Wandel
Sozialkapital

Eine Währung, die keine Verluste schreibt

Geld ist ein Produkt des Denkens – und daher in seiner Bewertung auch von unseren Überzeugungen, Vereinbarungen und Gefühlen abhängig. Der Wert, der ihm beigemessen wird, hat sich nicht erst in letzter Zeit von realen Sachwerten gelöst – er war naturgemäß schon immer mit verschiedenartigsten Zielen oder Utopien verbunden. Finanzmittel können dafür eingesetzt werden, die Existenz sicher zu stellen, soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, kulturelle Erneuerung auf den Weg zu bringen – sie können aber auch ohne gesellschaftliches Ziel einzig dem Zweck dienen sich selbst zu vermehren.
Zunehmend steht dann aber nicht mehr die Qualität des Lebens, sondern die Quantität erworbener Güter im Mittelpunkt des Handelns und Strebens.
Die gegenwärtige Vertrauenskrise in dieses Konzept war vorhersehbar, dennoch trifft sie uns unvorbereitet und an der empfindlichsten Stelle: unserem Kontrollbedürfnis. Wäre die Rettung in Aussicht oder aber der Untergang prognostizierbar, könnten wir uns ja rüsten. Gerade die Unsicherheit der kommenden Geschehnisse verunsichert, lässt Angst aufkommen und oft erst jene Panikreaktionen in der Bevölkerung entstehen, die erneut die Wirtschafts- und Finanzwelt gefährden könnten – viel schlimmer aber noch: unser soziales Miteinander.
Schon die Katastrophe von New York am 11. September 2001 mit ihren globalen Folgewellen der Angst hat uns fragen lassen: was bleibt, wenn alles schwankt? Diese Frage tritt auch heute wie in jeder individuellen oder gesellschaftlichen Krise wieder zu Tage. Die Antwort ist immer dieselbe: Es sind die Beziehungen, in denen wir leben, die uns Halt geben. Familie, FreundInnen, unsere Kontakte in der Nachbarschaft und im Gemeinwesen: Sie bilden das Sozialkapital, dessen Leitzinsen nie gesenkt werden. Seinen Wert erkennen wir jedoch gerade in der Krise. Frank Schirrmacher zeigt in seinem Buch „Minimum“ anhand eindrücklicher Beispiele, dass es die vertrauten sozialen Netzwerke sind, die in Krisenzeiten überleben – und nicht die erfolgsverwöhnten IndividualistInnen und lonesome heroes. Was für das Überleben gilt, gilt erst recht für das Leben. Zur Zufriedenheit trägt eben vornehmlich das Miteinander bei, in dem wir uns aufgehoben fühlen. Das soziale Netz und seine vielfältigen Tankstellen ist die zentrale Grundlage von Lebensqualität.
Menschen, Betriebe und Gemeinschaften, die ihr Leben und Handeln maßvoll und mit Blick auf Lebensqualität gestalten, können trotz aller inneren und äußeren Belastungen Zufriedenheit und Zuversicht erleben – und strahlen diese auch aus. Sie hoffen oder raffen nicht für die Zukunft, sondern gestalten die Gegenwart so, dass für die Zukunft Hoffnung besteht. In Schulen, Ämtern und Betrieben: indem nicht Angst ihr Verhalten prägt, sondern Offenheit und Interesse. In Politik und Institutionen: indem nicht Unterwürfigkeit und Konkurrenz sie leiten, sondern die gemeinsamen Aufgaben. In Mobilität und Konsum: indem nicht die Trägheit ihr Beweggrund ist, sondern lustvolle Auseinandersetzung. In Partnerschaft, Familie und Beziehungsnetz: indem nicht Abhängigkeit ihr Leitstern ist, sondern Begegnung. Als BewohnerInnen des gemeinsamen Planeten Erde: indem ihr Blick nicht am Tellerrand des eigenen Vorteils endet, sondern darüber hinaus schaut: auf den Traum einer geschwisterlichen Menschheit, der in die Tat umgesetzt werden will.
Gerald Koller
ist Moderator des Forum Lebensqualität Österreich.
Der Pädagoge ist seit 25 Jahren europaweit als Referent,
Projektbegleiter und Autor
im Brückenbereich von Kommunikation
und Gesundheit unterwegs.
2011 wurde er von Ashoka, der weltgrößten
Organisation für social change,
zum ersten österreichischen
Ashoka Fellow ernannt.

Wandel

Jugendarbeit in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels

Der Beginn der außerschulischen Jugendarbeit liegt weit in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Die allgemeine Schulpflicht wird eingeführt und mit der Industrialisierung setzt eine Veränderung der Familie ein, die sich stark auf die Jugendlichen auswirkt. Die Familie als Ort der Erziehung erweist sich vermehrt als ungeeignet. Aufgrund der Armut und der durchgängigen Erwerbsarbeit von Männern und immer mehr Frauen sieht sich eine immer größer werdende Zahl von jungen Menschen auf sich selbst gestellt. Speziell in Großstädten starten die ersten Verbände wie Pfadfinder und katholische Jugend mit ihren Angeboten, um der „Verwahrlosung“ der Jugendlichen entgegen zu wirken. Ziel dieser Form der Jugendarbeit ist es vorrangig, Werte zu vermitteln und die Persönlichkeit zu entwickeln (vgl. Bauer 1991, S. 28 ff). Dies geschieht in einem sehr klar vorgegebenen und strukturierten Rahmen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden die Jugendlichen selbst aktiv und gründen eigene Treffs (vgl. Schoibl 2016, S. 3 ff). Erste Jugendhäuser tauchen in den 1960er Jahren auf und Jugendliche beginnen in einem nicht-pädagogisierten Raum eigenständig ihre Freizeit zu gestalten. Diese autonome emanzipatorische Phase der Offenen Jugendarbeit hält nur wenige Jahre an. Schon in den 1970er Jahren beginnt die Soziale Arbeit, die Jugend als Zielgruppe zu entdecken und immer mehr pädagogisch ausgerichtete Einrichtungen entstehen. Nach wie vor ist das Kernziel die Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft, jedoch ändern sich mit den AuftraggeberInnen (Gemeinden, Länder, Bezirke etc.) auch die Angebote der Jugendräume. Die verstärkte Professionalisierung führt zu einer Pädagogisierung (Erlebnispädagogik, Freizeitpädagogik, Soziokulturelle Animation etc.) und zu einem Abbau von Autonomie, welche durch gezielte Partizipation ersetzt wird (ebd., S. 5 ff). Für die Jugendarbeiter*innen entsteht vermehrt ein Dilemma zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Jugendlichen und den Aufträgen der Gemeinden (vgl. Bauer 1991, S. 28 ff). Im Laufe der Zeit vor allem aber aufgrund der Wirtschaftskrise Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre werden Differenzierungen entwickelt, die neben der sogenannten standortbezogenen Jugendarbeit (Jugendtreffs, Jugendzentren, Jugendräume) verschiedene Zielgruppen erreichen sollen (Mobile Jugendarbeit, Jugendstreetwork) und neben der Freizeitarbeit Jugendberatung und Jugendsozialarbeit anbieten soll. Diese Anpassung der Offenen Jugendarbeit an gesellschaftliche Veränderungen hält bis heute an. Nicht nur deshalb ist aus einem anfänglich ehrenamtlich bis autonomen Angebot ein professioneller Dienstleistungsbereich entstanden (vgl. Bauer 1991, S. 5).
Bezogen auf das Bundesland Tirol zeigt sich das Bild ähnlich. Ebenso wie in den anderen Teilen des deutschsprachigen Raums entstanden Jugendräume aus autonomen Verbänden, aber auch aus verbandlichen Bezügen wie katholische Jungschar etc. Gerade das viel bekannte Jugendzentrum Z6 in Innsbruck zeichnet mit seiner Geschichte die Entwicklung der Offenen Jugendarbeit in einzigartiger Weise nach. 1967 begann Kaplan Meinrad Schumacher mit der „Aktion 14“ so genannte Schulentlasstage für Hauptschulen zu organisieren. Das Angebot richtete sich vorranging an junge Lehrlinge und wurde im Laufe der Zeit ausgebaut und weiterentwickelt. Waren die Schulentlasstage noch punktuelle Angebote, so kann die Anmietung eines Lokals in Pradl - der „Mädchenclub“ - 1969 als Meilenstein der Offenen Jugendarbeit des Z6 in Innsbruck gesehen werden. Aus diesem fixen Angebot entwickelten sich in weiterer Folge das Jugendstreetwork des Z6 und eine Drogenberatungsstelle. Immer die aktuellen Bedürfnisse und Problemlagen der Jugendlichen aufgreifend, bietet das Jugendzentrum Z6 seit 2015 Beratung im Bereich Fanatisierungsprävention an und zeigt dadurch, wie die Expertise von Offener Jugendarbeit in andere Felder fließen kann (vgl. O.A. Z6 Jugendzentrum Innsbruck. Z6 Jugendzentrum Innsbruck. Available at: www.z6online.com/).
Mit dem Internet und der Verbreitung von Smartphones hat sich nicht nur für Jugendliche ein neuer Raum eröffnet, mit den Jugendlichen hat auch die Offene Jugendarbeit sich mehr und mehr dem virtuellen Raum gewidmet. Mit Angeboten wie zum Beispiel der Aufsuchenden Arbeit im Netz, bei der speziell Mobile Jugendarbeiter*innen ihr sonst im realen Raum umgesetztes Angebot in den virtuellen Raum verlagern, wurde und wird der virtuelle Raum als Ort für Kontakt, Beziehungspflege, Information, Beratung etc. genützt.
Doch nicht nur im Außen hat sich vieles verändert. Ganz grundsätzlich hat sich der Weg vom Kind zum Erwachsenen umgestaltet. War es früher möglich, das eigene Leben auf eine solide Basis zu stellen, welche für den Rest des Lebens Richtung und Sicherheit gab, so ist dies heute nicht mehr möglich. Es gilt, sich immer neu zu erfinden. Der Wechsel von Arbeitsplatz und Wohnort ist zur Normalität geworden, Theorien über die Jugendphase gehen ab von einer abgeschlossenen Identität als Ziel und hin zum Konzept einer flexiblen Patchworkidentität. Auch das lebenslange Lernen ist Teil dieses Konzepts der Flexibilität und des Wandels in allen Lebensbereichen. Unsicherheit und Ungewissheit sind ständige Begleiter. Die Jugendphase ist immer weniger ein sorgenfreier Raum und immer mehr die Zeit, in der es gelingen muss, die richtigen Weichen zu stellen, immer wissend, dass diese Entscheidungen schon morgen falsch sein können.
Und wie reagiert die Offene Jugendarbeit auf diesen Wandel?
Ich möchte ein paar, aus meiner Sicht, zentrale Punkte herausstreichen:
Wenn auch die Methoden und Angebote ausdifferenziert wurden und sich verändert haben, so ist die Grundhaltung der Freiwilligkeit und Offenheit für alle Jugendlichen weiterhin zentrales Prinzip der Offenen Jugendarbeit.
Durch das beständige Angebot der Beziehung bietet die Offene Jugendarbeit über Jahrzehnte hinweg Begleitung auf diesem herausfordernden Weg ins Leben an und das für alle Jugendlichen, egal aus welchem Milieu oder mit welchem oder keinem Pass. Dabei unterstützt sie nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern ganz besonders auch in Bezug auf gesellschaftliche Ziele. Speziell durch ihr Eingebunden-Sein in den Lebensraum der Jugendlichen ermöglicht Offene Jugendarbeit Teilnahme an demokratischen Prozessen im Gemeinwesen. Und dieses Angebot richtet sich nicht an spezielle Zielgruppen, sondern eben an alle Jugendlichen einer Gemeinde, einer Stadt. Somit ist Offene Jugendarbeit im tiefsten Sinne demokratiefördernd.
Indem Offene Jugendarbeit die Bedeutung der Gleichaltrigengruppe herausstreicht und die positiven Möglichkeiten der Clique nutzbar macht, stärkt sie die einzelnen Jugendlichen selbst und macht sie zu Experten und Expertinnen. Die positive Erfahrung der Selbstwirksamkeit kann so als stärkende Erfahrung für den zukünftigen Lebensweg genützt werden.
So hat sich vieles geändert und gewandelt, die Grundprinzipien der Offenen Jugendarbeit sind heute so relevant wie noch vor 100 Jahren.
Literatur
Bauer, Wolfgang, Jugendhaus – Geschichte, Standort und Alltag.
Offener Jugendarbeit, 1991 Weinheim und Basel (Beltz)

Schoibl, Heinz, Geschichte Jugendarbeit – Skizze, Salzburg, Helix – Forschung und Beratung
Available at: www.boja.at

Lothar Böhnisch, Pädagogik des Jugendraums: Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik, 1989 Weinheim und München, (Juventa Paperback)

Franz Josef Krafeld, Geschichte der Jugendarbeit. Von den Anfängen bis zur Gegenwart,
1984 Weinheim und Basel (Beltz)
Martina Steiner
POJAT, Dachverband Offene Jugendarbeit Tirol, Geschäftsführung

FOTO: Land Tirol Sailer