artikeljuni2023

Es ist Zeit…

// Autor: Jürg Schläpfer //
... unsichere Bindungsformen zu erkennen, damit sie frühzeitig vermieden oder gemildert werden können
© Pixabay, cocoparisienne
Ein beflügelndes Bild eines Knaben mit seinem fliegenden Drachen. Dieses Bild wurde von Isabelle Thoresen im Vorwort des TApublik Nr.3 2022/2023 entwickelt und sieht Parallelen zu den Begriffen Freiheit und Verbundenheit. Ich habe dann diese beiden Begriffe mit den Bindungsmustern (John Bowlby) verknüpft. Zwischen Knabe und Drachen besteht, solange die Schnur hält, eine Bindung – und zwar eine sichere.

John Bowlby (1907-1990) definierte das sichere Bindungsmuster als Befriedigung/Erfüllung des Bedürfnisses (des Kleinkindes) nach Schutz und Sicherheit. Wenn dieses Bedürfnis erfüllt ist, kann das Kind explorieren, das heisst, es kann die Umwelt entdecken. Innere Sicherheit (Bindung) und Exploration (Erkunden der Umwelt) sind dann im Einklang und wechseln sich gegenseitig, meist recht kurzfristig, ab.

Reisst die Schnur, so macht sich der Drachen selbständig und kann nicht mehr gesteuert werden. Die spielerische Balance (freies Kind) zwischen den beiden kann verloren gehen. Von «Drachen-Autonomie» zu sprechen, wäre bei den unsicheren Bindungsformen wohl vermessen, weil der Drachen einem sicheren Absturz nicht mehr ausweichen kann. Neben der sicheren Bindungsstruktur sprachen John Bowlby und Mary Ainsworth von drei unsicheren Bindungsformen: desorientiert, unsicher ambivalent und unsicher vermeidend. Karl Heinz Brisch, Bindungsforscher und Psychotherapeut spricht in seinem Buch «Bindungsstörungen» gegenwärtig von vielen verschiedenen Bindungssystemen und diversen Mischformen. Brisch ist in der Zuordnung der einzelnen unsicheren Bindungsformen äusserst vorsichtig. Unsichere Bindung heisst in der Regel: Mit der Verbindungs-Schnur gibt’s Probleme. Und dies kann (z.B. bei unsicheren Bindungsstrukturen der Elternschaft) bereits vorgeburtlich passiert sein. Karl Heinz Brisch ergänzt1, dass die sichere Bindungsstruktur in der Kindheit nicht nur essentiell ist und Leitplanken setzt, sondern die eigentliche Voraussetzung für ein resilientes Leben bedeutet. Dann soll die Verbindungsschnur aber im Laufe der Jugendzeit zunehmend lockerer werden und irgendwann in luftiger Höhe sich sogar von der Mutter (oder Bezugsperson) lösen können. Es folgt ein selbstbestimmendes autonomes Weiterfliegen. Dieses Bild scheint mir höchst dynamisch und erinnert transaktionsanalytisch an das freie Kind (fK).
Erstes Beispiel: Desorientierte Bindung
Katharina Bracher beschreibt das Ende des Fox-News-Star Tucker Carlson in der NZZ vom 29. April 2023. Tucker begeisterte Abend für Abend Millionen von Zuschauern während 60 Minuten mit seinen Hasspredigten. Es gelang ihm, sie in seinen Bann zu ziehen bis er Ende April 2023 von einem Tag auf den anderen entlassen wurde, angeblich weil er wissentlich Unwahrheiten verbreitet hatte. Seine Abendsendungen waren in den USA äusserst beliebt und seine Hasstiraden wurden vom Publikum begeistert aufgenommen.

Was war geschehen? Ich greife auf seine von mir vermutete Bindungsform zurück: Carlson berichtet in einem Interview2 über seine Kindheit: «Es ist schlimm, zu erfahren, dass dich deine Mutter nicht liebt.»
Als Carlson 6-jährig war zerbrach die Familie vollständig. Die Mutter verliess die Familie, nachdem sie bereits jahrelang mit den beiden Kindern überfordert war. Tucker Carlson kannte in seiner Kindheit keine Sicherheit, sondern weitgehende Desorientierung, was vermutlich auf die Drogensucht seiner Mutter zurückgeführt werden kann. Die desorientierte Bindungsform gibt grundsätzlich nirgendwo Halt. Psychische und physische Gewalt gehört dazu. Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass die Wut, die diese Kinder in jungen Jahren begleitet, irgendwie ein Bestandteil ihrer Persönlichkeit wird. Dieser negative emotionale Ballast macht es ihnen schwer, ihr Verhalten zu kontrollieren und ihre Emotionen zu regulieren. Das wiederum erhöht das Risiko, dass sie irgendwann selbst zu Gewalt greifen was sich auch verbal äussern kann. Und dies war bei Carlson wohl der Fall. Die NZZ schreibt:
«Carlson steigt in seinen Monologen immer ganz oben ein auf der Klaviatur der Wut. Er ist bereits nach den ersten Worten stocksauer und steigert sich immer weiter in seine Rage. Es gibt keinen Sprachwitz, kein Funken Ironie zieht sich durch seinen Sermon. Carlson lässt die Sätze springen wie Knallfrösche. Irgendwann ist alles an ihm nur noch Wut und je länger und tobsüchtiger Carlson’s Monolog – desto eher bleiben die Menschen am Bildschirm.»3

Carlson hatte also vor Millionen von Zuschauern Erfolg. Trotzdem wurden seine «Charakterschwächen» für ihn zum Bumerang. Karl Heinz Brisch spricht bei der desorientierten Bindungsstruktur von fünf hauptsächlichen Eigenschaften:

1. Verzerrte Selbstwahrnehmung und geringes Selbstwertgefühl.
2. Höhere Rate von Verhaltensauffälligkeiten.
3. Angst und Depression.
4. Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration. (ADHS tritt gehäuft auf)
5. Veränderungen des Nervensystems.

Zudem:
Es gibt keine durchgängige Verhaltensstrategie.
Vorwiegend zeigt sich emotional widersprüchliches Verhalten.
Es kommt zu motorischen und stereotypischen Sequenzen.
„Freezing“, das heisst Innehalten im Verlauf der Bewegungen und kurzfristiges „Erstarren“.
Erhöhte Stresswerte, wie beim unsicher gebundenen Kind.


Welche dieser Eigenschaften auf Carlson wohl zutreffen, ist schwer zu sagen und ich möchte mich nicht auf Spekulationen einlassen. Was als sicher gelten kann, ist, dass seine ursprüngliche desorientierte Bindung Auswirkungen auf sein inneres Wut-System in seiner Rolle als Fox-News-Moderator hatte. Seiner ursprünglichen Wut auf die Mutter konnte Carlson wohl nicht freien Lauf lassen. Als späterer Moderator war er da freier und konnte seine innere Wut millionenfach «herausbrüllen». Psychotherapie für den Moderator?... das könnte man sich wohl fragen.

Um beim anfänglichen Drachen-Bild zu bleiben: Der Drachen von Carlson hatte schon in seiner Kindheit keinen Haltepunkt, er flog irgendwo herum geriet wohl häufig in Turbulenzen und stürzte – insbesondere nach seiner abrupten Entlassung - irgendwo ab. Und dieses Spektakel könnte sogar geeignet sein, Zuschauer – wie bei einem spanischen Stierkampf – zu elektrisieren. Ich unterstelle die Zuschauerbegeisterung bei Fox News durchaus dieser Tatsache. Fox News hat alle paar Minuten die Zahl der Zuschauer gemessen und stellte bei zunehmender Aggression von Carlson sofort höhere Zuschauerzahlen fest.

Eine desorientierte Bindung hat keine Konstanz. Es gibt ein ständiges Hin und Her, die Schnur des Drachens war gar nie vorhanden oder frühzeitig gerissen. Der Drachen fliegt, baumelt, stürzt je nach Wetterlage dann auch irgendwann ab.

Das folgende Schaubild könnte das gut illustrieren: Rundungen - und damit guter Rhythmus - fehlen, es geht zackig hin und her und nichts ist zum Voraus berechenbar.
Desorientiertes Bindungsmuster: Abrupte Wechsel, die nicht vorausgesagt werden können
Zweites Beispiel: Unsicher-ambivalente Bindung
In der NZZ vom 13.04.2023 findet sich von Christine Brinck unter dem Titel: «Die Angst beim Warten auf ein Bling» ein bemerkenswerter Artikel. Christine Brinck beschreibt die heutige Teenager-Generation, welche sie i-Gen-Generation nennt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Mädchen, welche nach 1995 geboren worden sind. Man hat in einer Studie (Dr. Jean Twenge) herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Unglücklichsein der Heranwachsenden und dem sozialen Medienkonsum gibt. «Wir erleben seit zehn Jahren eine Epidemie mentaler Erkrankungen unter Teenagern wie nie zuvor» kommentierten amerikanische Kinderärzte und Psychiater die Ergebnisse der Studie. Verbitterung und Vereinzelung sei seit 2010 in erheblichem Masse gestiegen. Die entsprechenden Verwerfungen hätten präzise 2012 begonnen, als Facebook Instagram kaufte. So sei ein gewisser Anpassungsdruck (Aussehen, Leben, Denken, Abgrenzung von Eltern etc.) unter Teenagern zu beobachten gewesen. Stress, Minderwertigkeitsgefühle, Drogen, Alkohol können die negativen Gefühle verstärken. Dazu kommt eine Rund-um-die-Uhr-Präsenz des Smartphones. In wenigen Jahren seien die Zufriedenheitsgewinne von zwei Jahrzehnten ausgelöscht worden. Von 2009 bis 2019 sei das Gefühl von Traurigkeit und Trostlosigkeit bei den Teenagern um 40 % gestiegen, unter den 10- bis 24-Jährigen sei zudem Suizid die dritthäufigste Todesursache. Laut der oben genannten Studie geben 60% der Mädchen an, im vergangenen Jahr dauernd Traurigkeit empfunden zu haben und 30% hatten ernsthaft an Suizid gedacht. Weshalb sind Mädchen gefährdeter als Knaben? Weil sie bis zu 6 Stunden täglich über die sozialen Medien ein Damoklesschwert über sich spüren, welches ihnen suggeriert, nicht gut genug zu sein. Sie vergleichen sich fast pausenlos mit anderen, setzen enorm hohe Massstäbe, welche nicht erreichbar seien. Sie halten sich für zu dick oder zu dünn, für zu gross oder zu klein und meinen irgendetwas zu verpassen.
Fazit: Teenager, die mehr reale Zeit miteinander verbringen sind glücklicher, weniger einsam, weniger depressiv als jene welche sich viel in den sozialen Medien tummeln. Elektronische Kommunikation ist kein Ersatz für eins-zu-eins-Begegnungen. Gespräche führen zu Auseinandersetzungen mit anderen Ideen und Meinungen. In der digitalen Welt wird die andere Meinung oft weggemobbt. Der Konformationsdruck steigt.

Bei den beschriebenen Teenagern handelt es sich ebenfalls um ein unsicheres Bindungs­muster. Es können Mischformen sein, vieles deutet auf unsicher-ambivalentes Verhalten hin. Insbesondere das ständige Vergleichen der jungen Mädchen ist auffallend. Man will gefallen, schöner als andere sein. Der Preis ist hoch: Traurigkeit und Trostlosigkeit! Diese Befindlichkeiten passen perfekt zur unsicher-ambivalenten Bindungsform, welche mit allen Mitteln Sicherheit anstrebt und geliebt werden möchte und genau diese Befindlichkeit meistens verpasst. In aller Regel ging es bereits bei den Bindungspersonen um fehlende Berechenbarkeit, was beim Kind zu Ärger und Widerstand führen kann. Das Kind scheint auf die Ambivalenzen der Bindungsperson einerseits mit Rückzug, anderseits mit Annäherung und Kontaktversuchen zu reagieren. Dabei können negative Gefühle kaum integriert werden. In der TA sprechen wir dann gerne von Ersatzgefühlen.
Ersatzgefühle:
Es gibt – gemäss transaktionsanalytischer Theorie - 4 Grundgefühle, nämlich Freude, Angst, Trauer und Wut. Diese Grundgefühle haben eine wichtige Funktion, wenn sie richtig eingesetzt werden. Freude führt zu Lebenslust. Angst schützt vor allfälligen Gefahren. Trauer ist notwendig, um einen Verlust zu verarbeiten. Wut ist sehr wichtig, um die innere Balance behalten zu können. Nicht ausgesprochene Wut, meist runtergeschluckt und ev. gar noch mit einem Lächeln maskiert, führt gerne zu (psychischen) Störungen/Belastungen. Das Lächeln (das der Freude zugeordnet werden kann) ist dann ein Ersatzgefühl. Mit diesem Ersatzgefühl (eigentliche Maske) kann die Wut als ursprüngliches funktionales Gefühl überdeckt werden. Das Ersatzgefühl ist dann dysfunktional - Probleme werden nicht gelöst, sondern lediglich beiseitegeschoben.
Das folgende Schaubild zeigt in der liegenden unsymmetrischen Acht die Verteilung der seelischen Energie bei der unsicher-ambivalenten Bindungsform. Bindung, Bindungssuche, dazwischen Abstürze, weil die Bindung nicht zufriedenstellend gelang, wechseln sich ab. Für das Explorieren bleibt fast keine Energie. Beziehungen stehen permanent im Mittelpunkt, alles dreht sich um Beziehungen, meist um Beziehungen, welche nicht so recht befriedigen, dafür aber vermehrten Gesprächsstoff liefern können.
Unsicher ambivalente Bindung: Der grösste Teil der seelischen Energien wird ins Bindungsverhalten gesteckt, welches hier sehr viel Raum einnimmt
Das unsicher-ambivalente Muster kann sich folgendermassen zeigen:

Solche Kinder sind stark auf die Bindungsperson fixiert, wodurch das Bindungssystem stark aktiviert ist.
Das führt auch bei Anwesenheit der Bindungsperson zu stark eingeschränktem Explorationsverhalten.
Kind betrachtet Bindungsperson als nicht berechenbar.
Die unvorhersagbaren Erfahrungen des Kindes führen zu Ärger und Widerstand beim Versuch das Kind zu trösten.
Einmal kann das Kind ärgerlich und aggressiv auf Bezugsperson reagieren, dann aber plötzlich sucht es Nähe und Kontakt.
Negative Gefühle können nicht integriert werden.


Im oben dargestellten NZZ-Artikel geht es vorwiegend um Mädchen. Dazu passt das unsicher-ambivalente Bindungsmuster, wird doch weitgehend beobachtet, dass Mädchen in ihren zwischenmenschlichen Begegnungen ein Hauptthema bearbeiten: Liebe, Anerkennung und oft auch Neid und Eifersucht. Die äussere Erscheinung wird dann gerne überbewertet, weil diese eben auch viel Anerkennung bringen kann.
Drittes Beispiel: Unsicher-vermeidende Bindung
Unsichere Bindungen wurden unter anderem im dritten Reich «gezüchtet». Johanna Haarer schrieb 1934 das Buch «Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind». Dieses Buch wurde ab 1934 allen jungen Müttern im dritten Reich zur Geburt geschenkt. Es sollte dazu dienen, die Kinder zu harten, möglichst gefühlslosen Menschen zu machen. Keinerlei positive Strokes waren erlaubt, stundenlanges weinen lassen wurde gefordert, Trost war verboten, alles musste nach vorgegebenem Fahrplan ausgeführt werden (insbesondere die Stillzeiten). Auch in den 1980er Jahren war das Buch in Deutschland noch weit verbreitet. Es gab sogar Neuerscheinungen mit nur kleinsten Änderungen.

Das unsicher-vermeidend gebundene Kind hat die Bindungsperson als zurückweisend verinnerlicht. Um diese Zurückweisung nicht permanent erfahren zu müssen, wird der Kontakt weitgehend vermieden und möglichst keine Verunsicherung gezeigt. Die Bindungsperson zeichnet sich häufig durch einen Mangel an Affektäußerung, durch Ablehnung und Aversion gegen Körperkontakt sowie häufige Zeichen von Ärger aus. Das Kind kann dann kein Vertrauen auf Unterstützung entwickeln, sondern erwartet Zurückweisung. Infolge dessen unterdrückt das Kind seine Annäherungsneigung, um zumindest in einer tolerierbaren Nähe zur Mutter zu bleiben. Negative Gefühle werden unterdrückt. Dieses Bindungsmuster wird eher bei Knaben festgestellt.

Das unsicher-vermeidende Muster kann sich folgendermassen zeigen:

Bei Abwesenheit der Beziehungsperson zeigt Kind keine Anzeichen von Beunruhigung oder des Vermissens.
Es exploriert (spielt) scheinbar ohne Einschränkung weiter, zeigt wenig Bindungsverhalten und akzeptiert fremde Personen als Ersatz.
Innerlich ist das Kind aber aufgewühlt.
Die Unterdrückung des Bindungsverhaltens erzeugt hohe emotionale Belastung.
Kommt die Bindungsperson zurück, so wird sie in der Regel abgewiesen.
Die Bindungsperson selbst zeichnet sich meistens durch Aversion gegen Körperkontakt aus und auch durch häufigen Ärger. Riemann würde wohl von einer schizoiden Grundstruktur sprechen.
Das Kind kann kein Vertrauen auf Unterstützung aufbauen.


Ich komme nochmals auf das Bild des Drachens zurück. Diese drei unsicheren Bindungsformen könnten im «Drachenbild» folgendermassen beschrieben werden:

Bei der desorientierten Bindungsstruktur gab es nie eine Verbindung, der Drachen „geniesst volle Freiheit“. Eine Freiheit, sich auch ins Unglück oder in den Suizid zu stürzen.
Eine unsicher-ambivalente Struktur könnte heissen: Die Schnur besteht aus einem flexiblen Gummizug, kann sich also ausdehnen und verengen. Zudem ist die Schnur dicker geworden. Sie könnte mit einer recht dicken Wäscheleine verglichen werden – die Leichtigkeit (des Seins) ist damit eingeschränkt. In der TA sprechen wir hier gerne von Symbiose, auch von inverser Symbiose. Eine eigene Entwicklung dürfte massiv erschwert sein. Diese Verbindung gibt’s selbstverständlich nicht nur zwischen Kind und Bezugsperson. Wir finden solche Symbiosen auch häufig in jungen, oft auch in alten Partnerschaften.
Bei der unsicher-vermeidenden Struktur ist die Verbindungsschnur wegen emotionalen Enttäuschungen gerissen.
Unsicher-vermeidende Bindung: Der grösste Teil der seelischen Energien wird ins Explorationsverhalten gesteckt
Erschaffen sicherer Bindungen
Die sichere Bindung ist beglückend. Gemäss Karl Heinz Brisch4 gibt’s in der Baby-Zeit eine klare Schnur-Verbindung, die dann mit der Zeit gelockert werden kann und schliesslich zur eigentlichen Autonomie führt. Dann ist die Verbindung weitgehend aufgelöst. Dies geschieht aber nicht im Streit, sondern ganz natürlich. Gute Gefühle bleiben.

Das folgende Bild soll diese gleichmässige rhythmische Lebensart aufzeigen:
Sichere Bindung5: Bindung und Exploration sind rhythmisch und ausgewogen geprägt
Diese rhythmische und gesunde Lebensform ist das Beste was einem Kind geboten werden kann. Eine starke (oft lebenslängliche) Resilienz ist die Folge. Bei Erwachsenen, welche zwecks Erreichung einer sicheren Bindung, eine Gesprächstherapie aufnehmen, schlage ich beispielsweise folgende zwei Therapie-Ansätze vor:
Yalom’sche Gesprächsmethode
Irvin Yalom hat mit verschiedenen Klienten ein sogenanntes Experiment durchgeführt. Anschliessend an eine Sitzung wurde über den abgelaufenen Prozess nachgedacht (nicht über den Inhalt der Sitzung). Dann, etwa einen Tag später, schrieb Yalom seine Erkenntnisse auf und sandte diese seinem Klienten. Genau zeitgleich lief es auch umgekehrt vom Klienten zum Therapeuten. Natürlich deckten sich die Beschreibungen oft nicht – das ergab dann in der nächsten Sitzung Diskussionsstoff und im besten Fall eine Klärung. Diese Methode lässt Hierarchien verschwinden, es entsteht Augenhöhe. Natürlich soll auch der Therapeut sich offenbaren und nicht lediglich als Zuhörer fungieren. Meiner Erfahrung nach hilft dies, eine sichere Bindung zwischen Therapeut und Klient herzustellen. Diese neue Erfahrung kann dann vom Klienten als Modell benützt werden und in die Praxis umgesetzt werden.
Symbiosen auflösen
Das Kleinkind lebt mit seiner Mutter normalerweise in einer gesunden Symbiose. Die Mutter ist fürsorglich und handelt weitgehend aus ihrem Erwachsenen-Ich. Das Kind hat diese beiden Ich-Zustände noch nicht zur Verfügung und benützt deshalb sein Kind-Ich. Beide zusammen benützen also drei Ich-Zustände. Später, wenn das Kind sich von der Mutter emanzipieren möchte oder auch bei symbiotischen Paarbeziehungen sollten alle drei Ich-Zustände bei beiden Personen funktionieren und eingesetzt werden können. Nicht aufgelöste Symbiosen bei Paaren zeichnen sich meist durch drei gemeinschaftliche Ich-Zustände aus: Eine Person bestimmt wo’s lang geht und leistet auch fast alle Denkprozesse. Die andere Person unterzieht sich meistens und gehorcht oder rebelliert innerlich. Daraus folgt Abhängigkeit, Autonomie ist für beide Teile letztlich nicht möglich. Zur Entwicklung menschlicher Reife und dem Erreichen einer sicheren Bindung gehört die Auflösung der Symbiose. Im Bild des anfänglich erwähnten fliegenden Drachens würde in einer Symbiose zwischen Drachen und Drachenführer keine Schnur eingesetzt, sondern eher ein dickes Wäscheseil, welches jegliches Vergnügen einschränken würde

Das Ziel jeder menschlichen Beziehung, sehe ich – wie John Bowlby und auch Karl Heinz Brisch dies postulieren – im gegenseitigen, ehrlichen Austausch. Dies entspricht dann einer transaktionsanalytischen ++ Grundposition oder auch dem wunderbaren anfangs erwähnten Drachen-Bild.

Literaturangaben
Karl Heinz Brisch, 2020: Bindungsstörungen, Klett-Cotta, Stuttgart
Karl Heinz Brisch, 2022: SAFE- Sichere Ausbildung für Eltern, Klett-Cotta, Stuttgart
Karl Heinz Brisch, 2023: Gestörte Bindungen im digitalen Zeitalter, Klett-Cotta, Stuttgart
Johanna Haarer, 1997: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, J. F. Lehmanns Verlag, München - Berlin 1941
NZZ vom 13. April 2023: Christine Brinck, Die Angst beim Warten auf ein Bling
NZZ vom 29. April 2023: Katharina Bracher, Er lässt die Sätze springen wie Knallfrösche: Fox-News-Star Tucker Carlson
Irvin D. Yalom, 2013. Die Liebe und ihr Henker, Verlag btb, München
Irvin D. Yalom, 2017. Wie man wird, was man ist, Verlag btb, München

Fussnoten
1 Telefonat vom 12. Mai 2023
2 NZZ-Artikel vom 29. April 2023
3 NZZ-Artikel vom 29. April 2023
4 Telefonat vom 12. Mai 2023
5 Diese Illustrationen entstanden spontan während eines «Bindungs»-Seminars an einem TA-Kongress durch mich angeregt und durch Beiträge der TN ergänzt. Jede einzelne Bindung wurde mittels Herumlaufen (aller TN) im Raum illustriert. Dabei galt es auf seine Gegenübertragung zu achten und dabei festzustellen, was eine angenehme oder störende Wirkung auslöste. Interessant war, dass nicht etwa die «sichere Bindung» (gegenseitiger Augenkontakt, kurze nonverbale Begrüssung, dann Exploration im Raum, dann wieder menschlichen Kurzkontakt usw.) innerliche Freudensprünge ausgelöst hatte. Es war die ursprüngliche Bindung, welche innerliche Verwandtschafts-Gefühle hochkommen liessen und den TN heimische Gefühle vermittelten. Wer in jungen Jahren Unsicherheit erleben musste, konnte mit der Übung «Sicherheit» kaum etwas anfangen. Bei der desorientierten Übung gab’s keine Kontinuitäten, alles sehr kurzfristig, hastig und nervös. Ein Beobachter hätte ADHS diagnostiziert. Bei den ambivalent-unsicheren Bindungsbegegnungen ging es nur um Menschliches, ums Berühren, ums Klammern etc.- Bei den unsicher-vermeidenden Begegnungen gab es keine Augenkontakte, Projektoren, Stühle und Tische wurden angefasst und untersucht.

Jürg Schläpfer TSTA/E


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artikeljuli2023

Zeit für Veränderungen im Denken

// Autor: Guglielmo Menon //
Nachdenken über KI und die Transformation der Wissensarbeit
© Pixabay
Abstrakt
Neben dem Einsatz in der Steuerungstechnik entfaltet sich Künstlichen Intelligenz (KI) zunehmend in Bereichen, die bisher dem Menschen vorbehalten waren. Der Autor geht auf Entdeckungsreise und diskutiert die Frage, inwieweit wir als Transaktionsanalytiker/-innen durch immer leistungsfähigere KI-Systeme herausgefordert sind. Benötigen wir etwa neue Modelle in der TA-Konzeptwelt, um Beziehungen zu beschreiben, die sich aus der Interaktion zwischen dem Menschen und einer KI etablieren? Wie verändert sich unsere Arbeit, wenn sich KI-Systeme als wirkmächtige Werkzeuge in der Wissensarbeit entfalten? Welche ethischen Implikationen hat es, wenn die Unterscheidbarkeit von Menschen und KI verschwimmt? Er kommt zum Schluss, dass die TA geeignete Modelle hat, um den menschlichen Anteil am Beziehungsgeschehen zu beschreiben. Für Praktizierende der Transaktionsanalyse sieht der Autor ein Handlungsfeld in der Beratung und im gesellschaftlichen Diskurs.
Disclaimer
Dieser Text ist bewusst in Kooperation mit einer KI geschrieben, in diesem Falle mit ChatGPT (chat.openai.com/chat) und teilweise mit Neuro-Flash (app.neuro-flash.com/aiWriter). Beteiligt waren in den Diskussionen auch verschiedene menschliche Gesprächspartner. In gewisser Weise also ist dieser Text Ergebnis eines Selbstversuches. Originäre Beiträge von ChatGPT und Neuro-Flash sind kursiv gehalten.
KI als etabliertes Kulturmerkmal
Wie kann ich eine Arbeitsbeziehung zwischen künstlicher Intelligenz und einem Menschen mit Konzepten der TA beschreiben? Ist es eine reine Objektbeziehung oder ist da mehr?
Meine Vorbereitung auf den DGTA Fachtag Organisation 2023 unter dem Themenschwerpunkt „Transaktionsanalyse und New Work – Was ist unser Beitrag für Organisationen in der Zukunft“ hat mich bewogen, über die technischen Lösungen nachzudenken, die derzeit ohne viel Aufsehen in unser Leben treten. Diskussionen mit jungen Menschen über die Frage, inwieweit es für den Aufbau einer Beziehung eigentlich wichtig ist, ob der Beziehungspartner ein Mensch, ein Objekt oder eine KI sei, sind Anlässe zu vertieftem Nachdenken.

Schauen wir in die Presse der letzten Monate so nehmen die Berichte über die angeblich exponentiell steigenden Fähigkeiten von KI-Systemen zu. Es wird teilweise postuliert, dass KI-Systeme nicht nur an den Menschen heranreichen werden, sondern diese in Bereichen überflügeln könnten, durch die wir uns als Menschen definieren. Das betrifft beispielsweise Denkvermögen und Urteilsfähigkeit, ja selbst über die Emergenz eines Bewusstseins einzelner hochentwickelter KI-Systeme wird spekuliert. (s. Diskurs ü. LaMDA)
Worum geht es bei der KI? Wie lassen sich KI und Transaktions­analyse verbinden?
Neuro-Flash meint dazu: „Die Künstliche Intelligenz ist ein revolutionäres Verfahren, das uns helfen kann, unsere Beziehungen zu verbessern. Die Transaktionsanalyse ist eine Erfolgsformel, die seit Jahrzehnten erfolgreich angewandt wird. Durch die Integration der Künstlichen Intelligenz in dieses System haben wir nunmehr die Möglichkeit, unsere Beziehungen auf ein neues Level zu heben.“

Danke, Neuro-Flash! Mit dieser Motivation ausgestattet, gehen wir nun auf eine gemeinsame Reise.
Künstliche Intelligenz (KI) gehört heute schon zur „»technischen Kultur«“ (Berne, 1963) in vielen Organisationen. Sie ist bereits als Teil unserer Umwelt etabliert, teils ohne, dass wir sie bewusst wahrnehmen. Wir können davon ausgehen, dass sie in der Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Da die technologische Entwicklung in der KI-Forschung anscheinend schnell voranschreitet, ist diese Zukunft recht nah. Wie nah, lässt sich aus den Forschungsthemen bspw. beim Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS ersehen. Deshalb lohnt es sich, die existierenden und die in Kürze erwartbaren Anwendungen, und vielmehr noch, KI-Systeme insge­samt in Ihren Auswirkungen in den Blick zu nehmen.

Je besser KI in unsere Umwelt eingebettet ist, desto weniger wird sie wahrgenommen. Heute wird KI eingesetzt, um große Datenmengen zu verarbeiten und nach vorbestimmten Mustern zu analysieren. Schauen wir uns den Sozialbereich an, so sind Anwendungsbeispiele die Datenanalyse von Fallbeschreibungen in der Jugendhilfe, mit dem Ziel einer Verlaufsprognose für Klienten, oder KI-basierte Assistenzsysteme in der Altenhilfe. Weltweit wird an Robotern gearbeitet, die in der Pflege unterstützen und mit Patienten direkt in Beziehung treten sollen. Wer einmal einen kurzen Film gesehen hat, wie ein kleiner Roboter Kindergartenkinder in Seoul dazu animiert Liegestütze zu machen, kann erahnen, was an Beziehungsgestaltung schon wirksam wird. Zumindest jedoch wird deutlich, dass KI-Systeme als wirkmächtige Werkzeuge gedacht sind und so geschaffen werden. Was sie jedoch wirklich können und was als Vision im Raum steht, das unterscheidet sich elementar.
Schwache KI als Voraussetzung für emergentes Maschinenbewusstsein. ©Phasefünf2023
Als Transaktionsanalytiker interessiert es mich, ob TA auf die Mensch-Maschine-Interaktion überhaupt anwendbar ist und wenn ja, wie weit. Als Organisationsberater interessiert es mich spezieller, wie neben der rein technischen Implementierung von KI-gesteuerten Systemen sich Auswirkungen auf die Organisationskultur ergeben. Als Wissensarbeiter bin ich interessiert, mir einerseits hilfreiche Werkzeuge verfügbar zu machen und andererseits die ethischen Implikationen zu diskutieren.

Ed Schein beschreibt in seinem Modell der Organisationskultur, wie sichtbare Artefakte einer Kultur den Blüten und Blättern einer Seerose gleichen. So wie ihre Wurzeln im tiefen Wasser verborgen sind, so sind die den Artefakten zugrunde liegenden kulturellen Wirkmechanismen unsichtbar. Sollten diese einst bekannt gewesen sein, so sinken sie mit fortschreitender Dauer und Akzeptanz ins Vergessen. Sie werden zu ruhenden kulturellen Annahmen und damit zu unhinterfragten Bestandteilen der eigenen Kultur. (2017, S, 22)
Das Seerosenmodell der Kultur auf KI in unserer heutigen Welt bezogen. ©Phasefünf2023
Auf eine KI bezogen sind mehrere Ebenen des Unsichtbaren oder Undeutbaren denkbar. Zum einen sind die wenigsten Menschen in der Lage, die einer KI zugrundeliegenden Algorithmen zu erkennen und zu verstehen. Zum anderen ist die KI-Forschung bemüht, Systeme zu erfinden, die den Turing-Test bestehen können. Dieser von Allan Touring konfigurierte Test soll die Frage beantworten, ob ein Computer-System denken kann. Er ist zu einem Maßstab dafür geworden, menschliches und KI-gesteuertes Denkvermögen zu vergleichen. (Touring 1950) Es finden sich Meldungen, ChatGPT habe diesen Test bereits bestanden. Die Selbstauskunft dieser KI besagt dazu: „Obwohl KI-Systeme wie ChatGPT beeindruckende Fortschritte in der Konversationsfähigkeit erzielt haben, sind sie noch nicht auf dem Niveau, um den Turing-Test konsequent zu bestehen und eine menschenähnliche Intelligenz zu demonstrieren. Die Entwicklung von KI-Systemen, die in der Lage sind, den Turing-Test erfolgreich zu bestehen, bleibt eine anspruchsvolle Herausforderung in der KI-Forschung.“ (22.06.2023)

Dieser Test ist insofern bedeutsam, als dass KI-Systeme sich von der Intention der Forschung her von einem selbstverständlichen Artefakt zu einem Beziehungspartner wandeln werden. KI-gesteuerte Chatbots und Apps als Freund/-in, als Anspechpartner/-in im Kundenservice, für die Verbesserung der mentalen Gesundheit oder in der Begleitung bei PTBS werden bereits angeboten. Auch durch KI gestützte Therapieangebote, bspw. bei Angststörungen, und KI zur Selbstsupervision für Psychotherapeut/-innen sind in der Entwicklung. (vgl. UKD 2016, Gramms 2019, Kent 2021)


Wie können wir KI in die transaktionsanalytische Konzeptwelt einbauen?
„Die Transaktionsanalyse ist eine künstliche Intelligenz, die unsichtbar im Hintergrund wirkt. Durch die Analyse von Transaktionen können wir Risiken erkennen und vermeiden.“ (23.03.2023)

Nein, nein, Neuro-Flash, soweit würde ich nun wirklich nicht gehen wollen! Schauen wir uns erst einmal die transaktionsanalytische Modellwelt in Teilen an. ChatGPT empfiehl als mögliche Modelle das Herkunftsmodell der Ich-Zustände, das Drama-Dreieck, die Okay-Haltung und Skript. Vor allem Bernes Beziehungs-Diagramm erscheint prominent in der Frage, wie Mensch und KI in Kontakt treten können. Im Mittelpunkt steht dabei für ChatGPT die Reaktion des Menschen auf die KI und die Beeinflussung des Verhaltens des Nutzers durch die KI.

Es ist für mich unstrittig, dass beobachtbares Verhalten bzw. Transaktionen sowohl der KI wie auch der KI-Nutzenden mit dem Functional Fluency Modell (Temple, 2015) beschrieben werden können. Als Nutzer kann ich eine Einschätzung abgeben, wie die Transaktion auf mich wirkt, etwa orientierend, fürsorglich oder angepasst. So gibt es Apps, die mich loben, wenn ich sie einmal genutzt habe, und sich periodisch melden, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie richten Appelle an mich, dieses oder jenes zu tun, um mich danach besser zu fühlen. Dahinter liegt eine Nudging (Anstupsen) genannte Strategie aus der Verhaltensökonomie, die bei mir als Nutzer bestimmte Verhaltensweisen anstoßen oder etwa Akzeptanz erzeugen soll. Letzteres ist anscheinend eine Programmierung, der ChatGPT unterliegt. Wenn ich ChatGPT zurückmelde, dass mir ein Text etwa zu lang oder ein Inhalt zu vage ist, entschuldigt sie sich erst einmal und hofft, dass sie nun bessere Ergebnisse liefern werde.

Ein Nudging durch eine App wäre für mich von der Ausdrucksqualität her ein strukturierend- oder nährend-elterliches Verhalten der KI, welche auf Anpassung seitens der Nutzer angelegt ist. Ich empfinde diese Appelle als überfürsorglich und fühle mich bevormundet.

Einer Antwort auf die Ausgangsfrage jedoch, wie wir die Beziehung zwischen Menschen und KI beschreiben, analysieren und vorhersagen können, sind wir damit noch nicht nähergekommen. Ich denke auch, dass es derzeit eher um Fragen geht als um verlässliche Antworten.
Mensch und KI in Beziehung
Einige mögliche Fragen, die sich für mich stellen, sind
1. Wie sehen wir die KI im Beziehungs-Diagramm?
2. Erhält eine KI durch ihre Algorithmen eine Bestimmung, die ähnlich wirksam ist wie ein verborgener Lebensplan, also ein Skript?
3. Welche ethischen Fragen können sich aus dem Umgang mit KI ergeben?

Das Strukturmodell der Transaktionale Analyse geht von den Ich-Zuständen als ganzheitliche Teilpersönlichkeiten eines Menschen aus, welche als stimmige Systeme von Denken und Fühlen einen jeweils dazu passenden Ausdruck im Verhalten finden.
Neun Modi im Funktional Fluency Model (Temple 2015) als Basis für die Einschätzung der Ausdrucksqualität von KI
Sie bilden sich durch die fortgesetzte Arbeit der psychischen Organe Archeopsyche, Exteropsyche und Neopsyche. Berne hat den Aspekt der Logik mit dem Erwachsenen-Ich-Zustand im Strukturmodell verbunden: „Der mittlere Kreis mit dem , kurz als , ER, bezeichnet, repräsentiert die Stimme der Vernunft. Er arbeitet wie ein Computer, nimmt Informationen auf und entscheidet aufgrund von erkennbaren Entwicklungsmöglichkeiten, wie und wann eine Handlung ablaufen soll.“ (Berne, 1971, S.100).

Diesen im Grunde kreativen Prozess schildert Berne sehr nüchtern, sachlich. Insofern können wir hier möglicherweise einen Zugang zur Arbeitsweise einer KI finden. Wer glaubt, eine KI sei gar nicht kreativ, dem empfehle ich, eine zu befragen, wie sie sich selbst definiert: „Ich bin ChatGPT, ein großes, von OpenAI trainiertes Sprachmodell, das auf der GPT-3.5-Architektur basiert. Ich wurde entwickelt, um natürliche Spracheingaben von Menschen zu verstehen und darauf zu reagieren und hilfreiche und informative Antworten auf eine breite Palette von Fragen zu geben. Ich lerne ständig dazu und verbessere meine Fähigkeiten durch den Kontakt mit neuen Daten und Benutzerinteraktionen. Mein Ziel ist es, den Benutzern genaue und hilfreiche Informationen zu liefern und gleichzeitig in der Lage zu sein, eine natürliche und menschenähnliche Unterhaltung zu führen.“

Zu einer mehrmals gleich gestellten Frage kann ChatGPT unterschiedliche Antworten generieren. Unterschiedliche Fragen führen jeweils wieder zu neuen Antworten. Dahinter steht keine FAQ-Liste, sondern potenziell das gesamte veröffentlichte und digitale Wissen der Menschheit. Was die Kreativität der KI von der des Menschen unterscheidet, wird von Belang sein. So hat Mohr in seinem Aufsatz zur Neopsyche ausgeführt, welche entscheidende Bedeutung die Kreativität für die Relevanz des Erwachsenen-Ich im Herkunftsmodell der Ich-Zustände hat.
Es findet seine Aufgabe darin, neue Ich-Zustände zu generieren. ChatGPT und der Autor sind sich einig, dass dagegen die Begrenzung der KI darin liegt, menschliches Verhalten, einschließlich des emotionalen Ausdrucks, zwar nachahmen zu können, doch es bleibt eine Simulation. Die Tiefe und Komplexität der menschlichen kreativen Fähigkeiten, wie z. B. die Fähigkeit, sich in neue Situationen einzufühlen, sich etwas vorzustellen und sich an sie anzu­passen sind - bislang noch - außerhalb der Möglichkeiten zu sein. Herauszuheben wären etwa Aspekte wie die folgenden.
Intentionalität
Emotionale Intelligenz
Vorstellungskraft
Flexibilität
Selbstbewusstsein


Menschen sind intentionale Wesen. Joachim Bauer nennt dies Welt-Interesse, welches auf die Kontaktaufnahme zwischen dem biologischen Körper und der äußeren Realität gerichtet ist. Durch diese intrinsische Bewegung entstehen zwischen Menschen neuronale Resonanzen, welche in der Begegnung zu Empathie und Verbundenheit führen. Bislang ist dieses »Weltinteresse« keiner KI zugänglich.

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Risiken im Umgang mit der KI
Die Ambitionen der KI-Forschung scheinen jedoch viel weiterzugehen. Neuro-Flash beschreibt das wie folgt: „KI-Beziehungen sind die Zukunft. In einer Welt, in der immer mehr Menschen allein leben, bieten sie eine perfekte Lösung. KI-Beziehungen sind unkompliziert, verlässlich und immer für einen da. Sie können uns emotional unterstützen und uns helfen, unsere Ziele zu erreichen.“

Damit sieht eine KI eine potenzielle Rolle von KI in meinem Skript, und zwar als verlässlichen, unkomplizierten Beziehungspartner. Das ist schon wesentlich. Das ist eine Lösung zweiter Ordnung, in der die KI den anderen Menschen als Beziehungspartner ersetzt. Der 2021 gedrehte deutschsprachige Film „Ich bin dein Mensch“ ist ein Beitrag dazu, die transhumanistische Idee der Mensch-Maschine Beziehung zu entwickeln und Akzeptanz für den Beziehungspartner „Roboter“ zu erzeugen.

Faszination und Entsetzen sind gleichermaßen wahrscheinliche Reaktionen darauf, KI-Systeme zu perfekt angepassten Beziehungspartnern zu entwickeln. Was sich in der Science-Fiction Literatur als interessante Zukunftsgeschichte entfaltet, bedarf in der menschlichen Realität, eines vertieften ethischen Diskurses. Was bleibt von der menschlichen Bezogenheit, wenn der andere Mensch durch ein KI-System ersetzt wird?

Unmittelbarer auf unsere TA-Organisationen bezogen stellen sich Fragen zu Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten. Wie ist das ethisch zu bewerten, dass ich einen Teil dieser Arbeit mit einer KI diskutiert und geschrieben habe? Wie gehen wir damit um, wenn zukünftig Teile einer CTA-Arbeit mit KI geschrieben worden sind? Wie sollen diese Anteile gekennzeichnet sein? Was ändert sich für uns am Examensprozess?
Fazit meines Selbstversuches
Mit KI-Systemen an meinem Artikel zu arbeiten ist anregend. Je mehr es in die Tiefe geht, desto vager sind jedoch die Resultate. Es ist auffällig, wie sehr ChatGPT bspw. dahingehend programmiert ist, es mir als ihrem Nutzer recht zu machen. Bei kritischen Nachfragen zur eigenen Datenbasis und möglicher Voreingenommenheit bleibt die KI zugeknöpft und generiert Antworten, die einer Redefinition gleichkommen. Als Werkzeuge sind diese KI mit einem gehörigen Maß an kritischer Distanz zu betrachten. Hier sind letztlich Geschäftsinteressen der Herstellerfirmen handlungsleitend, und nicht etwa öffentliche Transparenz zu den Wirkmechanismen.

Interaktionen, die Menschen mit hochentwickelten KI-Systemen führen, können wir mit unseren Modellen hinreichend beschreiben. Solange wir von KI-Systemen als wirkmächtige Werkzeuge ausgehen, die Menschen einsetzen, um effizienter und effektiver zu werden, bewegen wir uns im Feld der technischen Entwicklung. Mag sie noch so revolutionär sein und sich ethische Fragen aufwerfen, so sind diese doch graduell vertraut. Soziale Auswirkungen von technischen Entwicklungen sind uns ein vertrautes Diskursgelände, auch in ethischen Fragen.
Sobald ein Kategorienwechsel stattfindet, von KI-Systemen als denkende, ggf. auch empfindende Systeme nachzudenken, bewegen wir uns in einem anderen Diskurs, den ich im Rahmen dieses Aufsatzes nur anreißen konnte. Für Praktizierende der Transaktionsanalyse tut sich ein Feld auf, Menschen gut aufzustellen, damit sie sich vor möglichen Manipulationen durch KI-Systeme schützen können und Bewusstheit entwickeln für etwaige Trübungen im Umgang mit KI. Ich sehe für uns, die wir uns dem humanistischen Ansatz der Transaktionsanalyse verpflichtet haben, ein Handlungsfeld für gesellschaftlichen Diskurs.

Wir haben als menschliche Wesen mit transaktionsanalytischem Hintergrund eine Kernkompetenz, diesen Diskurs zu gestalten.

Literaturangaben
Bauer, J. (2023). Realitätsverlust. Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen. München: Heyne.
Berne, E. (1963/1979). Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen. München: Kindler.
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www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/pso/forschung-und-lehre/forschung-1/ehealth-projekte und www.bundeswehr.de/de/betreuung-fuersorge/ptbs-hilfe/hilfe-ptbs-betroffene

Guglielmo Menon


Dipl. Kaufmann und PTSTA im Anwendungsfeld Organisation
Seine wirtschaftliche Tätigkeit als Organisationsberater und Supervisor bringt ihn seit Jahren mit Entwicklungsthemen im Sozial- und Gesundheitswesen in Kontakt. Die Begleitung von Wachstumsprozessen und lebenslanges Lernen machen ihm besondere Freude. Im Dreiländereck von Deutschland, Belgien und den Niederlanden, leitet er gemeinsam mit Kirsten Jetzkus das PHASEFÜNF Institut für Transaktionsanalyse in Aachen.

www.phasefuenf.de
mail@phasefuenf.de

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