Schwerpunktthemen

Mit der TA können wir unsere Intuition verbessern

Markus Betschart
Lic. Oec. Publ.
markusbetschart@hotmail.com
Einleitung
Früher war alles überschaubarer: Man konnte sich über ein Thema informieren und wurde relativ schnell Experte auf dem entsprechenden Gebiet. Oft verfügte man sogar auf mehreren Gebieten über genügend Wissen, um sich als Experte bezeichnen zu können. Heute ist das schwieriger. Durch die Forschung, die Digitalisierung und umfangreiches Informationsmaterial haben wir die Möglichkeit, uns viel intensiver mit einem Thema zu beschäftigen und können unser Wissen fast grenzenlos erweitern. Sich in der heutigen Zeit Experte auf mehreren Gebieten nennen? Das ist unvorstellbar1.
Heutzutage präsentieren sich die meisten Dinge als Black Box. Das bedeutet, dass wir wissen, was wir tun müssen oder können und was danach geschieht. Die Abläufe zwischen unserer Handlung und dem Ergebnis bleibt uns aber oft verborgen: Wir wissen nicht, was dazwischen – also in der Black Box – passiert.
So wissen wir zum Beispiel, dass wir beim Auto Gas geben müssen (Input) und dass sich das Auto anschliessend bewegt (Output). Beim Smartphone wissen wir, dass wir es mit dem Fingerprint entsperren (Input) und es danach benutzen können (Output). Da für uns aber oft nicht klar ist, was zwischen dem Input und dem Output passiert, sind wir überfordert.
An diesem Punkt kommen die Experten ins Spiel. Sie wissen über das «Dazwischen» Bescheid, sie kennen also sozusagen das, was in der Black Box geschieht. Aber ist das wirklich so? Dadurch, dass wir selber nicht verstehen, was in der Black Box geschieht, glauben wir automatisch denjenigen, die sich Experten nennen. Wir sind überzeugt davon, dass diese Experten die Black Box durchdrungen und verstanden haben. Damit werden die Erklärenden wichtiger als das Erklärende2: Wir glauben den Menschen intuitiv, weil sie sich Experten nennen, reich sind, Macht haben, oder weil wir ihnen gefällig sein sollen.
Schlussfolgerung: Das Wissen wird durch Glauben abgelöst.
Früher hat der Glaube das Unwissen ergänzt. Wir glaubten zum Beispiel, dass die Erde flach sei. Heute ergänzt der Glaube die Wissensflut. Eine Tatsache, die schon früher wichtig war, ist jedoch auch heute noch gültig: Es ist wichtig zu erkennen (intuitiv oder bewusst), wem und was wir glauben können.
Übersicht
Gemäss Schlegel ist die Intuition «der Gewinn einer Erkenntnis, nicht durch bewusste Überlegungen und logische Schlussfolgerungen, sondern durch einen spontanen Einfall, der sich auf Wahrnehmungen, Erfahrungen und/oder Schlussfolgerungen gründet, die, mindestens vorerst, nicht bewusst sind3.» Intuitive Fähigkeiten können nach Berne geübt werden4.
Bei der Transaktionsanalyse (TA) geht es um das stufenweise Erlernen neuer Entscheidungsmöglichkeiten5, also bewusster und intuitiver Möglichkeiten. Berne war es wichtig, mit der TA nicht nur eine Behandlung, sondern auch eine Heilung zu bewirken. Mit der TA können wir unsere Intuition verbessern. Diese kann uns dabei helfen, den richtigen Menschen zu glauben. Sie kann uns aber auch fehlleiten und uns auf den falschen Weg führen.
Wie genau uns die Konzepte der Transaktionsanalyse dabei helfen, besser intuitiv oder bewusst zu entscheiden, erklären die nächsten Abschnitte.
Strokes
Als Stroke6 wird eine Anerkennung bezeichnet. Wir haben ein Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Stimulation. Mit der Zeit lernen wir, uns neben einer körperlichen Berührung auch mit anderen Formen der Anerkennung zufriedenzugeben. Dazu gehören zum Beispiel der Blickkontakt oder auch ein Lächeln. Durch solche Anerkennungen werden wir zur Kenntnis genommen und unser «Hunger nach Anerkennung» wird gestillt.
Eigentlich sind «Strokes» unendlich verfügbar: Wir können uns selber und anderen jederzeit und ohne Einschränkung «Strokes» geben. Die Eltern versuchen jedoch, ihre Kinder durch eine Verknappung der «Strokes» zu steuern. Und obwohl die Strokes knapp werden, bleibt der Hunger nach Anerkennung. So lernen die Kinder, wie sie trotz der Knappheit Strokes bekommen. Sie passen also ihr Verhalten an und lassen sich manipulieren. Auch in der Erwachsenenwelt gibt es solche Verknappungen von Strokes. So kann der Chef zum Beispiel seltener mit seinen Mitarbeitern sprechen oder ein Mann schenkt seiner Frau weniger Aufmerksamkeit.
Eigentlich könnten wir nach Strokes fragen oder uns selber welche geben. Wir haben jedoch gelernt, dass ein erbettelter Stroke nichts taugt und dass Eigenlob stinkt. Diese Annahme ist aber falsch. Deshalb ist es wichtig, dass wir umdenken und uns darin üben, nach Strokes zu fragen oder sie uns selber zu geben. Nur so werden wir unabhängiger und damit auch schwerer kontrollierbar.
Transaktionen
Während einer Kommunikation werden Worte ausgetauscht. Diese Transaktion wird in einen Transaktions-Stimulus und eine Transaktions-Reaktion aufgeteilt. Jede Transaktion beginnt (Stimulus) und endet (Reaktion) in einem Ich-Zustand (Eltern, Erwachsener und Kind)7.
Früher hätte ich entweder unterwürfig oder wütend auf Vorwürfe reagiert und wäre damit anfällig für Personen mit starkem, vorwurfsvollem Auftreten gewesen. Durch die TA habe ich gelernt, intuitiv aus dem Erwachsenen-Ich zu antworten. In der TA-Sprache bedeutet das, ich kreuze eine Transaktion. So liegt es bei mir, das Thema zu wechseln oder die Diskussion zu vertiefen. Es ist meine Entscheidung, wie ich auf die Vorwürfe eingehe und eventuell meinen Anteil bearbeite. Durch diese Erfahrungen kann ich mein Wissen erweitern.
Passive Verhaltensweisen
Durch passive Verhaltensweisen können wir Probleme nicht lösen. Stattdessen gehen wir ins Skript. Um an einer Problemlösung zu arbeiten, sind drei Schritte8 notwendig: Ich nehme wahr, dass etwas passiert (1). Ich bin mir bewusst, dass das ein Problem darstellt (2). Ich weiss, dass ich etwas tun muss, um dieses Problem zu lösen (3). Diese drei Schritte sollten wiederum auf vier Ebenen (Existenz, Bedeutsamkeit, Veränderbarkeit, persönliche Fähigkeiten) durchlaufen werden, um das Problem lösen zu können9:
Ich selber habe verschiedene Verhaltensweisen angewandt: Nichtstun, Überanpassung, Agitation und Selbstbeeinträchtigung/Gewalt. Vor allem die Überanpassung hat mich sehr beschäftigt. Denn gesellschaftlich ist die Überanpassung nicht geächtet und somit auch nicht problematisch. Im Gegensatz zu Gewalt oder Agitation müsste die Überanpassung aus der Perspektive der Gesellschaft nicht geändert werden. Heute frage ich zuerst, ob eine Unterstützung gewollt ist oder nicht. Erst danach – wenn die Unterstützung gewollt ist – helfe ich.
Auf der gesellschaftlichen Ebene kann die Existenz der Auswirkungen verleugnet werden. Dadurch scheint es so, als würden Lösungen hinfällig werden. So haben zum Beispiel verschiedene Experten die Problematik in Bezug auf die Klimaerwärmung beschrieben. Die Alternativen (zum Beispiel weniger Autos) sind aber sehr einschneidend und können politisch nur schwer umgesetzt werden. Es ist also einfacher, die Auswirkungen zu verleugnen und gar nicht erst nach Lösungen zu suchen. Folglich tut man nichts.
Antreiber
Die Antreiber leiten uns fehl und öffnen Türen uns zu manipulieren: Sei perfekt! Sei anderen gefällig! Sei stark! Streng dich an! Beeil dich!10 Der Antreiber «Sei anderen gefällig!» drückt es besonders klar aus: Ich soll anderen gefallen. Und indem ich dem anderen glaube, bin ich ihm gefällig.
Erlaubnisse helfen mir dabei, die Antreiber zu überwinden: Ich darf mir selbst gefällig sein und mir eine eigene Meinung bilden.
Ein Beispiel: Mit «Beeil dich» kann eine schnelle Entscheidung verlangt werden, obwohl noch nicht alle Informationen vorhanden sind. Die Erlaubnis dazu lautet: Ich darf mir Zeit nehmen und die Fakten überprüfen.
Trübungen
Vorurteile sind Trübungen aus dem Eltern-Ich. Sie entstehen, indem wir fälschlicherweise Behauptungen unserer Eltern als Fakten übernehmen11:
Schuld sind die anderen.
Man darf niemandem vertrauen.
Natürlich sind auch wir schuldig oder vertrauen uns jemandem an. Aber mit solchen Vorurteilen verzerren wir die Realität. Andererseits helfen uns Vorurteile dabei, schnelle Entscheidungen zu treffen.
Indem unsere Vorurteile bestätigt werden, sind wir einfach zu manipulieren: «Schuld sind die anderen und ich sage euch, wer die anderen sind.»
Es liegt nun an mir, meine Vorurteile sprich Verzerrungen der Realität als solche zu erkennen. Das ist ein einsamer und mühsamer Weg. Denn normalerweise umgebe ich mich mit Menschen, die meine Werte und Überzeugungen, aber auch Vorurteile mit mir teilen.
Bezugsrahmen
Den Bezugsrahmen kann man sich als einen Filter der Realität vorstellen. Damit nimmt jeder die Welt auf seine Weise wahr. Passen die Eindrücke der Realität nicht zu unserem Bezugsrahmen, dann verzerren wir die Realität. Wir definieren die Realität so, dass sie zu unserem Bezugsrahmen passt . Heutzutage wird die Realität bewusst mit «Fake News» oder «alternativen Realitäten» an den jeweiligen Bezugsrahmen angepasst.
Wir haben jedoch die Möglichkeit, unseren Bezugsrahmen zu erweitern, indem wir Trübungen «enttrüben», uns Erlaubnisse geben oder neue Lösungen umsetzen. Wir lernen dadurch, uns anders (und hoffentlich besser) zu entscheiden.
Schlussbemerkungen
Beim Schreiben dieses Artikels ist mir wieder bewusst geworden, dass nur ich mich selber verändern kann. Mir ist klar geworden, wie anstrengend es ist, sich seine eigene Meinung zu bilden und nicht einfach den anderen Menschen zu glauben.
Die TA hilft mir dabei, mir Fehlentscheide meiner Intuition bewusst zu machen und diese manchmal sogar zu überwinden.
Mit der Aufklärung wurde der Glaube vom Wissen getrennt. Aufgrund der Informationsüberflutung ersetzen wir das Wissen in der heutigen Zeit durch den Glauben. Vielleicht sollten wir uns wieder an den Wahlspruch der Aufklärung halten? «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»
1. Krogerus/Tschäppeler, 2009, S. 116 f.
2. Krogerus/Tschäppeler, 2009, S. 116 f.
3. Schlegel, 2002, S. 164
4. Schlegel, 2002, S. 165
5. Stewart/Joines, 2003, S. 383 f.
6. Stewart/Joines, 2003, S. 116 ff.
7. Stewart/Joines, 2003, S. 99 ff.
8. In der Grafik als Typ bezeichnet / Discount-Tabelle, Stewart / Joines, 2003, S. 265
9. Stewart/Joines, 2003, S. 251 ff.
10. Stewart/Joines, 2003, S. 228 ff.
11. Stewart/Joines, 2003, S. 88 ff.
12. Stewart/Joines, 2003, S. 272 ff.
Literaturangaben:
Mikael Krogerus, Roman Tschäppeler: 50 Erfolgsmodelle, 4. Auflage, 2009
Leonhard Schlegel: Die Transaktionale Analyse, 4. Auflage, 1995
Leonhard Schlegel: Handwörterbuch der Transaktionsanalyse, 2. Auflage, 2002
Ian Stewart, Vann Joines: Die Transaktionsanalyse, 3. Auflage, 2003

Schwerpunktthemen

Erfahrungswissen und psychotherapeutische Kompetenz

Dr. Maya Mäder
PTSTA-P
www.ta-maeder.ch
info@ta-maeder.ch
Wir wissen sehr genau und relativ rasch, wer es kann und wer es nicht kann - die psychotherapeutische Arbeit- aber warum? Wir verfügen über ein grosses implizites Wissen, ein Wissen, das uns nicht bewusst ist, und aus dem heraus wir spontan richtig reagieren, handeln und entscheiden. Dieses Wissen entstand und entwickelt sich weiterhin durch Erfahrungen, durch das Verstehen und Erkennen bzw. Wiedererkennen von Zusammenhängen. Blitzschnell wird einem unbewusst etwas klar und man handelt, macht zum Beispiel in einer Therapiesitzung, ohne bewusste Vorüberlegungen, eine Intervention, die «den Nagel genau auf den Kopf» trifft. In der Transaktionsanalyse wird das «Bull-Eye-Transaktion» genannt, eine Transaktion, die alle drei Ich-Zustände des Patienten gleichzeitig trifft. Derjenige, der eine solche intuitive Intervention macht, staunt oft selbst über sie und vor allem über ihre Treffsicherheit. Offenbar hat er unbewusst das Richtige zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Art in Worten formulieren können, sodass der Patient es zustimmend annehmen kann. Dadurch wird eine Bewegung in die richtige Richtung im therapeutischen Prozess möglich. Intuitiv handeln, bedeutet also häufig richtig, stimmig oder treffend handeln.
«Intuition» stammt aus dem Lateinischen (intueri: anschauen, erkennen, betrachten) und steht für ein Erkennen oder Wahrnehmen, das sich spontan und ganzheitlich vollzieht. Anders als beim wissenschaftlichen Vorgehen, das vom Teil zum Ganzen gelangt, erfasst die Intuition direkt das Ganze. Intuition erkennt die Dinge unmittelbar und verbindet Empfinden und Erkennen, Denken und Fühlen. Andere Worte für Intuition sind Bauchgefühl, innere Stimme, Ahnung, Eingebung, sechster Sinn oder Gedankenblitz. Intuitive Wahrnehmung ist die Wahrnehmung mit all unseren Sinnen. Sie ist eine natürliche Fähigkeit des Menschen. Intuition ist die Form unbewussten Wissens, das ohne Erklärung auskommt.
Die Intuition in der psychotherapeutischen Arbeit bedeutet also unvoreingenommenes Betrachten, Wahrnehmen, Gewahr werden und Erkennen. So entstehen Vorahnungen darüber, was gärt, was im Begriff ist, sich zu entwickeln. Aus verschiedenen einzelnen Teilen bildet sich vorerst noch vage, dann durch das Hinzukommen weiterer Einzelteile ein Ganzes, ein klares Bild, ohne dass man darüber nachdenkt bzw. reflektiert. Es fällt einem quasi zu. Man kann sich vielleicht das Entstehen dieses Ganzen vorstellen wie bei der Bildung der Flut. Die Flut kommt nicht vom Horizont näher an den Strand, sie kommt von unten. Zuerst ist der Sand noch trocken, dann entstehen kleine feuchte Stellen, die zuerst zu kleinen, dann immer grösser werdenden Pfützen anwachsen, während das Wasser dann weiter ansteigt bis das Meer da ist und es so scheint, als ob es immer dagewesen wäre.
Übertragen auf die psychotherapeutische Arbeit bedeutet das, dass es die Aufgabe des Psychotherapeuten ist, intuitiv Entwicklungen zu erfassen, die in ihrem Anfangsstadium noch recht schwach ausgeprägt sind, sich aber auf eine Ordnung hinbewegen, die zunehmend «sichtbar» wird. Es bedeutet also, Phänomene so früh wie möglich wahrzunehmen. Mittels Intuition kommt es zu einem lebendigen, intensiveren Kontakt, der weit mehr umfasst als das gesprochene Wort. Es ist eine Art Austausch zwischen dem Unbewussten des Patienten und dem Unbewussten des Therapeuten. Einerseits befindet sich jeder im eigenen inneren Dialog (intrapersonal) zwischen seiner bewussten und seiner unbewussten Seite. Andererseits tauschen sich zwei Personen auf einer bewussten, verbalen sowie auf einer unbewussten, nonverbalen intuitiven Ebene aus (interpersonal). Während sie auf der bewussten Ebene miteinander sprechen, nehmen sie gleichzeitig unbewusst, auf einer nonverbalen Ebene, den Anderen intuitiv in seiner Ganzheit wahr. Dieses Bild, das sich jeder vom anderen macht, basiert auf einem Abgleich zwischen den Eindrücken, die sie voneinander bekommen, mit bereits gemachten Erfahrungen im Kontakt mit Menschen und dem daraus resultierenden Wissen (vgl. Hänsel 2000, S. 95).
So beschreibt auch Berne (1949) Intuition als:
«Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist.» (Berne, 1977/1991/20054, S. 36).
Interessanterweise begann sich das zentrale, transaktionsanalytische Konzept der Ich-Zustände in der Auseinandersetzung Eric Bernes mit der Intuition zu entwickeln. Berne befasste sich bereits im Jahr 1949 mit der Thematik und stellte dabei fest, dass es zwei verschiedene Kommunikationsebenen gibt: Die «manifeste» (bewusste) Ebene ist willkürlich und besteht aus verbalen Botschaften. Im Gegensatz dazu ist die «latente» (unbewusste) Ebene unwillkürlich, nonverbal und beinhaltet mehrdeutige Mitteilungen (vgl. a.a.O., S. 87f.). In der zwischenmenschlichen Kommunikation rufen sowohl manifeste als auch latente Botschaften Reaktionen beim Empfänger hervor, die für beide wichtig sind und deshalb die besondere Aufmerksamkeit des Therapeuten brauchen (vgl. a.a.O., S. 97). Intuitionen lassen sich im Nachhinein beschreiben, aber ihre unmittelbare Wirkung lässt sich mit Worten nicht fassen. Intuitionen sind bildhaft, logisch vieldeutig, nie ganz auf ihren Grund rückführbar, dennoch integrieren sie eine grosse Zahl logisch schwer bestimmbarer Einzelzusammenhänge (vgl. Wartenberg in: Berne, 1977/1991/20054, S. 17/S. 21ff.).
Durch die ganzheitliche Wirklichkeitsauffassung der Intuition sehen komplexe Zusammenhänge einfach aus. Dies aber in Worte fassen zu wollen, kompliziert wieder alles. Das ist das Dilemma des über das Erlebbare sprechen zu wollen, aber nur das Sagbare in Worte fassen zu können oder anders formuliert: Das Verbalisieren von Wissen ist etwas ganz anderes als das Phänomen, etwas zu wissen (vgl. Schmid in: Berne, 1977/1991/ 20054, S. 206).
Die therapeutische Arbeit besteht darin, dem Patienten zu helfen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, bzw. sein Gespür, seine Intuition für sich zu schärfen, um eine Bewusstheit über sein eigenes Erleben und Empfinden zu bekommen, damit er Lösungswege und Bilder für seine Zukunft entwickeln kann.
Die intuitive Urteilsfähigkeit ist also eine spezielle psychotherapeutische Kompetenz des Erfahrungswissens (Mäder 2017, S. 91ff.). Diese Fähigkeit kann gepflegt und verfeinert werden. Sich auf die Intuition einzulassen und zu verlassen bedeutet auch, sich frei zu machen von Ideologien, Theorien und Lehrmeinungen.
«Es ist dies eine Sensibilität für die eigenen intuitiven Prozesse, die aber gleichzeitig eine Sensibilität für die Ganzheit der Situation mit umfasst und die damit auch auf die Interaktion bzw. Begegnung mit dem Patienten gerichtet ist und damit intuitiv auch viele Aspekte deren Ausdrucks mit erfasst» (Kriz 2001, S. 221).
Intuitive Prozesse fördern, bedeutet für die therapeutische Praxis, neben der Sprache vermehrt vermeintlich fiktive oder fantastische bzw. märchenhafte Vorgehensweisen einzubauen. Imagination ist gegenüber der Sprache eher ganzheitlich. Dabei werden Bilder und Vorstellungen kreiert, die dann erst in Handlungen umgesetzt oder durch solche realisiert werden:
So kann ein Patient ganz andere Ideen oder ein neues Verständnis für sich und seine Situation entwickeln, wenn er sein Problem zum Beispiel einer Kuh1 erklärt, die die Welt nur aus der Perspektive ihrer Weide kennt: Eine grüne Fläche, vereinzelt stehende Obstbäume, die im Sommer Schatten spenden, ein paar Kräuter, die einen saftiger als die anderen, verschiedene Gräser, farbige Blumen und einen Zaun rundherum, an dem ab und zu merkwürdige Tiere, die sich nur auf zwei Beinen fortbewegen, vorübergehen. Mit diesem Bezugsrahmen hört die Kuh (Therapeut oder eine Kuh-Puppe, die der Therapeut hält) aufmerksam, unvoreingenommen und neugierig zu. Dabei wird sie viel nachfragen müssen, um zu verstehen, weil für sie so vieles, was die Menschen anbelangt, neu ist, und sie es zum ersten Mal hört.
Ein anderes Beispiel kann sein, den Patienten aufzufordern, sich vorzustellen, dass am nächsten Tag in der Frühe drei seiner Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Wenn er sich in der Vorstellung befindet, kann man ihn fragen, was an diesem Morgen in seinem Leben anders ist und woran er das erkennen kann. Das ist eine Möglichkeit, spielerisch Ideen zu entwickeln, also intuitiv Bilder für eine mögliche Zukunft zu kreieren.
Für die Stärkung und Kultivierung der eigenen Fähigkeit, zu Intuieren, sind folgende Faktoren förderlich, die auch teilweise ein Umdenken verlangen:
Regelmäßiges Üben, mit allen Sinnen wahrzunehmen.
Aufmerksame, neugierige, unvoreingenommene, interessierte und empfängliche Grundhaltung einnehmen.
Logisch-analytisches Denken außer Kraft setzen, stattdessen bildhaftes Denken zulassen.
Loslassen von Sicherheiten und Ungewissheit als Chance begreifen.
Widersprüche nicht abbauen, sondern suchen und verstärken.
Das «Ungesagte» hören.
Die erste Idee, das erste Bild wahrnehmen.
Beobachten, zuhören, zusammenfassen und offene Fragen stellen.
Offen sein für ungewöhnliche Empfindungen, Gedanken und Wahrnehmungen mit möglichst wenig voreiliger Zensur oder Kategorisierung.(vgl. auch Hennig/Pelz 1997, S. 19-20).


Für die Intuition weniger förderlich bzw. eher hinderlich sind folgende Bedingungen:
Zu Beginn der Weiterbildung ist es schwierig, sich auf dieses Gespür einzustimmen und diese Sensibilität zu fördern. Dies weil Kompetenzen zuerst begrifflich und anhand von Anleitungen und Handbüchern gelernt werden, und erst mit fortgeschrittener Weiterbildung bzw. in den Jahren nach der Weiterbildung sich die Fähigkeiten des Expertentums entwickeln (s. Mäder 2017, S. 59f).
Eher hinderlich für die Stärkung der Intuition ist auch, dass zur Zeit in der Psychotherapie Wirkfaktoren operational so definiert werden, dass sie sich gut und einfach empirisch erfassen lassen. Da auch die Psychotherapie mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, können das dann nur Teilaspekte der Therapie sein und wahrscheinlich kaum jene, die die Intuition sensibilisieren bzw. schärfen. Diese momentane Entwicklung in der Psychotherapie ist weder für den Patienten noch für den Therapeuten förderlich (vgl. Kriz 2001, S. 221).
Hinderlich bzw. fehlleitend ist die skriptgebundene Intuition, die eine Folge der kindlichen Überlebensstrategien ist (vgl. Mäder 2017, S. 97). Diese Art der Intuition birgt Tabus und/oder Verbote in sich, die einen «kreativen Wirklichkeitsbezug und entsprechende Intuitionen behindern oder verfälschen» (Schmid 1992, S. 8). Zu den Tabus zählen blinde Flecken oder die Schattenseiten der Persönlichkeit, die in der Selbsterfahrung noch zu wenig eliminiert bzw. noch nicht erhellt sind.


Literaturangaben:
Maya Mäder 2017: Selbsterfahrung in der Psychotherapie.
Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur
Bd. 17, Waxmann Münster ISBN: 978-3-8309-3475-2