Wandel

Jugendarbeit in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels

Der Beginn der außerschulischen Jugendarbeit liegt weit in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Die allgemeine Schulpflicht wird eingeführt und mit der Industrialisierung setzt eine Veränderung der Familie ein, die sich stark auf die Jugendlichen auswirkt. Die Familie als Ort der Erziehung erweist sich vermehrt als ungeeignet. Aufgrund der Armut und der durchgängigen Erwerbsarbeit von Männern und immer mehr Frauen sieht sich eine immer größer werdende Zahl von jungen Menschen auf sich selbst gestellt. Speziell in Großstädten starten die ersten Verbände wie Pfadfinder und katholische Jugend mit ihren Angeboten, um der „Verwahrlosung“ der Jugendlichen entgegen zu wirken. Ziel dieser Form der Jugendarbeit ist es vorrangig, Werte zu vermitteln und die Persönlichkeit zu entwickeln (vgl. Bauer 1991, S. 28 ff). Dies geschieht in einem sehr klar vorgegebenen und strukturierten Rahmen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden die Jugendlichen selbst aktiv und gründen eigene Treffs (vgl. Schoibl 2016, S. 3 ff). Erste Jugendhäuser tauchen in den 1960er Jahren auf und Jugendliche beginnen in einem nicht-pädagogisierten Raum eigenständig ihre Freizeit zu gestalten. Diese autonome emanzipatorische Phase der Offenen Jugendarbeit hält nur wenige Jahre an. Schon in den 1970er Jahren beginnt die Soziale Arbeit, die Jugend als Zielgruppe zu entdecken und immer mehr pädagogisch ausgerichtete Einrichtungen entstehen. Nach wie vor ist das Kernziel die Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft, jedoch ändern sich mit den AuftraggeberInnen (Gemeinden, Länder, Bezirke etc.) auch die Angebote der Jugendräume. Die verstärkte Professionalisierung führt zu einer Pädagogisierung (Erlebnispädagogik, Freizeitpädagogik, Soziokulturelle Animation etc.) und zu einem Abbau von Autonomie, welche durch gezielte Partizipation ersetzt wird (ebd., S. 5 ff). Für die Jugendarbeiter*innen entsteht vermehrt ein Dilemma zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Jugendlichen und den Aufträgen der Gemeinden (vgl. Bauer 1991, S. 28 ff). Im Laufe der Zeit vor allem aber aufgrund der Wirtschaftskrise Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre werden Differenzierungen entwickelt, die neben der sogenannten standortbezogenen Jugendarbeit (Jugendtreffs, Jugendzentren, Jugendräume) verschiedene Zielgruppen erreichen sollen (Mobile Jugendarbeit, Jugendstreetwork) und neben der Freizeitarbeit Jugendberatung und Jugendsozialarbeit anbieten soll. Diese Anpassung der Offenen Jugendarbeit an gesellschaftliche Veränderungen hält bis heute an. Nicht nur deshalb ist aus einem anfänglich ehrenamtlich bis autonomen Angebot ein professioneller Dienstleistungsbereich entstanden (vgl. Bauer 1991, S. 5).
Bezogen auf das Bundesland Tirol zeigt sich das Bild ähnlich. Ebenso wie in den anderen Teilen des deutschsprachigen Raums entstanden Jugendräume aus autonomen Verbänden, aber auch aus verbandlichen Bezügen wie katholische Jungschar etc. Gerade das viel bekannte Jugendzentrum Z6 in Innsbruck zeichnet mit seiner Geschichte die Entwicklung der Offenen Jugendarbeit in einzigartiger Weise nach. 1967 begann Kaplan Meinrad Schumacher mit der „Aktion 14“ so genannte Schulentlasstage für Hauptschulen zu organisieren. Das Angebot richtete sich vorranging an junge Lehrlinge und wurde im Laufe der Zeit ausgebaut und weiterentwickelt. Waren die Schulentlasstage noch punktuelle Angebote, so kann die Anmietung eines Lokals in Pradl - der „Mädchenclub“ - 1969 als Meilenstein der Offenen Jugendarbeit des Z6 in Innsbruck gesehen werden. Aus diesem fixen Angebot entwickelten sich in weiterer Folge das Jugendstreetwork des Z6 und eine Drogenberatungsstelle. Immer die aktuellen Bedürfnisse und Problemlagen der Jugendlichen aufgreifend, bietet das Jugendzentrum Z6 seit 2015 Beratung im Bereich Fanatisierungsprävention an und zeigt dadurch, wie die Expertise von Offener Jugendarbeit in andere Felder fließen kann (vgl. O.A. Z6 Jugendzentrum Innsbruck. Z6 Jugendzentrum Innsbruck. Available at: www.z6online.com/).
Mit dem Internet und der Verbreitung von Smartphones hat sich nicht nur für Jugendliche ein neuer Raum eröffnet, mit den Jugendlichen hat auch die Offene Jugendarbeit sich mehr und mehr dem virtuellen Raum gewidmet. Mit Angeboten wie zum Beispiel der Aufsuchenden Arbeit im Netz, bei der speziell Mobile Jugendarbeiter*innen ihr sonst im realen Raum umgesetztes Angebot in den virtuellen Raum verlagern, wurde und wird der virtuelle Raum als Ort für Kontakt, Beziehungspflege, Information, Beratung etc. genützt.
Doch nicht nur im Außen hat sich vieles verändert. Ganz grundsätzlich hat sich der Weg vom Kind zum Erwachsenen umgestaltet. War es früher möglich, das eigene Leben auf eine solide Basis zu stellen, welche für den Rest des Lebens Richtung und Sicherheit gab, so ist dies heute nicht mehr möglich. Es gilt, sich immer neu zu erfinden. Der Wechsel von Arbeitsplatz und Wohnort ist zur Normalität geworden, Theorien über die Jugendphase gehen ab von einer abgeschlossenen Identität als Ziel und hin zum Konzept einer flexiblen Patchworkidentität. Auch das lebenslange Lernen ist Teil dieses Konzepts der Flexibilität und des Wandels in allen Lebensbereichen. Unsicherheit und Ungewissheit sind ständige Begleiter. Die Jugendphase ist immer weniger ein sorgenfreier Raum und immer mehr die Zeit, in der es gelingen muss, die richtigen Weichen zu stellen, immer wissend, dass diese Entscheidungen schon morgen falsch sein können.
Und wie reagiert die Offene Jugendarbeit auf diesen Wandel?
Ich möchte ein paar, aus meiner Sicht, zentrale Punkte herausstreichen:
Wenn auch die Methoden und Angebote ausdifferenziert wurden und sich verändert haben, so ist die Grundhaltung der Freiwilligkeit und Offenheit für alle Jugendlichen weiterhin zentrales Prinzip der Offenen Jugendarbeit.
Durch das beständige Angebot der Beziehung bietet die Offene Jugendarbeit über Jahrzehnte hinweg Begleitung auf diesem herausfordernden Weg ins Leben an und das für alle Jugendlichen, egal aus welchem Milieu oder mit welchem oder keinem Pass. Dabei unterstützt sie nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern ganz besonders auch in Bezug auf gesellschaftliche Ziele. Speziell durch ihr Eingebunden-Sein in den Lebensraum der Jugendlichen ermöglicht Offene Jugendarbeit Teilnahme an demokratischen Prozessen im Gemeinwesen. Und dieses Angebot richtet sich nicht an spezielle Zielgruppen, sondern eben an alle Jugendlichen einer Gemeinde, einer Stadt. Somit ist Offene Jugendarbeit im tiefsten Sinne demokratiefördernd.
Indem Offene Jugendarbeit die Bedeutung der Gleichaltrigengruppe herausstreicht und die positiven Möglichkeiten der Clique nutzbar macht, stärkt sie die einzelnen Jugendlichen selbst und macht sie zu Experten und Expertinnen. Die positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit kann so als stärkende Erfahrung für den zukünftigen Lebensweg genützt werden.
So hat sich vieles geändert und gewandelt, die Grundprinzipien der Offenen Jugendarbeit sind heute so relevant wie noch vor 100 Jahren.
Literatur
Bauer, Wolfgang, Jugendhaus – Geschichte, Standort und Alltag.
Offener Jugendarbeit, 1991 Weinheim und Basel (Beltz)

Schoibl, Heinz, Geschichte Jugendarbeit – Skizze, Salzburg, Helix – Forschung und Beratung
Available at: www.boja.at

Lothar Böhnisch, Pädagogik des Jugendraums: Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik, 1989 Weinheim und München, (Juventa Paperback)

Franz Josef Krafeld, Geschichte der Jugendarbeit. Von den Anfängen bis zur Gegenwart,
1984 Weinheim und Basel (Beltz)
Martina Steiner
POJAT, Dachverband Offene Jugendarbeit Tirol, Geschäftsführung

FOTO: Land Tirol Sailer

Wandel

Kirschblüten

Menschen tut es gut, wenn in Zeiten schnellen Wandels Fixsterne leuchten, die die Orientierung leichter machen. Es können auch Leuchttürme sein oder Bräuche und Rituale. Denn vor allem junge Menschen brauchen Halt und Orientierung.
Es gibt solche, tausende, die verschwunden, verschollen sind, warum auch immer, es gibt andere, die neu entdeckt werden (wollen), weil ihr Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Oder weil sich die Zeiten so verändert haben, dass uns das Verstehen des Entstehens bzw. der Hintergrund verloren gegangen ist.
Wer einen tieferen Einblick in die kulturelle Geschichte unserer Heimat bekommen möchte und wissen will, woher sich manche Bräuche entwickelt haben und welche regionalen Besonderheiten es gegeben hat (und noch immer gibt!), dem sei das Buch von Helga Maria Wolf „Verschwundene Bräuche, das Buch der untergegangenen Rituale“ (erschienen bei Brandstätter) sehr empfohlen. Ein Auszug:
„Ohren: Die Ohren als wichtige menschliche Sinnesorgane waren mit einer Reihe populärer Vorstellungen verbunden. Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493 – 1541) bewertete große Ohren als Zeichen der Gesundheit, Intelligenz und des guten Charakters. Sterbenden soll man etwas Gutes ins Ohr flüstern. Mittelalterliche Bilder symbolisieren Mariä Empfängnis, indem ein Lichtstrahl in ihr Ohr dringt.
Das Ab- oder Einschneiden der Ohren war eine Verstümmelungsstrafe. Schlitzohr meinte ursprünglich einen durch eine solche Strafe gekennzeichneten Betrüger, auch Dämonen stellte man sich schlitzohrig vor.
Ohrfeigen (Feg – Streich) waren ein Zeichen der Herrschaftsausübung, die sich im Ritual der römischen Freilassung (letzte Ohrfeige) fanden. Jemanden an den Ohren zu ziehen war bei Vertrags­abschlüssen üblich, um die Erinnerung zu stärken.
Der Männer-Ohrring (Flinserl) aus Gold oder Silber sollte das Sehen verbessern und vor dem bösen Blick schützen.“
Eine spannende Sache, sich in unterschiedlichen Projekten auf die Suche zu machen, nach Bedeutungen, alltägliche und oft nicht so alltägliche Besonderheiten aufspüren. Sprachschätze finden, erklären, Hintergründe erforschen. Das Leben kann so bunt und vielfältig sein… Das kann neugierig machen. Und Neugier ist eine wichtige Triebfeder des Seins.
Die Jugendarbeit kann sich aber auch als eine Quelle sehen, in der neue Rituale gefunden, erfunden, gestaltet werden.
Wieso sollen nur „Bauernregeln“ gelten, es könnte ja auch „Jugendregeln“ geben, Rituale, die von jungen Menschen für junge Menschen entwickelt und gelebt werden. Es kann eine Herausforderung sein, jugendspezifische Themen in unserer Gesellschaft aufzugreifen und sich verführen zu lassen, sich Gedanken zu machen.
Aus Wikipedia: „Rituale dienen nach Karl Bücher (ein Journalist) insbesondere auch der Rhythmisierung zeitlicher und sozialer Abläufe. Demnach gibt es
zyklische Rituale, die dem tageszeitlichen, wöchentlichen, monatlichen oder jährlichen Kalender folgen (z.B. das Weckritual, die Sonnenwendfeier usw.);
lebenszyklische Rituale, z.B. Initiationsrituale (bei Geburt, Mannbarkeit usw.);
ereignisbezogene Rituale, die z.B. bei bestimmten Krisen Anwendung finden (z.B. Tod...);
Interaktionsrituale, die im Rahmen bestimmter Interaktionsmuster zum Tragen kommen, wie z.B. das Grußritual, Rituale des Körperabstandes oder das Ritual des Teetrinkens (zum Beispiel die japanische Teezeremonie).


Oft sind Rituale an Orte und Räume gebunden. Das Spektrum reicht von sakralen und öffentlichen Orten bis hin zu Sitz­ordnungen. Neben spezifischen Insignien, Kleidung und Sprache spielen beim Vollzug des Rituals auch bestimmte Bewegungsarten, nonverbale Signale, Gestik usw. eine Rolle. Während manche Rituale extrem formalisiert und in ihrem Ablauf determiniert sind, zeichnen sich andere durch größere Formoffenheit aus“.
Ein Riesenfeld für die kritische Reflexion unseres Alltagslebens. Eine Reflexion, die dazu beitragen kann, vielen Dingen des Seins bewusster zu begegnen und mehr daraus zu machen. Persönlichen oder gruppenspezifischen Dingen. Oder die Frage, welche Bräuche oder Rituale prägen unser Leben im Jugendtreff? Welche können wir bewusst verstärken oder neu einfügen, damit unser Haus Struktur und Halt bekommt?
Was sollten wir tun, dass unser menschliches Miteinander – besonders auch in Zeiten des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Kulturen – ein wirkliches Miteinander wird? Welche Rituale oder Bräuche helfen uns, Ausgrenzungen abzubauen und Integration zu fördern, was hilft uns, dass Menschen sich eingebunden fühlen in Gemeinschaften? Welche Feste und Feiern könnten wir unter diesem Gesichtspunkt gezielt neu erfinden. Wir in der Jugendarbeit?
Wiederum Wikipedia: „Durch den gemeinschaftlichen Vollzug besitzen viele Rituale auch einheitsstiftenden und einbindenden Charakter und fördern den Gruppenzusammenhalt und die intersubjektive Verständigung.“
Dass Rituale, wenn sie nur von „Eingeweihten“ verstanden werden, auch ausgrenzend wirken können, muss uns aber immer bewusst sein bzw. dieses Bewusstsein sollte uns dazu führen, ein breites Verständnis zu fördern.
Und was hat dies alles mit Kirschblüten zu tun? Wer kennt den Brauch von den Barbarazweigen am 4. Dezember?
Klaus Nothdurfter
Leiter des Amtes für Jugendarbeit