Jugendforschung

Von den Daten zur Interpretation

Ein Blick hinter die Kulissen und wie Studien entstehen
Fast jeden Tag hören wir die Ergebnisse irgendeiner Umfrage. Sind aber alle Umfragen qualitativ gleichwertig? Ziel einer Umfrage ist die Untersuchung verschiedener Eigenschaften oder Meinungen einer Grundgesamtheit, ausgehend von der Analyse eines Teiles (Stichprobe) derselben, im Rahmen einer akzeptablen Fehlertoleranz. Die Qualität des Ergebnisses hängt von zwei Eigenschaften ab: der Auswahl der Stichprobe und der Datenerhebung.
Die Stichprobe
Es gibt drei Typen von Stichprobenziehungen, denen drei durchaus unterschiedliche Qualitätsniveaus entsprechen.
Man wählt Personen mit einer bekannten Wahrscheinlichkeit aus einer vollständigen Liste aus. Eine Auswahl mittels Computersoftware (aber auch mit einem festen „Auswahlschritt“) gewährleistet die Zufälligkeit. Die Auswahl darf hingegen nie nach einer subjektv als zufällig eingeschätzten Methode erfolgen (ein Beispiel zur Körpergröße der Londoner: Man wählte als Stichprobe eine Anzahl Londoner BürgerInnen, deren Familienname mit „M“ beginnt. Die Stichprobe enthielt somit mehrere BürgerInnen mit Familennamen „Mac“ schottischer Herkunft, welche tendenziell eine andere Körpergröße haben als die Londoner BürgerInnen.)
Wenn man dies berücksichtigt, ist der Fehler, der durch die Befragung einer Teilmenge anstatt der ganzen Grundgesamtheit entsteht, quantifizierbar. Dieser hängt von der Häufigkeit des untersuchten Phänomens ab (z.B. wie viele Personen unterstützen eine Maßnahme? 50%? 10%?), von der Anzahl der durchgeführten Interviews und vom angestrebten Konfidenzniveau (Vertrauen).
In der Graphik sehen wir, dass bei einer Häufigkeit des Merkmals von 50%, einem Konfidenzniveau von 95% und einer Stichprobengröße von 300 bis 400 der maximale Abweichungsfehler bei 5% liegt (d.h. falls der gemessene Wert 45% beträgt, kann der wahre Wert bei 50% liegen).
2. Nicht-probabilistische Stichprobe
Man wählt eine Stichprobe nach einem willkürlichen Kriterium aus (man interviewt FußgängerInnen auf der Straße). Der Fehler kann in diesem Fall nicht quantifiziert werden, aber man kann noch von „Umfrage“ sprechen.
3. Es antwortet „wer Interesse hat“ (auf einer Webseite ermöglicht man, auf eine Meinungsfrage zu antworten)
In diesem Fall ist die Fehlerquote nicht nur nicht abschätzbar, sondern kann auch sehr hoch sein. Zudem ist es verboten (siehe späteren Verweis auf AGCOM), solche Meinungserhebungen als Umfrage zu bezeichnen, weil man dadurch ohne Grundlage die öffentliche Meinung beeinflusst.
Die Datenerhebung
Der erste Schritt der Umfrage ist die Feststellung der Erwartungen der AuftraggeberIn: welche Informationen zu welcher Grundgesamtheit? Und wie viele Informationen? Genügt ein allgemeiner Wert oder braucht es eine Aufschlüsselung in mehrere Untergruppen? Auch das beeinflusst die Größe der Stichprobe.
Das Verfahren zur Bestimmung und Auswahl der Stichprobe beginnt immer mit einer Schichtung, d. h. mit der Planung der Verteilung der Interviews aufgrund spezifischer Merkmale (Geschlecht, Alter, Wohnort usw.).
Der Fragebogen
Die Fragen der Umfragen, vor allem jene für die ganze Grundgesamtheit, müssen sehr einfach und unmissverständlich sein. Die Fragen haben Meinungen, Verhaltensweisen und sozio-demographische Merkmale (um die Repräsentativität der Umfrage beweisen zu können) zum Gegenstand, sie können offen oder geschlossen sein.
Manche Fragen haben Gegenanzeigen aufgrund der „Sensibilität“ des Themas. Es ist zudem darauf zu achten, Fragen nicht in manipulierender Form zu stellen, um die Antworten nicht zu beeinflussen.
Die Datenerhebung
Die Datenerhebung hängt vom Fragebogen ab. Es gibt drei Möglichkeiten: das face-to-face-Interview, die telefonische Befragung und der selbst auszufüllende Fragebogen (Post, Online). Das Interview kann „computer-assisted“ sein, wodurch eine filtergeführte Beantwortung möglich ist und das versehentliche Beantworten von Fragen oder das Überspringen von Fragen vermieden werden kann. Auch die händische Eingabe der Daten entfällt auf diese Weise.
Die Antwortquote
Es gibt immer Personen, welche das Interview verweigern oder nicht anzutreffen sind. Die Auswirkung ist schwerwiegend, weil der Ausfall nicht durch zufällige Verteilung erfolgt und auch nicht durch eventuelle Ersatzpersonen saniert wird, da diese nur die vorbestimmte Stichprobengröße gewährleisten.
Das Problem der Ausfälle zählt zu den großen Schwierigkeiten, mit denen alle StatistikerInnen, die mit Umfragen arbeiten, rechnen müssen. Dies gilt nicht nur für den Ausfall ganzer Interviews, sondern auch für die Nichtbeantwortung einzelner Fragen.
Der selbst auszufüllende Fragebogen
Die Erfahrung zeigt, dass die Rücklaufquote von Fragebögen, welche per Post verschickt und mittels vorfrankierten Umschlag wieder zurückgesendet werden, bei ungefähr 10% liegt.
Die Methode des selbstausgefüllten Fragebogens kann auch mittels digitalem Fragebogen (Online oder E-Mail) erfolgen.
Face-to-face-Interview
Die Anwesenheit des Interviewers ist ideal für längere Interviews und gewährleistet die höchste Antwortquote. Man muss aber die Arbeit der Interviewer ständig überprüfen, indem stichprobenartig telefonische Kontrollinterviews mit den interviewten Personen durchgeführt werden.
Telefoninterview
Die zur Stichprobenauswahl verwendeten Archive sind in diesem Fall die Listen der TelefonabonnentInnen, deren Anzahl aber rasch abnimmt und nicht mehr die Gesamtbevölkerung repräsentieren. Außerdem müssen die Kontaktversuche zu unterschiedlichen Uhrzeiten wiederholt werden. Im Vergleich zum face-to-face-Interview ist es ratsam, eine maximale Dauer des Telefongesprächs von 20 Minuten nicht zu überschreiten. Außerdem können dem/der Interviewten im Telefoninterview keine langen Antwortlisten vorgelesen werden.
Mixed-mode
Die heute am häufigsten verwendete Methode, zumindest im ASTAT, ist die sog. Mixed-mode-Methode, d. h. eine Kombination mehrerer Befragungstechniken: Online als erster Anlauf, mit Möglichkeit eines Telefoninterviews oder eines mittels Post übermittelten Papierfragebogens für diejenigen, welche nicht über Internet verfügen und, in einzelnen Fällen, auch das face-to-face-Interview.
Das Datenschutzgesetz verpflichtet alle Institute, die Interviewten präventiv über die Ziele der Umfrage und die exklusive Verwendung der Daten zu statistischen Zwecken unter der persönlichen Verantwortung des Autors/ der Autorin zu informieren.
Die Verarbeitung der Daten
Nach der Datenerhebung müssen die offenen Fragen kodifiziert werden. Einmal durchgesehen, wird eine Liste der häufigsten Antworttypen erstellt, um dann die Antworten demjenigen Kodex zuzuordnen, der deren Bedeutung am besten zusammenfasst.
Abschließend erfolgt die Verarbeitung. Es werden Tabellen erstellt, von denen die einfachste die bloße Häufigkeitsverteilung ist. Darüber hinaus gibt es Kreuztabellen, in denen die Häufigkeit der Antworten im Zusammenhang mit den wichtigsten sozio-demographischen Variablen, z. B. Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft und Muttersprache, dargestellt werden.
Wichtig ist, immer die Verwendbarkeit zur Veröffentlichung des Ergebnisses vom statistischen Gesichtspunkt aus zu berücksichtigen. Der Standardfehler, welcher aus der Tatsache resultiert, dass nur ein Teil der Gesamtbevölkerung befragt wurde, darf nicht zu hoch sein (d.h. das Ergebnis muss eine ausreichende Genauigkeit aufweisen). Die Signifikanz der Unterschiede zwischen den Werten (z. B. zwischen Männern und Frauen) wird außerdem durch statistische Tests überprüft. Die häufigsten Testverfahren sind der t-Test und der Chi-Quadrat-Test.
Es wurde festgestellt, dass die Veröffentlichung von Umfragen, die im Eigeninteresse der AuftraggeberIn durchgeführt werden, VerbraucherInnen und WählerInnen beeinflussen können. Deshalb entstand in Italien eine Behörde mit dem lobenswerten (aber nicht leicht umzusetzenden) Ziel, einige grundlegende Garantien für den korrekten Gebrauch durch Massenmedien zu gewährleisten: die „Autorità per le Garanzie nelle Comunicazoni (AGCOM)“, die sich auch mit Umfragen beschäftigt. All jene, die Umfragen veröffentlichen, müssen bestimmte Regeln berücksichtigen, um eine gewisse Transparenz derselben zu sichern. Die Behörde schreibt vor, dass jede Publikation von Umfragen durch einen Informationsvermerk begleitet werden muss, in dem angegeben wird, wer die AuftraggeberIn und Ausführenden sind, wie viele Interviews durchgeführt wurden und mit welcher Methode, mit welcher Stichprobe aus welcher Grundgesamtheit, aufgrund welcher Fragen in deren genauen Formulierung gearbeitet wurde.
Der Missbrauch von Umfragen hat diesen gegenüber auch Skepsis produziert, insbesondere bezüglich der Meinungsumfragen und vor allem von Seiten derer, die aus Privatinteresse oder politischem Kalkül die Ergebnisse nicht als wahr anerkennen wollen. In diesem Sinne ist es wichtig, dass die BürgerInnen selbstständig in der Lage sind, die Qualität der Daten zu beurteilen und zwischen privater und amtlicher Statistik zu unterscheiden.


Stefano Lombardo
Statistischer Methodologe des ASTAT Bozen

Jugendforschung

Jugendliche in der Offenen JA in Wien

Identitäten, Lebenslagen und abwertende Einstellungen
„Der Vater ist der König des Hauses“ (Ali, 16 Jahre) oder „Juden, ich mag sie nicht … kenne keine, aber ich mag sie nicht, ich weiß selber nicht warum … ich denke, das kommt von den Freunden, meine Familie sagt mir nicht, wen ich mögen soll“ (Mahmud, 17)
Diese und andere Aussagen zitiert die vom Landesjugendreferat Wien 2014 in Auftrag gegebene Studie „Jugendliche in der Offenen Jugendarbeit: Identitäten, Lebenslagen und abwertende Einstellungen“, erstellt von Kenan Güngör und Caroline Nik Nafs. Sie gibt Einblicke in die Lebenslagen, Zukunftserwartungen, Diskriminierungserfahrungen und Identitätskonstruktionen, Art und Ausmaß von Abwertungen und ihrer Zusammenhänge, sowie Art und Ausmaß religiös begründete Abwertungen und Radikalisierungsgefährdung bei muslimischen jugendlichen.
Was den Rahmen der Studie betrifft, so wurden 401 quantitative face-to-face Interviews, Leitfaden-Interviews sowie 20 vertiefende, qualitative Interviews in 30 Jugendeinrichtungen durchgeführt. Die Studie bezieht sich auf die Jugendlichen der Wiener Jugendarbeit, die Jugendlichen sind zwischen 14 & 17 Jahre alt. Erhebungszeitraum: 11.2014 - 2.2015
Ein wichtiger Punkt der Studie (qualitative Interviews) ist, dass obwohl 65% der befragten Jugendlichen sich selbst stark und mittelstark als ÖsterreicherInnen und dabei am stärksten mit Wien und ihrem Grätzel verbunden fühlen, sie sich aber gleichzeitig noch ganz und gar nicht als ÖsterreicherInnen aufgenommen und anerkannt fühlen. Das Zugehörigkeitsgefühl zum Herkunftsland ruht vor allem auf der Verbundenheit zu Eltern und der Community.
Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit steht bei den meisten Jugendlichen im Vordergrund. Wenn sie nichts finden, womit sie sich positiv identifizieren können, dann leidet das Gefühl des Selbstwerts und der Selbstwirksamkeit darunter. Diese Jugendlichen suchen derzeit Zugehörigkeit zunehmend über Religion. Daher stellt sich die Frage, wie Jugendliche in Österreich besser ankommen und dazugehören können, wie Zughörigkeit gefördert werden kann? Es macht deutlich, dass die Frage der Inklusion noch sehr intensiv diskutiert werden muss und verstärkte Anstrengungen der Politik und der Gesellschaft unternommen werden müssen auf diese jungen Menschen zuzugehen.
In Sachen Religiosität wird deutlich, dass Jugendliche in ihrer Religion gar nicht sattelfest sind. Oft wird das Auswendiglernen von Suren als Religiosität verstanden. Doch verstehen junge Menschen die Suren meist gar nicht, weil diese in Arabisch vorliegen. Und im Vordergrund steht für sie, die Erwartungshaltungen von Familie, Community und den Peers zu erfüllen.Ein wichtiges Ziel der Jugendlichen ist es, eine sichere Arbeitsstelle zu finden, um eine eigene Familie gründen zu können. Aber die Angst der Jugendlichen, die Schule nicht zu schaffen (65%) oder keinen Job zu finden (66%), ist sehr groß. Die besonders betroffene Gruppe sind Kinder von Eltern, die niedrige Bildungsabschlüsse haben, in sozio-ökonomisch benachteiligten Verhältnissen leben und daher von Armutsgefährdung betroffen sind.
Aber auch zum Thema Diskriminierungserfahrung gibt die Studie Auskunft: 35% der befragten Jugendlichen fühlten sich schon einmal ungerecht behandelt, 8% gaben an oft diskriminiert worden zu sein. Jugendliche mit Migrationshintergrund – besonders jene mit muslimischem Hintergrund – machen diese Erfahrung häufiger als andere Jugendliche. Dementsprechend werden als Diskriminierungsgründe auch Herkunft und Religion, Sprache und Hautfarbe am häufigsten genannt. So wird deutlich, dass Jugendliche, die selbst viele subjektiv negative Erlebnisse erfahren, in die Falle tappen, selbst verächtliche, abwertende Einstellungen zu entwickeln.
Was die Radikalisierungsgefährdung betrifft, so hat die Studie drei Gruppen von Jugendlichen mit unterschiedlicher Radikalisierungsgefährdung identifiziert: die Gruppe der Gemäßigten mit 42% (labil, gewaltablehnend, säkular und religiös, teilweise Bewunderung für strenge Religiosität); die Gruppe der Ambivalenten mit 31% (von ihnen wird latent Gewalt bejaht) und die Gruppe der latent Gefährdeten 27% (starke Sympathie für Jihadismus, gewaltbereit).
Welche Merkmale sieht man bei den latent gefährdeten Jugendlichen?
Jugendliche mit homogenen, nicht gemischten Freundeskreisen
Sie haben Angst die Schule nicht zu schaffen, sie haben eine höhere subjektiv erlebte Angst um den Arbeitsplatz und insgesamt Sorge um Ihre Zukunftschancen
Jugendliche, die selbst Ablehnung und Gewalt erfahren haben
Sie sind überwiegend männlich
Sie sind tendenziell stärker religiös
Häufiger sind es diejenigen, die erst als Kind oder Jugendliche nach Österreich gekommen bzw. selbst ohne Familie eingewandert sind
Traumatisierte Jugendliche aus Kriegsgebieten
Viele von ihnen haben kein positives Vaterbild oder abwesende Väter

Auf Initiative der Stadt Wien und der Kinder- und Jugendanwaltschaft haben ExpertInnen aus Theorie und Praxis folgende Empfehlungen erarbeitet:
Übergeordnete Empfehlungen
Prävention im Jugendalter (und früher) ansetzen
Inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Abwertung und Radikalisierung in allen pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereichen
Wichtigkeit von Bildung & Perspektiven als Resilienz-Faktor
Projekte mit gemischten Gruppen fördern
Verstärkte Community-Arbeit (auch Elternarbeit)
Empfehlungen für die Jugendarbeit speziell
Auseinandersetzung mit Abwertungen, Weltbild und Religion der Jugendlichen und Dekonstruktion von problematischen Mindsets und Umgang mit Verschwörungstheorien, Medienkompetenz fördern und die Unterstützung der Jugendlichen bei Übergangssituationen, was die Offene Kinder- und Jugendarbeit ohnedies als eine ihrer Kernaufgaben sieht.
Und zum Schluss noch ein äußerst erfreuliches Ergebnis der Studie für die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Wien. Die Zufriedenheit der Jugendlichen mit den Einrichtungen der Jugendarbeit ist sehr hoch:
80 bis 90% fühlen sich von den JugendarbeiterInnen verstanden und bei der Bewältigung von Problemen unterstützt
83% geben an, dass die Jugendarbeit sie davor beschützt „auf die schiefe Bahn zu geraten“
Es gibt eine hohe Zufriedenheit mit den Jugendeinrichtungen in Wien und aufgrund des kleinteiligen dichten Netzwerks ist die Beziehungsqualität besonders ausgeprägt.

Jugendarbeit gilt als wichtige Stützstruktur & Ressource und als Anker für die Präventionsarbeit und Resilienzstärkung. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Es gibt noch verdammt viel zu tun!
Nähre Informationen zur Studie:
www.wien.gv.at/freizeit/bildungjugend/jugend/


Karin Knapp
Diplomsozialarbeiterin und Referentin in der Magistratsabteilung 13 – Fachbereich Jugend in Wien, der für die Förderung und Koordination der Vereine der Offenen Kinder und Jugendarbeit in Wien zuständig ist.