Editorial

Jugendforschung

Oft vergessen wir in unserer täglichen professionellen Arbeit auf die wissenschaftlichen Grundlagen, die einem/r – so wir sie nutzen - ja dienlich bzw. Wegweiser sein könnten. Deshalb legen wir den Fokus in dieser Ausgabe auf das Themenfeld „Jugendforschung“.
Alfred Berger von der Uni Innsbruck erläutert die Frage, welchen Nutzen die Jugendforschung für die professionelle Jugendarbeit hat. Sein Befund lautet, dass Forschung auf der einen Seite zu einem besseren Verständnis für jugendliche Lebenswelten beiträgt, zum anderen die Reflexion und Weiterentwicklung der professionellen Arbeit fördert. Gleichwohl wichtig ist aber auch der Austausch zwischen Theorie, Praxis und Politik. Im Anschluss daran werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der (Jugend)Forschung und klären einige grundlegende Begriffe und Methoden.
Karin Knapp vom Magistrat der Stadt Wien stellt uns die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Jugendliche in der Offenen Jugendarbeit in Wien“ vor. Diese gibt einen Einblick in die Lebenslagen, Zukunftserwartungen, Diskriminierungserfahrungen und auch die Radikalisierungsgefährdungen von muslimischen Jugendlichen. Die Studie stellt fest, dass Jugendarbeit eine wichtige Stütze und Ressource für die Präventionsarbeit darstellt.
Der Jugend-Internet-Monitor 2017 von Saferinternet.at präsentiert schließlich aktuelle Daten zur Social-Media-Nutzung von Österreichs Jugendlichen.
Der zweite Teil des „z.B.“ bietet – wie gewohnt – einen Querschnitt durch das bunte Feld der Jugendarbeit in Südtirol und Tirol.
Wir wünschen eine interessante Lektüre sowie einen erholsamen Sommer!
Für das Redaktionsteam
Christine Kriwak

Jugendforschung

Forschung für eine bessere Praxis

Wie Forschung zu einem professionelleren Umgang mit Jugendlichen in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik beitragen kann
Die Notwendigkeit, soziale Probleme und ihre Lösungen nicht nur praktisch anzugehen, sondern sie auch wissenschaftlich zu untersuchen, wird seit langem diskutiert. Bereits vor 100 Jahren forderten engagierte und über die Lebensumstände der armen Bevölkerung in England und den USA empörte Sozialarbeiterinnen wie Jane Addams, Octavia Hill, Henrietta Barnett und Mary Richmond eine wissenschaftliche Erfassung des Massenelends und seine Beseitigung. Für sie reichte eine Almosen gebende Sozialarbeit nicht mehr aus. Ihre Empörung verband sich mit dem Anliegen einer empirischen Problemerfassung. Dazu sollten die richtigen Fragen gestellt und die richtigen Daten gesammelt werden, um auf Fakten anstatt auf Gerüchten und Moralvorstellungen basierende Problemanalysen und Interventionen durchführen zu können. Mary Richmond forderte bereits 1897 eine Ausbildung, die neben einem praktischen Teil auch eine Auseinandersetzung mit Theorie und Forschung enthalten sollte. Ein guter Charakter allein war für sie nicht mehr ausreichend für die professionelle Tätigkeit in der Sozialen Arbeit.
Mehr als 100 Jahre später können die Forderungen von Mary Richmond in der Sozialarbeit und Sozialpädagogik als weitgehend erfüllt bezeichnet werden. Die Auseinandersetzung mit empirischer Forschung gilt als wichtiger Bestandteil der Profession und Disziplin. Forschung ist als Werkzeug systematischer Theoriebildung, Beobachtung und Reflexion breit anerkannt. Sie stellt sowohl eine Grundlage für die professionelle Ausbildung und berufspraktische Tätigkeit als auch die Weiterentwicklung der Disziplin dar.
Doch wie tragen Forschung und insbesondere Jugend- und Jugendhilfeforschung konkret zu einer besseren Praxis bei? Zwei grundsätzliche Prozesse können unterschieden werden: Forschung fördert einerseits das Verständnis für jugendliche Lebenswelten und regt andererseits zur Reflexion und Weiterentwicklung der professionellen Arbeit an.
Förderung des Verständnisses für jugendliche Lebenswelten
Die sozialpädagogische und soziale Arbeit mit Jugendlichen geschieht heute in einem Feld, das durch einen raschen sozialen und kulturellen Wandel und eine starke Individualisierung der Lebenschancen gekennzeichnet ist. Charakteristisch für Jugend in modernen Gesellschaften ist, dass Jugendlichen in hohem Maße die Realisierung eigener Lebensentwürfe zugestanden und zugleich zugemutet wird. Die damit verbundenen Individualisierungschancen können dabei insbesondere für Jugendliche aus benachteiligten Lagen mit einem erhöhten Risiko des Scheiterns verbunden sein. Um benachteiligte Jugendliche erfolgreich in ihren Herausforderungen und Krisen unterstützen zu können, bedarf es eines differenzierten Wissens über deren Lebenswirklichkeiten und die darin enthaltenen Risiken und Ressourcen. Jugendforschung kann hier die notwendigen Informationen liefern. Für die in der Jugendarbeit und Jugendhilfe Tätigen sind Erfahrungen von Benachteiligung, Ausgrenzung und von Scheitern nämlich meist nur zu einem gewissen Grad zugänglich, stammen sie doch häufig aus anderen Milieus und sozialen Schichten als ihre jugendliche Klientel und gehören einer unterschiedlichen Generation an. Der Jugendforschung kommt damit eine wichtige Aufgabe bei der Professionalisierung zu. Forschungsbefunde sollen die Praktikerinnen und Praktiker zur Erweiterung und Veränderung ihrer Wahrnehmung von Jugend und jugendlichen Lebenswelten veranlassen und ihnen Sicherheit im professionellen Umgang mit ihren AdressatInnen vermitteln. Alltagstheorien sollen hinterfragt und durch empirisch fundiertes Wissen als Rüstzeug für eine aufgeklärte Praxis ersetzt werden.
Anregung zur Reflexion und Weiterentwicklung der professionellen Arbeit
Forschung soll darüber hinaus jedoch auch zur Reflexion und Weiterentwicklung des professionellen Handelns und der institutionellen Rahmenbedingungen der professionellen Arbeit beitragen. Nach der Ebene der AdressatInnen sind damit die Ebenen der Professionellen und der pädagogischen Institutionen als Forschungsgegenstand angesprochen. Durch Forschung soll bspw. deutlich werden, wie Probleme in der sozialen Interaktion zwischen Professionellen und Jugendlichen entstehen, wechselseitig fortgesetzt werden und eskalieren können. Alternative Gestaltungsmöglichkeiten sollen erkannt und systematisiert werden. Einsicht in typisches professionelles Handeln und ein kritischer Umgang damit sollen gewonnen werden. Pädagogische Institutionen als Kontexte des professionellen Handelns sollen auf ihre Möglichkeiten zur Beförderung von Selbständigkeit und Mündigkeit befragt und im Hinblick auf ihre Zwänge und Einschränkungen der persönlichen Entwicklung von Jugendlichen untersucht werden. In pädagogischen Programmen sind die intendierten Wirkungen mit den tatsächlichen Ergebnissen zu vergleichen. Die subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen der Jugendlichen und Professionellen sind dabei ebenso wie vermeintlich objektive Wirkungsindikatoren heranzuziehen. Entsprechend vielfältig sind die methodischen Zugänge: qualitativ-hermeneutische, ethnografische und dokumentarische Analysen, die der Logik des Verstehens folgen, wie auch quantifizierende Verfahren, die Strukturzusammenhänge zu ermitteln und zu erklären versuchen, können zur Anwendung kommen. Besonders ertragreich im Hinblick auf die Generierung von Wissen und die Verbesserung von Praxis können Ansätze sein, in denen die Praktikerinnen und Praktiker im Sinne partizipativer Forschung ihre eigenen Fragestellungen einbringen und in einem gemeinsamen, diskursiven Prozess mit der Wissenschaft bearbeiten können.
Transfer von Forschungsbefunden in Praxis und Politik
Damit Forschung zur Verbesserung der Praxis beitragen kann, sind der Transfer der Befunde und der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sicherzustellen. Die Ergebnisse müssen verständlich sein und Hinweise enthalten, wofür man sie gebrauchen kann. Der Gewinn und die Relevanz für das eigene Handeln müssen erkennbar sein. Praxisorientierte Zusammenfassungen dienen diesem Ziel häufig am besten. Die Berichterstattung über Forschung ist jedoch nicht selten mangelhaft. Manche Berichte sind geradezu rücksichtslos gegenüber den Informationsbedürfnissen und Fragestellungen von Ausbildung und Praxis und bleiben entsprechend ohne Wirkung.
Gut gestalteten, praxisbezogenen und gesellschaftspolitisch relevanten Berichten gelingt es hingegen mitunter sogar, soziale Reformen zu befördern, indem sie die Wahrnehmung von jugendlichen Problemlagen und die darauf bezogenen gesellschaftlichen Reaktionen verändern.
Forschungsperspektiven für Österreich
Die empirische Forschung im oben skizzierten Sinne ist in Österreich gegenwärtig durch eine große Vielfalt und ein beträchtliches Volumen gekennzeichnet. Dies äußert sich etwa in einer wachsenden Zahl an Publikationen mit entsprechenden Fragestellungen und einer zunehmenden Anzahl an praxisbezogenen Studien.
Diese erfreuliche Entwicklung soll allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass nach wie vor Ausbaubedarf besteht. Laut einer kürzlich durchgeführten Studie der Universität Salzburg zur Situation der Jugend- und Jugendhilfeforschung in Österreich bezeichnet die Mehrheit der Befragten die Vernetzung in der Forschungsgemeinschaft und die strukturellen und finanziellen Bedingungen für Forschung als mangelhaft.
Die Ergebnisse dieser Studie bildeten den Anlass für die Organisation einer Tagung, die im November 2017 unter dem Titel „Jugend – Lebenswelt – Bildung“ an der Universität Innsbruck stattfinden wird. Die Tagung soll eine Plattform für die Darstellung der vielfältigen Aktivitäten in der österreichischen Jugend- und Jugendhilfeforschung bieten und unter Einbeziehung verschiedener Disziplinen, unterschiedlicher methodischer Zugangsweisen sowie mehrerer inhaltlicher Schwerpunkte zur stärkeren Vernetzung beitragen.
Es werden über 40 Symposien von renommierten österreichischen und internationalen Forschungsgruppen zu Themen wie Jugend- und Jugendhilfeforschung, Jugendarbeit, Bildung, Migration, Übergänge, Gesundheit, Medien und soziale Benachteiligung stattfinden.
Mit der Tagung sollen ein nachhaltiger Dialog zwischen Forschung, Praxis und Politik unterstützt und Perspektiven für Österreich entwickelt werden. Den zukünftigen Anforderungen soll so gemeinsam und gestärkt begegnet werden können. Es ist zu erwarten, dass die Herausforderungen für Forschung und Praxis weiter zunehmen werden. Die Folgen einer global entfesselten Weltgesellschaft, die Auswirkungen des demografischen Wandels und die Forderung nach lebenslangem Lernen verlangen in Österreich wie in anderen westlichen Ländern nach differenzierten empirischen Analysen und praktischen Lösungen für die Arbeit mit jungen Menschen.
Detaillierte Informationen zur Tagung sind auf folgender Website zu finden:
www.uibk.ac.at/iezw/tagung-jugendforschung/


Alfred Berger
Studium der Pädagogischen Psychologie, Sozialpädagogik und Psychopathologie
des Kindes- und Jugendalters; seit 2015 Professor für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Universität Innsbruck