WALD

Der Wald wird zum Sehnsuchtsort

Der Anonymität der digitalen Welt entfliehen
Die Südtiroler Wälder werden nachhaltig bewirtschaftet mit dem Ziel, die Waldressourcen zu schützen, zu erhalten und zu verbessern. - FOTO: Forstinspektorat Meran
Der Wald in Südtirol ist sehr naturnah und Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Damit dies auch so bleibt, wird er nachhaltig bewirtschaftet, damit auch zukünftige Generationen ihre Freude daran haben. Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume: Wer sich achtsam darauf einlässt, findet Ruhe und erlebt die stille Größe dieses Lebensraumes. Ein Gespräch mit Peter Klotz, Leiter des Forstinspektorats Meran.
Wie geht es dem Südtiroler Wald?
Peter Klotz: Dem Südtiroler Wald geht es momentan sehr gut. Wenn wir uns im Land umschauen, sehen wir durchwegs vitale geschlossene Waldbestände, die äußerlich sehr gesund aussehen. Es gibt einige Ausnahmefälle wie das Trockenereignis vor zwei Jahren im Vinschgau, wo großflächig das Kiefernsterben zu beobachten war. Das hat damit zu tun, dass durch extreme Klimaereignisse, wie in diesem Fall die Trockenheit, Sekundärschädlinge auftreten und den Wald bedrohlich befallen können. Die monatelange Trockenheit und der karge Standort haben viele Bäume zum Absterben gebracht. Der Vinschgau hat von der geschichtlichen Vergangenheit her noch großflächige Aufforstungsflächen v.a. mit Schwarzkiefern. Es ist mittlerweile zukunftsweisender den Wald naturnahe zu behandeln. Die Schwarzkiefer ist nicht eine heimische Baumart, die damals aber zur Verfügung stand und daher anfällig für Krankheiten ist.
Wie naturnah ist die Waldwirtschaft in Südtirol?
Peter Klotz: Südtirol hat im Landesforstgesetz und in den Durchführungsverordnungen sehr klar verankert, den multifunktionalen, naturnahen Waldbau zu betreiben und zu fördern. Man versucht die verschiedenen Interessen, die man an den Wald stellt, unter einen Hut zu bringen. Man fördert Wälder, die für die Zukunft sowohl ökologisch als auch mechanisch stabil sind, weil gerade mit der Klimaveränderung sich auch die Lebensbedingungen für die Bäume und Pflanzen ändern. Dabei soll man ja bedenken, dass gerade ein Baum, sofern man ihn nicht künstlich zu früh entnimmt, jahrhundertealt wird. Im Gegensatz dazu laufen unsere Veränderungen im Klima und in der Gesellschaft mittlerweile rasant ab. Die Förster waren die „Erfinder“ des Begriffs der Nachhaltigkeit. Wald bedeutet langfristig denken, über Jahrhunderte planen und handeln und nicht über Jahre, Monate, Tage oder gar Minuten, wie es in der digitalen Welt üblich ist.
Kann dieses Spannungsfeld auch ein Grund sein, weshalb der Wald in der Gesellschaft zum Thema geworden ist? Der deutsche Buchmarkt wird derzeit geradezu überschwemmt mit Büchern über den Wald.
Peter Klotz: Der Wald wird wieder zum Sehnsuchtsort. Hartmut Rosa spricht in seinem Buch „Resonanz“ von horizontalen Resonanzachsen zwischen Personen, diagonalen Resonanzachsen zwischen Mensch und Materialien und einer vertikalen Resonanzachse ins Transzentale nach oben. Ich glaube, dass der Mensch in der heutigen Zeit nicht nur nach neuen Erklärungen sucht, sondern dass der Wald auch wieder zum Ort wird der Natürlichkeit, der Entspannung, des Zu-sich-selber-Findens. Da offenbart sich der Wert, den der Wald in sich birgt, wieder stärker. Deshalb wundert es mich nicht, dass eine Antwort gesucht wird auf diese Schnelllebigkeit, auf die flüchtige digitale Welt. Meine Überzeugung ist, dass die Menschen im Wald wieder das Ganzheitliche finden können. Menschen suchen wieder nach einem Ausgleich zum Berufsleben, das oft durch formale Vorgaben sehr zerstückelt ist. Die Natur bietet auch deshalb diesen Ausgleich, weil Wälder als höchste Form komplexer Ökosysteme viele Eigenregulationsmechanismen haben, die in sich alle zusammen hängen und miteinander verwoben sind.
Die einen suchen Erholung im Wald und die anderen sehen den Wald als „Spielplatz“. Wird es nun durch die Zunahme der Freizeitaktivitäten im Wald wie Downhill, E-Bike und Mountainbike in manchen Wäldern „ungemütlich“ für diejenigen, die im Wald Ruhe tanken wollen?
Peter Klotz: Die Erholungsfunktion des Waldes ist schon seit langem in der Forstwirtschaft bekannt. Es ist massiv spürbar wie stark die Freizeitaktivität zunimmt, die wir auch in ihre Grenzen weisen müssen. Wir spüren häufig Nutzungskonflikte der verschiedenen Benutzergruppen. Alle anderen Nutzer dieser Lebensräume wie die Wildtiere sollten auf dieser Fläche auch noch ihren Platz haben.
Gibt es schon gesetzliche Regelungen für die Nutzung der Wälder?
Peter Klotz: Ich hoffe, dass es nicht für jede Art und Intensität von Freizeitnutzung eine Regelung geben wird. Eine einfache Regel könnte hier behilflich sein: Wenn ich in den Wald gehe, sollte ich daran denken: Ich bin dort ein Gast und sollte die dort üblichen Regeln und Gewohnheiten anwenden. Ich sollte die Natur respektvoll behandeln.
Wir sollten also achtsam sein?
Peter Klotz: Ich finde ein achtsamens Verhalten sehr wichtig für den, der in den Wald hineingeht. Wenn man im Wald alle Sinne öffnet, dann sieht man in kürzester Zeit so viele Dinge, die alles - vom Einfachen bis zum Transzendenten - in sich tragen und wo das Kleine gleichzeitig das Große in sich trägt, dass es nicht verwunderlich ist, dass Leute diesen Sehnsuchtsort Wald suchen. Wenn man abends mal die Stille im Wald förmlich „hören“ kann, dann kriegt man auch leichter den Respekt für dieses Umfeld und kann die Tiefe und Größe des Waldes erfahren.
Mit dem Wald sollte also sorgfältig umgegangen werden im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit des Waldes?
Peter Klotz: Mir ist immer der Respekt für den Wald wichtig, dass das Ökosystem Wald so behandelt wird, dass der Wald sich weiterentwickeln kann. Ich sehe den Wald nicht nur als Rohstofflieferant sondern auch in seiner enormen Vielfalt und den Leistungen, die uns der Wald sonst noch bietet. Es geht um die Einfühlung, um die Verbindung Wald – Mensch, auch in der Vorstellung, dass ich eine Gemeinschaft von vielen wertvollen Lebewesen, den Bäumen, Tieren, Pilzen und Kleinstlebewesen, vor mir habe, mit denen ich in irgendeiner Weise kommuniziere und dann auch interagiere. Dies geht wie in jeder Kommunikation nur durch Einfühlung, Wertschätzung und Respekt.
Sie sind auch ein Unterstützer der Waldkindergärten, warum?
Peter Klotz: Ich bin ein begeisterter Verfechter dieser Strukturen, weil die jungen Menschen dadurch die einmalige Chance bekommen eine ganzheitliche, natürliche Umgebung zu spüren und den Hausverstand entwicklen können. Sie lernen mit Komplexität umzugehen. Diese Komplexität findet man am besten in der Natur. Solche Empfindungen erleben zu dürfen ist ein wichtiger Mosaikstein zu einer gesunden Entwicklung der Persönlichkeit. Die Kinder machen die Erfahrung, dass zwischen zwei Elementen, der Natur und dem Menschen, etwas mehr entsteht als eine rein mechanistische abstrakte Verbindung.
Eignen sich die jungen Förster bereits in ihrer Ausbildung dieses Verständnis vom Wald an?
Peter Klotz: Die meisten Mitarbeiter bekommen eine spezialisierte Ausbildung in der Waldpädagogik. Die Ausbildung ist sehr breit gefächert zwische Aufsicht, Beratung und Bautätigkeit. Wir haben nämlich auch eine breite Kontaktfläche mit der Bevölkerung. Dazu zählen zum Beispiel die Waldtage, die Umweltbereiche, wir sind im Territorium sehr präsent und diskutieren die ermächtigten Eingriffe in der Landschaft, in den Regiearbeiten versuchen wir im Einklang mit der Natur zu handeln.
Zur Person
Peter Klotz, Amtsdirektor des Fortinspektorates Meran, studierte Forstwirtschaft an der Universität Padua.

Thema

Die Macht der Wörter

Viele möchten die vermeintliche „Macht der Sprache“ für sich nutzen: Wirtschaft und Werbung um zu verkaufen, Politiker um zu überzeugen und Meinungsmacher um andere zu beeinflussen. Doch es sind nicht die Wörter selbst, die über Macht verfügen, sondern die Beziehungen unter den Menschen, die Wörtern Macht verleihen – oder auch nicht.
Ein gut 
formuliertes 
Pro und Contra führt bei Diskussionen eher zu 
einem Ergebnis.
Monika Obrist,
Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut
Sprache ist eines der Mittel, durch die sich Macht ausdrückt: Möchte ich, dass jemand still ist, kann ich das durch eine Geste zeigen oder mehr oder deutlich sagen: „Sei still!“ Ob dies auch wirkt, hängt von der Machtbeziehung der Beteiligten ab. Als Elternteil oder Lehrperson verfügt man über jene Autorität, die diesen Befehl einem Kind gegenüber rechtfertigt. Das Kind stellt sich aber schnell die Frage: Und was passiert, wenn ich nicht still bin? Es ist also nicht so einfach, jemanden durch Sprache zu einer Handlung zu verleiten. Auch Gesetzestexte sind nichts anderes als die verschriftlichte „Macht“ eines Staates. Ob sie auch eingehalten werden, hängt auch von der Bereitwilligkeit des einzelnen ab und davon, was bei Verstößen passiert.
Manipulation durch Sprache
Bei einem Experiment haben Testpersonen denselben Tee anders beurteilt, je nachdem, ob er mit dem Namen „Tropical Feeling“ oder „Vor dem Kamin“ angeboten wurde. Wörter haben also einen gewissen Einfluss auf unsere Sicht der Dinge. Was wir mit Wörtern verbinden, kann aber sehr unterschiedlich sein. Der eine denkt bei „Tropical“ vielleicht an süße Ananas, der andere an schwüle Hitze und Mücken. Es ist also nicht so leicht, Menschen durch Wörter zu steuern. Wenn Machthaber die zivilen Opfer eines Krieges als „Kollateralschaden“ bezeichnen, ist dies der Versuch, die Dinge besser aussehen zu lassen als sie sind. Mit ein bisschen kritischem Verstand sind solche Manipulationsversuche durch verharmlosende Wörter aber schnell durchschaut.
Überzeugen durch Sprache
Die Rhetorik will uns lehren, wie man mit Sprache überzeugen kann. Die Wahlsprüche „Yes, we can“ von Barack Obama oder „America First“ von Donald Trump mögen zum Wahlerfolg dieser Präsidenten beigetragen haben. Die Kunst guter Reden und Texte sollten wir aber nicht nur kritisch im Sinne von Propaganda und Verführung sehen. Im Gegenteil, wir sollten uns verstärkt wieder der Kunst des Argumentierens zuwenden. Gut formulierte Argumente für und wider eine Sache führen unsere Debatten nämlich eher zu einem Ergebnis als Stammtischparolen und Bauchgefühle.
Kränkung durch Sprache
Wir alle wissen, wie sehr ein Satz, ein Wort oder eine Geste guttun oder verletzen können – bis hin zu verbaler Gewalt. Auch dies hängt nicht nur von den Wörtern, sondern von den Beziehungen zwischen den Menschen ab. Jemanden als „Flegel“ zu bezeichnen, ist kein Kompliment. Handelt es sich bei dem „Flegel“ um einen Pubertierenden, zieht er diese Beschimpfung einem Lob wie „braver Schüler“ aber vielleicht vor. Umgekehrt kann gut Gemeintes auch missverstanden werden. Lobt jemand das Aussehen einer Frau, könnte diese gekränkt sein: „Bei uns Frauen zählt immer nur das Äußere, niemand sieht meine anderen Stärken.“ Ist Schweigen also Gold? Nein, auch Schweigen kann verletzen.
Die „Macht der Wörter“ hängt also letztlich von den Menschen ab, die sie verwenden und an die sie sich richten. Nicht schaden kann es daher stets, sich zu überlegen, wie die Worte anderer gemeint sein könnten bzw. wie die eigenen Worte auf andere wirken könnten. Leichter gesagt als getan!
Text: Monika Obrist