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Nr. 4 | 2016

Sexualpädagogik

Sexualität und Beeinträchtigung

Sexualität und Beeinträchtigung
Sexualpädagogik für Menschen mit Beeinträchtigung
Einerseits ist Sexualität in unserem Alltag überall präsent. Trotzdem gibt es sehr viele Bereiche, die von Tabus überschattet und konditioniert werden.
Gerade die Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigung ist ein gutes Beispiel dafür. In den letzten 30 Jahren hat sich auf verschiedensten Ebenen sehr viel getan. Trotzdem halten sich zwei Meinungen noch stark: Menschen mit Beeinträchtigung werden einerseits als „oversexed“, also als besonders triebbetont, andererseits als „asexuell“, als geschlechtslose Neutren dargestellt. Beide Extreme finden in der Wissenschaft keinen Platz.
Unsere Sexualität ist nichts Statisches, sondern immer in Bewegung und Veränderung. Sie begleitet uns von Anfang an, von unseren ersten Atemzügen weg, bis zu unseren letzten.
JedeR von uns hat seine eigene Lebensgeschichte, geprägt von verschiedensten Einflüssen (Erfahrungen, Kultur, Wert- und Normvorstellungen, Elternhaus, möglicherweise Krankheit oder eben auch kognitiver oder körperlicher Beeinträchtigung). Mit dieser Lebensgeschichte haben sich unsere Einstellung und die Art des Sexualitäts-Erlebens entwickelt.
Sexualität ist also ein wichtiger Bestandteil in der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen. Und da kein Mensch dem anderen gleich ist, kann man sagen, dass es so viele Verständnisse und Erlebnisweisen von Sexualität gibt, wie es Menschen gibt. Durch die Beeinträchtigung erhält die Sexualität eine weitere Facette an individueller Eigenart.
Negative Reaktionen (wie etwa Einschätzungen als störend, gestört, fehlentwi­ckelt, unnormal usw.) auf Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigung behindert die freie Entfaltung von deren Persönlichkeit. Eine „Zurecht-Normalisierung“ ist also weder denkbar noch möglich. Normal sollte sein, dass Sexualität nicht behindert wird.
Sexualität ist nicht etwas, was erst bei Pubertierenden zu managen ist. Sexualität muss von Anfang an in der Gesundheitserziehung von Kindern und Jugendlichen, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, gleichermaßen integriert werden – in der Familie, im Kindergarten, in der Schule …
Die meisten Kinder und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung entwickeln sich körperlich wie Nicht-Beeinträchtigte. Ihre psychische und intellektuelle Entwicklung verläuft jedoch nicht parallel zur körperlichen Reifung. Manche Entwicklungsschritte vollziehen sich sehr langsam, treten einige Zeit später auf oder vollziehen sich gar nicht.
Ein sehr sensibler Moment ist jener des Eintritts in die Pubertät. Jugendliche mit kognitiver Beeinträchtigung erleben im Grunde denselben meist schwierigen Umstrukturierungsprozess, wenn auch unter anderen Prämissen. Die körperliche Entwicklung unterscheidet sich nicht wesentlich. Diese verläuft also altersgemäß (Sexual-Alter). Größere Schwierigkeiten schafft die Diskrepanz zwischen Sexual-Alter und Intelligenz-Alter. Die Möglichkeiten der intellektuellen Verarbeitung sind eingeschränkt.
Gerade in dieser Zeit wird vielen Jugendlichen mit Beeinträchtigung schmerzlich bewusst, dass sie ihren AltersgenossInnen in verschiedenen Aspekten hinterherhinken. Wichtig ist der Aufarbeitungsprozess zur Ermöglichung der Akzeptanz der eigenen Beeinträchtigung, um diese in die Persönlichkeit integrieren und ein positives Selbstkonzept aufbauen zu können. Allerdings verstärkt sich manches Krankheitsbild bzw. die Beeinträchtigung in der Pubertät und wird auch für die Außenwelt deutlicher sichtbar und somit stigmatisierbar. Dieser Umstand erschwert auch die Akzeptanz der äußeren Erscheinung. Das Anderssein wird als sehr belastend empfunden. Diese Situation führt dazu, dass sich die Jugendlichen einerseits genieren und mehr zurückziehen. Andererseits merken sie auch, dass Eltern, FreundInnen und andere Bezugspersonen teilweise auf Distanz gehen. Dies ist auf den Verlust des Naiv-Kindlichen und Hilflos-Liebenswerten zurückzuführen.
Der wichtige Entwicklungsschritt der Lösung von der Mutter- und Erwachsenenbindung wird durch das immerwährende Angewiesen- und Betreutsein erschwert. Die Peergroup-Erfahrungen, auf die Jugendliche ohne Beeinträchtigung meist weitreichend zurückgreifen können, erweisen sich auch als stark eingeschränkt. Oft erlauben Eltern ihren pubertierenden Jugendlichen nicht, alleine auszugehen, bei bestimmten Freizeitaktivitäten mitzumachen, verbieten manchmal auch Kontakte untereinander.
Jugendliche und Erwachsene mit kognitiver Beeinträchtigung bewegen sich meist in besonderer Abhängigkeit. Sie leben in geschützten Räumen. Sie bleiben bei den Eltern, arbeiten in geschützten Werkstätten, leben in betreuten Wohnheimen oder werden in unabhängigen Wohnungen ambulant begleitet. D.h. sie werden in der Organisation ihres Alltages, auch in der Organisation ihrer Beziehungen, unterstützt. Bei dieser Unterstützung sind Einstellung und Verhalten von Angehörigen und Begleitenden natürlich entscheidend. Haben Begleitende und Begleitete dieselben Vorstellungen, was Normen, Werte, Verhaltensweisen und Grenzen betrifft? Inwieweit werden Unterschiede respektiert und zugelassen? Menschen mit Beeinträchtigung leben zudem immer unter einem „Scheinwerferlicht“. Sehr selten bis inexistent sind die Freiräume, die sich die meisten Jugendlichen nehmen, um fern vom Wissen aller auch mal „über die Stränge“ zu schlagen. Fehlen den Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigung so nicht wichtige (natürlich auch enttäuschende) Erfahrungen, die aber für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig sind?
Gute Sexualerziehung befähigt Kinder und Jugendliche zum Bewusstsein um ihren Körper, ihre Rechte, ihre Grenzen, ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle … Wissen ist Macht! Hier kann die Sexualpädagogik eine große Rolle spielen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass laut Statistiken Personen mit kognitiver Beeinträchtigung bis zu dreimal mehr dem Risiko von sexuellen Übergriffen und Missbräuchen ausgesetzt sind. Die Arbeit am Selbstbewusstsein und an Strategien des Selbstschutzes ist sehr wichtig.
Eine Förderung der Gesamtpersönlichkeit von Menschen ist ohne Einbezug des Themas Sexualität nicht möglich. Um Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung nach ihren individuellen Bedürfnissen auch in diesem Bereich eine gute Begleitung bieten zu können, setzt voraus, dass sich Eltern, Bezugspersonen und auch Institutionen selbst intensiv mit dem Thema Sexualität auseinandersetzen.
Silvia Clignon
Sexualpädagogin und Mitarbeiterin der Lebenshilfe Bozen
Verschiedenes

Wie gesund ist der Bergsport?

Wie gesund ist der Bergsport?
Der Österreichische Alpenverein lädt am 25.11.2016
zum Fachsymposium nach Wien.
Mit dem Fachsymposium zum Thema „Bergsport & Gesundheit“ setzt der Alpenverein einen außergewöhnlichen Akzent in der Gesundheitsforschung. Die Präsentation der Studienergebnisse wird ergänzt durch Impulsvorträge von renommierten ExpertInnen – darunter Stefan Klein, Peter Zellmann, Reinhold Fartacek und Lisi Steurer.
PROGRAMM
Begrüßung und Eröffnung
Dr. Andreas Ermacora (Präsident des Österreichischen Alpenvereins)
Dr. Sabine Oberhauser (Bundesministerin für Gesundheit)
Präsentation der Forschungsergebnisse
Univ.-Doz. Dr. Arnulf Hartl (Leiter des Instituts für Ecomedicine,
Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg)
Univ.-Prof. Dr. Martin Kopp (Institut für Sportwissenschaft, Universität Innsbruck) Martin Niedermeier, MSc (Institut für Sportwissenschaft, Universität Innsbruck)
Gipfelglück: Was die Hirnforschung über das Bergerlebnis verrät
Dr. Stefan Klein (Physiker, Philosoph und Wissenschaftsautor: „Die Glücksformel“)
Bergwandern und psychische Erkrankung: Ein Therapieansatz?
Prim. Priv.-Doz. Dr. Reinhold Fartacek (Facharzt für Psychiatrie und Neurologie)
Recht auf Risiko - Risikobedürfnis und Sicherheitssehnsucht
Elisabeth Steurer, MA (staatl. gepr. Berg & Skiführerin)
Bergsport als Tourismusfaktor
Prof. Mag. Peter Zellmann (Institut für Freizeit- und Tourismusforschung)
AUF EINEN BLICK
Fachsymposium „Bergsport & Gesundheit“
Einfluss des Bergsports auf Gesundheit und Lebensqualität

Freitag 25.11.2016, 10:00–17:00 Uhr
Schloss Schönbrunn, Apothekertrakt, Wien
Tagungsgebühr: € 90,-
Anmeldung unter:
www.alpenverein.at/symposium
Verschiedenes

Tanz der Unterscheidung

Tanz der Unterscheidung
Ein Projekt der mk Innsbruck, dem Jugendzentrum am Jesuitenkolleg
Foto: @Innsblick / Vanessa WeingartnerFoto: @Innsblick / Vanessa Weingartner
Hier noch ein schmaler schwarzer Strich unter das Auge, da noch die Lippen nachziehen, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es ist acht Uhr abends, am 10. Juni. Die Lange Nacht der Kirchen ist schon im vollen Gange. In wenigen Minuten beginnt die Performance der mk: Tanz der Unterscheidung. Hunderte Menschen haben sich am Karl Rahner Platz versammelt. Sie blicken gespannt die beiden Türme der Jesuitenkirche hinauf. Dort warten Lukas, David und Hannes auf ihren Auftritt. Sie werden auf einer Highline von einem Turm zum anderen balancieren.
Dieser Weg gleicht dem Drahtseilakt der Unterscheidung der vielen inneren wie äußeren Stimmen, die im Alltag auf mich eindringen. Manche sind engelsgleich - andere eher teuflisch. Welcher Stimme soll ich folgen? Eine Frage, die uns mitten im Leben begegnet. Die Kunst mit ihr umzugehen, ist dem Jesuitenorden (Träger der mk Innsbruck) ein Herzensanliegen. Er nennt sie die Kunst der „Unterscheidung der Geister“. Sie beansprucht den ganzen Menschen mit Leib und Seele. Welche Regungen werden in mir ausgelöst? Welchen Geschmack hinterlassen sie? Jugendliche kennen diesen inneren Kampf. Er ist wesentliches Element ihrer Reifung. Um ihre Erfahrungen ging es in diesem Projekt. Sie wollten wir in einen Ausdruckstanz übersetzen.
Die Musik dazu komponierten die beiden mk-ler Ralf und Julian. Schritt für Schritt führte und hörte der Choreograph Gerhard Egger auf die Ideen und Wünsche der 30 Tanzenden. Christian Waldner trainierte die drei Highliner. In diesem Prozess spielte auch der „Bühnenraum“ eine wesentliche Rolle: die Jesuitenkirche. Wie viel jugendlichen Ausdruck verträgt dieser Ort? Ist er beengend oder gar inspirierend? Sicherlich herausfordernd, denn auf drei Bühnen mussten die Jugendlichen synchron tanzen - hautnah am Publikum mit all ihrer Präsenz. Parallel dazu balancierten Lukas und Hannes auf einer weiteren Highline in der Kirche.
In ihrem Zusammenspiel berührten die Jugendlichen die Herzen der BesucherInnen: „Ihr ward so präsent und echt in Euren dargestellten Rollen; es ist Euch unglaublich gelungen, den inneren Kampf bei der Unterscheidung der Geister wahr und lebendig werden zu lassen! Die einzelnen TänzerInnen und Slackliner waren so mit seinem ganzen Wesen unverfälscht und stark im Ausdruck! Jeder in sich aber auch als Gemeinschaft! Ich bin überzeugt, dass Ihr sehr viele Menschen berührt, innerlich mitgerissen und beeindruckt habt.“ (Helga)
Für alle Beteiligten war der Auftritt der Höhepunkt eines sehr intensiven und bewegenden Weges. Welche Bedeutung das Projekt für die Jugendlichen selbst hat, zeigen ein paar ihrer Worte:
„Nach der ersten Probe war ich noch Tage lang wie elektrisiert!“ (Paula)
„Cool war die Erfahrung beim Ausdruckstanz aus der eigenen Comfort-Zone auszubrechen und sich dabei gut zu fühlen!“ (Lena)
„Slacklinen ist ein Spiel, das man nur mit Geduld gewinnen kann. Sich bei jedem Schritt die Zeit zu nehmen, um sich zu orientieren, sein Gleichgewicht zu finden und sich dann darauf zu verlassen; darum geht‘s.“ (David)
„Wir sind alle in derselben Kirche, bewegen uns gemeinsam und erzählen die gleiche Geschichte, doch wir spüren gleichzeitig, was es bedeutet „für sich selbst zu tanzen.“ (Anna)
Die Performance hat einen wunderbaren Geist in der mk geweckt. Sie wird nicht die letzte gewesen sein.
Weitere Infos auf:
www.mk-innsbruck.at
Weitere Bilder sowie das Video zum
„Tanz der Unterscheidung“ gibt es auf:
mk-innsbruck.at/2016/06/14/tanz-der-unterscheidung/

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