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Nr. 6 | 2016

Chancengleichheit

Chancengleichheit - Ein Menschenrecht Mythos oder Wirklichkeit?

Chancengleichheit - Ein Menschenrecht
Mythos oder Wirklichkeit?
Längst ist man es gewohnt, die Begriffe „Menschenrechte“ in einem Atemzug mit „Chancengleichheit“ und viel mehr noch der „Menschenwürde“ zu nennen. So beschreibt die UN- Menschenrechtscharta von 1948 deren Grundlage in Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Gleichheit bedeutet hier jedoch nicht, dass alle Menschen identische Situationen vorfinden müssen. Aber der Grundsatz der Gleichheit verpflichtet die Staaten, alle Menschen mit der gleichen Würde zu behandeln und ihnen die gleichen Entwicklungschancen zu ermöglichen. Jedes Individuum ist TrägerIn der Menschenrechte. Menschenrechte gelten für alle Menschen gleichermaßen. Dies kommt im Diskriminierungsverbot zum Ausdruck. Es besagt, dass jeder Mensch ungeachtet seines Geschlechts und seiner Gruppenzugehörigkeiten ein Recht auf dieselben Menschenrechte hat.
Bis zum Zweiten Weltkrieg waren Menschenrechte und der Schutz der Menschenrechte fast ausschließlich Angelegenheit jedes einzelnen Staates. Dies bedeutete, dass die Menschenrechte nur galten, insofern sie als sogenannte „Grundrechte“ in der Verfassung des betreffenden Landes verankert waren. Jeder Staat hatte die souveräne Macht darüber, Grundrechte zu missachten oder außer Kraft zu setzen.
Seit dem nationalsozialistischen Terror und den Schrecken des Zweiten Weltkrieges haben Menschenrechte jedoch eine gute Presse. Dutzende von Menschenrechtskonventionen und –verträgen sind unterzeichnet worden, der Begriff Menschenrecht wird von manchen Individuen und Institutionen ohne viel Sorgfalt verwendet. So wird in Wahlkämpfen zuweilen als Menschenrecht bezeichnet, was eigentlich nur ein besonders wichtiges oder dringend erachtetes politisches Ziel ist: alle möglichen Maßnahmen also, die die Welt verbessern sollen.
Was beinhaltet dieser äußerst facettenreiche und scheinbar allumfassende Begriff „Menschenrechte“, der allen genehm erscheint, sich immer gut verkaufen und mit allen Bereichen verknüpfen lässt, nun wirklich? Und ist die von den Menschenrechtsvereinbarungen geschützte Gleichheit aller Menschen wirklich Realität? Oder nur ein Konstrukt von Philosophen, die auf der Suche sind, nach Formulierungen der Begriffe: Moral, Ethik, Würde, die alle zugleich in einem Atemzug genannt werden mit der Definition von Gleichheit bzw. Chancengleichheit?
Ist Chancengleichheit in Wirklichkeit denn umsetzbar und möglich? Welche Vor- und Nachteile bringt sie in den verschiedensten Bereichen mit sich? Viel und oft diskutiert, aber trotzdem nie wirklich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen?
Chancengleichheit zwischen Frau und Mann, Chancengleichheit im Bildungskontext von ökonomisch schwächer gestellten Menschen, von Menschen mit Migrationshintergrund und Chancengleichheit der Menschen mit Beeinträchtigung. Klingt alles schön und gut, aber: ist und bleibt es ein Mythos?
Zum Beispiel: Gleichberechtigt arbeiten und Kinder aufziehen? Eltern wünschen sich das, aber es funktioniert nicht, titelte eine Autorin unlängst in einem Artikel der Zeit. 1) Es scheint so, als würden uns ein wenig halbherziger Kita-Ausbau hier und ein bisschen Gleitzeit dort nicht wirklich weiterbringen. Wenn es nämlich Vorgesetzten ernst wäre mit der Vereinbarkeit, würden sie nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu anderen Lebensweisen ermuntern; in den Chefetagen scheint niemand zu bedenken, dass bei einer gleichberechtigten Kindererziehung auch Männer entsprechend kürzertreten müssen. 2) Debatten also zur Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann sind noch nicht abgeschlossen: Eine Merkel macht nun mal noch keinen Frühling.
Frauen zu fördern gilt es auch in der Forschung, aber ist es zum Beispiel gerecht, wenn sich ein Mann auf eine Professur-Stelle Mathematik bewirbt und sich aufgrund seiner Fähigkeiten, Erfahrungen etc. im Auswahlverfahren als der Bestgeeignete für die Stelle erwiesen hat und diese dann doch nicht antreten kann, weil sie ausschließlich einer Frau vorbehalten ist? 3)
Oder nehmen wir einen anderen Bereich her, in welchem völlige Chancengleichheit nicht gewährt zu sein scheint: in der Bildung. So titelte eine Autorin zu diesem Thema: Der große Irrglaube in die Elite. 4) Es geht um Gerechtigkeit und Chancengleichheit, schreibt die Autorin, aber ist es denn immer gerecht, wenn die Umwelt, die Gene und nicht das Können, die Fähigkeiten, das Talent den Erfolg im Leben bestimmen?
Aktuelle Studien liefern jetzt Indizien, dass der Einfluss der Umwelt – Familie, NachbarInnen, FreundInnen – für den weiteren Lebensweg bisher systematisch unterschätzt wurde. Talent, Köpfchen und Fleiß zählen somit für den Aufstieg womöglich weniger als bisher angenommen. Geld, Beziehungen oder ein klangvoller Name dagegen könnten deutlich schwerer wiegen.
Das Thema berührt also die Grundfesten der Gesellschaft. Es geht um Gerechtigkeit, darum, ob etwas wie Chancengleichheit überhaupt möglich ist. Und damit um den Markenkern des demokratischen Westens, dessen Verheißung es ist, dass es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Hartz-IV-Kind zur Vorstandschefin schaffen kann. Überspitzt formuliert: Elite wird man nicht, Elite ist man. Fakt ist, dass Kinder aus unteren Schichten, aus Familien mit Migrationshintergrund selbst bei höheren Intelligenzquotienten seltener über einen Maturaabschluss verfügen oder ein Hochschulstudium absolvieren als Gleichaltrige aus wohlhabenden Familien. 5) Ein Grund dafür ist, dass Kindern aus Arbeiterfamilien von LehrerInnen weniger zugetraut wird und diese dementsprechend weniger gefördert werden.
Aber nicht nur der soziale Hintergrund, die Hautfarbe oder das Geschlecht beeinflussen die Chancengleichheit. Eine Studie der Universität Oldenburg zeigte auf, dass sogar der „falsche“ Name Einfluss auf die schulische Förderung von Kindern hat: So wird etwa Kindern mit den Namen Kevin, Mandy oder Chantal von LehrerInnen weniger zugetraut als Kindern mit klassischen Namen wie etwa Lukas, Marie oder Sophie.6)
Wie also verhält es sich dann nun wirklich mit der Chancengleichheit als Menschenrecht? Alle Menschen haben demnach doch das Recht, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dennoch werden Unterschiede gemacht.
Schlussendlich gilt der Appell an uns alle: Hindernisse, welche die Chancengleichheit erschweren, müssen abgebaut werden – sei es in den gesellschaftlichen Strukturen, aber vor allem in den Köpfen der Menschen! Ansonsten wird Chancengleichheit wohl ein Mythos und ein seelenleeres Menschenrecht bleiben.

1) Schoener, Johanna: Zu platt für den Aufstand. Gleichberechtigt arbeiten und Kinder aufziehen? Eltern wünschen sich das, aber es funktioniert nicht. Zeit für eine völlig neue Arbeitskultur. In: Die Zeit, 11. August 2016, S. 59.
2) Vgl. Ebd.
3) http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/verdacht-der-diskriminierung-frauen-an-der-hu-berlin-bevorzugt-a-972145.html; Hermann Horstkotte und Christoph Titz, 16.04.2014.
4) https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article145263508/Der-grosse-Irrglaube-vom-Aufstieg-in-die-Elite.html; Anja Ettel, 15.08.2015.
5) Elisabeth Stern, Neubauer A.: Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen. München, DAV- Verlag, 2013, S. 77 ff.
6) http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/ungerechte-grundschullehrer-kevin-ist-kein-name-sondern-eine-diagnose-a-649421.html, Oliver Trenkamp, 16.09.2009.
Astrid Wiest
Astrid Wiest studierte Germanistik und Jura in Wien, Perugia und Innsbruck. Sie unterrichtete Deutsch, sammelte Berufserfahrungen als Praktikantin für angehende Rechtsanwälte und im Amt für Deutsche Kultur und leitet seit Juli 2016 das Frauenbüro der Provinz Bozen.
Chancengleichheit

Am Anfang war die Chance

Am Anfang war die Chance
Jugendliche mit Migrationshintergrund und
ihr Einstieg in die Südtiroler Arbeitswelt
Eines Tages beschloss Yousaf Muhammad, sich bei Telefonaten mit möglichen ArbeitgeberInnen nur mehr als Josef vorzustellen. Die Wirkung war beeindruckend: Die Menschen am anderen Ende der Leitung hörten plötzlich zu und versuchten nicht sofort, ihm freundlich aber entschlossen mitzuteilen, dass sie derzeit keine Lehrstelle anbieten. „Ich habe über 40 Betriebe kontaktiert, bevor ich zu einem Gespräch eingeladen wurde und mit einer Lehre zu meinem Wunschberuf Mechaniker beginnen konnte“, sagt der 23-Jährige Brixner mit pakistanischen Wurzeln. Heute arbeitet er als Schichtleiter in einem großen Unternehmen.
Junge Menschen mit fremdklingenden Namen haben es schwer in Südtirol: Bei der Arbeitssuche und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Sie sind als Kind nach Südtirol eingewandert oder als Nachkommen von MigrantInnen hier geboren. Die große Mehrheit von ihnen spricht problemlos eine oder beide Landesprachen, hat die Schule hier besucht und sich soziale Kontakte aufgebaut. Trotzdem ist es für sie eine besondere Herausforderung, den Sprung ins Berufsleben zu meistern.
Das weiß auch Zenat Shahzadi: Sie hat die deutsche Oberschule besucht und schon mehrere Praktika im Verwaltungsbereich absolviert. Eine fixe Anstellung hat sie bislang nicht gefunden. „Lassen Sie Ihr Kopftuch zu Hause und Sie haben den Job!“, sagte man schon zu ihr. Aber das ist für die junge Pfalznerin keine Option. „Es sollten die Fähigkeiten im Vordergrund stehen und nicht die Herkunft oder die Kleidung eines Menschen“, sagt sie. Wenn sie die Zeitungen durchblättert, stechen ihr regelmäßig Jobinserate ins Auge: „Einheimische gesucht“, steht da oft. „Durch solche Aussagen rückt sich ein Arbeitgeber selbst in ein schlechtes Licht“, resultiert sie daraus.
Am schwersten tun sich diese jungen Menschen damit, dass der allererste Schritt nicht gelingen will. Es bleibt ihnen häufig eine erste Chance verwehrt. Genau an diesem Punkt setzt eine Initiative der Südtiroler Kolpingjugend an, die es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Erwachsene bei der ersten Kontaktaufnahme zu Arbeitgeber­Innen zu unterstützen – durch Lehrlingspatenschaften. Das Projekt spricht alle Jugendlichen an, die im Handwerksbereich ihre Qualitäten zeigen möchten, sich jedoch schwer tun erste Erfahrungen zu sammeln. Aus Mangel an Bekanntschaften und Kontaktmöglichkeiten durch Eltern und Verwandte profitieren besonders junge Menschen mit Migrationshintergrund von einer Vermittlerperson, die sie durch Ratschläge aus der Praxis und durch ein brancheninternes Netzwerk optimal unterstützen kann. In Zusammenarbeit mit Berufsschulen wird der Kontakt zu Paten und Patinnen hergestellt und es werden Treffen organisiert. Die Jugendlichen entscheiden nach Bauchgefühl, von wem sie bei ihrer Suche unterstützt werden möchten. „Lehrlingspaten sind unparteiisch, es steht der Wille der Jugendlichen im Vordergrund und es gilt sie zu begleiten und zu unterstützen“, sagt Mirco Turato, Vorsitzender der Kolpingjugend. Über 30 Jugendlichen konnte so in Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben zu einer Lehrstelle verholfen werden.
Einer von ihnen ist Sleman A., er wusste von Anfang an, was er werden möchte. Trotz LehrlingspatInnen bekam er aber nicht einmal die Chance auf ein Vorstellungsgespräch. „Die Jugendlichen werden manchmal von ihren Paten zum Vorstellungsgespräch begleitet oder machen im Vorfeld gemeinsam eine Simulation der ungewohnten Gesprächssituation“, erklärt Federica Senoner von der Kolpingjugend. So auch Sleman A., und als er nach sieben Monaten zu einem Gespräch eingeladen wurde, war er gut vorbereitet. Trotz anfänglicher Unsicherheit auf Seiten des Chefs hat es geklappt und er konnte eine Lehre beginnen.
Einen anderen Weg hat Ivan N. eingeschlagen: Durch die Gespräche und den Informationsaustausch mit seiner Patin entdeckte er neue Möglichkeiten, von denen er vorher nichts gewusst hatte. Derzeit arbeitet er im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes für neun Monate in Finnland. Nach seinem Aufenthalt dort wird er zusätzlich zur Arbeitserfahrung auch neue Sprachkenntnisse mit nach Südtirol bringen. Neben seiner Muttersprache Serbisch und den Zweitsprachen Deutsch und Italienisch wird er besser Englisch und sogar etwas Finnisch sprechen - das sollte seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.
Einem ähnlichen Ansatz folgt das Konzept des MyFuture-Jugendcoachings vom Netzwerk der Südtiroler Jugendtreffs und -zentren. Immer mehr junge Menschen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, stehen in der Übergangsphase zum Berufsleben vor großen Herausforderungen. Dazu sagt Stefanie Gapp, Teamleiterin und Jugendcoach: „Jugendarbeitslosigkeit wird oftmals individualisiert betrachtet. Jungen Arbeitslosen wird häufig vorgeworfen, sich nicht ausreichend zu bemühen. Aber es handelt sich hier um kein individuelles Problem mehr, sondern um ein strukturell gesellschaftliches.“ Den jungen Menschen fehle es vielfach an konkreten Informationen: Welche Möglichkeiten habe ich? Wo kann ich erste Arbeitserfahrungen sammeln? Wo suche ich nach Arbeit und wie schreibe ich einen Lebenslauf? Wie verhalte ich mich bei einem Vorstellungsgespräch richtig?
Hier kommt die Offene Jugendarbeit ins Spiel und versucht durch partizipative Projekte und Initiativen informelles Lernen und das Sammeln informeller Arbeitserfahrungen zu fördern, Jugendliche auf ihre Begabungen aufmerksam zu machen ihr Verständnis für lebensweltliche und sozialräumliche Zusammenhänge zu schärfen. Zentral ist auch hier: eine fixe Bezugsperson, ein sogenannter Coach, steht den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite. „Jugendliche benötigen ein Sprachrohr für ihre Bedürfnisse, auch durch politische VertreterInnen“, sagt Stefanie Gapp. ArbeitgeberInnen möchte sie nahelegen, Jugendlichen und deren sehr komplexen Lebenswelten mit Offenheit zu begegnen und auch ihren Ideen und Fähigkeiten Raum zu bieten. Besonders MitarbeiterInnen mit verschiedenen kulturellen Prägungen können für ein Unternehmen eine große Bereicherung darstellen.
Junge Menschen mit Migrationshintergrund gestalten die Zukunft Südtirols mit. Es liegt an den ArbeitgeberInnen, ihr großes Potential zu erkennen und zu nutzen, ihnen etwas zuzutrauen, eine Chance zu geben.
Yousaf Muhammad hat sich in einer Arbeitswelt zurechtgefunden, die unterscheidet - zwischen denen, die scheinbar immer schon hier waren, und denen, die erst später dazukamen. Er ist optimistisch: „Sicher sind die Menschen in einigen Jahren diesbezüglich etwas toleranter“, sagt er.
Zu zebra.
Seit 2014 bietet die Straßenzeitung zebra. über 50 VerkäuferInnen in schwierigen Lebenssituationen eine Verdienstmöglichkeit. Der Großteil der Redaktion besteht aus freiwilligen ein- und zweiheimischen Menschen. zebra. ist eine Plattform für besondere Themen: Sie konzentriert sich auf die guten Nachrichten, auf vorbildliche, anderslebende Menschen, auf positive Beispiele und konstruktive Lösungsansätze für die Herausforderungen unserer Gesellschaft.
Lisa Frei
Redaktionsleiterin der Straßenzeitung zebra. bei der oew - Organisation für Eine solidarische Welt
Chancengleichheit

Intersektionalität in der Jugendarbeit – what?

Intersektionalität in der
Jugendarbeit – what?
„Intersektionalität“ – ist das wieder so ein Modewort, das zwar vielleicht in theoretischen Abhandlungen diskutierenswert ist, aber für die Praxis der Jugendarbeit keine Bedeutung hat? Was ist damit gemeint und warum könnte es sich lohnen, sich damit in der Jugendarbeit auseinanderzusetzen? Kurz gefasst bedeutet „Intersektionalität“, dass Unterscheidungen, die im gesellschaftlichen Leben zu Diskriminierung oder Privilegierung führen können wie Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Hautfarbe, Bildung ineinander verwoben sind und in dieser Verschränkung wahrgenommen werden müssen.
Dazu ein Beispiel: Wenn eine 15-jährige Jugendliche, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling im Asylverfahren in einer Landgemeinde lebt, nur geringe Deutschkenntnisse hat, keinen Zugang zum örtlichen Jugendzentrum findet, so kann nicht einfach entschieden werden, ob dies nun aufgrund ihrer Sprachkenntnisse geschieht oder aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau ist oder aufgrund ihres Aufenthaltsstatus. Gleichzeitig kann aber sein, dass sie in ihrem Heimatland zu einer christlichen Minderheit gehörte und als Angehörige einer bürgerlichen Familie schon Zugang zu Bildung hatte, was ihr bei der Integration in der Schule sehr hilft. In diesem Beitrag werde ich den Begriff und die theoretischen Annahmen dahinter erläutern, um anschließend auf Umsetzungsmöglichkeiten in der Jugendarbeit einzugehen.
Über Diskriminierung und Privilegierung
Zunächst kurz dazu, wie Diskriminierungen entstehen können: Unterschiede (auch Differenzierungen genannt) zwischen Menschen werden bewertet und in eine Rangordnung gebracht; diese Bewertung geschieht in einem Prozess der sozialen Konstruktion, indem z.B. zunächst Hautfarbe als Differenzmerkmal etabliert wird und dann die „weiße“ Hautfarbe als höherwertig eingeschätzt wird als die „schwarze“ Hautfarbe. Diese Differenzmerkmale (auch Differenzlinien) funktionieren als soziale Platzanweiser, aber auch als Identitätsstifter, die Einfluss auf das gesellschaftliche Leben haben. Diese bewerteten Unterschiede können Diskriminierungen oder Privilegierungen zur Folge haben.
Komplexität verstehen – Straßenkreuzung und Marmorgugelhupf
Während Diskriminierung aufgrund eines Merkmales relativ einfach festzustellen ist, ist die Realität wie im obigen Beispiel meist wesentlich komplexer. Ausgangspunkt für die Entstehung des Ansatzes in der feministischen Theorie waren Erfahrungen von schwarzen Frauen oder Frauen mit Behinderungen, die fanden, dass die Forderungen der Frauenbewegungen, die sich an der Lebenssituation von weißen Mittelschichtsfrauen orientierten, ihrer Lebensrealität nicht entsprachen. Aber auch die Rechtslage in den USA forderte ein „Entweder-Oder“: entweder bist du als Frau diskriminiert oder als schwarze Person. Die Situation, dass eine schwarze Frau z.B. in einer Firma diskriminiert wurde, wo weder weiße Frauen noch schwarze Männer diskriminiert wurden, war nicht vorgesehen.
Kimberlé Crenshaw führte 1989 die Metapher der „intersection“ (angelehnt an das Bild einer Straßenkreuzung) ein. Gemeint ist damit, dass sich die individuelle gesellschaftliche Position (der spezifische Mix aus Privilegierung und Diskriminierung) aus der Kreuzung mehrerer Differenzlinien bestimmt. Andere Metaphern, um diesen Gedanken auszudrü­cken, wären etwa ein Marmorgugelhupf, bei dem die einzelnen Teigzutaten auch nicht separat gegessen werden können, oder die überlagerten Gesteinsschichten im Grand Canyon. Lebenssituationen von Menschen können also nicht durch eine Differenz allein wie z.B. Geschlecht oder Religion erklärt werden. Alle Menschen sind Objekt (andere ordnen mich zu: ich werde als Frau entsprechend vorherrschender Bilder von Weiblichkeit behandelt) und Subjekt (ich ordne mich selbst einer Gruppe zu, z.B. indem ich bewusst meine Religion wechsle) einer Reihe von Zuordnungen zu Gruppen. Die Hautfarbe einer Person mit multiplem ethnischen Hintergrund kann etwa je nach Kontext als „weiß“ oder „schwarz“ wahrgenommen werden und diese kann sich auch selbst unterschiedlich identifizieren. So können Menschen Privilegien und Diskriminierung gleichzeitig erfahren, dies hängt von der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Kontext ab.
Die Differenzlinien haben auch unterschiedlich starke Auswirkungen, ob sie z.B. auf den ersten Blick sichtbar sind oder nicht, z.B. Hautfarbe oder bestimmte religiöse Symbole (Kippa, Kopftuch), ob sie veränderbar sind (Bildungsabschluss, Staatsbürgerschaft), aber auch je nach der Bedeutung im jeweiligen Kontext (Einkommenssituation in einem System mit hohen oder geringen Studiengebühren, Homosexualität in Ländern mit unterschiedlicher Gesetzgebung).
Und in der Jugendarbeit?
Umgelegt auf das Thema „Jugendarbeit“ heißt dies, dass die Situation von Jugendlichen in Abhängigkeit von Alter, Aufenthalts-/Herkunftsland, Einkommen, Bildung, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher Situation usw. sehr stark differieren kann.
Zunächst bietet der Ansatz der Intersektionalität ein Instrument, um die Situation der Jugendlichen, aber auch die der Professionellen und der Strukturen, in denen sie sich begegnen, zu analysieren. Wichtig ist dabei, die Festschreibung auf fixe Identitäten zu vermeiden bzw. Differenzen nicht als naturgegebene Tatsachen hinzunehmen. Leslie McCall (2005) schlägt dazu drei Zugangsweisen vor. Sie unterscheidet erstens zwischen „inter-kategorialer Komplexität“, die nach dem Zusammenhang von einer Basiskategorie mit anderen Differenzkategorien fragt, also z.B. wie die Kategorie Geschlecht mit den Kategorien Klasse, Alter und Aufenthaltsstatus interagiert, um z.B. die Situation von Jugendlichen in der „Marokkanerszene“ zu verstehen. Zweitens richtet sie das Augenmerk auf die „intra-kategoriale Komplexität“: Hier wird nach Ungleichheiten innerhalb einer Kategorie gefragt, z.B. wie sich Mädchen untereinander unterscheiden. Drittens wird die Konstruiertheit der Kategorien im Rahmen der „anti-kategorialen Komplexität“ selber zum Thema, wie z.B. die Differenz „Behinderung“ oder „Ethnizität“ (im Alltagsgebrauch „Migrationshintergrund“) hergestellt wird.
Methoden zur konkreten Umsetzung in der Arbeit mit Jugendlichen finden sich auf der Website www.intersektionelle-jugendarbeit.at/. Hier sind unterschiedliche Handlungsansätze mit den entsprechenden Methoden zusammengestellt wie z.B. Biographiearbeit oder intersektionale Pädagogik, der Schwerpunkt liegt auf intersektionaler Gewaltprävention. Da eine wesentliche Voraussetzung der Arbeit auf der Basis des Intersektionalitätsansatzes eine bewusste Haltung im Umgang mit eigener Diskriminierung und Privilegierung ist, sollte der Anwendung dieser Methoden aber die Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Position und Haltung im Rahmen eines entsprechenden Trainings vorausgehen.
Weiterführende Literatur
Fleischer, Eva; Lorenz, Friederike (2012): Differenz(ierung)en, Macht und Diskriminierung in der Sozialen Arbeit? In: soziales_kapital wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit (8). Online verfügbar unter
soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/245/386.pdf, zuletzt geprüft am 07.09.2015.
Riegel, Christine (2012): Intersektionalität in der Sozialen Arbeit. In: Birgit Bütow und Chantal Munsch (Hg.): Soziale Arbeit und Geschlecht. Herausforderungen jenseits von Universalisierung und Essentialisierung. Münster: Westfälisches Dampfboot (Forum Frauen- und Geschlechterforschung, 34), S. 40–60.
http://www.intersektionelle-jugendarbeit.at/
Foto: Mario Löscher
Eva Fleischer
MCI Management Center Innsbruck

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