Wandel

Kirschblüten

Menschen tut es gut, wenn in Zeiten schnellen Wandels Fixsterne leuchten, die die Orientierung leichter machen. Es können auch Leuchttürme sein oder Bräuche und Rituale. Denn vor allem junge Menschen brauchen Halt und Orientierung.
Es gibt solche, tausende, die verschwunden, verschollen sind, warum auch immer, es gibt andere, die neu entdeckt werden (wollen), weil ihr Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Oder weil sich die Zeiten so verändert haben, dass uns das Verstehen des Entstehens bzw. der Hintergrund verloren gegangen ist.
Wer einen tieferen Einblick in die kulturelle Geschichte unserer Heimat bekommen möchte und wissen will, woher sich manche Bräuche entwickelt haben und welche regionalen Besonderheiten es gegeben hat (und noch immer gibt!), dem sei das Buch von Helga Maria Wolf „Verschwundene Bräuche, das Buch der untergegangenen Rituale“ (erschienen bei Brandstätter) sehr empfohlen. Ein Auszug:
„Ohren: Die Ohren als wichtige menschliche Sinnesorgane waren mit einer Reihe populärer Vorstellungen verbunden. Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493 – 1541) bewertete große Ohren als Zeichen der Gesundheit, Intelligenz und des guten Charakters. Sterbenden soll man etwas Gutes ins Ohr flüstern. Mittelalterliche Bilder symbolisieren Mariä Empfängnis, indem ein Lichtstrahl in ihr Ohr dringt.
Das Ab- oder Einschneiden der Ohren war eine Verstümmelungsstrafe. Schlitzohr meinte ursprünglich einen durch eine solche Strafe gekennzeichneten Betrüger, auch Dämonen stellte man sich schlitzohrig vor.
Ohrfeigen (Feg – Streich) waren ein Zeichen der Herrschaftsausübung, die sich im Ritual der römischen Freilassung (letzte Ohrfeige) fanden. Jemanden an den Ohren zu ziehen war bei Vertrags­abschlüssen üblich, um die Erinnerung zu stärken.
Der Männer-Ohrring (Flinserl) aus Gold oder Silber sollte das Sehen verbessern und vor dem bösen Blick schützen.“
Eine spannende Sache, sich in unterschiedlichen Projekten auf die Suche zu machen, nach Bedeutungen, alltägliche und oft nicht so alltägliche Besonderheiten aufspüren. Sprachschätze finden, erklären, Hintergründe erforschen. Das Leben kann so bunt und vielfältig sein… Das kann neugierig machen. Und Neugier ist eine wichtige Triebfeder des Seins.
Die Jugendarbeit kann sich aber auch als eine Quelle sehen, in der neue Rituale gefunden, erfunden, gestaltet werden.
Wieso sollen nur „Bauernregeln“ gelten, es könnte ja auch „Jugendregeln“ geben, Rituale, die von jungen Menschen für junge Menschen entwickelt und gelebt werden. Es kann eine Herausforderung sein, jugendspezifische Themen in unserer Gesellschaft aufzugreifen und sich verführen zu lassen, sich Gedanken zu machen.
Aus Wikipedia: „Rituale dienen nach Karl Bücher (ein Journalist) insbesondere auch der Rhythmisierung zeitlicher und sozialer Abläufe. Demnach gibt es
zyklische Rituale, die dem tageszeitlichen, wöchentlichen, monatlichen oder jährlichen Kalender folgen (z.B. das Weckritual, die Sonnenwendfeier usw.);
lebenszyklische Rituale, z.B. Initiationsrituale (bei Geburt, Mannbarkeit usw.);
ereignisbezogene Rituale, die z.B. bei bestimmten Krisen Anwendung finden (z.B. Tod...);
Interaktionsrituale, die im Rahmen bestimmter Interaktionsmuster zum Tragen kommen, wie z.B. das Grußritual, Rituale des Körperabstandes oder das Ritual des Teetrinkens (zum Beispiel die japanische Teezeremonie).


Oft sind Rituale an Orte und Räume gebunden. Das Spektrum reicht von sakralen und öffentlichen Orten bis hin zu Sitz­ordnungen. Neben spezifischen Insignien, Kleidung und Sprache spielen beim Vollzug des Rituals auch bestimmte Bewegungsarten, nonverbale Signale, Gestik usw. eine Rolle. Während manche Rituale extrem formalisiert und in ihrem Ablauf determiniert sind, zeichnen sich andere durch größere Formoffenheit aus“.
Ein Riesenfeld für die kritische Reflexion unseres Alltagslebens. Eine Reflexion, die dazu beitragen kann, vielen Dingen des Seins bewusster zu begegnen und mehr daraus zu machen. Persönlichen oder gruppenspezifischen Dingen. Oder die Frage, welche Bräuche oder Rituale prägen unser Leben im Jugendtreff? Welche können wir bewusst verstärken oder neu einfügen, damit unser Haus Struktur und Halt bekommt?
Was sollten wir tun, dass unser menschliches Miteinander – besonders auch in Zeiten des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Kulturen – ein wirkliches Miteinander wird? Welche Rituale oder Bräuche helfen uns, Ausgrenzungen abzubauen und Integration zu fördern, was hilft uns, dass Menschen sich eingebunden fühlen in Gemeinschaften? Welche Feste und Feiern könnten wir unter diesem Gesichtspunkt gezielt neu erfinden. Wir in der Jugendarbeit?
Wiederum Wikipedia: „Durch den gemeinschaftlichen Vollzug besitzen viele Rituale auch einheitsstiftenden und einbindenden Charakter und fördern den Gruppenzusammenhalt und die intersubjektive Verständigung.“
Dass Rituale, wenn sie nur von „Eingeweihten“ verstanden werden, auch ausgrenzend wirken können, muss uns aber immer bewusst sein bzw. dieses Bewusstsein sollte uns dazu führen, ein breites Verständnis zu fördern.
Und was hat dies alles mit Kirschblüten zu tun? Wer kennt den Brauch von den Barbarazweigen am 4. Dezember?
Klaus Nothdurfter
Leiter des Amtes für Jugendarbeit

Wandel

Wandel: Bedrohung und Chance

Seit ihren Ursprüngen betrachtet die Menschheit Wandel mit tiefer Ambivalenz. Der Wandel der Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht, die Zyklen des Mondes und der Gezeiten bestimmen den Lebensrhythmus des Menschen, die Bedingungen seines Überlebens und seiner Anpassung an die Umwelt. Die Vorhersehbarkeit der Veränderung ist die Voraussetzung für sein Überleben, die Unvorhersehbarkeit birgt Bedrohung und Gefahr.
Wandel der Natur
Über die Jahrhunderte versuchte man die Unberechenbarkeit der Natur, und vor allem deren zerstörerische Kraft, durch Religion und Aberglauben zu zähmen. Durch Gebet, Ritual und Opfer sollten die sich durch die Natur manifestierenden Gottheiten besänftigt und Katastrophen wie Erdbeben, Dürren, Fluten und Seuchen abgewendet werden. Die modernen Wissenschaften setzten dem Aberglauben objektives Verständnis der Gesetzmäßigkeiten von Naturphänomenen entgegen. Das Bestreben, durch wissenschaftliche Erkenntnis das Eintreten von Naturkatastrophen frühzeitig zu erkennen und deren Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Menschen zu bändigen, blieb allerdings weitgehend unerfüllt. Wandel bestimmt immer noch unser Schicksal, im Guten wie im Bösen.
Wandel der Gesellschaft
Was für die Natur gilt, gilt im übertragenen Sinn auch für die Gesellschaft. Die Stabilität sozialer Strukturen sichert die Stabilität der Gesellschaft als solcher, Instabilität wird meist mit Unordnung und Chaos gleichgestellt. Veränderung und Fortschritt erfolgen aber nicht immer durch progressive, lineare Entwicklungen: Die Geschichte zeigt uns unzählige Beispiele traumatischer Ereignisse, aus denen völlig neue, fortschrittlichere Gesellschaftsformen entstanden sind.
Die Abschaffung von Absolutismus und Monarchie erfolgte durch Revolutionen, die die Geschichte Europas über die Jahrhunderte durchquerten. Vom Englischen Bürgerkrieg von 1642 bis 1649 über die Französische Revolution von 1789, die Julirevolution von 1830, die Februarrevolution von 1848, die Pariser Kommune von 1871 bis hin zur Oktoberrevolution von 1917 wurden Europas Nationen immer wieder durch soziale Umbrüche erschüttert, durch die veraltete und repressive Machtverhältnisse umgestürzt und, obgleich mit unterschiedlichem Erfolg, die Grundlagen für die Entstehung neuer Formen des Zusammenlebens errichtet wurden. Wandel steht somit für Umsturz und Zerstörung, gleichzeitig aber auch für Erneuerung und Fortschritt.
Wirtschaftskrisen: das Beispiel von 1929
Die wirtschaftliche Krise ist wohl das Ereignis, das seit Entstehung des Kapitalismus’ die größte Bedrohung für die modernen Demokratien darstellt. Das bedeutendste Beispiel ist der Börsencrash von 1929, auch bekannt als Schwarzer Donnerstag. Die New Yorker Börse kollabierte innerhalb weniger Tage mit Aktienverlusten von bis zu 99%. Die Jahre zuvor waren durch konstantes Wachstum der Aktienkurse gekennzeichnet, was sowohl Groß- als auch Kleinanleger zu hochriskanten Investitionen verleitete. Die darauf folgende wirtschaftliche Depression verbreitete sich in kürzester Zeit auf ganz Europa und gilt als eine der Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland.
Finanzmärkte und Spekulationsblasen
Betrachtet man die Wirtschaftsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts erkennt man regelmäßige Zyklen des wirtschaftlichen Aufschwungs, die durch plötzliche Finanzkrisen und konsequente Rezessionen unterbrochen wurden. Im Oktober 1987 stürzte der Dow Jones um mehr als ein Fünftel seines Gesamtvolumens ein, im März 2000 platzte die Dotcom-Blase, die durch die rasanten Entwicklungen der sogenannten New Economy (neuer Wirtschaftszweig der webbasierten Dienste) entstanden war. Besonders dramatische Folgen hatte die im August 2007 ausgelöste Immobilienkrise, welche infolge des aufgeblähten Immobilienmarkts und des Zusammenbruchs der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers im September 2008 einen weltweiten Einbruch der Aktienkurse verursachte und mehrere Nationen, insbesondere die mit hoher Staatsverschuldung, bis zum Rande des Wirtschaftskollapses brachte. Der globale Zusammenbruch wurde nur durch die Intervention der Zentralbanken, insbesondere der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve, verwehrt, indem durch massiven Ankauf von Staatsanleihen (quantitative easing) sowie durch die Nullzinspolitik zur Ankurbelung der Investitionen der ökonomische Super-GAU verhindert wurde.
Weltwirtschaftskrise: Katastrophe oder Chance?
Sind Krisen allerdings immer notwendigerweise negativ besetzt? Oder gelten sie auch als Chance, Altes zu beseitigen um Neues zu errichten? Erfolgt Wandel zum Positiven nicht auch durch Zerstörung des Negativen?
Die Verfechter und Theoretiker der freien Marktwirtschaft betrachten den zyklischen Wechsel von Wachstum und Krise als natürliche, progressive Entwicklung zu immer größerem und weitverbreiteterem Wohlstand. Krisen seien nichts Anderes als systemimmanente Korrekturen, als notwendige strukturelle Kompensationen finanzieller Ungleichgewichte. Auf jede Krise folge neues Wachstum, neuer Wohlstand, neue Prosperität.
Angesichts der begrenzten Naturressourcen, der monströsen Dimensionen der Finanzmärkte im Verhältnis zur Realwirtschaft sowie der unerträglichen Kluft zwischen reichen und armen Ländern stellt sich allerdings die Frage, ob unendliches Wachstum als realistisch und überhaupt als erstrebenswert betrachtet werden soll. Kann aber Kapitalismus ohne Wachstum überleben? Effizientere Produktionsmittel erhöhen nämlich die Produktionsleistung bei gleichem oder gar geringerem Einsatz von Arbeitskraft, eine Wachstumsquote von 0% impliziert somit unmittelbar Abbau von Arbeitsplätzen, Rückfall der Nachfrage, Stagnation und, bei länger ausbleibender Neubelebung, Rezession. Die konstante Modernisierung der Produktionsmittel, die durch den unaufhaltsamen Konkurrenzdruck völlig unausweichlich ist, führt somit dazu, dass freie Marktwirtschaft ohne Wachstum nicht bestehen kann, ohne in sich zu implodieren.
Was nun, wenn die nächste Finanzkrise einen globalen wirtschaftlichen Zusammenbruch auslöste? Was wenn die Zentralbanken ihr Arsenal zur Ankurbelung der Konjunktur in der Zwischenzeit ausgeschöpft hätten? Der Ausblick ist furchteinflößend, aber wäre eine solche Krise nicht auch die Chance, ein Entwicklungsmodell, das Milliarden Menschen zur bittersten Armut verdammt (weltweit leben mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, weitere 2,7 Milliarden von weniger als zwei Dollar), definitiv zu überwinden? Birgt die potentiell destruktivste Krise aller Zeiten nicht auch die größte Chance für einen Umbruch, der den Großteil der Menschheit aus dessen Elend erlöste? Der radikalste Wandel der Geschichte steht uns möglicherweise noch bevor.


Gianluca Battistel
Philosoph und Mitarbeiter im Amt für Jugendarbeit