Aktuell

Wissen und Verantwortung

Mamazone: Die 14. Diplompatientin in der EURAC am 14. Oktober 21 – online und in Präsenz
Die Veranstaltung ist längst ein fixer Termin im Jahreslauf. Jedes Jahr im Oktober lädt mamazone Südtirol zur Diplompatientin in die EURAC in Bozen. Das Format, hochkarätige Experten, die das Thema Krebs und Frau von verschiedenen Seiten beleuchten, hat sich bewährt. Auch die Entscheidung, die Veranstaltung online und in Präsenz anzubieten.
Sieben Experten haben am 16. Oktober in der EURAC in Bozen von 9 bis 14 Uhr und auch etwas darüber hinaus, so brennende Themen wie Impfung bei Brustkrebspatientinnen (Dr. Ciro Onza, Bozen); Immuntherapie: Hoffnung oder Enttäuschung? (Dr. Christian Marth, Vorstand der Universitätsklinikfür Frauenheilkunde, Innsbruck); Gentests beim Mammakarzinom (Dr. Guido Mazzoleni, Primar der Abteilung für Pathologische Anatomie und Histologie, Direktor Tumorregister Südtirol); Hat Cannabis einen Platz in der Brustkrebstherapie? (Dr. Herbert Heidegger, Primar der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe Meran); Lymphödem – Sympthome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten (Dr. Eva Brix in Vertretung von Dr. Lukas Prantl, Präsident der der deutschen Gesellschaft für Plastische , Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Direktor des Hochschulzentrums für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Regensburg); Die Ergebnisse der Pons Kronos Studie (Dr. Claudio Zamagni, Leiter Onkologische Abteilung Addarii Universitäts- klinikum S. Orsola-Malpighi, Bologna) und Immunonkologie und mögliche Therapieansätze bei Brustkrebs unter Berücksichtigung der Resistenzen: das P-CARE Projekt (Leiter Interdisziplinäre Onkologische Tagesklinik Krankenhaus Brixen). Es moderierten Dr. Sonia Prader (Primarin Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe Brixen) sowie Martina Ladurner und Erika Laner von mamazone Südtirol.
Mamazone ist seit vielen Jahren bemüht, Frauen mit Bruskrebs und Frauen, die am Thema interessiert sind, über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Eine Diplompatientin ist gemäß mamazone eine „mündige, aktive Patientin, die es wissen will, die Verantwortung für ihre Behandlung übernehmen will.“
In Präsenz. Von links: Ida Schacher, Dr. Herbert Heidegger, Martina Ladurner, Dr. Sonia Prader, Dr. Guido Mazzoleni, Erika Laner und Dr. Ciro Onza.
Nachstehend ein kurzer Überblick über die wichtigsten behandelten Themen.
Immuntherapie:
Diese Art von Therapie gibt es bereits seit 1910. Das Immunsystem bekämpft Viren, Bakterien und Pilze mittels sog. Fresszellen, Makrophage. Man unterscheidet zwischen angeborenem und adaptivem Immunsystem (Impfungen). Die Organe des Lymphsystems sind die Lymphknoten und die Thymusdrüse. Dr. Marth: „Die Lymphknoten sind eine Art Klär-Station. Hier werden die Krebszellen entweder abgewehrt oder aber es gelingt ihnen, sich einzunisten.“ Die Immunzellen docken an die Krebszellen an, Bruchstücke dieser Zelle brechen ab und werden von den Immunzellen „gefressen“, verändert und in den Lymphknoten transportiert. Das Immunsystem, so Dr. Marth, funktioniert nach dem Prinzip, Gas geben und bremsen. „Die Kunst liegt im rechten Maß.“ Wenn das Immunsystem zu viel arbeitet, sind nämlich nicht nur die körperfeindlichen (Krebs)Zellen gefährdet, sondern auch die gesunden. Aus diesem Grund warnte Dr. Marth vor einer übertriebenen und vor allen Dingen unkontrollierten Stärkung des Immunsystems, die letztendlich schädlich sein kann. Eine unspezifische und unkontrollierte forcierte Stärkung könnte sogar zu einer Stärkung und besseren Durchblutung der Krebszellen führen. „Besser als irgendwelche Präparate zu nehmen, die zudem teuer verkauft werden, sind regelmäßiger Ausdauersport und ein gesunder Lebensstil“, unterstrich Dr. Marth. Sehr vielversprechend seien Studien über eine personalisierte RNA-Impfung gegen Krebs. Eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Immuntherapie in Kombination mit Strahlentherapie und Chemo sei im Augenblick der vielversprechendste Therapieweg.
Impfung:
Krebstherapien senken das Immunsystem der Patienten, deshalb, so Dr. Ciro Onza, seien onkologischen Patienten, besonders auch mit hämatologischen Pathologien, Impfungen wärmstens zu empfehlen. Im besten Fall vor Beginn der Therapie. „Es ist unerlässlich, dass sich auch das Umfeld des Patienten impfen lässt.“ Besonders empfehlenswert seien Impfungen gegen Windpocken, gegen Grippe und Pneumokokken. Im vergangenen Jahr habe es bedingt durch den Lockdown praktisch keine Grippewelle gegeben, dafür sei in diesem Winter mit einer umso stärkeren Grippewelle zu rechnen. „Die Gefahr einer Grippeerkrankung liegt in den Komplikationen, wie z. B. eine Lungenentzündung.“ Dr. Onza: „Wir empfehlen außerdem dringend allen Krebspatienten die 3. Impfdosis gegen Covid.“ Und allen anderen natürlich auch.
Gentests:
Dr. Mazzoleni informierte über die molekular-genetischen Tests mit neuen Markern und Indikatoren, dank denen die Krebstherapie noch besser auf den individuellen Fall zugeschnitten werden kann. In Südtirol werden dort, wo es indiziert ist, die Kosten für den Gentest vom Gesundheitsbetrieb übernommen. Je nach Ergebnis des Tests, kann eine unnötige Chemotherapie verhindert werden. Die Tests werden Patientinnen angeboten, bei denen der Therapieweg nicht eindeutig von den Ergebnissen der verschiedenen Untersuchungen vorgegeben ist, laut Dr. Mazzoleni treffe das auf ca. ein Drittel der ca. 450 Brustkrebspatientinnen im Jahr in Südtirol zu; bei etwa einem Zehntel, also 40 – 50 Patientinnen könne dann tatsächlich auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Dr. Mazzoleni: "Mehr als die Hälfte unserer Labors ist mittlerweile mit biomolekularen Tests befasst.“ Ein Beweis, wie wichtig bei einer Krebstherapie die Zusammenarbeit der unterschiedlichen medizinisch-technischen Bereiche ist und wie, dank dieses Austauschs, die Krebstherapien immer gezielter auf den individuellen Fall zugeschnitten werden können.
Die Chance hat unter den vielen interessanten Thema eines herausgegriffen und vertieft (siehe nachfolgendes Interview mit Primar Dr. Heidegger, Anm. d. Red.), das bereits seit einigen Jahren kontrovers diskutiert wird , das viele Fragen aufwirft und falsche Hoffnungen weckt. Ein Thema, um das es viele Fehl-Informationen gibt. Krebs und Cannabis.

Aktuell

Cannabis in der Krebstherapie

Kein Wundermittel, aber komplementäre Therapiebegleitung Interview mit Dr. Herbert Heidegger
(Einstiegs)Droge, Wundermittel, Hexenkraut oder Substanz für eine effiziente, komplementäre Therapiebegleitung. Die Verabreichung bzw. Einnahme von Cannabis ist ein viel und kontrovers diskutiertes Thema, auch in Bezug auf Brustkrebs. Dr. Herbert Heidegger, Primar der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe in Meran, hat zu diesem Thema bei der Diplompatientin einen Vortrag gehalten.
Dr. Heidegger, Cannabis war schon vor mehreren tausend Jahren als therapeutische Substanz eingesetzt…
Dr. Herbert Heidegger: Ja, in China war Cannabis schon vor 3.000 Jahren bekannt, auch die alten Griechen verwendeten Cannabis zur Förderung des Appetits und als Schmerzmittel, ebenso wie islamische Ärzte ab dem 9. Jahrhundert. In der modernen Medizin wurde Cannabis ab etwa 1850 zur Schmerzstillung verwendet; 1925 wurde der Gebrauch dann allerdings weltweit eingeschränkt. Seit 2007 ist Cannabis in Italien für medizinischen Nutzen offiziell zugelassen.
Das therapeutische Cannabis ist aber nicht gleich Haschisch?
Dr. Herbert Heidegger: Nein. Der Unterschied liegt in der Zusammensetzung. Was Cannabis zur Droge macht, ist der psychoaktive Inhaltsstoff Thc, Tetrahydrocannabinol. Medizinisches Cannabis darf maximal 5 – 8% dieser Substanz enthalten. Der zweite wichtige Inhaltsstoff ist Cbd, Cannabidiol. Davon enthält therapeutisches Cannabis 7,5 – 12 %. Diese Substanz hat eine nachgewiesene beruhigende, schmerzstillende, entzündungshemmende und entkrampfende Wirkung.
Und wegen dieser Wirkung kommt Cannabis in der medizinischen Therapie zum Einsatz?
Dr. Herbert Heidegger: Genau. Und zwar nicht nur, aber sehr oft auch in der Onkologie. Unsere Patientinnen fragen auch danach. Andere Einsatzgebiete sind Multiple Sklerose, Parkinson, AIDS, Polyneuropathien und diverse Schmerzzustände. Cannabis kann appetitanregend sein, schlaffördernd und wirkt insgesamt beruhigend, gerade in besonderen Stress-Situationen wie es eine Krebserkrankung ist. In diesem Sinn ist sind Präparate aus der Hanfpflanze geeignet für die komplementäre Begleitung und zur Eindämmung der Nebenwirkungen der Chemotherapie und der Strahlentherapie. Der moderne, integrative Ansatz der Onkologie beruht auf einer evidenzbasierten Therapie, die Körper und Geist gleichermaßen berücksichtigt.
Es gibt auch Stimmen, die der Hanfpflanze sogar krebsvorbeugende und sogar heilende Wirkung, bzw. eine Minderung des Tumorwachstums zuschreiben. Was halten Sie als Schulmediziner davon?
Dr. Herbert Heidegger: Es gibt gerade bei Brustkrebs sehr viele Publikationen in dieser Richtung, das stimmt. Einige Publikationen beziehen sich auf In-vitro Experimente, also in einer künstlichen,, kontrollierten Umgebung außerhalb eines lebendenen Organismus durchgeführte Experimente, die eine positive Wirkung von Cbd auf Prozesse wie Metastasenbildung und Tumorwachstum dokumentieren. Die Frage ist allerdings, wie valide sind diese In-vitro-Studien und wie sieht es mit den Nebenwirkungen und Wechselwirkungen aus? Einige Tierstudien haben sogar eine tumorfördernde Wirkung von Thc nachgewiesen…
…und klinische Studien?
Dr. Herbert Heidegger: Klinische Studien gibt es bisher kaum. Wir wissen von Wechselwirkungen mit dem Stoffwechsel der Leber. Bekannte Nebenwirkungen einer Cannabistherapie sind Halluzinationen und Beeinträchtigungen des Kreislaufs. Es ist also in jedem Fall Vorsicht geboten. Die (internationalen) Fachgruppen sagen bisher jedenfalls klar und deutlich, dass Cannabis keine Wirkung auf das Tumorverhalten hat und erkennen nur die komplementärmedizinische Komponente an.
Eine Frage zu einem anderen Thema: Gibt es mittlerweile Studien zur Auswirkung von Corona auf die Zahl der Krebserkrankungen oder besser -diagnosen?
Dr. Herbert Heidegger: Eine Frage, die nicht so schnell abzuhandeln ist. In Kürze: Man geht davon aus, dass weltweit coronabedingt über eine Million von Brustkrebsdiagnosen nicht gestellt wurden, in Italien 3.300. Das ist eine sehr hohe Zahl! Und das gilt es so schnell wie möglich aufzuholen. Auch bei uns sind Frauen nicht zur Vorsorge oder zur Nachuntersuchung gekommen, aus Angst vor dem Ambiente Krankenhaus. Ich habe Patientinnen immer wieder versichert, dass sie bei uns sicher sind und nichts zu befürchten haben! Von uns in Meran kann ich berichten, dass unsere rund 1.800 Patientinnen eine sehr lange Überlebensrate aufweisen. Dank früher Diagnose und personalisierter Therapie kann Brustkrebs immer besser geheilt werden. Aber die Mitarbeit der Patientinnen, die Bereitschaft, Verantwortung für sich und ihre Gesundheit zu übernehmen, gehört dazu.
Primar Dr. Herbert Heidegger