Schwerpunktthemen

Intuition

Gedicht in Elfchenform mit Strophen aus 11 Wörtern: pro Zeile eines, zwei, drei, vier Wörter und am Schluss wieder ein Wort
Cornelia Willi
TSTA-E
co@cornelia-willi.ch
fein
kaum wahrnehmbar
Eindruck Ahnung Verbindung
da war doch was
vorbewusst

Möglichkeiten
nachspüren ergründen
lassen ignorieren übergehen
speichern für spätere Intervention Puzzleteil

oft
passts treffend
gesehen mitschwingend
erkannt im richtigen Moment würdigen berührend

Wagnis
mutig testen
Reaktion Wirkung Bewegung
ich kann falsch liegen
hinreichendgut

woher
Wissen Gespür
Pfiffika weiss Bescheid
sortiert gewichtet verbindet zeigt
Professionskunst

Schwerpunktthemen

Mit der TA können wir unsere Intuition verbessern

Markus Betschart
Lic. Oec. Publ.
markusbetschart@hotmail.com
Einleitung
Früher war alles überschaubarer: Man konnte sich über ein Thema informieren und wurde relativ schnell Experte auf dem entsprechenden Gebiet. Oft verfügte man sogar auf mehreren Gebieten über genügend Wissen, um sich als Experte bezeichnen zu können. Heute ist das schwieriger. Durch die Forschung, die Digitalisierung und umfangreiches Informationsmaterial haben wir die Möglichkeit, uns viel intensiver mit einem Thema zu beschäftigen und können unser Wissen fast grenzenlos erweitern. Sich in der heutigen Zeit Experte auf mehreren Gebieten nennen? Das ist unvorstellbar1.
Heutzutage präsentieren sich die meisten Dinge als Black Box. Das bedeutet, dass wir wissen, was wir tun müssen oder können und was danach geschieht. Die Abläufe zwischen unserer Handlung und dem Ergebnis bleibt uns aber oft verborgen: Wir wissen nicht, was dazwischen – also in der Black Box – passiert.
So wissen wir zum Beispiel, dass wir beim Auto Gas geben müssen (Input) und dass sich das Auto anschliessend bewegt (Output). Beim Smartphone wissen wir, dass wir es mit dem Fingerprint entsperren (Input) und es danach benutzen können (Output). Da für uns aber oft nicht klar ist, was zwischen dem Input und dem Output passiert, sind wir überfordert.
An diesem Punkt kommen die Experten ins Spiel. Sie wissen über das «Dazwischen» Bescheid, sie kennen also sozusagen das, was in der Black Box geschieht. Aber ist das wirklich so? Dadurch, dass wir selber nicht verstehen, was in der Black Box geschieht, glauben wir automatisch denjenigen, die sich Experten nennen. Wir sind überzeugt davon, dass diese Experten die Black Box durchdrungen und verstanden haben. Damit werden die Erklärenden wichtiger als das Erklärende2: Wir glauben den Menschen intuitiv, weil sie sich Experten nennen, reich sind, Macht haben, oder weil wir ihnen gefällig sein sollen.
Schlussfolgerung: Das Wissen wird durch Glauben abgelöst.
Früher hat der Glaube das Unwissen ergänzt. Wir glaubten zum Beispiel, dass die Erde flach sei. Heute ergänzt der Glaube die Wissensflut. Eine Tatsache, die schon früher wichtig war, ist jedoch auch heute noch gültig: Es ist wichtig zu erkennen (intuitiv oder bewusst), wem und was wir glauben können.
Übersicht
Gemäss Schlegel ist die Intuition «der Gewinn einer Erkenntnis, nicht durch bewusste Überlegungen und logische Schlussfolgerungen, sondern durch einen spontanen Einfall, der sich auf Wahrnehmungen, Erfahrungen und/oder Schlussfolgerungen gründet, die, mindestens vorerst, nicht bewusst sind3.» Intuitive Fähigkeiten können nach Berne geübt werden4.
Bei der Transaktionsanalyse (TA) geht es um das stufenweise Erlernen neuer Entscheidungsmöglichkeiten5, also bewusster und intuitiver Möglichkeiten. Berne war es wichtig, mit der TA nicht nur eine Behandlung, sondern auch eine Heilung zu bewirken. Mit der TA können wir unsere Intuition verbessern. Diese kann uns dabei helfen, den richtigen Menschen zu glauben. Sie kann uns aber auch fehlleiten und uns auf den falschen Weg führen.
Wie genau uns die Konzepte der Transaktionsanalyse dabei helfen, besser intuitiv oder bewusst zu entscheiden, erklären die nächsten Abschnitte.
Strokes
Als Stroke6 wird eine Anerkennung bezeichnet. Wir haben ein Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Stimulation. Mit der Zeit lernen wir, uns neben einer körperlichen Berührung auch mit anderen Formen der Anerkennung zufriedenzugeben. Dazu gehören zum Beispiel der Blickkontakt oder auch ein Lächeln. Durch solche Anerkennungen werden wir zur Kenntnis genommen und unser «Hunger nach Anerkennung» wird gestillt.
Eigentlich sind «Strokes» unendlich verfügbar: Wir können uns selber und anderen jederzeit und ohne Einschränkung «Strokes» geben. Die Eltern versuchen jedoch, ihre Kinder durch eine Verknappung der «Strokes» zu steuern. Und obwohl die Strokes knapp werden, bleibt der Hunger nach Anerkennung. So lernen die Kinder, wie sie trotz der Knappheit Strokes bekommen. Sie passen also ihr Verhalten an und lassen sich manipulieren. Auch in der Erwachsenenwelt gibt es solche Verknappungen von Strokes. So kann der Chef zum Beispiel seltener mit seinen Mitarbeitern sprechen oder ein Mann schenkt seiner Frau weniger Aufmerksamkeit.
Eigentlich könnten wir nach Strokes fragen oder uns selber welche geben. Wir haben jedoch gelernt, dass ein erbettelter Stroke nichts taugt und dass Eigenlob stinkt. Diese Annahme ist aber falsch. Deshalb ist es wichtig, dass wir umdenken und uns darin üben, nach Strokes zu fragen oder sie uns selber zu geben. Nur so werden wir unabhängiger und damit auch schwerer kontrollierbar.
Transaktionen
Während einer Kommunikation werden Worte ausgetauscht. Diese Transaktion wird in einen Transaktions-Stimulus und eine Transaktions-Reaktion aufgeteilt. Jede Transaktion beginnt (Stimulus) und endet (Reaktion) in einem Ich-Zustand (Eltern, Erwachsener und Kind)7.
Früher hätte ich entweder unterwürfig oder wütend auf Vorwürfe reagiert und wäre damit anfällig für Personen mit starkem, vorwurfsvollem Auftreten gewesen. Durch die TA habe ich gelernt, intuitiv aus dem Erwachsenen-Ich zu antworten. In der TA-Sprache bedeutet das, ich kreuze eine Transaktion. So liegt es bei mir, das Thema zu wechseln oder die Diskussion zu vertiefen. Es ist meine Entscheidung, wie ich auf die Vorwürfe eingehe und eventuell meinen Anteil bearbeite. Durch diese Erfahrungen kann ich mein Wissen erweitern.
Passive Verhaltensweisen
Durch passive Verhaltensweisen können wir Probleme nicht lösen. Stattdessen gehen wir ins Skript. Um an einer Problemlösung zu arbeiten, sind drei Schritte8 notwendig: Ich nehme wahr, dass etwas passiert (1). Ich bin mir bewusst, dass das ein Problem darstellt (2). Ich weiss, dass ich etwas tun muss, um dieses Problem zu lösen (3). Diese drei Schritte sollten wiederum auf vier Ebenen (Existenz, Bedeutsamkeit, Veränderbarkeit, persönliche Fähigkeiten) durchlaufen werden, um das Problem lösen zu können9:
Ich selber habe verschiedene Verhaltensweisen angewandt: Nichtstun, Überanpassung, Agitation und Selbstbeeinträchtigung/Gewalt. Vor allem die Überanpassung hat mich sehr beschäftigt. Denn gesellschaftlich ist die Überanpassung nicht geächtet und somit auch nicht problematisch. Im Gegensatz zu Gewalt oder Agitation müsste die Überanpassung aus der Perspektive der Gesellschaft nicht geändert werden. Heute frage ich zuerst, ob eine Unterstützung gewollt ist oder nicht. Erst danach – wenn die Unterstützung gewollt ist – helfe ich.
Auf der gesellschaftlichen Ebene kann die Existenz der Auswirkungen verleugnet werden. Dadurch scheint es so, als würden Lösungen hinfällig werden. So haben zum Beispiel verschiedene Experten die Problematik in Bezug auf die Klimaerwärmung beschrieben. Die Alternativen (zum Beispiel weniger Autos) sind aber sehr einschneidend und können politisch nur schwer umgesetzt werden. Es ist also einfacher, die Auswirkungen zu verleugnen und gar nicht erst nach Lösungen zu suchen. Folglich tut man nichts.
Antreiber
Die Antreiber leiten uns fehl und öffnen Türen uns zu manipulieren: Sei perfekt! Sei anderen gefällig! Sei stark! Streng dich an! Beeil dich!10 Der Antreiber «Sei anderen gefällig!» drückt es besonders klar aus: Ich soll anderen gefallen. Und indem ich dem anderen glaube, bin ich ihm gefällig.
Erlaubnisse helfen mir dabei, die Antreiber zu überwinden: Ich darf mir selbst gefällig sein und mir eine eigene Meinung bilden.
Ein Beispiel: Mit «Beeil dich» kann eine schnelle Entscheidung verlangt werden, obwohl noch nicht alle Informationen vorhanden sind. Die Erlaubnis dazu lautet: Ich darf mir Zeit nehmen und die Fakten überprüfen.
Trübungen
Vorurteile sind Trübungen aus dem Eltern-Ich. Sie entstehen, indem wir fälschlicherweise Behauptungen unserer Eltern als Fakten übernehmen11:
Schuld sind die anderen.
Man darf niemandem vertrauen.
Natürlich sind auch wir schuldig oder vertrauen uns jemandem an. Aber mit solchen Vorurteilen verzerren wir die Realität. Andererseits helfen uns Vorurteile dabei, schnelle Entscheidungen zu treffen.
Indem unsere Vorurteile bestätigt werden, sind wir einfach zu manipulieren: «Schuld sind die anderen und ich sage euch, wer die anderen sind.»
Es liegt nun an mir, meine Vorurteile sprich Verzerrungen der Realität als solche zu erkennen. Das ist ein einsamer und mühsamer Weg. Denn normalerweise umgebe ich mich mit Menschen, die meine Werte und Überzeugungen, aber auch Vorurteile mit mir teilen.
Bezugsrahmen
Den Bezugsrahmen kann man sich als einen Filter der Realität vorstellen. Damit nimmt jeder die Welt auf seine Weise wahr. Passen die Eindrücke der Realität nicht zu unserem Bezugsrahmen, dann verzerren wir die Realität. Wir definieren die Realität so, dass sie zu unserem Bezugsrahmen passt . Heutzutage wird die Realität bewusst mit «Fake News» oder «alternativen Realitäten» an den jeweiligen Bezugsrahmen angepasst.
Wir haben jedoch die Möglichkeit, unseren Bezugsrahmen zu erweitern, indem wir Trübungen «enttrüben», uns Erlaubnisse geben oder neue Lösungen umsetzen. Wir lernen dadurch, uns anders (und hoffentlich besser) zu entscheiden.
Schlussbemerkungen
Beim Schreiben dieses Artikels ist mir wieder bewusst geworden, dass nur ich mich selber verändern kann. Mir ist klar geworden, wie anstrengend es ist, sich seine eigene Meinung zu bilden und nicht einfach den anderen Menschen zu glauben.
Die TA hilft mir dabei, mir Fehlentscheide meiner Intuition bewusst zu machen und diese manchmal sogar zu überwinden.
Mit der Aufklärung wurde der Glaube vom Wissen getrennt. Aufgrund der Informationsüberflutung ersetzen wir das Wissen in der heutigen Zeit durch den Glauben. Vielleicht sollten wir uns wieder an den Wahlspruch der Aufklärung halten? «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»
1. Krogerus/Tschäppeler, 2009, S. 116 f.
2. Krogerus/Tschäppeler, 2009, S. 116 f.
3. Schlegel, 2002, S. 164
4. Schlegel, 2002, S. 165
5. Stewart/Joines, 2003, S. 383 f.
6. Stewart/Joines, 2003, S. 116 ff.
7. Stewart/Joines, 2003, S. 99 ff.
8. In der Grafik als Typ bezeichnet / Discount-Tabelle, Stewart / Joines, 2003, S. 265
9. Stewart/Joines, 2003, S. 251 ff.
10. Stewart/Joines, 2003, S. 228 ff.
11. Stewart/Joines, 2003, S. 88 ff.
12. Stewart/Joines, 2003, S. 272 ff.
Literaturangaben:
Mikael Krogerus, Roman Tschäppeler: 50 Erfolgsmodelle, 4. Auflage, 2009
Leonhard Schlegel: Die Transaktionale Analyse, 4. Auflage, 1995
Leonhard Schlegel: Handwörterbuch der Transaktionsanalyse, 2. Auflage, 2002
Ian Stewart, Vann Joines: Die Transaktionsanalyse, 3. Auflage, 2003