Aktuell

Sich die Seele frei schreiben

Tagebuchschreiben und kreatives Schreiben können sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken


Eine Methode, die in den USA entwickelt worden ist, auch wenn sie - in nicht wissenschaftlich belegter Form - vermutlich instinktiv schon von vielen praktiziert wird: Tagebuchschreiben während einer Krebserkrankung. Wer seine Emotionen, negative wie positive, Hoffnungen, Wut, Trauer, Freude über Fortschritte ausdrücken, sie schwarz auf weiß festhalten kann, kann besser mit den Nebenwirkungen und Symptomen fertig werden, leidet weniger darunter.
Dies belegen verschiedene Studien und auch die Praxis vieler Gynäkologen. Schreiben, egal ob Tagebuch oder kreatives Schreiben, hilft Druck abbauen und hilft, Unbewusstes an die Oberfläche zu bringen, Knoten zu lösen. Schreiben kann sowohl alleine als auch in Gesellschaft ausgeübt werden. Für das Tagebuchschreiben empfiehlt es sich, ein Ritual einzurichten. Wenn möglich, immer zur selben Tageszeit und am selben Platz, in einer stimmigen Umgebung, mit einer Kerze, einer Tasse Tee, mit demselben Stift. Die Texte müssen nicht lange sein. Es reichen ein paar Sätze. Tagebuchaufzeichnungen müssen nicht zusammenhängende Texte oder Berichte sein. Gedanken, Träume, Beobachtungen, Erlebnisse usw. können festgehalten werden.
Die beste Technik ist das freie Schreiben. Einfach dem Schreibstift, den Gedanken freien Lauf lassen, ohne Sorge um Stil, Fehler oder Form. Der Erfahrung nach, suchen vor allem Patientinnen diese Hilfe, auf dem Weg durch die Krankheit. Studien in den USA und in Kanada haben belegt, dass regelmäßiges Tagebuchschreiben sich positiv auf die Therapie und in jedem Fall auf die Akzeptanz der Therapie auswirken kann und dass Frauen, die ein Tagebuch führen, weniger oft aufgrund von Nebenwirkungen den Arzt aufsuchen müssen. Dies bestätigt auch der Berufsverband der deutschen Frauenärzte.
Kreatives Schreiben hingegen ist eine Praxis, die sowohl allein als auch in der Gruppe ausgeübt werden kann. Es handelt sich um Übungen, die den Schreibprozess anregen. Zum Beispiel das automatische Schreiben. Ohne Thema, ohne Ziel für eine vorher festgelegte Zeit, alles schreiben, was durch den Kopf geht, ohne Filter. Gedankenketten, auch ohne Zusammenhang. Mindmaps können angelegt werden, das heißt spontan Worte zu einem bestimmten Thema suchen und aus diesen einen Text bauen. Textbausteine vorgeben, die zu einem Text inpirieren. Haikus oder Elfchen (Petit-Onze), kurze Gedichtformen ohne Reim. Kreatives Schreiben ist wie Übersetzen. Die Gedanken auf eine andere Ebene, die Wortebene bringen, ihnen Ausdruck verliehen und dadurch Stress und Druck abbauen. Dieser Transfer kann helfen, ihnen den Schrecken zu nehmen und helfen das Erlebte besser zu verarbeiten.
Es geht letztendlich nur darum, nicht etwa um die Produktion von „schönen“ oder qualitativ hochwertigen Texten. Schreiben in Form eines Ventils, kann helfen, Lebensqualität zu bewahren und nicht in Grau, Angst und Schmerz zu versinken. Nach dem Ende der Therapie, wenn der Krebs überwunden ist, können die in dieser Zeit entstandenen Texte interessante Spuren zum eigenen Unterbewusstsein sein. Es ist aber auch möglich, dass man die Texte danach nicht mehr lesen kann und will. Auch das ist gut, sie haben ihre Aufgabe erfüllt und dieser Lebensabschluss ist definitiv beendet.
Die Südtiroler Krebshilfe bietet seit vielen Jahren in Bruneck einen psychologisch betreuten Schreibkurs an, aus dem auch ein Buch hervorgegangen ist: „Verrückte Zellen“, die zum Teil auch vertont worden sind. In Bozen wurde ebenfalls über mehrere Jahre hinweg eine kreative Schreibwerkstatt angeboten, für zwei Jahre auch eine Online-Schreibwerkstatt. Tatsache ist: Schreiben ist nichts, was nur einem ausgewähltem Personenkreis vorbehalten ist. Jeder kann Schreiben, man muss nur mit dem Stift den Gedanken folgen.

Aktuell

Ein großes Herz

Ulrich Seitz: Das Glück des Engagements für andere


Er ist sehr herzlich und er hat ein großes Herz. Ulrich Seitz, ehemaliger Direktor des Amts für Krankenhäuser,hat 2016 seinen Karrierejob gekündigt, um sich auch beruflich ganz dem zu widmen, was ihm am meisten am Herz liegt: der Nächste, bzw. Menschen, die Hilfe benötigen. Für ihn ein persönlicher Befreiungsschlag und das Ende von Interessenskonflikten, zu sehr fühlte er durch die Amtspflicht im „behüteten“ öffentlichen Dienst die Hände gebunden. Zu Jahresbeginn wurde er von den Lesern von Stol und Dolomiten zur Person des Jahres gewählt.
Sehr zu seiner Überraschung. „Ich erfuhr zufällig am Tag vor Weihnachten auf der Straße, dass mich irgendwer kandidiert hat, wusste von nichts und war sehr überrascht, als jemand mich ansprach und sagte, „ich habe dich gerade gewählt“. Es hat wahnsinnig gutgetan", sagt Ulrich Seitz, den alle Uli nennen. Er hat sich vor allem deshalb gefreut, weil er die vielen Kurzinterviews anlässlich seiner Wahl für seine Herzensanliegen nutzen konnte. Den dritten Sektor, die vielen Freiwilligen, die sich in Südtirol für Menschen einsetzen, die Hilfe brauchen, die krank sind, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.
Nach einem Zwischenspiel bei der Sozialgenossenschaft EOS, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Öffentlichkeit für die Probleme von jungen Menschen mit psychischen und psychiatrischen Problemen zu sensibilisieren, ist Seitz seit dessen Gründung im Juli 2019 Direktor des Dienstleistungszentrums für das Ehrenamt, DZE, dem 63 ehrenamtliche Organisationen angehören, die insgesamt 2.300 Vereine aus verschiedenen Bereichen umfassen, darunter auch die SKH. Aufbauarbeit, auch das reizt ihn.
Ulrich Seitz selbst ist Präsident eines Seniorenwohnheimes, das er jedes Wochenende besucht, er ist Präsident des Vereins „Ein Herz für Kinder“, der „Südtiroler Alzheimer-Vereinigung“, setzt sich für die „Südtiroler Aidshilfe“ ein, kämpft für die Absicherung von Frauen, die in die Hauspflege eingebunden sind, für die Sammlung des Nabelschnurbluts und vieles anderes. Ein Tausendsassa des Ehrenamts, der nicht nur beruflich, sondern auch privat Erfüllung im Einsatz für andere findet. Für ihn ist das allerdings nichts Besonderes, sondern selbstverständlich und wenn er könnte, würde er noch mehr tun. „Ich habe die Möglichkeiten dazu und möchte sie nutzen, etwas zu bewegen!“
Die Nominierung hat ihn auch deshalb besonders gefreut, weil er erschöpft und frustriert aus dem letzten Jahr gekommen ist. Die Neureglung des dritten Sektors, Digitalisierungspflicht, Auflagen verschiedenster Art für Freiwillingen-Vereine, erfüllen ihn mit Sorge. Nicht jeder Verein hat Menschen, die das leisten können und die Möglichkeiten des DZE stoßen bei allem Einsatz an Grenzen. „Nur gut sein, reicht heute längst nicht mehr!“ Es braucht „Manager“. Personen, bei denen alles zusammenläuft, um Ansuchen für Beiträge zu stellen, um den Verein voranzutreiben und alle Auflagen zu erfüllen. Eine seiner Forderungen ist deshalb auch, solche Personen im Ehrenamt zu bezahlen. Gratis neben der Arbeit ist das alles nicht mehr zu leisten. Und wer es tut, reibt sich auf.
Demenz und Alzheimer nehmen einen besonders großen Platz in seinem sehr dehnbaren Herzen ein. Ein Problem im Schatten der Gesellschaft, das beileibe nicht nur alte Menschen betrifft, sondern immer mehr junge und damit ganze Familien in Not stürzt. Insgesamt gibt es in Südtirol – bekannt – 14.000 Alzheimerpatienten. Pro Jahr werden rund 1.200 Neuerkrankungen registriert. Nur 400 sind in Heimen untergebracht, die anderen werden – unter großen Schwierigkeiten – zuhause gepflegt, meistens von –berufstätigen – Frauen. 400 Alzheimer-Erkrankte sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der Verfall ist in diesem Alter besonders schnell. Eine Tragödie für die betroffenen Familien. Und ein Tabu. Für junge Patienten ist keine Reha vorgesehen, deshalb bemüht Seitz sich um Ergotherapie- und Logopädieplätze.
Seitz wünscht sich eine Gesellschaft, die weniger egoistisch ist, in der nicht jeder eifersüchtig über seine Vorteile wacht. Er wünscht sich auch von den Vereinen mehr Solidarität untereinander, mehr Zusammenarbeit und einen gesunden Wettbewerb um gute Ideen. „Auch die Leistungen der Vereine müssen sich anpassen. Mit nur gesellschaftlichen Nachmittagen ist es längst nicht mehr getan. Die SKH ist da schon weit voran!,“ stellt Ulrich Seitz fest.
Wenn er sich etwas wünschen dürfte, ständen an erster Stelle eine starke Lobby für das Soziale (die es nicht gibt) und Chancengleichheit, die Absicherung der in die Pflege eingebundenen Frauen und eine höhere Wertschätzung der Menschen untereinander. „In einem Land, wo der Tourismus so einen hohen Stellenwert hat, wo die Touristiker sich wegen ihrer besonderen Kundenbeziehung auszeichnen, gibt es in vielen anderen Bereichen ein Kommunikationsproblem! Menschen mit Problemen tun sich schwer und fühlen sich nicht ernstgenommen.“
Der 51jährige Traminer, erkennbar an der extravaganten Brille, dem strahlenden Lächeln und der ausgesprochenen, von Herzen kommenden Freundlichkeit, lebt in Terlan und hat Rechtswissenschaft studiert. In seiner nicht sehr reichlichen Freizeit ist er ein begeisterter Theaterbesucher und mit seinem guten Freund, dem Schauspieler Thomas Hochkofler, liebt er es über die Welt, Philosophie und moderne Literatur zu diskutieren. Eines tut Ulrich Seitz nicht gerne: Reisen. Aus einem besonderen Grund: „Ich habe Angst, dass es mir dann so gut gefällt, dass ich nicht mehr zurück möchte.“ Und außerdem hat er in Südtirol noch so viel zu tun…