Wandel

Mut zur Lücke

7 Schritte, die jede/r von uns tun kann, damit die Geschichte einen guten Verlauf nimmt
„Zusammenrücken, bitte!“ rief der Schaffner in der Straßenbahn, wenn neue Fahrgäste einsteigen wollten und der Wagen schon voll schien. Mich als Kind erfüllte es immer wieder mit Erstaunen, wie viel da auf einmal an Platz frei wurde. Was mich wohl auch heute noch auf meinem Weg zur sozialen Gesundheit und Risikointelligenz bewegt, ist die Suche nach einer solchen empathischen Gesellschaft, die in Umbrüchen und Zeiten des Wandels kooperativ handelt. Es gab und gibt sie. Und wir haben die Chance eine zu werden: solidarisch und Platz schaffend. Gerade jetzt
Niemand kennt die Spielregeln – selbst für die nächste Zukunft: das Drama der Flüchtenden und Suchenden, das das Herz des alten Kontinents aufschreckt, vermittelt nur eine Gewissheit:
Nichts bleibt, wie es war.
Doch war das nicht schon immer so? Seit Jahrtausenden ist Suche, Flucht und Wanderung zentrales Thema der Menschen und Gesellschaften. Und nicht umsonst beginnt die Geschichte, auf die das christliche Abendland baut, gleich nach Jesu Geburt mit der Flucht von Maria und Josef mit dem Neugeborenen nach Ägypten.
Die Flüchtenden, die an uns vorbei und zu uns hinziehen, erinnern uns also an die Bewegtheit des Lebens – und bringen eine Botschaft mit: der Kurswechsel, der sich als drängende Notwendigkeit angekündigt hat, seit die Talfahrt des globalen kapitalistischen Systems, seiner ökologischen Kahlschläge und seiner nicht eingelösten Heilsversprechungen begann, steht nicht mehr vor der Tür. Er passiert soeben. Und wie immer in Epochen grundlegenden Wandels in der Zivilisationsgeschichte werden ihn jene zukunftsfähig mitgestalten, die nicht nach Sicherung des Status quo rufen, sondern im risikointelligenten Miteinander innere Sicherheit entwickeln: denn jede (biologische oder kulturelle) Geburt ist ein Prozess, der nicht Rückzug und Erstarrung, sondern Mut und Kommunikation erfordert. Nicht jene gestalten also Grundlagen für eine gute Zukunft, die die gewohnten Verhältnisse bewahren wollen, sondern jene, die wissen, dass sich Europa nun bewähren muss. Zukunftsfähig sind die, die keine Angst vor Verlust haben; die nicht zum Spielball erstarren, sondern selbst spielen. Die dabei neue Spielregeln entwickeln, die der Komplexität der globalen Zusammenhänge angemessen sind: Empathie 3.0. Und die in einer Welt der neuen Nachbarschaften eine angemessene Form der Nächstenliebe entwickeln. Denn nach Jahrzehnten der Verformung des Liebesbegriffs haben wir nun die Aufgabe und Chance, der fundamentalen, auch biologisch gültigen Erkenntnis zu folgen: Liebe ist nicht das Begehren nach Erfüllung und Wachstum, sondern der Verzicht auf Ansprüche, auf Totalität.
Eine solche Liebe hat keine Angst – und daher die Kraft zur politischen Gestaltung – indem sie zu handeln, durchzuhalten, aber auch loszulassen versteht: eben Mut zur Lücke entwickelt.
Die sieben Schritte, die wir täglich neu tun können: Einzelne, communities, Unternehmen und Regierungen – stehen in diesem Sinne unter dem Stern einer neuen Bescheidenheit:
1. ANKOMMEN LASSEN
Die Realität der Flüchtenden bei uns ankommen zu lassen, sich ihr zu stellen, ohne sie sofort zu bewerten, ohne re­flexartig Strategien der Angstminderung zu entwickeln – ob sie nun Hilfe oder Abwehr heißen -, die Wucht dieser Realität auszuhalten, die täglich massiver wird: das kann helfen, aus Reflex über Reaktion und kritischer Reflexion Resonanz zu entwickeln. Und so vom Getriebensein (das nicht nur den Flüchtenden, sondern auch den von dieser Flucht Betroffenen eigen ist) zu überlegter Gestaltungskraft zu gelangen.
Und es gilt noch etwas ankommen zu lassen, das lange ins Dunkel verdrängt wurde: die Realität des eigenen Traumas. Viele europäische Gesellschaften haben ihre ethnischen Traumata des letzten Jahrhunderts nicht aufgearbeitet. Die Flüchtenden wühlen diese Vergangenheit mit ihrer Existenz wieder auf. Sich den eigenen Schatten zu stellen, hilft, diese nicht auf die Überbringer der schlechten Botschaft (die uns sagt, dass es noch etwas im Inneren zu tun gilt) zu projizieren.
2. ERINNERN
Der Umstand, dass wir zu jedem Weihnachtsfest die Flucht nach Ägypten als Teil des HEILsgeschehens memorieren, wie auch die Verwobenheit unserer Eltern- und Großelterngeneration in Wirtschaftsmigration, Deportation und Massenflucht zeigen eine Gesetzmäßigkeit: Flucht ist Folge von Gewalt und Not. Die Betroffenen brauchen Hilfe auf ihrem Weg, die damit verbundenen Traumata brauchen zur Heilung aber mehr: bedrohungsfreien Raum, souveräne Begleitung solcher, die nicht selbst in Angstreflexe verfallen, am meisten jedoch die Gewissheit: gesehen zu werden.
3. RELATIVIEREN
Die Zahl der nach Europa Flüchtenden, die hier um Asyl ansuchen, macht etwa 0,5% der europäischen Gesamtbevölkerung aus. Aus dem 1% der österreichischen Bevölkerung könnten in nächster Zeit 4% werden, aus den 2,4% im Top-Aufnahmeland Schweden bis zu 10%. Allgemein gilt für das Transitland Österreich: nur max. ein Zehntel der Notreisenden wird hier als Asylwerbende bleiben, von diesen wiederum nur ein Viertel Asyl bekommen – also 2,5% aller, die derzeit Österreichische Grenzen passieren. Schon deshalb ist es wichtig, zwischen Flüchtenden, Asylwerbenden und schließlich Asylberechtigten zu unterscheiden, um die verschiedenen Stadien, deren Bedürfnisse und Problematiken besser beantworten zu können. Der Sammelbegriff „Flüchtlinge“ pauschaliert und kategorisiert in gleichem Maße. Er schafft damit Bedrohungsängste und lässt nebulose Diskussionen um die Vermittlung unserer Leitkultur entstehen. Doch hier stellt sich die Frage: weiß diese Leitkultur noch, was sie leitet? Die Gruppe der Asylwerbenden (noch einmal: 1-4% der Gesamtbevölkerung) als potentielle Totengräber der abendländischer Kultur auszumachen, lässt nur darauf schließen, dass das Abendland bereits selbst am Sterbebett liegen muss: nur eine Gesellschaft, die durch süchtiges Verhalten geschwächt bereits in einer Agonie liegt, deren Symptome Depressionen und burn out-Epidemien ebenso sind wie die Aufgabe von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit (den bisherigen Grundfesten unserer demokratischen Leitkultur), könnte von einem solchen vergleichsweise temporären Virus zur Strecke gebracht werden.
Eine umfassende Diagnose hilft da, ein Therapieprogramm zu entwickeln, das über bloße Symptombehandlung hinausgeht – und das direkt unser aller Lebensstil berührt.
4. ÖKONOMISCH LEBEN
Wenn mehr Menschen um den Suppentopf sitzen, gilt es zu teilen und somit auf eigene Totalitätsansprüche zu verzichten. Diese Haltung der neuen Bescheidenheit ist Merkmal der kommenden Suffizienzgesellschaft, deren Basis die Erkenntnis ist: es ist genug für alle da.
Teilen und Bescheidenheit gilt es nicht nur am heimatlichen Tisch zu pflegen. Auch jene, die direkte Hilfe und Intervention in den Notgebieten fordern, werden diese nur durch Verzicht auf Ansprüche der reichen Weltregionen verwirklichen können. Der Ausgleich beginnt beim Teilen von Lebensmitteln (und alltagsnahen Maßnahmen, diese nicht zu verschwenden oder gar wegzuwerfen) und mündet in der globalen sharing economy.
5. ÖKOLOGISCH LEBEN
Wie Ökonomie der Umgang mit knappen Ressourcen ist, ist Ökologie der nachhaltige Umgang damit - im Sinne einer enkeltauglichen Gesellschaft. Die dringende Notwendigkeit der Reduktion des westlichen Ressourcenverbrauchs kann gerade durch die neue Bescheidenheit der teilenden Gesellschaft Unterstützung finden – die Flüchtenden könnten somit FluchthelferInnen aus dem globalen ökologischen Desaster werden.
6. EINANDER SPIELEND BEGEGNEN
Furcht lähmt. Aus ihr entstehen keine tauglichen Zukunftsentwürfe. Wenn also Chaos die Dynamik unserer Tage bestimmt, dann entwickeln wir neue Ordnung wohl am besten durch das älteste Kulturmittel der Menschheit, um in Balance zu kommen: das Spiel. Miteinander zu spielen schafft Lebensfreude, die wir alle so dringend brauchen. Und erst im Spielen entwickeln und passen wir Spielregeln an die sich verändernden Gegebenheiten an: spielerisch vermitteln wir gerade Asylwerbenden die Regeln unserer bisherigen Leitkultur. Und miteinander tragen wir damit zu einer Empathie höherer Ordnung bei, aus der eine neue, globale Leitkultur entstehen kann.
7. GRÜNDEN
Gründen wir mit den schließlich in Europa Asylberechtigten Netzwerke, communities, start ups, collaborative spaces, interkulturelle Lernorte, politische Initiativen auf Augenhöhe, Regionalwährungen, Sprachcafes, Talentebörsen, sharing-Projekte, Spielgemeinschaften, Festvereine, Genossenschaften, Tafelrunden, BürgerInnengesellschaften: entfalten wir Potentiale, schaffen wir Arbeitsplätze, initiieren wir eine neue Gründerzeit. Seien wir neugierig auf das Neue! Und arbeiten wir mit daran, dass es von allen, die es mitgestalten wollen, mitgestaltet werden kann.
Gerald Koller
Forum Lebensqualität – Europäische Gesellschaft für innere Sicherheit open source

Wandel
Sozialkapital

Eine Währung, die keine Verluste schreibt

Geld ist ein Produkt des Denkens – und daher in seiner Bewertung auch von unseren Überzeugungen, Vereinbarungen und Gefühlen abhängig. Der Wert, der ihm beigemessen wird, hat sich nicht erst in letzter Zeit von realen Sachwerten gelöst – er war naturgemäß schon immer mit verschiedenartigsten Zielen oder Utopien verbunden. Finanzmittel können dafür eingesetzt werden, die Existenz sicher zu stellen, soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, kulturelle Erneuerung auf den Weg zu bringen – sie können aber auch ohne gesellschaftliches Ziel einzig dem Zweck dienen sich selbst zu vermehren.
Zunehmend steht dann aber nicht mehr die Qualität des Lebens, sondern die Quantität erworbener Güter im Mittelpunkt des Handelns und Strebens.
Die gegenwärtige Vertrauenskrise in dieses Konzept war vorhersehbar, dennoch trifft sie uns unvorbereitet und an der empfindlichsten Stelle: unserem Kontrollbedürfnis. Wäre die Rettung in Aussicht oder aber der Untergang prognostizierbar, könnten wir uns ja rüsten. Gerade die Unsicherheit der kommenden Geschehnisse verunsichert, lässt Angst aufkommen und oft erst jene Panikreaktionen in der Bevölkerung entstehen, die erneut die Wirtschafts- und Finanzwelt gefährden könnten – viel schlimmer aber noch: unser soziales Miteinander.
Schon die Katastrophe von New York am 11. September 2001 mit ihren globalen Folgewellen der Angst hat uns fragen lassen: was bleibt, wenn alles schwankt? Diese Frage tritt auch heute wie in jeder individuellen oder gesellschaftlichen Krise wieder zu Tage. Die Antwort ist immer dieselbe: Es sind die Beziehungen, in denen wir leben, die uns Halt geben. Familie, FreundInnen, unsere Kontakte in der Nachbarschaft und im Gemeinwesen: Sie bilden das Sozialkapital, dessen Leitzinsen nie gesenkt werden. Seinen Wert erkennen wir jedoch gerade in der Krise. Frank Schirrmacher zeigt in seinem Buch „Minimum“ anhand eindrücklicher Beispiele, dass es die vertrauten sozialen Netzwerke sind, die in Krisenzeiten überleben – und nicht die erfolgsverwöhnten IndividualistInnen und lonesome heroes. Was für das Überleben gilt, gilt erst recht für das Leben. Zur Zufriedenheit trägt eben vornehmlich das Miteinander bei, in dem wir uns aufgehoben fühlen. Das soziale Netz und seine vielfältigen Tankstellen ist die zentrale Grundlage von Lebensqualität.
Menschen, Betriebe und Gemeinschaften, die ihr Leben und Handeln maßvoll und mit Blick auf Lebensqualität gestalten, können trotz aller inneren und äußeren Belastungen Zufriedenheit und Zuversicht erleben – und strahlen diese auch aus. Sie hoffen oder raffen nicht für die Zukunft, sondern gestalten die Gegenwart so, dass für die Zukunft Hoffnung besteht. In Schulen, Ämtern und Betrieben: indem nicht Angst ihr Verhalten prägt, sondern Offenheit und Interesse. In Politik und Institutionen: indem nicht Unterwürfigkeit und Konkurrenz sie leiten, sondern die gemeinsamen Aufgaben. In Mobilität und Konsum: indem nicht die Trägheit ihr Beweggrund ist, sondern lustvolle Auseinandersetzung. In Partnerschaft, Familie und Beziehungsnetz: indem nicht Abhängigkeit ihr Leitstern ist, sondern Begegnung. Als BewohnerInnen des gemeinsamen Planeten Erde: indem ihr Blick nicht am Tellerrand des eigenen Vorteils endet, sondern darüber hinaus schaut: auf den Traum einer geschwisterlichen Menschheit, der in die Tat umgesetzt werden will.
Gerald Koller
ist Moderator des Forum Lebensqualität Österreich.
Der Pädagoge ist seit 25 Jahren europaweit als Referent,
Projektbegleiter und Autor
im Brückenbereich von Kommunikation
und Gesundheit unterwegs.
2011 wurde er von Ashoka, der weltgrößten
Organisation für social change,
zum ersten österreichischen
Ashoka Fellow ernannt.