Schwerpunktthemen

Erfahrungswissen und psychotherapeutische Kompetenz

Dr. Maya Mäder
PTSTA-P
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Wir wissen sehr genau und relativ rasch, wer es kann und wer es nicht kann - die psychotherapeutische Arbeit- aber warum? Wir verfügen über ein grosses implizites Wissen, ein Wissen, das uns nicht bewusst ist, und aus dem heraus wir spontan richtig reagieren, handeln und entscheiden. Dieses Wissen entstand und entwickelt sich weiterhin durch Erfahrungen, durch das Verstehen und Erkennen bzw. Wiedererkennen von Zusammenhängen. Blitzschnell wird einem unbewusst etwas klar und man handelt, macht zum Beispiel in einer Therapiesitzung, ohne bewusste Vorüberlegungen, eine Intervention, die «den Nagel genau auf den Kopf» trifft. In der Transaktionsanalyse wird das «Bull-Eye-Transaktion» genannt, eine Transaktion, die alle drei Ich-Zustände des Patienten gleichzeitig trifft. Derjenige, der eine solche intuitive Intervention macht, staunt oft selbst über sie und vor allem über ihre Treffsicherheit. Offenbar hat er unbewusst das Richtige zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Art in Worten formulieren können, sodass der Patient es zustimmend annehmen kann. Dadurch wird eine Bewegung in die richtige Richtung im therapeutischen Prozess möglich. Intuitiv handeln, bedeutet also häufig richtig, stimmig oder treffend handeln.
«Intuition» stammt aus dem Lateinischen (intueri: anschauen, erkennen, betrachten) und steht für ein Erkennen oder Wahrnehmen, das sich spontan und ganzheitlich vollzieht. Anders als beim wissenschaftlichen Vorgehen, das vom Teil zum Ganzen gelangt, erfasst die Intuition direkt das Ganze. Intuition erkennt die Dinge unmittelbar und verbindet Empfinden und Erkennen, Denken und Fühlen. Andere Worte für Intuition sind Bauchgefühl, innere Stimme, Ahnung, Eingebung, sechster Sinn oder Gedankenblitz. Intuitive Wahrnehmung ist die Wahrnehmung mit all unseren Sinnen. Sie ist eine natürliche Fähigkeit des Menschen. Intuition ist die Form unbewussten Wissens, das ohne Erklärung auskommt.
Die Intuition in der psychotherapeutischen Arbeit bedeutet also unvoreingenommenes Betrachten, Wahrnehmen, Gewahr werden und Erkennen. So entstehen Vorahnungen darüber, was gärt, was im Begriff ist, sich zu entwickeln. Aus verschiedenen einzelnen Teilen bildet sich vorerst noch vage, dann durch das Hinzukommen weiterer Einzelteile ein Ganzes, ein klares Bild, ohne dass man darüber nachdenkt bzw. reflektiert. Es fällt einem quasi zu. Man kann sich vielleicht das Entstehen dieses Ganzen vorstellen wie bei der Bildung der Flut. Die Flut kommt nicht vom Horizont näher an den Strand, sie kommt von unten. Zuerst ist der Sand noch trocken, dann entstehen kleine feuchte Stellen, die zuerst zu kleinen, dann immer grösser werdenden Pfützen anwachsen, während das Wasser dann weiter ansteigt bis das Meer da ist und es so scheint, als ob es immer dagewesen wäre.
Übertragen auf die psychotherapeutische Arbeit bedeutet das, dass es die Aufgabe des Psychotherapeuten ist, intuitiv Entwicklungen zu erfassen, die in ihrem Anfangsstadium noch recht schwach ausgeprägt sind, sich aber auf eine Ordnung hinbewegen, die zunehmend «sichtbar» wird. Es bedeutet also, Phänomene so früh wie möglich wahrzunehmen. Mittels Intuition kommt es zu einem lebendigen, intensiveren Kontakt, der weit mehr umfasst als das gesprochene Wort. Es ist eine Art Austausch zwischen dem Unbewussten des Patienten und dem Unbewussten des Therapeuten. Einerseits befindet sich jeder im eigenen inneren Dialog (intrapersonal) zwischen seiner bewussten und seiner unbewussten Seite. Andererseits tauschen sich zwei Personen auf einer bewussten, verbalen sowie auf einer unbewussten, nonverbalen intuitiven Ebene aus (interpersonal). Während sie auf der bewussten Ebene miteinander sprechen, nehmen sie gleichzeitig unbewusst, auf einer nonverbalen Ebene, den Anderen intuitiv in seiner Ganzheit wahr. Dieses Bild, das sich jeder vom anderen macht, basiert auf einem Abgleich zwischen den Eindrücken, die sie voneinander bekommen, mit bereits gemachten Erfahrungen im Kontakt mit Menschen und dem daraus resultierenden Wissen (vgl. Hänsel 2000, S. 95).
So beschreibt auch Berne (1949) Intuition als:
«Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist.» (Berne, 1977/1991/20054, S. 36).
Interessanterweise begann sich das zentrale, transaktionsanalytische Konzept der Ich-Zustände in der Auseinandersetzung Eric Bernes mit der Intuition zu entwickeln. Berne befasste sich bereits im Jahr 1949 mit der Thematik und stellte dabei fest, dass es zwei verschiedene Kommunikationsebenen gibt: Die «manifeste» (bewusste) Ebene ist willkürlich und besteht aus verbalen Botschaften. Im Gegensatz dazu ist die «latente» (unbewusste) Ebene unwillkürlich, nonverbal und beinhaltet mehrdeutige Mitteilungen (vgl. a.a.O., S. 87f.). In der zwischenmenschlichen Kommunikation rufen sowohl manifeste als auch latente Botschaften Reaktionen beim Empfänger hervor, die für beide wichtig sind und deshalb die besondere Aufmerksamkeit des Therapeuten brauchen (vgl. a.a.O., S. 97). Intuitionen lassen sich im Nachhinein beschreiben, aber ihre unmittelbare Wirkung lässt sich mit Worten nicht fassen. Intuitionen sind bildhaft, logisch vieldeutig, nie ganz auf ihren Grund rückführbar, dennoch integrieren sie eine grosse Zahl logisch schwer bestimmbarer Einzelzusammenhänge (vgl. Wartenberg in: Berne, 1977/1991/20054, S. 17/S. 21ff.).
Durch die ganzheitliche Wirklichkeitsauffassung der Intuition sehen komplexe Zusammenhänge einfach aus. Dies aber in Worte fassen zu wollen, kompliziert wieder alles. Das ist das Dilemma des über das Erlebbare sprechen zu wollen, aber nur das Sagbare in Worte fassen zu können oder anders formuliert: Das Verbalisieren von Wissen ist etwas ganz anderes als das Phänomen, etwas zu wissen (vgl. Schmid in: Berne, 1977/1991/ 20054, S. 206).
Die therapeutische Arbeit besteht darin, dem Patienten zu helfen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, bzw. sein Gespür, seine Intuition für sich zu schärfen, um eine Bewusstheit über sein eigenes Erleben und Empfinden zu bekommen, damit er Lösungswege und Bilder für seine Zukunft entwickeln kann.
Die intuitive Urteilsfähigkeit ist also eine spezielle psychotherapeutische Kompetenz des Erfahrungswissens (Mäder 2017, S. 91ff.). Diese Fähigkeit kann gepflegt und verfeinert werden. Sich auf die Intuition einzulassen und zu verlassen bedeutet auch, sich frei zu machen von Ideologien, Theorien und Lehrmeinungen.
«Es ist dies eine Sensibilität für die eigenen intuitiven Prozesse, die aber gleichzeitig eine Sensibilität für die Ganzheit der Situation mit umfasst und die damit auch auf die Interaktion bzw. Begegnung mit dem Patienten gerichtet ist und damit intuitiv auch viele Aspekte deren Ausdrucks mit erfasst» (Kriz 2001, S. 221).
Intuitive Prozesse fördern, bedeutet für die therapeutische Praxis, neben der Sprache vermehrt vermeintlich fiktive oder fantastische bzw. märchenhafte Vorgehensweisen einzubauen. Imagination ist gegenüber der Sprache eher ganzheitlich. Dabei werden Bilder und Vorstellungen kreiert, die dann erst in Handlungen umgesetzt oder durch solche realisiert werden:
So kann ein Patient ganz andere Ideen oder ein neues Verständnis für sich und seine Situation entwickeln, wenn er sein Problem zum Beispiel einer Kuh1 erklärt, die die Welt nur aus der Perspektive ihrer Weide kennt: Eine grüne Fläche, vereinzelt stehende Obstbäume, die im Sommer Schatten spenden, ein paar Kräuter, die einen saftiger als die anderen, verschiedene Gräser, farbige Blumen und einen Zaun rundherum, an dem ab und zu merkwürdige Tiere, die sich nur auf zwei Beinen fortbewegen, vorübergehen. Mit diesem Bezugsrahmen hört die Kuh (Therapeut oder eine Kuh-Puppe, die der Therapeut hält) aufmerksam, unvoreingenommen und neugierig zu. Dabei wird sie viel nachfragen müssen, um zu verstehen, weil für sie so vieles, was die Menschen anbelangt, neu ist, und sie es zum ersten Mal hört.
Ein anderes Beispiel kann sein, den Patienten aufzufordern, sich vorzustellen, dass am nächsten Tag in der Frühe drei seiner Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Wenn er sich in der Vorstellung befindet, kann man ihn fragen, was an diesem Morgen in seinem Leben anders ist und woran er das erkennen kann. Das ist eine Möglichkeit, spielerisch Ideen zu entwickeln, also intuitiv Bilder für eine mögliche Zukunft zu kreieren.
Für die Stärkung und Kultivierung der eigenen Fähigkeit, zu Intuieren, sind folgende Faktoren förderlich, die auch teilweise ein Umdenken verlangen:
Regelmäßiges Üben, mit allen Sinnen wahrzunehmen.
Aufmerksame, neugierige, unvoreingenommene, interessierte und empfängliche Grundhaltung einnehmen.
Logisch-analytisches Denken außer Kraft setzen, stattdessen bildhaftes Denken zulassen.
Loslassen von Sicherheiten und Ungewissheit als Chance begreifen.
Widersprüche nicht abbauen, sondern suchen und verstärken.
Das «Ungesagte» hören.
Die erste Idee, das erste Bild wahrnehmen.
Beobachten, zuhören, zusammenfassen und offene Fragen stellen.
Offen sein für ungewöhnliche Empfindungen, Gedanken und Wahrnehmungen mit möglichst wenig voreiliger Zensur oder Kategorisierung.(vgl. auch Hennig/Pelz 1997, S. 19-20).


Für die Intuition weniger förderlich bzw. eher hinderlich sind folgende Bedingungen:
Zu Beginn der Weiterbildung ist es schwierig, sich auf dieses Gespür einzustimmen und diese Sensibilität zu fördern. Dies weil Kompetenzen zuerst begrifflich und anhand von Anleitungen und Handbüchern gelernt werden, und erst mit fortgeschrittener Weiterbildung bzw. in den Jahren nach der Weiterbildung sich die Fähigkeiten des Expertentums entwickeln (s. Mäder 2017, S. 59f).
Eher hinderlich für die Stärkung der Intuition ist auch, dass zur Zeit in der Psychotherapie Wirkfaktoren operational so definiert werden, dass sie sich gut und einfach empirisch erfassen lassen. Da auch die Psychotherapie mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, können das dann nur Teilaspekte der Therapie sein und wahrscheinlich kaum jene, die die Intuition sensibilisieren bzw. schärfen. Diese momentane Entwicklung in der Psychotherapie ist weder für den Patienten noch für den Therapeuten förderlich (vgl. Kriz 2001, S. 221).
Hinderlich bzw. fehlleitend ist die skriptgebundene Intuition, die eine Folge der kindlichen Überlebensstrategien ist (vgl. Mäder 2017, S. 97). Diese Art der Intuition birgt Tabus und/oder Verbote in sich, die einen «kreativen Wirklichkeitsbezug und entsprechende Intuitionen behindern oder verfälschen» (Schmid 1992, S. 8). Zu den Tabus zählen blinde Flecken oder die Schattenseiten der Persönlichkeit, die in der Selbsterfahrung noch zu wenig eliminiert bzw. noch nicht erhellt sind.


Literaturangaben:
Maya Mäder 2017: Selbsterfahrung in der Psychotherapie.
Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur
Bd. 17, Waxmann Münster ISBN: 978-3-8309-3475-2

Aus dem Vorstand

Erinnerungen zum 10. Todestag von Leonhard Schlegel

Leonhard Schlegel lebte von 1918 bis 2008. Er war sicherlich einer der letzten Zeitzeugen der sehr bewegten Psychiatrie- und Psychotherapieentwicklung und der entsprechend intensiven Forschungstätigkeit in Europa und Amerika. Seine Eltern waren Mitbegründer des Psychologischen Clubs in Zürich, dem damaligen Mittelpunkt der Analytischen Psychologie von C.G. Jung, mit dem sie befreundet waren. Leonhard tauchte bereits als Kind und Jugendlicher fasziniert in diese psychologieorientierte Welt ein. Sein beruflicher Weg war dann eine logische Fortsetzung dieser Prägung.
Als junger Psychiater erlebte er Situationen, welche für heutige, jüngere Fachleute gar nicht mehr persönlich nachvollziehbar sind. So hatte er beispielsweise die «Vollbilder» psychotischer Erkrankungen erlebt, bevor die Neuroleptika flächendeckend angewendet werden konnten. Ich erinnere mich auch sehr gut, wie er anlässlich einer Supervision zu einem komplexen psychiatrischen Störungsbild einer vorgestellten Klientin meinte, wir müssten begeistert sein. Solche Phänomene würde man heutzutage nur noch sehr selten in diesem Ausmass beobachten können. Die falleinbringende Supervisandin war vorerst weniger begeistert, eher besorgt ob ihrer eben dargestellten, schwierigen und bereits eskalierten Situation. Sie vermochte jedoch durch Leonhards Fokus tatsächlich einen hilfreichen Abstand zu ihrer Interventionsnot zu finden, und denkbare Optionen zum weiteren Vorgehen in ihrer Rolle als Lehrerin zu entwickeln.
Leonhard Schlegel faszinierten die im Alltag und in der Praxis zu beobachtenden Prozesse, sowohl aus der naturwissenschaftlichen medizinischen, viel mehr jedoch auf der geistes- humanwissenschaftlichen Ebene. Ganz im Sinne der Berne’schen Metapher des Holzsplitters im Zeh, welcher nach und nach den ganzen Organismus beeinträchtigt, so dass der Arzt kaum mehr die Ursache des Leidens finden könne, es sei denn er entwickle den professionellen Blick und das Gespür für die Genese der Störungsbilder, liebte Leonhard die Arbeit im Einzel- wie auch im Gruppensetting. Ich sehe ihn noch, wie er bis ins hohe Alter zum Teil kniend vor einem Flipchartbogen, mit Leidenschaft und gleichzeitiger, humorvoller Leichtigkeit Modelle erläuterte und anschliessend Selbsterfahrungsübungen anleitete.Er vertrat im Gespräch oft die Ansicht, Medizin und Psychotherapie seien eine Kunst und keine Wissenschaft. Er liebte es leidenschaftlich, durch die Lektüre von Fachliteratur in die Theoriekonstruktion und Modellbildung seiner Berufskollegen und -kolleginnen einzutauchen und dann sowohl wissensbasiert, wie auch intuitiv gesteuert zu analysieren und zu vergleichen.
Fast ehrfürchtig gab ich ihm einmal eine eigene Modellkonstruktion zu den Grundpositionen zum Gegenlesen. Ich wappnete mich innerlich bereits vor ungeschminkter Kritik, welche dann auch prompt kam. Seine Überlegungen stellten jedoch nicht meine Konstrukte an sich in Frage, sondern dienten einem konstruktiven Weiterdenken. Ich sah mich mit ihm auf Augenhöhe in eine spannende, bereichernde Diskussion verwickelt, welche nur Freude und keine Sorgen bereitete. Weil eben die Begeisterung für das Denken und Suchen an sich durch die Diskussion trug.
Sein Buch „Die transaktionale Analyse“ erschien 1979 als Band 5 des Grundrisses der Tiefenpsychologie.
Der Transaktionsanalyse gleich einen ganzen Band zu widmen fusst ursprünglich auf der Wirkung , welche -anfangs der 70er Jahre- das damals nur auf Englisch erhältliche Buch von Eric Berne «What do you say after you say hello» und «Spiele der Erwachsenen» bei ihm auslöste. Im Anschluss an die Lektüre, drängte Leonhard seine Frau, sie möge doch ein Seminar über Transaktionsanalyse bei Bert Hellinger besuchen. Offenbar kam seine Frau beflügelt, und -wie Leonhard feststellte- positiv verwandelt wieder nach Hause. Ab diesem Zeitpunkt waren sie beide überzeugt von diesem theoretischen wie methodischen Ansatz, welcher sich hervorragend im Einzel- wie auch im Gruppensetting für Psychotherapie und Selbsterfahrung zu eignen schien. Sie begannen im Weiteren gegen Ende der 70er Jahre Diskussionskreise zu Themen der Psychotherapie und namentlich zur Transaktionsanalyse zu organisieren.
Leonhard Schlegel kannte ich sehr lange, zuerst als sein Schüler und später als sein Freund. Er verfügte über eine einzigartige, unnachahmliche Wesensart der ungetrübten Begeisterung für psychotherapeutische Themen. Ich brauche nur ein paar Seiten seiner Bücher zu lesen und schon tauchen viele Erinnerungsbilder über seinen permanent offenen Geist auf, mit welchem er unermüdlich bis ins hohe Alter recherchiert hatte. In seinen letzten Lebensjahren klammerte er sich, in vollem Bewusstsein seines zunehmenden körperlichen Zerfalls, buchstäblich an die wenigen Stunden, welche er vor dem Computer und einem Stapel Bücher und Notizen verbringen konnte.
Ich war meinerseits in fachlicher Hinsicht bis zu seinem Tod immer sein Schüler geblieben. Seine altersbedingte Einbusse an Mobilität brachte es mit sich, dass ich immer öfters stundenlang bei ihm zuhause war, um mit ihm ernsthafte Dinge zu diskutieren und auch einfach zu schwatzen.
Leonhard Schlegel dachte und schrieb als langjähriger Praktiker, als begeisterter Beobachter.
Da er bis zu seinem Tod unermüdlich weiter an seinen Manuskripten arbeitete, blickte er auf viele Jahrzehnte aktiver Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche zurück.
Sein Werk ist im wahrsten Wortsinne ein Nachschlagewerk, welches nährt, wenn die Lektüre anderer transaktionsanalytischer Literatur meinen Hunger nicht ganz zu stillen vermag.


Mein Kollege Josef Sachs aus der damaligen TA-Grundausbildungsgruppe 1986 bis 1989 fügt gerne einige Gedanken zu Leonhard und seiner Ausbildungstätigkeit bei, welche das Bild über Leonhard Schlegel als Mensch und Mentor passend abrunden.

Wie bist du auf das Ausbildungsangebot zur dreijährigen Grundausbildung in Transaktionsanalyse, geleitet durch Leonhard Schlegel aufmerksam geworden?

Zur Zeit, als ich die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie begann, musste ich eine psychotherapeutische Methode als Erstausbildung wählen. Die TA war gerade sehr «in». Diese Ausbildung galt als weniger überreglementiert als andere, zum Beispiel in Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Leonhard war für diese Methode offizieller Supervisor in der Klinik, in der ich arbeitete.

Hast du eine Erinnerung an deinen ersten Kontakt mit Leonhard?

Ich habe Leonhard zuerst als Supervisor kennengelernt. Mir fiel sofort auf, dass er sehr genau zuhörte und zum Beispiel auch bei Versprechern nachfragte, was dahintersteckt.

Wie hast du seine Art und Weise, TA-Theorie zu vermitteln und Übungen anzuleiten, sowie auf deine Fragen und Anliegen einzugehen, erlebt?

Er verstand es, einen Tag lang eine überaus heterogene Gruppe so zu unterrichten, dass es einem keine Minute langweilig war. Wie er das schaffte, ist mir heute noch nicht ganz klar. Seine Interventionen waren immer «prêt-à-porter», das heisst sie konnten sofort in die Praxis umgesetzt werden.

Gibt es eine kleine Anekdote, welche dir zu Leonhard einfällt?

Die erste Supervisionsstunde, noch vor Beginn der Ausbildung. Da sass ein im Rentenalter stehender Mann mit schlohweissem Haar und sagte: «Zur Zeit mache ich gerade Transaktionsanalyse. Vielleicht werde ich irgendeinmal zu einer anderen Methode wechseln».