Wandel

Wandel: Bedrohung und Chance

Seit ihren Ursprüngen betrachtet die Menschheit Wandel mit tiefer Ambivalenz. Der Wandel der Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht, die Zyklen des Mondes und der Gezeiten bestimmen den Lebensrhythmus des Menschen, die Bedingungen seines Überlebens und seiner Anpassung an die Umwelt. Die Vorhersehbarkeit der Veränderung ist die Voraussetzung für sein Überleben, die Unvorhersehbarkeit birgt Bedrohung und Gefahr.
Wandel der Natur
Über die Jahrhunderte versuchte man die Unberechenbarkeit der Natur, und vor allem deren zerstörerische Kraft, durch Religion und Aberglauben zu zähmen. Durch Gebet, Ritual und Opfer sollten die sich durch die Natur manifestierenden Gottheiten besänftigt und Katastrophen wie Erdbeben, Dürren, Fluten und Seuchen abgewendet werden. Die modernen Wissenschaften setzten dem Aberglauben objektives Verständnis der Gesetzmäßigkeiten von Naturphänomenen entgegen. Das Bestreben, durch wissenschaftliche Erkenntnis das Eintreten von Naturkatastrophen frühzeitig zu erkennen und deren Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Menschen zu bändigen, blieb allerdings weitgehend unerfüllt. Wandel bestimmt immer noch unser Schicksal, im Guten wie im Bösen.
Wandel der Gesellschaft
Was für die Natur gilt, gilt im übertragenen Sinn auch für die Gesellschaft. Die Stabilität sozialer Strukturen sichert die Stabilität der Gesellschaft als solcher, Instabilität wird meist mit Unordnung und Chaos gleichgestellt. Veränderung und Fortschritt erfolgen aber nicht immer durch progressive, lineare Entwicklungen: Die Geschichte zeigt uns unzählige Beispiele traumatischer Ereignisse, aus denen völlig neue, fortschrittlichere Gesellschaftsformen entstanden sind.
Die Abschaffung von Absolutismus und Monarchie erfolgte durch Revolutionen, die die Geschichte Europas über die Jahrhunderte durchquerten. Vom Englischen Bürgerkrieg von 1642 bis 1649 über die Französische Revolution von 1789, die Julirevolution von 1830, die Februarrevolution von 1848, die Pariser Kommune von 1871 bis hin zur Oktoberrevolution von 1917 wurden Europas Nationen immer wieder durch soziale Umbrüche erschüttert, durch die veraltete und repressive Machtverhältnisse umgestürzt und, obgleich mit unterschiedlichem Erfolg, die Grundlagen für die Entstehung neuer Formen des Zusammenlebens errichtet wurden. Wandel steht somit für Umsturz und Zerstörung, gleichzeitig aber auch für Erneuerung und Fortschritt.
Wirtschaftskrisen: das Beispiel von 1929
Die wirtschaftliche Krise ist wohl das Ereignis, das seit Entstehung des Kapitalismus’ die größte Bedrohung für die modernen Demokratien darstellt. Das bedeutendste Beispiel ist der Börsencrash von 1929, auch bekannt als Schwarzer Donnerstag. Die New Yorker Börse kollabierte innerhalb weniger Tage mit Aktienverlusten von bis zu 99%. Die Jahre zuvor waren durch konstantes Wachstum der Aktienkurse gekennzeichnet, was sowohl Groß- als auch Kleinanleger zu hochriskanten Investitionen verleitete. Die darauf folgende wirtschaftliche Depression verbreitete sich in kürzester Zeit auf ganz Europa und gilt als eine der Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland.
Finanzmärkte und Spekulationsblasen
Betrachtet man die Wirtschaftsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts erkennt man regelmäßige Zyklen des wirtschaftlichen Aufschwungs, die durch plötzliche Finanzkrisen und konsequente Rezessionen unterbrochen wurden. Im Oktober 1987 stürzte der Dow Jones um mehr als ein Fünftel seines Gesamtvolumens ein, im März 2000 platzte die Dotcom-Blase, die durch die rasanten Entwicklungen der sogenannten New Economy (neuer Wirtschaftszweig der webbasierten Dienste) entstanden war. Besonders dramatische Folgen hatte die im August 2007 ausgelöste Immobilienkrise, welche infolge des aufgeblähten Immobilienmarkts und des Zusammenbruchs der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers im September 2008 einen weltweiten Einbruch der Aktienkurse verursachte und mehrere Nationen, insbesondere die mit hoher Staatsverschuldung, bis zum Rande des Wirtschaftskollapses brachte. Der globale Zusammenbruch wurde nur durch die Intervention der Zentralbanken, insbesondere der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve, verwehrt, indem durch massiven Ankauf von Staatsanleihen (quantitative easing) sowie durch die Nullzinspolitik zur Ankurbelung der Investitionen der ökonomische Super-GAU verhindert wurde.
Weltwirtschaftskrise: Katastrophe oder Chance?
Sind Krisen allerdings immer notwendigerweise negativ besetzt? Oder gelten sie auch als Chance, Altes zu beseitigen um Neues zu errichten? Erfolgt Wandel zum Positiven nicht auch durch Zerstörung des Negativen?
Die Verfechter und Theoretiker der freien Marktwirtschaft betrachten den zyklischen Wechsel von Wachstum und Krise als natürliche, progressive Entwicklung zu immer größerem und weitverbreiteterem Wohlstand. Krisen seien nichts Anderes als systemimmanente Korrekturen, als notwendige strukturelle Kompensationen finanzieller Ungleichgewichte. Auf jede Krise folge neues Wachstum, neuer Wohlstand, neue Prosperität.
Angesichts der begrenzten Naturressourcen, der monströsen Dimensionen der Finanzmärkte im Verhältnis zur Realwirtschaft sowie der unerträglichen Kluft zwischen reichen und armen Ländern stellt sich allerdings die Frage, ob unendliches Wachstum als realistisch und überhaupt als erstrebenswert betrachtet werden soll. Kann aber Kapitalismus ohne Wachstum überleben? Effizientere Produktionsmittel erhöhen nämlich die Produktionsleistung bei gleichem oder gar geringerem Einsatz von Arbeitskraft, eine Wachstumsquote von 0% impliziert somit unmittelbar Abbau von Arbeitsplätzen, Rückfall der Nachfrage, Stagnation und, bei länger ausbleibender Neubelebung, Rezession. Die konstante Modernisierung der Produktionsmittel, die durch den unaufhaltsamen Konkurrenzdruck völlig unausweichlich ist, führt somit dazu, dass freie Marktwirtschaft ohne Wachstum nicht bestehen kann, ohne in sich zu implodieren.
Was nun, wenn die nächste Finanzkrise einen globalen wirtschaftlichen Zusammenbruch auslöste? Was wenn die Zentralbanken ihr Arsenal zur Ankurbelung der Konjunktur in der Zwischenzeit ausgeschöpft hätten? Der Ausblick ist furchteinflößend, aber wäre eine solche Krise nicht auch die Chance, ein Entwicklungsmodell, das Milliarden Menschen zur bittersten Armut verdammt (weltweit leben mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, weitere 2,7 Milliarden von weniger als zwei Dollar), definitiv zu überwinden? Birgt die potentiell destruktivste Krise aller Zeiten nicht auch die größte Chance für einen Umbruch, der den Großteil der Menschheit aus dessen Elend erlöste? Der radikalste Wandel der Geschichte steht uns möglicherweise noch bevor.


Gianluca Battistel
Philosoph und Mitarbeiter im Amt für Jugendarbeit

Seitenweis

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(Fachbücherei Jugendarbeit)