.