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Die Chance

Die Chance

Nr.2 | 2017

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Nr.2 | 2017
Know How heißt Komplikationen beherrschen
Dr. Sitzmann ist Primar der Chirurgie in Bruneck – Beste Voraussetzungen
Wenn er operiert, hört er gerne klassische Musik oder Ö1. Dr. Günther Sitzmann ist seit einem Jahr Dr. Walter Thalers Nachfolger als Primar am Krankenhaus Bruneck. Die Rückkehr in ein kleines Krankenhaus hat ihn gereizt, weil er in der Medizin nicht nur die großen komplizierten Eingriffe schätzt, sondern auch die Organisation, die ein optimales Funktionieren erst möglich macht.
Militärarzt, zehn Jahre Rettungsarzt im Hubschrauber, Chirurg im Krankenhaus Bozen und vier Jahre komplexe Transplantationen und onkologische Eingriffe am Universitätskrankenhaus Tübingen unter Professor Alfred Königsrainer. Dr. Günther Sitzmann hat Erfahrungen verschiedenster Art gesammelt, bevor er das Primariat in Bruneck übernommen hat. Eines der Peripheriekrankenhäuser in Südtirol, an dem die Reform der Tumorchirurgie einschneidende Änderungen mit sich gebracht hat. Sitzmann sieht sich als Chirurg nicht nur am Operationstisch und nicht nur bei komplexen Eingriffen erfüllt. Ihm geht es auch um das Ganze, um das Zusammenspiel zum Guten des Patienten, um Teamwork.
Chance: In Tübingen haben sie hochkomplexe Eingriffe durchgeführt, Operationen, die in Bruneck aufgrund der begrenzten Größe des Einzugsgebietes aber auch aufgrund der Reform der Tumorchirurgie nicht (mehr) möglich sind. Ein Krankenhaus in der Peripherie.
Dr. Sitzmann: Es ist nicht immer nur spannend in der obersten Liga zu spielen, sondern ausgezeichnete Erfolge in der niedrigen Liga verbuchen zu können. Wir haben hier in Bruneck 900 bis 1000 Eingriffe pro Jahr. Und da ist alles dabei: Notfälle, Routine, hochkomplexe Tumorchirurgie.
Chance: Das heißt, auch ein hochspezialisierter Chirurg kann in Bruneck mit Befriedigung arbeiten?
Dr. Sitzmann: Ich habe in einem knappen Jahr zehn neue Operationstechniken eingeführt, die bisher noch nicht ausgeführt wurden. Wir haben was die minimal-invasive Chirurgie an Kolon und Rektum betrifft, Zahlen, die weit über dem italienischen und auch dem deutschen Durchschnitt liegen. Vierzig Prozent sind vorgeschrieben, wir haben im Schnitt zwischen 60 und 70 Prozent! Wir operieren auch Fälle, die anderswo in Südtirol als inoperabel erklärt worden sind. Mit Erfolg!
Chance: Was haben Sie in Bruneck vorgefunden im Vergleich zur Universitätsklinik an der Sie vorher tätig waren?
Dr. Sitzmann: Ich kann nur sagen, wir haben hier wirklich das Beste an Material, was man sich wünschen kann und wir sind frei alles zu nutzen. Es ist nicht so, dass es nicht genug Mittel in der Sanität gibt, sie müssen nur besser und gezielter genutzt werden.
Chance: Wer im Ausland gearbeitet hat, sieht natürlich viele Dinge in Südtirol mit einem kritischen Blick….
Dr. Sitzmann: Das kann man wohl sagen. Südtirol und auch Italien. Zum Beispiel fällt auf, dass in Italien defensiv Medizin betrieben wird.
Chance: Wie meinen Sie das?
Dr. Sitzmann: Wissen Sie, dass es in Rom gleich viel niedergelassene Anwälte gibt wie in ganz Frankreich? Das sagt eigentlich schon alles! Obwohl Italien die Wiege des Rechtsstaates ist, wird das hier auf die Spitze getrieben. Tritt eine Komplikation auf – und Komplikationen treten auf, die hängen nicht zusammen mit der Fähigkeit und Bravour des Chirurgen, sondern von vielen anderen nicht zu beeinflussenden Faktoren – dann heißt es gleich, der Arzt hat einen Fehler gemacht und er wird verklagt. Nehmen Sie nur den Pankreas. Eine extrem komplizierte Operation. Oft entscheidet sich der Arzt gegen einen Eingriff, auch aus Furcht vor möglichen strafrechtlichen Verfahren. Lieber nichts machen, als falsch machen. Dabei ist bei Pankreaskrebs die Operation die einzige Chance für den Patienten. Mit Chirurgie gibt es 20 – 30 % Langzeitüberlebende! Aber es wird immer gleich unterstellt und aus dieser defensiven Haltung wendet sich das Messer dann gegen den Patienten, weil der Arzt nicht offen mit ihm spricht.
Chance: Ihnen ist das Gespräch mit dem Patienten hingegen sehr wichtig?
Dr. Sitzmann: Ich erkläre alles und rede nichts schön. Ich spreche alles an und entscheide gemeinsam mit dem Patienten, was zu tun ist. Ich hole ihn ins Boot. Dadurch ist er wesentlich motivierter und tut sich leichter die Durststrecken zu überwinden. Nach jedem Eingriff ist es zunächst beschwerlich. Wenn der Patient Bescheid weiß, tut er sich viel leichter über diese Zeit hinwegzukommen.
Chance: Sie stehen der Bürokratisierung der Medizin kritisch gegenüber?
Dr. Sitzmann: Ich denke der Sanitätsbetrieb muss sich Gedanken machen, wie er sich positioniert. Gute Ärzte sind Mangelware, man sollte ihnen nicht Dinge aufhalsen, die sie von der eigentlichen Arbeit, von der Medizin abhalten. Jeder Arzt hat seinen Beruf aus Idealismus gewählt, es geht darum diese Leute zu motivieren. Es heißt, wir brauchen hundert neue Ärzte. Sind wir uns da so sicher? Das ist nur eine Nummer. Wir müssen einen Weg finden, die Bevölkerung adäquat und gut zu versorgen. Das erreichen wir nicht mit der Uhr und bürokratischer Zettelarbeit.
Chance: Beziehen Sie sich auf die Arbeitszeitregelung?
Dr. Sitzmann: Arzt-Sein ist nicht wie irgendein anderer Beruf. Wir lernen viele Jahre, um so weit zu kommen. Studium, Spezialisierung, Arbeitserfahrung. Es braucht Jahre. Und dann kommt jemand her und sagt mir, ich muss auf die Uhr schauen und darf nicht länger als sechs oder acht Stunden im OP stehen. Das ist absurd. Wenn ich 14 Stunden im OP stehe, dann bin ich hochkonzentriert! Professor Magreiter sagt: Ich kenne keinen Fall, dass ein Patient zu Schaden kam, weil der Arzt müde war, wohl aber Fälle, wo der Patient gestorben ist, weil der Arzt schlecht war! In Schweden haben Ärzte einen sechs bis acht Stunden Arbeitstag mit einem grottenschlechten Outcome für den Patienten.
Chance: Sie sind ein Teamworker?
Dr. Sitzmann: Absolut! Und gerade in einem kleinen Krankenhaus wie Bruneck ist das enorm wichtig. Es gibt gute Köpfe hier. Onkologen, Psychologen, Radiologen, mein Kollege Steinkasserer von der Gynäkologie, mit dem ich viele Eingriffe zusammen ausführe. Wenn alle zusammen in eine Richtung arbeiten, dann ist das wie ein Mosaik, das sich zu einem Ganzen fügt. Das ist der Qualitätssprung, der motiviert! Das Tumorboard beruht ja auch auf diesem Prinzip. Es macht einfach Sinn, mehrere Gesichtspunkte zusammenzunehmen. Das interessante an einem so kleinen Krankenhaus sind die kurzen Wege, die Möglichkeit schnell andere Fachgebiete dazu zu holen. Die Radikalität bestimmter Eingriffe hier habe ich in meiner Zeit in Bozen nie gesehen! Die beste Uniklinik ist nichts wert, wenn einer kein guter Chirurg ist und das gilt auch umgekehrt!

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